Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
13.01.2003. Der Economist ist gegen Folter - ohne Ausnahme. Im Nouvel Obs streiten Robert Badinter und Stephen Breyer darüber, wer juristisch für Al-Qaida zuständig ist. Der Express stellt die Kollegen von Le Monde unter Anklage. Outlook India analysiert die größte Emigrationswelle in der Geschichte Indiens. Das TLS untersucht den Antiamerikanismus der Franzosen. Und die NYT Book Review erklärt am Beispiel des Dichters Tom Paulin den Unterschied zwischen einem Antisemiten und einem Schläger.

New Yorker (USA), 20.01.2003

Calvin Trillin widmet sich in einem wunderbaren Text einem außergewöhnlichen Städtevergleich: Er befasst sich mit der unterschiedlichen Qualität und Handhabung der Restaurant-Lieferkulturen in New York und San Francisco - und zwar aus Großvaterperspektive. So lernen wir nicht nur, dass die Restaurants in San Francisco zwar "gerne Essen zum Mitnehmen zubereiten, es aber nicht gerne liefern" und es "carryout" nennen, die Nachhauselieferung in Manhattan (hier heißt es "takeout") dagegen "allgegenwärtig" ist. Anlass seiner Betrachtungen und der Großvaterperspektive war eine "Inspektion" eines neuen Enkels, die Trillin nach San Francisco führte und die man sich dort so vorzustellen habe: "Beim carryout besteht die erwünschte Rolle eines Opas auf Besuch darin, sich in das Restaurant zu verziehen und das Essen zu holen, während ein Elternteil draußen im in zweiter Reihe geparkten Wagen wartet und der zweite Elternteil zu Hause bleibt und in der einen Hand das Baby hält und mit der anderen den Tisch deckt."

In einem ausführlichen Porträt würdigt Henry Louis Gates Jr., einer der bekanntesten schwarzen Intellektuellen der USA (mehr hier), das Leben und Werk der schwarzen Sklavin Phillis Wheatley (Bild), die um 1770 als junges Mädchen begann, Gedichte zu schreiben. Den weißen Großkopfeten ihrer Zeit musste sie in einer öffentlichen Anhörung allerdings zunächst ihre Autorschaft beweisen ("Ist ein Neger fähig, Gedichte zu schreiben?"), heute gilt sie als eine der wichtigsten Vertreterinnen der amerikanischen "Sklaven-Lyrik". Gates resümiert: "Mehr als alles andere stand Wheatley für den Glauben, dass jeder gleichermaßen an Kultur partizipiert. Dies ist ein Ideal, das mit unermüdlichem Eifer angefochten, bekämpft und in Frage gestellt wurde. Es lohnt nach wie vor die Verteidigung." (Hier eine Seite mit Gedichten Wheatleys.)

Weiteres: Zu lesen ist die Erzählung "The Card Trick" von Tessa Hadley. Besprechungen: Laura Miller bespricht ein eigenwilliges Buch des irischen Schriftstellers Colum McCann ("Der Himmel unter der Stadt") über Nurejew. Wiederentdeckt wird der "kulinarische Klassiker" von Marcel Rouff "The Passionate Epicure", dessen Handlung und Hauptfigur sich am Leben des berühmten französischen Gastronoms Jean-Anthelme Brillat-Savarin (mehr hier) orientiert. Und es gibt es Kurzbesprechungen, unter anderem eines "unterhaltsamen und pikaresken" Bands über Badeanstalten, vom türkischen Hamam bis zur finnischen Sauna ("Cathedrals of the Flesh").

Nancy Franklin schließlich analysiert das Familienbild in der TV-Serie "Everwood", und Anthony Lane sah im Kino "City of God" von Fernando Meirelles, der letztes Jahr in Cannes lief, und "Divine Intervention" des palästinensischen Regisseurs Elia Suleiman.

