Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2001.

NZZ, 11.05.2001

Der Schweizer Historiker Walther Hofer greift noch einmal zwei Vorwürfe gegen Rudolf Augstein auf (der am Sonntag bekanntlich den Börnepreis erhält), nämlich, dass er in der Frühzeit des Spiegels alte Nazis beschäftigte und dass er die Version von der Alleintäterschaft van der Lubbes am Reichtstagsbrand durchsetzte. "Die beiden kritisierten Tatbestände stehen, was allzu lange übersehen wurde, in einem inneren Zusammenhang. Und zwar derart, dass bei der 'Zusammenbastelung' der Alleintäterversion einige der erwähnten NS-Funktionäre kräftig mitgewirkt haben. Ehemalige Gestapoleute - bis hinauf zum ersten Chef Rudolf Diels - durften in Augsteins Blatt als Erste die Version von der Unschuld der Nazis in grosser Aufmachung verkünden. Sie galten unbesehen als zuverlässige Zeugen. 1959/60 wurde dann zum grossen Schlag ausgeholt, indem eine ganze Serie zum Thema erschien. Was eine Forschergruppe unter meiner Leitung in den 1970er Jahren herausfand, wird jetzt offen zugegeben: Der ehemalige Pressechef des Reichsaussenministers von Ribbentrop und SS-Obersturmbannführer Paul Karl Schmitt (alias Dr. Paul Carell) hat das Manuskript des Amateurhistorikers Fritz Tobias 'bearbeitet'. Kürzlich hat dieser in einem Interview sogar gesagt: 'Ich bin nicht der Verfasser der Spiegel-Serie . . '" Immerhin würdigt Hofer den jüngsten langen Spiegel-Artikel zum Thema (den man leider nicht im Internet nachlesen kann) als einen verzagten Schritt in die richtige Richtung.

Weitere Artikel: Roman Hollenstein schreibt über die Retrospektive des Klassizisten Anton Raphael Mengs in Padua. Angelika Overath erinnert an Rose Ausländer, die in diesen Tagen 100 Jahre alt würde. Vorgestellt wird das Programm des Theaters Luzern für die nächste Saison.

SZ, 11.05.2001

Claudius Seidl kann das modische Buch "Bobos in Paradise" des amerikanischen Journalisten David Brooks (das auf deutsch gerade unter dem Titel "Die Bobos. Der Lebensstil der neuen Elite" erschienen ist) nicht ganz ernst nehmen: "Was Brooks im größten Teil seines Buchs beschreibt, ist ein Phänomen, welches man, als europäischer Besucher jedenfalls, eher als Europäisierung denn als Bohemifizierung der USA wahrgenommen hat: Es gibt, nicht nur in den Städten, neuerdings Dinge, die es dort vorher nicht gab - Volvos zum Beispiel oder Umweltbewusstsein, einen Sinn für schlichtes Design und vor allem guten Kaffee und Capuccino, worauf Brooks immer wieder zu sprechen kommt. Was ja in Ordnung ist: Wo es starken Kaffee gibt, kann man auch im Kaffeesatz lesen." Und bei uns tut das die "Generation Golf"!

Tobias Kniebe berichtet (einen Tag nach der taz) über "Moulin rouge", den Eröffnungsfilm von Cannes: "Als dann noch eine bunte Theatertruppe ins Zimmer des Poeten einfällt, ein lispelnder Toulouse-Lautrec, ein argentinischer Tangostar, ein kahlköpfiger Pianist, alle schrill durcheinander brüllen, exaltierter als das peinlichste Transen-Kabarett - da glaubt man zu wissen, dass alles Folgende nur noch schrecklich werden kann. Für Baz Luhrmann, für diese Cannes-Eröffnung, für das ganze Festival. Aber welch ein Irrtum!" Aber lesen Sie selbst.

Thorsten Schmitz meldet, dass Susan Sontag bei ihrer Danksrede für den Jerusalem Prize für freie Meinungsäußerung am Mittwoch abend diese weidlich nutzte und "die unverhältnismäßige Gewalt seitens der israelischen Armee, die Zerstörung palästinensischer Häuser, Obstplantagen und Olivenhaine und den Entzug der Lebensgrundlagen sowie die Vorenthaltung von medizinischer Versorgung" geißelte. Die Rede von Sontag haben wir im Netz leider nicht gefunden, aber einen Artikel aus der heutigen Ausgabe von Ha'aretz, der Hintergründe erklärt.

Willy Hochkeppel macht auf einen neuen Star der amerikanischen Philosophie aufmerksam: Colin McGinn, der vor kurzem in der New York Review of Books das neueste Buch eines Elefanten der amerikanischen Philosophie, nämlich Hilary Putnam, nach Strich und Faden verrissen hat: "Colin McGinn, eine Generation jünger als Putnam, der Ende Juli 75 wird, hat sich durch eine Reihe von Büchern zur Philosophie des Geistes sowie zu den Grenzen menschlicher Erkenntnis einen Namen gemacht (in Deutschland erschien von ihm 1996 'Die Grenzen vernünftigen Fragens'). Nicht unwahrscheinlich, dass seine provokante Kritik an Putnam ihn jetzt in die erste Riege amerikanischer Philosophen emporhieven wird."

Weitere Artikel: Christine Hinck präsentiert einen Artikel mit der Unterzeile "Kleine Kinder brauchen eine Familie: Warum staatliche Fremdbetreuung keine Lösung ist" (das wird der Grund sein, warum die kleinen Franzosen alle so depraviert sind). Verena Auffermann macht die Pläne von Elisabeth Schweeger für das Schauspiel Frankfurt bekannt. Claus Koch schimpft in seinen allfreitäglichen "Noten und Notizen" auf den dekadenten Westen. Außerdem wird ein skurriler Rechtsstreit um Aquarelle von Hitler geschildert.

Besprochen werden das Internationale Cello-Festival in Manchester, der belgische Film "Rosetta", das Konzert von Nick Cave in Düsseldorf und eine Bresson-Retrospektive in Salzburg.

FR, 11.05.2001

Der Literaturhistoriker und Republicca-Kolumnist Alberto Asor Rosa analysiert das Phänomen Berlusconi: "Mit seinem Eintritt in die Politik (hat er) im Grunde nichts anderes gemacht, als die bislang für unseren Typus bürgerlicher Rechtskultur unumstößlich geltenden Spielregeln einer Trennung von Geschäft und Politik zu zerstören ... Wenn dieses sein abenteuerliches Verhalten in die gesamte europäische Politik Eingang findet, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass damit das weitgehend von allen geteilte System an Regeln aus den Angeln gehoben würde." Wir weisen in Zusammenhang noch mal auf Umberto Ecos flammenden Appell aus der Zeitschrift Golem hin, in dem er die Wahlen am Sonntag zum "moralischen Referendum" erklärt.

Eva Schweitzer berichtet über die Internetpläne des Guggenheim-Museum-Imperiums: Guggenheim.com soll in September eröffnet werden und "wird die zahlreichen Sammlungen der verschiedenen Standorte, für die zum Teil schon die reale Ausstellungsfläche fehlt, unter einem virtuellem Dach vereinen. So sollen Bilder und Skulpturen digital erfasst und ins Netz gestellt werden, übrigens nicht nur die des New Yorker Museums und seiner Depandancen, sondern auch Sammlungen von Partnerinstitutionen, etwa die Eremitage in St. Petersburg oder das Kunsthistorische Museum in Wien. " Bis dahin muss man sich mit Guggenheim.org begnügen.

Klaus Bachmann kommt noch einmal auf die polnische Debatte um das Massaker von Jedwabne zurück: "In der öffentlichen Debatte erscheinen die Ereignisse in Jedwabne immer noch als Ausnahmefall - dabei gab es im Frühsommer 1941 entlang des Rückzuges der Roten Armee von Litauen bis Lemberg eine ganze Welle von Pogromen, wenn auch nicht unbedingt mit einer ähnlich hohen Anzahl von Opfern wie in Jedwabne."

