Heute in den Feuilletons

Das Jenaer Pendant zu den Twin Towers

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.11.2013. In der NZZ gibt Najem Wali Entwarnung: Er ist gar nicht von Al Qaida, obwohl er Arabisch kann. In der taz spricht Martin Miller über seine Mutter Alice Miller, die berühmte pädagogische Klassiker schrieb und ihren Sohn ins Kinderheim steckte. In der FAZ machen sich 160 Dirigenten Hoffnung, dass das Freiburger SWR-Orchester doch noch zu retten ist. Allgemein wird begrüßt, dass einige Werke aus dem Gurlitt-Fundus online gestellt wurden. Nun sollten es die in dieser Sache recht schüchternen Museen genau so halten , findet die FAZ.

Aus den Blogs, 13.11.2013

Adrian Chen hat sich für Gawker mit dem ersten Whistleblower der NSA, Perry Fellwock, unterhalten. Fellwocks Veröffentlichungen in dem linksradikalen Magazin Ramparts brachte den meisten Amerikanern erstmals zu Bewusstsein, dass es so etwas wie die NSA überhaupt gab. Chens epischer Artikel nimmt den Leser mit auf eine kleine Zeitreise in die Siebziger: "As Fellwock and Butz organized their efforts in Washington, D.C., a similar idea was taking shape in New York, thanks to Norman Mailer. In February of 1973, the brawling novelist-journalist-activist held a lavish party at the Four Seasons, partly to celebrate his 50th birthday and partly to announce and raise funds for a new venture, something he called the Fifth Estate. Mailer got blind drunk but managed to spit out his idea of the Fifth Estate as a 'people's CIA and a people's FBI to investigate the CIA and the FBI.' 'If we have a democratic secret police to keep tabs on Washington's secret police, we will see how far paranoia is justified,' he said. The press slammed Mailer's slurred, self-aggrandizing performance, but the weeks that followed brought new Watergate revelations..."

Welt, 13.11.2013

Von den ersten 25 ins Netz gestellten Bilder aus der Sammlung Gurlitt, die vermutlich Raubkunst sind, gehörten 13 einst dem Dresdner Rechtsanwalt Fritz Salo Glaser, berichtet Tim Ackermann. Dazu zählt auch das Aquarell "Kind am Tisch" von Otto Griebel (Bild). Jan Küveler war bei der Trauerfeier für Dimiter Gotscheff in der Berliner Volksbühne. Gerhard Midding porträtiert die Schauspielerin Marine Vacth, die demnächst in François Ozons Film "Jung und Schön" bei uns im Kino zu sehen sein wird. Hannes Stein mokiert sich über Amazons Versuche, mit einer eigenen Serie ins Internetfernsehen einzusteigen. Statt dem Klimawandel die Schuld am Taifun "Haiyan" zu geben, sollten die philippinischen Behörden besser sicherstellen, dass auch die Armen in soliden Häusern wohnen, meint Alan Posener.

Besprochen wird Christian Schwochows Inszenierung von Lot Vekemans' "Gift" am Deutschen Theater.

TAZ, 13.11.2013

Im Interview mit Alexandra Senfft spricht der Therapeut Martin Miller über die unerklärliche Schizophrenie seiner Mutter Alice Miller, die als berühmte Kindheitsforscherin ihren eigenen Sohn furchtbar vernachlässigte. Vieles erklärt er sich mit der Ohnmacht des Opfers während des Holocausts: "Meine Mutter war aber auch Täterin. Was mich am meisten erschüttert, ist, dass sich jemand, der den Holocaust überlebt hat, dessen Familie fast gänzlich ausgelöscht wurde, unbewusst mit den Tätern von damals identifiziert, um die eigene Opfersituation abwehren und ertragen zu können. Dass meine Mutter Schwierigkeiten hatte, mich zu lieben und mich ins Kinderheim gab, kann ich in ein Schema einordnen und begreifen, nicht aber ihre nahezu narzisstische Kälte und ihr destruktives Verhalten mir gegenüber. Das kann passieren, wenn ein Opfer seine eigene Geschichte nicht aufarbeitet."

Weiteres: Bert Rebhandl empfiehlt Cristian Mungius Film "Jenseits der Hügel" über zwei junge Mädchen im Kloster als weiteres Kapitel in der beeindruckenden Sozialgeschichte, die das rumänische Kino seit Jahren schreibt. Mit großem Interesse hat sich Michael Baute auf dem Filmfestival von Cottbus Filme von und über Sinti und Roma angesehen.