Nur in der Printausgabe: Jane Kramer über die Flucht einer Afghanin nach Europa, ein Essay über Moshe Safdies "Architektur für jedermann", ein Artikel zur Frage, ob das Gehirn unabhängig von seinem Träger funktionieren kann und Lyrik von Dana Goodyear, C. K. Williams und Henri Cole.
Archiv: New Yorker

Economist (UK), 10.01.2003

Ist Folter je zu rechtfertigen? Ein vor kurzem in der Washington Post veröffentlichter Bericht, der die amerikanischen Vernehmungsmethoden darlegte, hat neben offiziellen Dementis nur wenige, meist zögerliche Kommentare hervorgerufen. Eine der wenigen Ausnahmen war der Strafverteidiger Alan Dershowitz, der dezidiert Stellung bezog. Zwar ist Dershowitz' Szenario der "tickenden Bombe" (Angenommen eine Bombe ist aktiv, die tausende Opfer fordern wird. Ein Gefangener weiß, wo sie ist, aber nur Folter könnte ihm ein Geständnis entlocken. Würden Sie die Folter erlauben?) seit dem 11. September nicht mehr nur eine "theoretische Perspektive", doch der Economist warnt eindringlich davor, dem Gebrauch von Folter in Extremfällen zuzustimmen. Denn ab wann wird ein Fall zum Extremfall? Wie hoch auch immer der Wert einer unter Folter gewonnenen Information sein möge, "für den demokratischen Westen würde der Schaden überwiegen. Das Folter-Verbot ist eins der mächtigsten Tabus des Westens und manche Tabus (wie auch der Gebrauch von Nuklearwaffen) sind es wert, sogar zu einem hohen Preis gewahrt zu werden. (?) Sollten sich die Vereinigten Staaten für den Gebrauch von gewissen Foltermethoden entscheiden, wie eingeschränkt auch immer die Bedingungen dazu sein mögen, würde es das Tabu brechen. Das würde für die westliche Moral in dem, was ein langer Krieg gegen den Terrorismus werden könnte, einen harten Rückschlag bedeuten. Um stark zu bleiben, müssen die liberalen Demokratien sicher sein, dass sie besser sind, als ihre Feinde". Zum Thema Folter gibt es noch mehrere andere Artikel, unter anderem über das Wahrheitsserum, die aber leider nicht frei zugänglich sind.

Ist es denn hoffnungslos, überhaupt gegen George Bush, der auf der amerikanischen Politik "wie ein Koloss reitet", im Rennen um das Weiße Haus anzutreten?, fragt sich der Economist. Vielleicht nicht hoffnunglos, aber sicher kein Zuckerschlecken, denn "gegen einen beliebten Präsidenten und gegen Karl Rove, den rücksichtslosesten Krieger in der politischen Landschaft Amerikas, um dieses Amt zu kandidieren, ist für die meisten Menschen die genaue Definition der Hölle." Und so gibt der Economist Tipps, wie die amerikanischen Demokraten ihre Wahlkampagne bestreiten sollten. Die Hauptsache sei, "eine kohärente Botschaft" zu vermitteln. "Die gute Nachricht ist, dass eine solche Botschaft nicht jenseits des Menschenverstands liegt. Die Schlechte, dass dabei politische Geschicklichkeit vonnöten ist."

Weitere Artikel: Zweimal London, bitte. London steht kurz vor der Rezession, so der Economist, und das sollte Restgroßbritannien eher mit Zerknirschung als mit Schadenfreude erfüllen. Umso vorsichtiger, heißt es im zweiten Artikel, müsse man in der angekündigten Reform jener juristischen Grauzone vorgehen, die es reichen Ausländern so angenehm macht, in London zu wohnen - und Geld auszugeben. Björn Lomborgs Buch "Apocalypse No!" (mehr hier), in dem er die "Umweltlobby des systematisch übertriebenen Pessimismus" anklagt, schlägt weiter Wellen, diesmal anderer Art: Der Economist findet es höchst seltsam, dass das "Dänische Kommitee für Wissenschaftliche Unredlichkeit" ein wissenschaftliches Urteil über ein sich unwissenschaftlich gebendes Buch fällen will. Die Krönung des Ganzen sei jedoch, dass das Kommitee selbst in seiner Urteilsfindung höchst unwissenschaftlich und "unredlich" vorgegangen sei.

