Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2001.

NZZ, 19.05.2001

Franz Haas schreibt über das "dröhnende" Schweigen der italienischen Intellektuellen nach den Wahlen. Die Großkopferten melden sich einfach nicht: "Norberto Bobbio, der Turiner Philosoph und die moralische Instanz nicht nur bei der Linken, hatte seinen ungewöhnlichen Aufruf sogar im Internet zirkulieren lassen. Ebenso entschlossen hatte Umberto Eco ein 'moralisches Referendum' gegen den populistischen Ungeist gefordert. Doch nun, nach dem Wahldebakel, hat man von diesen beiden hoch angesehenen und international bekannten Persönlichkeiten keine Zeile mehr gesehen, weder von Bobbio, dem immer die Spalten von La Stampa offen standen, noch von Eco, der sonst so gerne die zentrale Doppelseite von La Repubblica ausfüllte. Im Corriere della Sera, wo oft auch Köpfe wie Antonio Tabucchi und Claudio Magris zu Wort kommen, gähnt nun unkritische Leere." Naja, vielleicht muss ihnen auch einfach ein bisschen Zeit lassen!

Weitere Artikel: Ulrich M. Schmid gratuliert Karl Dedecius zum Achtzigsten. Besprochen werden eine Retrospektive Alberto Giacometti im Kunsthaus Zürich und ein "Fidelio" in Glyndebourne.

In Literatur und Kunst fragt der slowenische Autor Drago Janar, ob Mitteleuropa eine "Idee von gestern ist" - im Gegenteil, meint er, und auch gerade nach der Wende nicht, und er erinnert daran, dass "in den mehr oder minder totalitären Verhältnissen des östlichen Teils Mitteleuropas die kritischen Intellektuellen ein besonderes Gefühl für die Kriterien- die antiken, die christlichen und die aufklärerischen - (entwickelten), die Europa zu mehr als nur einem gemeinsamen Wirtschaftsraum, in dem dieselben Gesetze gelten, machen, sondern zum Raum eines gemeinsamen Wir-Bewusstseins samt allen Abwegen und den tragischen Erfahrungen der Historie."

Und sonst sind einige gelehrte Buchkritiken zu vermelden, etwa über die Okkupation in Frankreich (Albrecht Betz geht hier vor allem auf neue französische Bücher ein) oder über den neuen Pauly, der nach Hans-Albrecht Koch "zu wünschen übrig lässt". (Siehe unsere Bücherschau morgen ab elf Uhr.)

Hinzuweisen ist schließlich auf Edward Kanterians Besuch beim rumänisch-jüdischen Schriftsteller Norman Manea am Bard College und auf Jürgen Müllers Essay über das Rätsel von Bruegels "Sprichwörtern".

SZ, 19.05.2001

Andrian Kreye berichtet aus New York über die Vorschau einer Retrospektive mit Arbeiten von Frank O. Gehry im Guggenheim Museum. Zur Freude der Presse plauderte Gehry auch ein bisschen über frühere Zeiten ? "Die Bauherren und Bauunternehmer hätten sie immer belächelt, sagt er. Als seien sie hübsche Mädchen mit hübschen Ideen, aber wie so ein Haus wirklich gebaut würde, das wüssten doch nur echte Männer. Erst jetzt sei die Technologie an einem Punkt angelangt, der die Verhältnisse innerhalb der Industrie für immer verändern würde. 'Der 777er Jet von Boeing wurde ganz ohne Papier entworfen', erzählt er. 'Das tun wir nun auch. Wenn man eine entsprechende Datenbank erstellt, kann man ein Gebäude ganz im virtuellen Raum erbauen.'

Fritz Göttler bezweifelt, dass Berlusconi seinen Wahlsieg seiner Medienpräsenz verdankt. Seit 1989, meint er, "seit dem Ende des Kalten Krieges, ist es endgültig vorbei mit der Wirkung der Medien. Die einseitige Richtung des Sendebetriebs ist aufgehoben, ein Prozess, der mit der Ausweitung von Internet und anderen Globalisierungsstrategien weiter intensiviert wird. So genehm der Politik die affirmativen Momente im Medienbetrieb sind, so wenig kann sie die dysfunktionalen, die subversiven Nebenwirkungen in den Griff kriegen." Berlusconi habe gewonnen, weil die Wähler "'in ihm eine berechenbare Form von Unglaubwürdigkeit finden'", schreibt Göttler, Sloterdijk zitierend. "Ein solches Element von Unglaubwürdigkeit wird womöglich in Zukunft die Formel vom Gleichklang von Transparenz, Ehrlichkeit, Seriosität ersetzen."