Und Tom.
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NZZ, 13.11.2013

Najem Wali erzählt, wie er in Jena Terroralarm auslöste, als er - Literatur-Stipendiat der Stadt - ein arabisches Manuskript auf den Drucker der Kulturbehörde schickte: Eine übereifrige Mitarbeiterin schlug sofort Alarm: "Die Kaida ist mitten unter uns, in den Arkaden der Jenaer Kulturbehörde, und wir wissen nichts davon!, höre ich sie fahlen Angesichts vor ihren Vorgesetzten wehklagen. Vielleicht dachte sie, dass es die Terroristen aufs gegenüberliegende Gebäude, den Intershop Tower, abgesehen hätten: Das ist der höchste Bau der Stadt und eine Art Wahrzeichen, gewissermaßen das Jenaer Pendant zu den Twin Towers. Als erste Vorsichtsmaßnahme schickte man die Direktorin des Kulturamts nach Hause - schließlich ging es darum, sie vor einem möglicherweise bevorstehenden Anschlag der Kaida zu retten."

Außerdem: Joachim Güntner versucht, sich ein Bild von dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt zu machen. Er war ausgefuchst und opportunistisch, aber kein Nazi, konstatiert er. Er habe aber "vom NS-Regime profitiert. Er ließ sich benutzen und nutzte die Spielräume. Wo es ihrem Vorteil diente, vermochten die Nazis über die Ferne eines Günstlings zur braunen Ideologie hinwegzusehen."

Besprochen werden die Ausstellung "Arte Postale" in der Akademie der Künste in Berlin, die sich der Kunstrichtung Mail Art widmet, welche Künstlern im Kalten Krieg zum Austausch diente, das Projekt "Die letzten Zeugen" zum Gedenken an die Novemberprogrome am Wiener Burgtheater, ein Konzert von Antoine Tamestit und Enrico Pace in der Tonhalle Zürich sowie ein Konzert mit Martha Argerich und Gidon Kremer in Luzern und Bücher, darunter der Debütroman "Knockemstiff" des Amerikaners Donald Ray Pollock (in dem er uns "menschliche Wracks um die Ohren schleudert", schaudert Sven Ahnert; mehr dazu in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Aus den Blogs, 13.11.2013

"Unglaublich" findet Markus Beckedahl in Netzpolitik folgende Selbsteinschätzung des BND, die gestern Abend in dem ARD-Magazin Fakt zitiert wurde: "Da Daten ständig über Ländergrenzen fließen, wurde der gesamte Datenverkehr per Gesetz zu Auslandskommunikation erklärt. Und die darf der BND abhören."

Nicht ganz teilen kann turi2 die im abgelegenen Vatican-Magazin geäußerte Einschätzung des Welt-Vatikan-Korrespondenten Paul Badde, Bischof Tebartz-van Elst habe "so viel wie kein anderer für die Entweltlichung der Kirche in Deutschland getan und erlitten".

(Via Pierre Omidyar) Saki Knafo und Ryan J. Reilly porträtieren in der Huffington Post 32 zu lebenslanger Haft Verurteilte, die keine Gewaltverbrechen begangen haben. Sie ziteren eine Bericht der American Civil Liberties Union: "The report calculates that 3,278 prisoners were serving life without parole for drug, property and other nonviolent crimes as of 2012, comprising about 6 percent of the total life-without-parole, or LWOP, population."

Spiegel Online, 13.11.2013

Welche Konsequenz zieht die Bundesregierung aus dem Überwachungsskandal? Verdachtlose Überwachung und Vorratsdatenspeicherung für alle Bürger! Sascha Lobo fasst sich an den Kopf: "Der fortdauernde Spähskandal verwandelt sich. Er wird von der Enthüllung zum Dauerzustand. Es wird immer deutlicher, wo das eigentliche Problem liegt - maßgebliche Teile von Politik und Administration sind Rochow-Zombies. Ihre Botschaft lautet offiziell: Vertraut uns, wir missbrauchen unsere Macht schon nicht und der Rest ist geheim. Zu lesen als: Schnauze, ihr Ahnungslosen."

