Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2001.

NZZ, 18.05.2001

Jürgen Dittrich hat die Redaktion der deutschsprachigen jüdischen Zeitschrift Aufbau in New York besucht. Chefredakteur ist der 37-jährige Berner Lorenz Wolffers. Einst publizierten hier Hannah Arendt und Thomas Mann. Inzwischen muss das Blatt um Leser kämpfen. Und das tut man mit einem Internetauftritt, mit dem Bestreben als gemeinnützige Organisation anerkannt zu werden. "Auch in Deutschland will man vermehrt Fuß fassen. Deshalb soll ein Verein aufgebaut werden, der den Aufbau finanziell und bei der inhaltlichen Arbeit unterstützen soll. Bereits seit Herbst letzten Jahres wurde mit der Jüdischen Verlagsanstalt Berlin ein Partner gefunden, der den Vertrieb für den deutschsprachigen Raum und das weitere Europa betreut."

Weitere Artikel: Heribert Seifert polemisiert gegen über die Umnutzung von Industriebrachen durch Kulturinstitutionen, zum Beispiel im Ruhrgebiet: "Überwältigung durch den Kulisseneffekt ist die Absicht." Besprochen werden "Spätromantisches in der Tonhalle Zürich", Werner Koflers "Tanzcafe Treblinka" in Klagenfurt und "Un ballo in maschera" von Verdi an der Mailänder Scala.

SZ, 18.05.2001

Petra Steinberger berichtet, dass die Amerikaner immer größere Zweifel an der Todesstrafe bekommen. "Selbst bei diesem Fall noch, dem wichtigsten, größten Fall des Jahrhunderts; bei einem Fall, bei dem nichts hätte fragwürdig sein sollen; selbst im Fall Timothy McVeighs ist etwas falsch gelaufen. Die für vergangenen Mittwoch vorgesehenen Hinrichtung McVeighs wurde verschoben; und Louis J. Freeh, Chef des FBI, musste sich bei einer Kongressanhörung dafür rechtfertigen, dass seine Behörde mehr als 3000 Aktenseiten in der Sache McVeigh niemals der Verteidigung zur Einsicht vorgelegt hat. Tatsächlich: ein 'schwerer Irrtum' sei seinen Mannen da unterlaufen. Wenn so etwas trotz all der Absicherungen im amerikanischen Rechtssystems noch geschehen könnte, so fragte ein Kongressabgeordneter: wie stehe es dann eigentlich um die Todesstrafe in Amerika?"

Martin Urban berichtet, dass der Nobelpreisträger und frühere Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Adolf Butenandt tief in das NS-Vernichtungssystem verstrickt war. Eine kritische Durchsicht seines Briefwechsels offenbarte "'Formen der Verdrängung, die von der Ausblendung des politischen Umfelds und der konsequenten Nicht-Wahrnehmung des Unrechts über die verdinglichende Wortwahl und die Sorgfalt des Nicht-Aussprechens bis hin zur rechtzeitigen und gezielten Vernichtung von Dokumenten reichen.'", zitiert Urban die von der Max-Planck-Gesellschaft eingerichtete "Präsidentenkommission Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus".

Natan Sznaider erläutert die Eurovisionen Israels. "Keinen Israeli wundert es, dass Israel an allen europäischen Turnieren teilnimmt. Hier gilt als selbstverständlich, dass man nicht zum nahöstlichen geografischen Raum gehört. Ein kurzer Blick auf den täglichen Terror macht das noch dem letzten Zweifler klar. Man ist nicht von hier, vom Orient, in Asien, man sieht sich in Europa."

Weitere Artikel: Thomas Thieringer beschreibt den Spielplan der Münchner Kammerspiele, und Stefan Keim stellt die jüngste Komponistengeneration in der Kölner Yakult-Oper vor.

Tobias Kniebe schreibt aus Cannes über Filme von David Lynch und Sean Penn. Besprochen werden Jobst Oetzmanns Film über die "Einsamkeit der Krokodile", die Uraufführung von Dea Lohers "Der dritte Sektor" in Hamburg, eine Ausstellung des britischen Videokünstlers Steve McQueen in der Wiener Kunsthalle und Bücher, darunter Michael Ebmeyers Erzählband "Henry Silber geht zu Ende" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

FR, 18.05.2001

Peter Michalzik denkt über die "Experimenta" nach, das "junge" Gegenfestival zum Berliner Theatertreffen und fällt ein ziemlich böses Urteil: "Das Theater von heute, wenn man denn die Experimenta versuchshalber mal zum Theater von heute erklären will, ist gnadenlos heutig, aber es hat größte Schwierigkeiten über sich hinaus- oder aus sich heraus- und damit - vielleicht, irgendwie - zu sich selbst zu kommen."