Michael Althen hatte in Cannes kurz mal die Nase voll "von lauter Filmen, die alle irgendwie langatmig, schwermütig, schwierig sind" und marschierte ins nächstbeste "richtige" Kino, um Jean-Pierre Jeunets Kassenschlager "Le fabuleux destin d'Amelie Poulain" anzusehen, der vom Festivalchef Thierry Fremaux als nicht wettbewerbstauglich abgelehnt worden war. Unser Kritiker dagegen verlor sein Herz sofort an die Hauptdarstellerin Audrey Tautou, "wahrscheinlich die strahlendste Erscheinung, die seit Juliette Binoche im französischen Kino gelandet ist ... Seit 'Lola rennt' hat es so etwas Originelles nicht mehr gegeben, und die Luft wird schon verdammt dünn, wenn man den Leuten erklären möchte, warum das irgendwelchen Ansprüchen nicht genügen soll. Das Kino lebt nicht nur, weil es Godard gibt, sondern auch weil alle Jahre mal ein verrückter Film wie 'Das fabelhafte Schicksal der Amelie Poulain' auftaucht."

Weitere Artikel: Marta Kijowska gratuliert dem polnischen Übersetzer Karl Dedecius zum Achtzigsten, und Klaus Doderer berichtet über das 6. Kinder- und Jugendtheatertreffen in Berlin.

Besprochen werden "eine überwältigende Werk- und Weltschau" zum 100. Todestag des Malers Arnold Böcklin im Kunstmuseum Basel, der Komponist Vladimir Martynov bei Bremens Pro Musica Antiqua, Aufführungen von Kerstin Hensels Stück "Atzenköfls Töchter" im Ingolstädter Theater am Turm Baur, Senecas "Tyestes" in der Neuübersetzung von Durs Grünbein in Mannheim und Verdis "Messa da Requiem" am Opernhaus in Basel und Bücher, darunter Colettes Erinnerungen an Paris.


In der SZ am Wochenende schreibt Godehard Link einen sehr schönen Artikel über das Paradox, das Bertrand Russell vor 100 Jahren formulierte. Inspiriert hat ihn dazu eine Geschichte von einem Dorfbarbier, die leider zu lang zum Zitieren ist. Russell jedenfalls kam im Mai 1901 auf die Idee, das logische Gesetz des Paradoxons "auf die Grundrelation der mathematischen Mengenlehre anzuwenden, auf die 'Elementschaftsbeziehung' zwischen zwei Mengen: 'a ist ein Element von b.' ... Es kann keine Menge geben, die genau diejenigen Mengen als Elemente enthält, die sich selbst nicht als Element enthalten. Dies wäre die Menge aller nicht selbstelementigen Mengen, auch 'Russell-Menge' genannt. Nun hatte aber Georg Cantor, der Schöpfer der Mengenlehre, eine Art Definition von Mengen gegeben, nach der jede 'Zusammenfassung von Objekten unserer Anschauung oder unseres Denkens zu einem Ganzen' eine Menge darstellt. Dieses Mengenbildungsprinzip, welches eigentlich die Russell-Menge zulassen müsste, führt zusammen mit jenem logischen Gesetz zum Widerspruch. Und genau das ist das Russellsche Paradox."

Weitere Artikel: Martin Glauert erzählt die "grausame Geschichte um die Verfolgung der Geldfälscher im englischen Moor vor 200 Jahren", Otto Krätz schildert die Geschichte eines Kulturträgers, der aus dem Orient zu uns kam: Der Bär in seiner süßen Form. Henning Klüver schreibt über Kunst in Lugano, Jürgen Claus beschreibt Architektur im solaren Informationszeitalter, Peter Münder porträtiert den schottischen Krimischriftsteller Ian Rankin, und Margaret Kassajep schildert die "wunderbaren Folgen eines konsequenten erzieherischen Engagements".

FR, 19.05.2001

Der irische Schriftsteller Colum McCann erzählt im Interview, wie er zu den New Yorker Tunnelmenschen kam: "Ich dachte, jeder wüsste über die Tunnelmenschen Bescheid. Es stellte sich heraus, dass fast niemand davon eine Ahnung hatte. All das Verdrängte ist eingeschlossen in den Tunneln, dachte ich, in dieser dunklen Albtraumwelt; es ist die Kehrseite der offen zu Tage liegenden Realität. Eines Abends traf ich auf einer Party einen afroamerikanischen Soziologen, und er erklärte mir, wo ich einsteigen könne. Das hab ich gemacht. Ich wollte unbedingt runter. Niemand hatte vorher das Leben im New Yorker Untergrund literarisch beschrieben." McCann hat einen Roman darüber geschrieben: "Der Himmel unter der Stadt" (This Side of Brigthness).