Weiterhin lesen wir, warum die Anthologie "Writing in L.A." eine wahre "Schatztruhe" ist, warum das erzkonservative Saudi-Arabien von allen Seiten zu Reformen gedrängt wird, wie es um die Stabilisierung des Friedens in Afghanistan steht und dass Hamid Karsais größte Herausforderung sein könnte, überhaupt am Leben zu bleiben. Schließlich ein Nachruf auf Sir Roy Jenkins, den geistigen Vater des New Labour.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 09.01.2003

Eine interessante Ausgabe in dieser Woche. Im Debattenteil diskutieren der ehemalige französische Justizminister Robert Badinter und Stephen G. Breyer, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, über Probleme, die sich aus der Jagd auf die Al-Qaida-Terroristen für die westlichen Rechtssysteme ergeben. Die Grundfrage laute: "Wie kann man gegen die Bedrohung und die Verbrechen kämpfen, ohne gegen die fundamentalen Prinzipien der Demokratie zu verstoßen?" Für Badinter ist die "Kriegserklärung von Al Qaida beispiellos", man könne darauf allerdings nicht mit "einer eigenen Kriegserklärung gemäß verfassungsmäßiger Regeln" reagieren. Er sieht vor allem "Probleme mit der Zuständigkeit von Gerichten und den Rechten der Verteidigung oder der Polizei". Breyer verteidigt und erklärt die derzeitige amerikanische Praxis. "Selbst wenn die Regierung sagt - und ich bewerte jetzt nicht die Rechtmäßigkeit dieser Frage -, dass unter bestimmten Umständen bestimmte Entscheidungen Militärgerichten vorbehalten bleiben sollten, so sind es doch die zivilen Gerichte, die bestätigen werden, dass die Regierung recht hat."

In einem weiteren Debattenbeitrag erklärt der amerikanische Schriftsteller und Pulitzerpreisträger William Styron ("Sophies Entscheidung", mehr hier), weshalb er die militärische Übermacht seines Landes zunehmend "beunruhigend" findet. Man müsse "wachsam" sein, weil diese "Überlegenheit nicht ohne Gefahren" sei. Sie riskiere, "eine Form der Unbesonnenheit und der Gewissenlosigkeit zu erzeugen". Was ihn derzeit am meisten störe, sei "die Unfähigkeit der Demokraten, überzeugende Initiative in öffentlichen Angelegenheiten zu ergreifen".

Ansonsten viele Rezensionen, unter anderem eines neuen Romans von Jean Echenoz ("Au piano", Minuit), eines Essays von Pierre Milza über die europäische extreme Rechte ("L'Europe en chemise noir", Fayard) und des zur "dringenden Lektüre" empfohlenen "Klassikers des Antimilitarismus" "Les Saigneurs de la guerre" (Phebus) von Jean Bacon.
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Express (Frankreich), 09.01.2003

Ein Skandal für die französischen Medienlandschaft sind die Enthüllungen des Journalisten Daniel Carton, der für Le Monde und den Nouvel Observateur schrieb. Er untersucht in seinem Buch "Bien entendu c'est off - Ce que les journalistes ne politiques racontent jamais" (mehr hier) - die komplexen Beziehungen zwischen Presse und Politik. Wer manipuliert hier eigentlich wen? Wer verschweigt was? sind die zentralen Fragen. Das Fazit: Ausgerechnet die Mitarbeiter von Le Monde, die sich die Moral groß aufs Programm geschrieben haben, sind nur Teil eines Systems, in dem es letztlich nur um eines geht: um Macht. "Dieses Buch stellt das Metier des politischen Journalismus bloß und ist zugleich eine schreckliche Anklage gegen das Mekka des französischen Journalismus - Le Monde", schreibt Denis Jeambar.