Martina Meister meldet Neues über die Finanzierungslücke, die in den Berliner Beiträgen zum Wiederaufbau der Musuemsinsel gestern bekannt wurde. Der öffentliche Druck hat genützt: "In einem Nachtraghaushalt soll das Geld jetzt eingestellt werden. Statt 678 Millionen Mark wird das Land Berlin 733 Millionen aus dem Hut zaubern müssen. Auch hier braucht es wieder keine große Fantasie, sich auszurechnen, wen es treffen wird: vor allem die Kultur. Am 30. Mai wird der Nachtragshaushalt vom Berliner Senat verabschiedet."

Petra Kohse porträtiert den Theaterregisseur Armin Petras, der im Westen geboren wurde, im Osten aufwuchs, vor der Wende wieder in den Westen und nach der Wende wieder in den Osten ging: "Petras hat weder mit den Leuten der Frankfurter Experimenta noch mit denen des Berliner Theatertreffens etwas zu tun. Sein schneller, collagierender, schnoddriger, multimedialer Stil, der das Erhabene mit der sozialen Realität konfrontiert, sowie sein liebevoll-ironischer Umgang mit Figuren aus der Welterfahrung Ost, passen weder hier noch dort ins Konzept. Petras-Theater ist bodenständig gearbeitet und dabei oft slapstickhaft komisch. Es hat ein konkretes Anliegen aus der Nachbarschaft und ist doch voller Zitate aus der Kultur- und Medienwelt."

Weitere Artikel: Peter Körte lässt in seiner Cannes-Kolumne die Filme von Godard, Rivette, Penn und Lynch Revue passieren. Besprochen werden die Filme "Lucky Numbers" und "Russische Hochzeit", Inszenierungen des Theatertreffens, ein Ruanda-Projekt des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar im Kunstverein Karlsruhe und David Kirchners Stück "Ahasver" in Bielefeld.
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TAZ, 18.05.2001

Ein "großartiges Trinkduell in Jacques Rivettes Wettbewerbsfilm 'Va savoir'" hat Katja Nicodemus in Cannes gesehen: " Ein frustrierter Akademiker (Dissertation 'Heidegger, der Eifersüchtige') und ein italienischer Schauspieler wetten, wer eine Flasche Wodka zuerst leert, natürlich geht es um die Frau des Lebens."

Gerrit Bartels widmet dem bedeutendsten Werk der neueren deutschen Popmusik, Blumfelds "Testament der Angst" sage und schreibe 354 Zeilen. "Stand nun seinerzeit 'das hymnische Bekenntnis zur Gesamtidee Liebe' im Vordergrund, wie Distelmeyer einmal sehr schön formulierte, so hat sich jetzt, bei aller Betonung, die Distelmeyer auf Kontinuität und Bruchlosigkeit in der Bandentwicklung legt, der Schwerpunkt verschoben: zu einer Stimmung, die man als dunkel und zwischen Wut und Resignation changierend beschreiben kann." Die Lyrics, die Bartels zitiert, erreichen geradezu Hölderlinsche Höhen: "Wo kommen all die grauen Wolken her?/ ich schau draußen auf den Tag/ es regnet und ich kann nicht mehr/Wo ist der blaue Himmel hin/ ich weiß nicht warum ich lebe/ nur dass ich am Leben bin."

Und Heike Blümner bespricht fast genauso groß die neue Platte von Missy Elliott: "'Miss E . . . so addictive' klingt ähnlich wie seine Vorgänger: solide und aufregend zugleich, und bewegt sich auf konstant hohem Niveau. Fast jeder Track hat Hitqualitäten, und alle zusammen machen mehr Freude als einer alleine. Es heißt, dass orientalische Klänge, rückwärts geloopte Sitarklänge und minimalistischere Rhythmen dem Missy-Style einen neuen Flavour verleihen. Vielleicht ist das so. Eine Hand voll neuer Gewürze verändern aber noch lange nicht den Suppenfond."

Schließlich scheint Thomas Winkler, anders als Konrad Heidkamp in der Zeit, die neue Platte von REM nicht für ein Meisterwerk zu halten: "Im 21. Jahr ihres Bestehens, auf dem neuen Werk 'Reveal', schwebt das Trio aus Athens, Georgia, irgendwo ganz oben, mit dem Kopf in den Wolken. Dort droben ist es flauschig und watteweich, heimelig und harmonisch, und so klingt 'Reveal' wie die vertonte Mutter Teresa."