Luc Bondy gratuliert Peter Zadek zum 75. Geburtstag und gibt dabei gleich den Jugendanbetern im Theater eins mit: "Die Kritiker, die über die alten Theatermacher schimpfen, verwechseln uns mit Tennisspielern. Natürlich sind wir viel zu alt - ich bin schon seit zweiundvierzig Jahren zu alt für einen Tennisspieler -, aber ein Regisseur ist kein Tennisspieler, sondern ein künstlerischer Interpret. Man kann nicht sagen, dass Oistrach irgendwann zu alt war für seine Geige, oder dass ein Dirigent zu alt ist, um zu dirigieren. Das ist Rassismus. Das gibt es übrigens nur in Deutschland. Immer wenn ich so etwas lese, dann habe ich das Gefühl von einer SA-Truppe, die ein Haus leer räumt. Dieser Jugendkult und dieser Altershass haben etwas Nazihaftes. Dieser junge, mittlerweile nicht mehr ganz so junge Ostermeier hat gesagt, man muss mit vierzig aufhören zu inszenieren. Dabei hat ein Regisseur - und das zeigt Zadek - im Alter ein viel größeres Verständnis für bestimmte Dinge."

Peter Michalzik gratuliert D.E. Sattler und dem Stroemfeld Verlag zur Herausgabe der letzten Bände der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe. "Eine Sensation, denn etwas, was nach den Gesetzen des Wahns nicht zu Ende hätte gebracht werden dürfen, hat so seinen Schluss- und Höhepunkt gefunden."

Weitere Artikel: Matthias Lutz-Bachmann gratuliert dem Philosophen Alfred Schmidt zum Siebzigsten. Marietta Piekenbrock stellt die Spielpläne von Staatsschauspiel und Kammerspielen in München vor. Michael Buselmeier wirft einen Blick in literarische Zeitschriften. Und der Historiker Martin van Creveld erklärt, warum der Weg zum Frieden im Nahen Osten nur über Verhandlungen führt.

Besprochen werden die Uraufführung von Dea Lohers "Der dritte Sektor" in Hamburg und Bücher, darunter ein Fotoband von Karin Apollonia Müller über Los Angeles und ein Band mit Erzählungen von Malin Schwerdtfeger.
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TAZ, 19.05.2001

Ein kleines Bisschen enttäuscht äußert sich Harald Fricke über die Berliner Ausstellung "The Short Century", in der der Documenta-Chef Okwui Enwezor die 50 Jahre seit der Entkolonisierung Afrikas darstellen will: "Der Rahmen für 'The Short Century' ist mit der Zeit zwischen dem panafrikanischen Unabhängigkeitskongress 1945 in Manchester und der Mandela-Wahl 1994 sehr klar abgesteckt. Dennoch erfährt man in der Ausstellung nur wenig über die geschichtliche Dimension hinter den Exponaten: Enwezor hält nicht viel von Museumspädagogik, auch wenn er und sein Kuratorenteam zweieinhalb Jahre recherchiert haben." Dafür ist der Katalog 500 Seiten dick und voller theoretischer Texte.

Auch Katja Nicodemus schreibt ein erstes Resümee aus Cannes. Ein Festival über das Sterben sei es gewesen, und Nanni Morettis Film "La stanza del figlio", der als einer der Favoriten für die Goldene Palme gehandelt wird, mochte sie nicht besonders. "In 'La stanza del figlio', geht es um die Trauer einer Familie, die gerade ihren Sohn verloren hat. Moretti selbst spielt den Vater, einen Psychoanalytiker, der mit den Lebensweisheiten, die er seinen Patienten verkündet hat, nun selbst am Ende ist. Vielleicht ist Moretti einfach ein mittelmäßiger Schauspieler, vielleicht plätschert in seinem Film zu viel Klaviermusik, vielleicht sind es auch die ewigen Psychopatientenwitze, die gegen die andere große wirkliche Trauer ausgespielt werden - als unausgegorenes Stück Kino zwischen privatistischer Menschelei und gediegener Küchenpsychologie war 'La stanza del figlio' trotzdem der Wettbewerbsfilm der rot geweinten Äuglein."