Außerdem in der Bücherschau: Nach ihrem großen Erfolg mit dem Roman "Sans moi" hat Marie Desplechin nun einen neuen Roman unter dem Titel "Dragons" veröffentlicht. In einem Haus in der Bretagne lässt sie die Gespenster der Vergangenheit spuken. Nicht die einfachste Lektüre und sehr gewagt, finden Cecile Pivot und Nathalie Riche, aber trotzdem oder gerade deshalb lesenswert. Einen Auszug lesen Sie hier. Allen Kinoliebhabern wird zudem empfohlen: Jean Piere Merigeaus Buch über den gerade verstorbenen Filmregisseur Maruice Pialat. ("Pialat", bei Grasset, hier das erste Kapitel des Buchs.).

Weitere Artikel: Gilles Medioni hat mit dem Chansonnier Jean Ferrat gesprochen. Auf die Frage, welche Musiker man heute noch als 'engagiert' bezeichnen könne, antwortet er: Zebda und Noir Desir.

Und: Lesen Sie eine Reportage über die Region, die für die Franzosen am anderen Ende der Welt liegt: Das Elsaß. Zu Wort kommt natürlich Tomi Ungerer.
Archiv: Express
Stichwörter: Tomi Ungerer, Bretagne

Outlook India (Indien), 20.01.2003

Gewiss, Indien ist mit mehr als einer Milliarde Einwohnern nach China die bevölkerungsreichste Nation der Welt. Wahr ist aber auch, darauf weist unter der Schlagzeile EXODUS die ungewöhnlich umfangreiche Titelgeschichte von Outlook hin, dass Indien derzeit die größte Emigrationswelle seiner Geschichte erlebt. Der Aderlass unter der gebildeten Bevölkerung, unter Ärzten wie Computerexperten, vor allem in die USA ist beträchtlich: allein in den letzten zwei Jahren haben 246.000 Inder das Land in Richtung USA verlassen, keine andere Nation schickt so viele StudentInnen (von denen neunzig Prozent nicht zurückkehren) auf amerikanische Universitäten. Die Gründe: "Die wachsende ökonomische Unsicherheit und der Zusammenbruch der traditionellen Wirtschaft (und der New Economy), das Fehlen sozialer Sicherheitsnetze, die stark ansteigenden Verbrechensraten, der wachsende Terrorismus, der Mangel an sauberer Luft und sauberem Wasser, zu wenige gute Schulen und eine verkommene politische Kultur, in der Macht und Beziehungen wichtiger sind als alles andere, haben eine neue Welle eines geradezu panikartigen Exodus von Indern ausgelöst." Für Optimismus besteht offenkundig kein Anlass, im Gegenteil. Der Artikel liest sich als Abgesang auf alle Hoffnungen für eine erfolgreiche Zukunft Indiens: "Letztlich ist es das vollständige Versagen des indischen Staates, der die Leute zwingt, vor seiner Ineffizienz und Korruption reißaus zu nehmen."

Weniger schwarz sieht die Kommentatorin Anita Pratap. Das Jahr 2002 könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem von der Weltgemeinschaft zwei große Kriege verhindert worden sind, meint sie, der zwischen dem Irak und den USA und der zwischen Indien und Pakistan. Von einer höchst ungewöhnlichen Entwicklung im nach wie vor stark patriarchalisch strukturierten Indien berichtet ein weiterer Artikel: bei den tamilischen Polizeikräften sind erstmals Frauen an der Waffe ausgebildet worden.