Schließlich Tom.

FAZ, 18.05.2001

Paolo Flores d'Arcais, Herausgeber der italienischen Zeitschrift MicroMega, liefert einige Hintergründe zum Wahlsieg Berlusconis. Danach trägt die Linke Mitschuld: "Im Senat zum Beispiel (wo nach dem Mehrheitssystem gewählt wurde) haben sich die Kommunisten Fausto Bertinottis in Konkurrenz mit dem Ulivo zur Wahl gestellt: Mit ihren fünf Prozent haben sie so nur drei Sitze erlangt, aber die Mitte-links-Koalition etwa fünfzig verlieren lassen. Ohne diese Teilung wäre Berlusconi heute in der Minderheit. In der Abgeordnetenkammer hätte Berlusconi heute eine Niederlage zu beklagen, wenn die Liste des ehemaligen Mailänder Staatsanwalts Antonio Di Pietro in den Wahlkreisen mit nur je einem Abgeordneten ('uninominali') nicht gegen den Ulivo kandidiert hätte. So hingegen unterlag der Ulivo, aber auch Di Pietro, der bei der proportionalen Stimmenzählung - nur um ein Haar - die Mindestquote von vier Prozent verfehlte und nicht ins Parlament kam." Nun fürchtet d'Arcais Berlusconis "postmodernen Peronismus" - "wenn es Europa erlaubt."

Heinrich Wefing nimmt die Zeit-Enthüllungen um die Berliner Finanzlücke im Etat für die Museumsinsel auf und sieht "dieselbe fatal verzwickte Lage wie beim Bau des Ausstellungshauses für die Stiftung 'Topographie des Terrors': Auch dort verlangt die Sache, die Dokumentation der nationalsozialistischen Verbrechen, gebieterisch ein stärkeres Engagement des Bundes; ein Engagement freilich, das angesichts des windigen Geschäftsgebarens der Berliner kein Haushaltspolitiker ernstlich empfehlen kann."

Zhou Derong hat die Memoiren von Li Min gelesen, einer der wenigen überlebenden Töchter Mao Tse-Tungs: "Der Große Vorsitzende hatte nacheinander vier Frauen und insgesamt zehn Kinder, von denen drei überlebten. Ihnen ist der Drachenvater ein einziger Fluch gewesen..."

Wilfried Wiegand sieht David Lynchs "Mulholland Drive" in seiner Cannes-Kulumne als "postfreudianischen Traum und Meisterwerk": "Die Realität ist bei ihm nur noch ein hässlicher Rest, der in den Abfalleimer der Künste gehört. Dass andererseits in diesem einzigartigen Traumspiel 'Mulholland Drive' keine Szene vorkommt, die nicht auch im wirklichen Leben möglich wäre, zeigt die ganze Redlichkeit dieses phantasiereichsten amerikanischen Filmkünstlers."

Weitere Artikel: Dokumentiert wird der dritte Teil der Reith-Lecture des Altersforschers Tom Kirkwood, der erklären will "warum Frauen länger leben und bei der Zeugung von Nachkommen dennoch den Kürzeren ziehen" (nämlich damit die Großmütter bei der Aufzucht der Enkel helfen können). Christian Schwägerl schildert die Vorbereitungen der SPD auf den 31. Mai, dem Tag, an dem im Bundestag eine biopolitische Grundsatzdebatte angesetzt ist. Karol Sauerland resümiert Debatten über das Massaker von Jedwabne unter Polen und Auslandspolen. Gina Thomas berichtet, dass der britische "Venice in Peril Fund" in Cambridge die Stelle eines Fellows schafft, der Informationen über alle Prozesse besorgen soll, die "Venedig zerstören".

Besprochen werden Dea Lohers Stück "Dritter Sektor" im Hamburger Thalia Theater, eine große Retrospektive des Barockmalers Luca Giordano in Neapel, eine von Peter Greenaway ausgerichtete Ausstellung über "Himmel und Hölle" im Mittelalter im Groninger Museum, Alvaro Siza Vieiras Journalismusfakultät in Santiago, das Tanzstück "Bamboo Dreams" des taiwanesischen Choreographen Lin Hwai-min in Taipeh, eine Ausstellung von Malerinnen des abstrakten Expressionismus in der Pfalzgalerie Kaiserslautern und das Jazz & Heritage Festival in New Orleans.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um Musik am Hof von Savoyen, Lorenzo Ferreros Orchestersuite "La Nueva Espana" und den Geiger Daniel Hope.