Heute in den Feuilletons

Lichtstrahlen in das Raumdunkel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.12.2013. Google, Apple und andere Internetkonzerne wenden sich mit einem offenen Brief gegen die Schädigung ihres Rufs durch die nun offen gelegten Überwachungsstrukturen, melden heute alle Medien. In der taz sieht Andrej Kurkow die ukrainischen Proteste als Beweis für die gesellschaftliche Reife des Landes, das allerdings politisch nicht Schritt hält, wie er zugleich in der FAS erläutert. In der LRB wirft Seymour Hersh Obama vor, in Bezug auf Syrien gelogen zu haben. Die Welt stellt den Comiczeichner und Munch-Biografen Steffen Kverneland vor. Die SZ protestiert gegen die Überalterung der Literaturnobelpreisträger. Und alle waren in der Scala und hörten Diana Damrau in der "Traviata".

Weitere Medien, 09.12.2013

Die eine Hälfte des militärisch-digitalen Komplexes - die großen Firmen wie Apple, Google, Microsoft - lehnt sich wegen der peinlichen Enthüllungen nun gegen die andere - NSA, GCHQ etc. - auf. Seltsamerweise tut sie das mit einem offenen Brief an die amerikanische Regierung und Zeitungsanzeigen - aber auch mit einer Website. Mehr zum Thema auch bei Spiegel Online.

Edward Wyatt und Claire Cain Miller schreiben in der New York Times: "It is the broadest and strongest effort by the companies, often archrivals, to speak with one voice to pressure the government. The tech industry, whose billionaire founders and executives are highly sought as political donors, forms a powerful interest group that is increasingly flexing its muscle in Washington."



Welt, 09.12.2013

Der Comiczeichner Steffen Kverneland, dessen Munch-Comic-Biografie gerade mit dem wichtigsten Preis für Sachbücher in Norwegen ausgezeichnet wurde, erklärt im Interview, warum Munch sich so schön als Comicfigur eignet: "Dafür musste ich nur sein ohnehin ausgeprägtes Kinn überzeichnen und fertig war die Comicfigur." Dankwart Guratzsch ist froh über das wiederauferstandene Stadtschloss in Potsdam, ärgert sich aber für die vom Landtag verordnete "Provinzialität" des erweiterten Gebäudes. Hanns-Georg Rodek zieht eine Schnute, weil die Verleihung des Europäischen Filmpreises auf Englisch lief. Mara Delius gratuliert Michael Krüger zum Siebzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "1914 - Die Avantgarden im Kampf" in der Bonner Bundeskunsthalle und die "Traviata" an der Mailänder Scala mit Diana Damrau ("die bekannteste Günzburgerin unserer Zeit - nicht mehr Josef Mengele oder Petra Kelly", verkündet Manuel Brug, der den Auftritt als vollen Erfolg wertet).

TAZ, 09.12.2013

Sabine Seifert erzählt in einer Reportage aus Halberstadt, wie die SPD dort um die Restaurierung des Grabes der Frauenrechtlerin, SPD-Abgeordneten und Wirtin Minna Bollmann diskutiert. Bollmann hatte sich 1935 erhängt, bevor sie von den Nazis verhaftet werden konnte: "Sechs Frauen, zwölf Männer diskutieren. Soll das Grab erhalten werden? Wie lässt sich eine Sanierung oder gar Umgestaltung finanzieren? Der SPD-Landtagsabgeordnete Gerhard Miesterfeldt verkündet die frohe Botschaft einer 2.000-Euro-Spende. Aufatmen. Doch ein Jungsozialist fragt: 'Sanieren wir ein Grab, das uns nicht gehört, mit Geld, das uns nicht gehört?'"

Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow setzt im Interview einige Hoffnung in die Demonstranten gegen Präsident Janukowitsch: "Denn das Gute liegt darin, dass die Gesellschaft nach der Enttäuschung im Zuge der Orangen Revolution gezeigt hat, dass sie imstande ist, sich aufs Neue zu erheben." Daneben berichtet Andrej Nesterko von brutalen Polizeiaktionen in Kiew: "auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie diese Spezialeinheiten einzelne, zufällig vorbeigehende Menschen zusammenschlagen. Polizisten drücken den Menschen ihren Fuß in den Nacken und lassen sich so mit ihnen fotografieren - wie Jäger mit ihrer Beute".

Im Kulturteil berichtet Jenni Zylka über die Verleihung des Europäischen Filmpreises am Samstag in Berlin. Dorothea Hahn stellt die amerikanische Politaktivistin Medea Benjamin ("Code Pink") vor. Auf der Medienseite informiert uns Ulli Schauen, dass ARD und ZDF zwar per Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet sind, Kirchenformate auszustrahlen, nicht aber, die Kosten dafür zu tragen: "Sie tun es dennoch".

Besprochen werden die Ausstellung "1914 - Die Avantgarden im Kampf" in der Bonner Bundeskunsthalle und Dina Nayeris Roman "Ein Teelöffel Land und Meer" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.
Anzeige

NZZ, 09.12.2013

Paul Andreas besichtigt neue Museen auf den japanischen Inseln. Von einem sehr schönen Bau des Pritzker-Preisträgers Tadao Ando in Homura lernt er etwa: "Architektur beginnt dort, wo die ersten Lichtstrahlen in das Raumdunkel fallen."

Weiteres: Die Autoren Charles Simic, Cees Nooteboom und Norbert Gstrein gratulieren ihrem Verleger Michael Krüger zum Siebzigsten, und Peter von Matt verrät: "Die Freundschaft mit den Autoren ist ein Teil von Krügers verlegerischem Genie." Zur Saisoneröffnung an der Scala hat Peter Hagmann nun auch in Mailand bei Verdis "Traviata" echtes Regietheater erlebt - "und zwar vom Feinsten".

Weitere Medien, 09.12.2013

(via Gawker) Bisher galt als ziemlich sicher, dass Bashar Assad für den Giftgas-Einsatz in Syrien verantwortlich war, denn nur sein Regime habe überhaupt die Mittel dazu besessen. Nun meldet der Reporter Seymour Hersh in der London Review of Books Zweifel an dieser Version an: Zum einen seien mit wahrscheinlich 500 Toten deutlich weniger Menschen als bisher befürchtet ums Leben gekommen. Zum anderen hätten auch die syrischen Rebellen Giftgas zur Verfügung gehabt. "One high-level intelligence officer, in an email to a colleague, called the administration's assurances of Assad's responsibility a 'ruse'. The attack 'was not the result of the current regime', he wrote. A former senior intelligence official told me that the Obama administration had altered the available information - in terms of its timing and sequence - to enable the president and his advisers to make intelligence retrieved days after the attack look as if it had been picked up and analysed in real time, as the attack was happening. The distortion, he said, reminded him of the 1964 Gulf of Tonkin incident." Außerdem fragt Hersh, warum die Geheimdienste, die angeblich schon die Vorbereitungen beobachteten, niemanden gewarnt haben?

Stefan Aust wird Herausgeber der Welt und löst Thomas Schmid ab, dessen weitere Funktion im Springer-Konzern unklar ist, melden Spiegel Online und viele andere Medien. Beide sind mit 67 und 68 Jahren eigentlich auch reif für neue Herausforderungen.