Spiegel (Deutschland), 13.01.2003

Jede Menge Hintergründe zum erwarteten Krieg gegen den Irak liefert der Spiegel-Titel "Blut für Öl". So gibt es eine Darstellung der Machtverhältnisse im Kampf um die Energieressourcen von heute und morgen, ein Porträt der Opec ("Kartell und Kuschelclub") und ein Interview mit Ex-Uno-Generalsekretär Butros Ghali. Wie immer ist das Titelpaket nur gegen Gebühr zu lesen. Ein Artikel aus dem thematischen Umfeld ist jedoch freigeschaltet: hier wird über den Truppenaufmarsch der USA berichtet und über eine mögliche Strategie, einen überzeugenden Kriegsgrund zu finden.

Keinerlei Kultur gibt's diese Woche bei der Online-Version des Spiegel-Hefts - genauer gesagt: am Montag, denn im Laufe der Woche werden bei Spiegel-Online in der Regel manche erst gesperrte Artikel noch online gestellt. Dafür ein Bericht vom anderen Ende der Welt: In Australien leben - geschätzt - drei Mal soviele Känguruhs wie Menschen, von den Farmern werden sie längst als Plage betrachtet. Tierschützer machen nun mobil gegen sadistische Jagd- und Tötungsformen. Und von einem schaurigen Fall von Kindesmissbrauch berichtet Hauke Goos aus der deutschen Provinz, ohne allen Sensationalismus. Ein angesehener Hauptschullehrer und Künstler hat in der Stadt Uelzen dreißig Jahre lang hunderte Jungen nackt fotografiert und missbraucht; es gab Gerüchte, viele wussten von seinen "pädophilen Neigungen", aber alle schwiegen. Als man ihm im Herbst letzten Jahres auf die Spur kam, brachte der Mann sich um.

Die Heft-Kultur, die man uns vorenthält, dreht sich unter anderem um das "Comeback der Malerei" (ein Artikel des Ex-FAZ-Redakteurs Florian Illies) und um dreimal Kino: Eine Kritik gibt es zu Robin Williams' jüngstem Film "One Hour Photo", ein Interview mit dem Regisseur Mike Leigh ("All or Nothing") und einen Report über Nordkoreas Diktator Kim Jong Il, der eine südkoreanische Filmdiva entführen ließ.
Archiv: Spiegel

Times Literary Supplement (UK), 10.01.2003

Warum hassen die Franzosen Amerika, fragt Henri Astier im Aufmacher und zieht zur Erklärung Jean-Francois Revels neues Buch "L'obsession anti-americaine" (Plon) heran. Auffällig findet Astier, wie widersprüchlich die Ressentiments gegenüber Amerikanern sind: Angeblich sind sie schrecklich materialistisch, aber auch unerträglich religiös sein, vorherrschend rassistisch und absurd politisch korrekt; langweilige Konformisten und rücksichtslose Individuen. An ihnen kann es also nicht wirklich liegen, meint Astier und vermutet : "Der Zweck des europäischen Antiamerikanismus ist es, eine beruhigende Erklärung für den katastrophalen Statusverlust des Kontinents zu finden. Europa hat im zwanzigsten Jahrhundert praktisch versucht, Selbstmord zu begehen, und Amerikas großes Gewicht in der Welt ist eine direkte Konsequenz aus den selbst beigefügten Wunden. In einem Zeitraum von dreißig Jahren haben die Europäer zwei Weltkriege angezettelt, aus denen die Amerikaner ihnen heraushelfen mussten. Aber anstatt sich dieser traurigen Geschichte zu stellen, ziehen es die Europäer vor, sich als Opfer von Amerikas Streben nach Weltherrschaft darzustellen."

Weitere Artikel: Muriel Zagha stellt Richard Hands und Michael Wilsons Studie über das Grand-Guignol-Theater vor und bedauert den Niedergang dieser "großartigen" Form des französischen Horrors. D.J. Taylor schreibt einen Nachruf auf den "einzigartigen" Dichter John Enright (mehr hier und hier). John Sutherland geht anhand von Stephen Spenders Lyrik der Frage nach, wie historisch korrekt ein autobiografisches Gedicht sein muss, um wahr zu sein. Und Michael T. Ghiselin lobt Janet Brownes "kluge" und "informative" Darwin-Biografie als reinstes Lesevergnügen.