Besprochen wird ferner Dea Lohers Tragikomödie "Der dritte Sektor" am Hamburger Thalia Theater.

Im taz-Mag porträtiert Björn Kern den französischen Krimiautor Jean-Claude Izzo, der mit seinen Marseille-Krimis um den Kommissar Montale, jetzt auch in Deutschland bekannt wird: "Jean-Claude Izzos Bücher sind spannend, ja - aber keine normalen Kriminalromane. Sie sind eher ein Bekenntnis des Autors, eine ganze Weltanschauung. Fabio Montale ist keinesfalls nur ein begnadeter Spürhund, der Mord und Totschlag aufklärt. Fabio ist zuallererst ein sinnlicher Mensch, dessen Liebe so groß ist wie sein Hass. In Marseille ist beides vereint: Fabio liebt die Gewürze der Arabermärkte, wie er die korrupte Lokalpolitik hasst. Er liebt den Alten Hafen bei Sonnenuntergang, wie er wütend ist auf den Front National (FN), Frankreichs rechtsextreme Partei." Na, dann ist ja alles politisch korrekt.
Schließlich wie immer der Link auf Tom.

FAZ, 19.05.2001

Christian Geyer ist ganz feierlich zumute: "Der Bundespräsident hat eine große Rede gehalten. Sie darf als eine Zäsur im ethisch-rechtlichen Selbstverständigungsdiskurs der Bundesrepublik gelten und wird als 'die Rede vom 18. Mai' der Bezugspunkt sein für die weitere Debatte über die biotechnologische Revolution." Es handelte ich um Raus "Berliner Rede", die dann auch auf einer ganzen Seite nachgedruckt wird: "Es gibt kein Recht auf Kinder. Aber es gibt sehr wohl ein Recht der Kinder auf liebende Eltern - und vor allem das Recht darauf, um ihrer selbst willen zur Welt zu kommen und geliebt zu werden. " Usw.

Weitere Artikel: Der Kirchenhistoriker Winfried Aymans macht sich Sorgen um das Papstwahlrecht. Nach Johannes Pauls II. Kurienreformen ist es unter gewissen Umständen möglich, dass eine einfache Mehrheit im Kardinalskollegium reicht - und das sei zu wenig. Amelie von Heydebreck hat sich Maxim angesehen, eine neue Männerzeitschrift des Springer Verlags, darin aber keine Spur der von Springer annoncierten "Lebensintelligenz" finden können. Wilfried Wiegand schreibt schon etwas resümierend aus Cannes und hält Mohsen Makhmalbafs Film "Kandahar" als seinen persönlichen Favoriten für die Goldene Palme fest. Kerstin Holm berichtet Neues über russische Positionen im Beutekunststreit - inwzeischen will man die geraubte Kunst nicht mehr als Beute, sondern als "Kompensation" betrachten. Hans-Jörg Rother sieht Ungarns Kino zwischen Depression und Traum. Joseph Croitoru blickt in osteuropäische Zeitschriften. Gratulationsartikel gelten dem Philosophen Alfred Schmidt (70), dem Fernsehregisseur Tom Toelle (70), dem Übersetzer Karl Dedecius (80) und der Fotografin Ellen Auerbach (95).

Besprechungen widmen sich der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall des dänischen Architekten Henning Larsen und eine Ausstellung über Störtebeker in Hamburg (mehr hier).

In Bilder und Zeiten dann noch ein Geburtstagsartikel. Edo Reents gratuliert Bob Dylan zum Sechzigsten und stellt fest: "Unter den großen, noch aktiven Rockmusikern, ist keiner, der sich der Stagnation so verweigert wie er."

Weitere Artikel: Valentin Groebner will anhand von Hans Holbein zeigen, dass "nicht die Regeln entscheiden, sondern das Reden über die Regeln". Felicitas Hoppe legt die kleine Erzählung "Brief an den Vatikan" vor. Markus Wehner erzählt die Geschichte des russischen Fernsehsenders NTW, der jetzt unter staatliche Aufsicht gestellt wurde. Dokumentiert wirdi die Laudatio Hubert Spiegels auf Wulf Segebrecht, der den "Preis der Frankfurter Anthologie" erhalten hat. Und Rainer Rother denkt nach über Kriegsfilme nach 1945.

In der Frankfurter Anthologie stellt Walter Hinck ein Gedicht von Rose Ausländer vor - "Ein Märchen": "Im Pruth hüpften die/Spiegelbilder der Weiden/Ich badete und/sang Lieder..."