Weitere Artikel: Christian Thomas besuchte das neue Rotterdamer Stadtviertel Kop van Zuid und sein Luxor-Theater. Besprochen werden der Film "It's Showtime" von Spike Lee, die CD "Living in a Magazine" von Zoot Woman, die große El Greco-Schau im Kunsthistorischen Museum Wien, und das von Paul Kleihues hergerichtete Telegrafenamt von Siegen, das nun als Museum für Gegenwartskunst dient.
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TAZ, 11.05.2001

Dave Grahan, der wiederauferstandene Sänger von Depeche Mode erklärt im Interview mit Marcel Anders, wie man als gefeierter Popstar in Depressionen versinken kann: "Ganz einfach: Weil alles eine einzige Illusion ist. Das hat nichts Menschliches und schon gar nichts Persönliches an sich. Klar ist es toll, bejubelt zu werden und jede Menge Geld zu haben. Aber wenn man so eine schwache Persönlichkeit hat wie ich und zu viel an sich ranlässt, ist das keine wirkliche Hilfe. Entscheidend ist, dass man sich selbst findet, Antworten auf seine Fragen bekommt und sich entwickelt. Aber das ist einfach unmöglich, wenn dein Leben vollkommen durchkalkuliert ist, du nur noch von Hotel zu Hotel, Konzert zu Konzert und Studio zu Studio geleitet wirst und dich um nichts mehr kümmern musst. Man lebt dann wie in einer Seifenblase und verliert jeden Bezug zur Realität."

Skandal in Cannes. Ein französischer Film wurde nicht in den Wettbewerb aufgenommen. Katja Nicodemus berichtet: "Was bisher geschah: 'Le fabuleux destin d'Amelie Poulin' von dem 'Delikatessen'-Regisseur Jean-Pierre Jeunet wurde von der Auswahlkommission des Festivals von Cannes auf Wunsch des Produzenten vor allen anderen französischen Filmen gesichtet - und abgelehnt. Inzwischen hat Jeunets Film, der in Frankreich seit zwei Wochen im Kino läuft, aber schon zwei Millionen Zuschauer, was den Film natürlich 'unwiderstehlich' und aus seiner Ablehnung eine 'Ausgrenzung' macht." Liberation hat dem Thema ein ganzes Dossier gewidmet ? wenn sie sich auch mal über die anderen Schiebungen bei diesem Festival so aufregen würde!

Christiane Kühl hat ein internationales Symposion freier Theater in Dortmund besucht und festgestellt: "Die große Vernetzung ist out. Der Begriff 'freies Theater' ist natürlich auch out. Selbst Rolf Dennemann, Organisator des von der Kooperative Freier Theater ausgerichteten Off-Limits-Programms, 'mag den Begriff schon gar nicht mehr in den Mund nehmen'. Freies Theater, das klingt so verdammt nach den Siebzigern, nach alternativ und anti."

Besprochen werden der Film "Der Fall Mona" und die CD "Raus" von "Lecker Sachen".

Schließlich Tom.

FAZ, 11.05.2001

Der israelische Schriftsteller David Grossman schildert in einem tief deprimierten Artikel die Stimmung in Israel. Sein Anfang: "Das Schlimmste, was den Israelis passiert, ist die Gewöhnung. Sie haben sich daran gewöhnt, morgens aufzustehen und von einem Anschlag zu hören, der bei Tagesanbruch geschehen ist. Der Anblick von Verletzten und Toten ist ihnen ein gewohntes Bild geworden. Sie haben sich an die klischeehaften Worte, Bilder und Berichte zur Beschreibung der Lage gewöhnt. Ja, sie sind derart daran gewöhnt, dass selbst die Gefühle manchmal klischeehaft wirken, wie der schreierischen Schlagzeile einer Mittagszeitung entnommen: 'Wut und Verzweiflung' oder 'Hass und Angst'. Die Lage wirkt so aussichtslos, dass der Mensch manchmal gar nicht wagt, mehr als diese Schlagzeilen zu empfinden, um tief drinnen nicht drohendere und problematischere Gefühle loszustoßen..."

Einen neuen Aspekt des Plagiatsvorwurfs um Alice Randalls Roman "The Wind Done Gone", der "Vom Winde verweht" aus Sklavenperspektive weitererzählt und deshalb verboten wurde, greift Verena Lueken auf: "Das Copyright für 'Vom Winde verweht' lief im Jahr 1992 aus, das Buch wäre also frei für jede Nacherzählung oder sonstige Bearbeitung. Doch der Kongress verlängerte das Copyright für Mitchells Roman und viele andere bis ins Jahr 2036, eine Entscheidung, die nicht zum ersten Mal dafür sorgt, dass die Regelungen der Redefreiheit gegen die des Copyrights gewogen werden müssen." Wir haben dem Thema vorgestern einen Link des Tages gewidmet.

Glaubt man Zhou Derong, dann ist die Bevölkerung von Schanghai nicht besonders interessiert an den Auseinandersetzungen zwischen China und den USA: "Die andere, trockene Seite der Millionenmetropole ist die geradezu postmoderne Mentalität ihrer Einwohner. Sozialistisch denken sie schon seit langem nicht mehr. Aber auch nicht nationalistisch oder patriotisch, sondern einzig und allein individualistisch. Mag also der Rest von China einstimmig George W. Bush den Krieg erklären oder in der Phantasie schon das Weiße Haus stürmen - in Schanghai bleibt man friedlich zu Hause und denkt naturgemäß ans Geld."

Während Tobias Kniebe in der SZ den Anfang von "Moulin Rouge" enervierend fand, um dann doch auf den Film einzusteigen, denkt Wilfried Wiegand in seiner Cannes-Berichterstattung genau umgekehrt: "Die Begeisterung hält aber nur ein paar Minuten lang, und nach einer Viertelstunde hat man den Film im Grunde schon satt." Ja, was denn nun?

Weitere Artikel: Joachim Müller-Jung fragt, "wer den ethischen Korridor für die Embryonenforschung" findet. Dokumentiert werden die umstrittenen Empfehlungen der DFG zur Forschung mit menschlichen Stammzellen. Michael Hanfeld empfiehlt dem neuen Intendanten der Deutschen Welle, Erik Bettermann, den Eindruck zu vermeiden, er sei "zugleich deren Abwicklungsbeauftragter" Klaus Fittschen meldet, dass Griechenland die Anlagen für den olympischen Ruderwettbewerb genau dort plant, wo die Athener 490 vor Christus die Perser besiegten (und so sieht's da jetzt aus: "Müllhalden säumen die Straßen und verschandeln die Abhänge selbst abgelegener Flusstäler.") Gerhard Stadelmaier stellt die Pläne Elisabeth Schweegers für das Frankfurter Schauspiel vor. Andreas Rossmann schildert den Kampf zweier Möbelfirmen um den korrekten Nachbau des Bauhaus-Hockers von Marcel Breuer. Kommentiert wird zudem Angela Merkels Plädoyer für Schuluniformen.

Besprochen werden eine Erika-Giovanna-Klien-Ausstellung in Bozen, Nick Caves Deutschlandtournee, eine Ausstellung der Bilderkollektion Tischbeins in Oldenburg, der 19. "Szenenwechsel" in Frankfurt, eine Ausstellung der EU in Washington, die die neuesten Tendenzen der europäischen Bildhauerkunst illustrieren will, und die Wittener Tage neuer Kammermusik.

Auf der Schallplatten-und-Phonoseite geht's um das Rockquartett Ash, um Musik für Blaskapelle von Hindemith, Krenek und anderen und um Caterina Valente.