Aus den Blogs, 09.12.2013

BoingBoings Cory Doctorow empfiehlt zum Wachwerden für den Montag morgen Electro Swing von Caravan Palace:



Hübscher Stuhl. Und dann noch nachhaltig und aus Bambus:


Stichwörter: Cory Doctorow, Electro

SZ, 09.12.2013

Nachdem sich nach Doris Lessing und Thomas Tranströmer nun auch Alice Munro bei ihrer Preisverleihung vertreten lässt, wünscht sich Burkhard Müller endlich mal wieder jüngere Liternaturnobelpreisträger: "Vor einem Jahr hat Munro das Schreiben endgültig aufgegeben. Vielleicht sollte die Akademie sich mal überlegen, das Alter ihrer Laureaten so weit zu senken, dass die Ehrung sie noch dicht bei ihrem Werk erwischt und sie diese mit einigermaßen frischem Vergnügen selbst in Empfang nehmen können."

Weitere Artikel: Gottfried Knapp verabschiedet sich von Helmut Friedel, dem scheidenden Direktor der Galerie Lenbachhaus in München. Leipzig streitet über das Finanzdefizit am Schauspiel Leipzig, berichtet Till Briegleb.

Auf Seite Drei schreibt Thomas Steinfeld zum Ende der Ära Michael Krüger bei Hanser.

Besprochen werden eine Aufführung der "Traviata" in Mailand (Reinhard J. Brembeck feiert die Zusammenarbeit von Sopranistin Diana Damrau und Regisseur Dmitri Tcherniakow als "Sternstunde im trüben Operngeschäft"), Stephan Rottkamps Inszenierung von "Der Vorname" am Münchner Residenztheater, Helene Hegemanns erste, in Köln aufgeführte Oper "Musik", Andrea Segers Film "Venezianische Botschaft" und Bücher, darunter Herfried Münklers Studie "Der große Krieg" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 09.12.2013

Jürgen Kaube arbeitet sich durch den in Evgeny Morozovs Buch "Smarte neue Welt" ausgebreiteten Wust der Internetkritik und kommt am Ende zu einem etwas matten Ergebnis: "Der Autor selbst liest offenbar Tag und Nacht, auf jeder Seite bekommt der Leser neue Hinweise auf jüngste technologische Erfindungen - und auf die Dummheit, die gerade bei denen nicht ausstirbt, die sich für besonders avanciert halten."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann zitiert aus einem Brief Hildebrand Gurlitts aus der Nazizeit, in dem dieser sich selbst darüber freut, dass sich sein Kunsthandel mit "entarteter" Kunst "moralisch und wirtschaftlich ausgezeichnet rentiert". Sandra Kegel muss in der Leitglosse konstatieren, dass Vegetarismus schon bei Zehnjährigen Kindern in Mode ist. Andreas Kilb berichtet von der Verleihung des Europäischen Filmpreises. Joachim Müller-Jung berichtet von einem touristischen Flug zur Sternenerkundung.

Robert von Lucius zeichnet die Erinnerungen des Komikers Pieter-Dirk Uys' alias Evita Bezuidenhouts an Nelson Mandela auf: "Ich wusste, dass ich Madiba verspotten konnte, weil er darüber als Erster lachte. Ich erkannte, wie dieser erstaunliche Mann Humor nutzte, um Spannungen zu entladen und um eine Nation mit sich zu versöhnen und die Welt dazu."

Hier eine Nummer des Komikers:



Auch der Kolumnist Emanuel Derman erinnert sich an Mandela. Und hier ein kurzer Text von J.M. Coetzee.

Besprochen werden "La Traviata" in der Regie Franco Zeffirellis mit Diana Damrau an der Scala und Bücher, darunter Alessandro Pipernos Roman "Die Verfolgung - Im Feuer der Erinnerungen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der FAS sieht Andrej Kurkow die Proteste in der Ukraine als Beweis der gesellschaftlichen Reife in der Ukraine - politisch aber sei das Land blockiert: "Die Regierung wartet auf Abkühlung. Sie wartet darauf, dass die Protestierenden wegen Müdigkeit oder Kälte nicht mehr auf dem Maidan kampieren wollen. Die Auseinandersetzung hat sich zu einem Stellungskrieg entwickelt."

Auch das FAZ.Net berichtet über den offenen Brief der Internetkonzerne an die amerikanische Regierung.