SZ, 13.11.2013

Nach lautstarker Kritik am klammheimlichen Vorgehen der Staatsanwaltschaft sind nun immerhin die ersten 25 Bilder aus dem Münchner Kunstfund auf dem Portal Lost Art hochgeladen worden - und prompt sind die Server unter dem Andrang zusammengebrochen. Auch abseits davon hagelt es seitens Ira Mazzoni Kritik: "Die Aufmachung verrät, dass nichts vorbereitet war und dass es die Veröffentlichungen ohne den Druck der Öffentlichkeit nicht gegeben hätte. Wäre man den jetzt gewählten Weg früher gegangen, hätte man die weitgehend bekannten mutmaßlichen Voreigentümer rechtzeitig benachrichtigt und um Kooperation gebeten, was bis heute nicht passiert ist, hätte man die Recherchen als geschichtsbewusste Aufklärungsarbeit vermitteln können. Nun sieht die Welt nur Fehler und Ungeschicklichkeiten."

Und Cornelius Gurlitt ist aufgetaucht, so eine aktuelle Meldung der SZ: "Er sagt ein paar Sätze, schimpft dann auf Fotografen - und fährt in einem Taxi davon."

Außerdem: Andrian Kreye zieht die aktuellen Vinyl-Reissues von Jazzklassikern ihren Downloadvarianten eindeutig vor: Er lobt eine musikalische "Wucht und Größe, die man selten gehört hat, seit man vor zwölf Jahren den ersten Ipod kaufte." Mouina Meiborg spricht mit Shermin Langhoff, der neuen Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, über die Unterrepräsentation migrantischer Stoffe und Positionen im Theaterbetrieb. Jörg Magenau berichtet von einer Tagung über Heidegger als Dichter. Roswitha Budeus-Budde gratuliert dem Autor Peter Härtling zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Paul Greengrass' neuer Film "Captain Phillips" und Bücher, darunter Ana Paula Maias "tarantinoesker" Roman "Krieg der Bastarde" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 13.11.2013

Die Abwicklung des Freiburger SWR-Orchesters, das auf Neue Musik spezialisiert ist, schien schon festzustehen. Nun bäumen sich noch einmal 160 Dirigenten in einem offenen Brief an den Intendanten Peter Boudgoust auf. Im Interview mit Eleonore Büning sagt Michael Gielen: "Ein Rundfunkorchester muss die Hochkultur pflegen und der Neuen Musik auf die Beine helfen. Das ist seine Aufgabe." Dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann wirft er vor, sich nicht zu engagieren: "Die Grünen sind nicht interessiert, sie finden das, was ein Orchester macht, elitär."

Weitere Artikel: Die niederländische Autorin Jessica Durlacher erzählt sehr hübsch von der Ferienanlage in Santa Monica, wo sie mit ihrem Mann Leon de Winter oft wohnte - und wo sie von Zeit zu Zeit einem freundlichen älteren Herrn begegnete, der sich später als der meistgesuchte Mafiaboss der Welt entpuppte. Julia Voss begrüßt, dass zumindest einige Werke aus dem Gurlitt-Schatz online gestellt werden sollen, merkt aber auch an: "Was von dem Privatmann Cornelius Gurlitt derzeit verlangt wird, erfüllen zahlreiche deutsche Museen noch immer nicht." Die Schriftstellerinnen Nora Bossong und Annett Gröschner machen zurecht darauf aufmerksam, dass die Freiheits-Medaille, die Angela Merkel aus der Hand Barack Obamas erhielt, während gleichzeitig ihr Handy abgehört wurde, aus Blech ist und schlagen vor, sie per "DHL Paket weltweit bei ordnungsgemäßer Ausfüllung des grünen Zollzettels" zurückzuschicken. Hans-Christian Rössler hat den Geschwister-Scholl-Preisträger Otto Dov Kulka getroffen. Eine Seite ist neuen TV-Serien gewidmet: Unter anderem unterhält sich Lars Weisbrod mit der Serien-Autorin Veena Sud, die "Kommissarin Lund" für das amerikanische Fernsehen adaptiert hat. Abgedruckt wird eine Rede des ehemaligen Verfassungsrichters Udo Di Fabio, der angesichts des Geheimdienstskandals eine europäische Digitaltechnik fordert. Auf der Medienseite schreibt Julian Staib über die Verabschiedung zweier bulgarischer Deutsche-Welle-Mitarbeiter auf Druck einer bulgarischen Bank.

Besprochen werden François Ozons neuer Film "Jung & Schön" und Bücher, darunter ein Band mit Gesprächen von Aris Fioretos und Durs Grünbein (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).