New York Times (USA), 13.01.2003

Sechs von zehn Amerikanern sind übergewichtig, auch hier sind die USA Weltspitze, wie der Journalist Greg Critser in "Fat Land" (erstes Kapitel) beschreibt. Auch wenn ihm Critser am Ende etwas zu moralisch wird, Michael Pollan hat viele interessante Einblicke in die politisch-ökonomischen Zusammenhänge hinter der Fresserei bekommen. Dass etwa der Erfinder der Supersize-Portionen David Wallerstein heißt und in den Sechzigern für eine Kinokette arbeitete, um den Popcorn- und Sodaverkauf anzukurbeln. "Wallerstein versuchte alles mögliche - zwei Portionen zum Preis von einer, Vormittags-Specials - aber er konnte einfach niemanden davon überzeugen, mehr als ein Getränk und eine Tüte Popcorn zu kaufen. Warum? Weil sich die Leute schämten, eine zweite Runde zu holen. Wallerstein entdeckte nun, dass die Leute mehr Popcorn und Soda kaufen würden - viel mehr - wenn sie sie in einem einzigen gigantischen Schub bekämen. So wurde der Big Gulp geboren, später wurden daraus der Big Mac und die Jumbo Pommes."

Im Close Reader beschäftigt sich Judith Shulevitz mit dem neuen Werk des skandalumwitterten irischen Dichters und Oxford-Professors Tom Paulin (mehr hier), "The Invasion Handbook". Paulin hat T.S. Eliot heftig für seinen Antisemitismus kritisiert, gleichzeitig von sich reden gemacht, als er in einem Interview die israelischen Siedler als "zionistische SS" bezeichnete. Das Handbuch "wurde schon als anti-antisemitisches Werk bezeichnet", schreibt Shulevitz. Paulins Verteidiger, darunter Bruce Shapiro in The Nation, zitieren Gedichte, die Walter Benjamin zugeneigt sind und die Kristallnacht missbilligen, als Beweis für Paulins Mitgefühl für die Juden. Es sollte herausgestellt werden, dass weder Bewunderung für Benjamin noch Abscheu für die Kristallnacht eine besonders mutige oder bahnbrechende Position ist." Paulin ist wohl kein Anti-Semit, wie immer behauptet wird, meint Shulevitz nach der Lektüre, "Paulin ist etwas Harmloseres, da leichter zu erkennen. Er ist ein Schläger." Allerdings einer, dessen "schwungvolle, dialogorientierte Rhythmen" und ihr Zusammenspiel mit "delikaten Versmaßen und überzeugenden Reimen", den Leser fesseln, selbst wenn er die eingestreuten nordirischen Dialektausdrücke nicht versteht.

Außerdem: Robert Dallek traut Michael Linds Studie "Made in Texas" über die Ursprünge George Bushs im tiefsten Texas durchaus zu, ein Standardwerk über seine historisch-sozialen Beweggründe zu werden, wenn er sich denn als wirklich so desaströs für Amerika entpuppen sollte, wie Lind es voraussagt. Tony Horwitz hat Geoff Dyers "Yoga for People Who Can't Be Bothered to Do It" genossen, der originelle und urkomische Reisebericht mit ungewöhnlichen Einsichten liest sich für ihn eher wie eine Sammlung von Kurzgeschichten und hat ihn noch Stunden später zum Schmunzeln gebracht. Hier eine Leseprobe. Suketu Mehta ist Samrat Upadhyay dankbar, dass der in seinem Debütroman "The Guru of Love" (erstes Kapitel) über das Leben eines Mittelklasse-Lehrers in Katmandu nicht das Land und seine Gebräuche zum Thema macht, "die Charaktere, die Situation könnten wirklich überall auftauchen - im vorstädtischen New Jersey oder im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts."