Heute in den Feuilletons

Das Ich, lesbar gemacht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2013. Die NZZ besteht auf dem Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Der Blogger Frank Zimmer will die Aufregung um die kostenlosen Gastbeiträge der Huffington Post (die in der FAS von Stefan Niggemeier angeprangert werden) nicht teilen. Der Naturwissenschaftler Neil deGrasse Tyson staunt auf Twitter über einige Naturwunder in dem Film "Gravity". Die FAZ fürchtet: Italien ist auch ohne Berlusconi marode. Der SZ graut vor einem Lampenfieber-Detektor, der Terroristen aufspüren soll. Und: die Tonschönheit, Phrasierungskunst, Charakterisierungslust Kim Kashkashians.

NZZ, 07.10.2013

Joachim Güntner kann überhaupt nicht verstehen, dass sich niemand über die Totalüberwachung durch die Geheimdienste aufregt: "Wirklich fatal ist nicht einmal die Naivität. Weit schlimmer ist der soziale Druck, den die Formel 'Ich habe doch nichts zu verbergen' entfaltet. Sie unterstellt, dass jemand, der sich lieber bedeckt hält, auf Abwegen wandelt. Sie treibt uns den Sinn dafür aus, dass zur individuellen Freiheit das Recht gehört, in Ruhe gelassen zu werden. Edward Snowden gab diesem Sinn Ausdruck, als er als Motiv seines Whistleblowings angab, er wolle nicht in einer Welt leben, in der alles aufgezeichnet werde, was er sage oder tue."

Abgedruckt wird ein Vortrag des amerikanischen Autors Eric T. Hansen, der die Abgesänge auf die Supermacht USA für vorschnell hält: "Wenn die Nordkoreaner mit der Bombe fuchteln oder in Iran waffenfähiges Kernmaterial hergestellt wird, fragt niemand: Was wird Deutschland dagegen tun? Was China, Russland, die EU, die Uno oder die arabische Welt?"

Weiteres: Marion Löhndorf berichtet von dem Spott, den sich Oliver Hirschbiegel in britischen Medien für seinen Diana-Film eingehandelt hat. Alfred Zimmerlin hat sich Léo Delibes' "Lakmé" an der Opéra de Lausanne angesehen.

Aus den Blogs, 07.10.2013

Die BBC hat sich nun offenbar doch entschlossen, die Snowden-Enthüllungen über britische und amerikanische Gehiemdienste zur Kenntnis zu nehmen. Hier bringt Glenn Greenwald, der Snowdens Dokumente zuerst im Guardian veröffentlichte, die BBC-Moderatorin ein wenig in Verlegenheit:

Stichwörter: Glenn Greenwald, Guardian

Welt, 07.10.2013

Michael Rölcke und Joseph Wälzholz möchten den Literaturnobelpreis abschaffen, weil doch immer die falschen Autoren ausgezeichnet würden (hier die aktuellen Quoten beim Buchmacher Ladbrokes). Manuel Brug mokiert sich über die internationale Dirndl-Schickeria beim Oktoberfest. Der französische Countertenor Philippe Jaroussky gibt im Interview mit Manuel Brug Auskunft über seine Zukunftspläne.

Besprochen werden der neue Monty-Python-Film "A Liar's Autobiography", Jerome Charyns Krimi "Unter dem Auge Gottes", Roger Vontobels Inszenierung von Hebbels "Nibelungen" in Bochum (keine originellen Regieeinfälle, aber "tolles, psychologisches Schauspielertheater", lobt Stefan Keim) und Caspers CD "Hinterland" ("Im fürsorglichen Indiedeutschrock werden alle Popdiskurse endgültig erledigt," seufzt Michael Pilz).
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Aus den Blogs, 07.10.2013

Dezeen präsentiert den schicksten Glastisch der Saison, entworfen von Shigeichiro Takeuchi:




(Via Christoph Kappes) Frank Zimmer kann die Einwände gegen die kostenlosen Gastbeiträge der Huffington Post nicht ganz teilen: "Journalismus als von anderen Berufsgruppen abgeschottete und akademisierte Profession, als Klasse für sich: das ist eine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts. Wobei dieses Konzept von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Denn das Grundrecht der Meinungs- und Pressefreiheit kennt keine Journalisten. Es kennt nur Bürger, die dieses Recht in Anspruch nehmen."

(Via Gawker) Manchmal können Einwände von Naturwissenschaftlern gegen Filmhandlungen auch nerven:

FAZ, 07.10.2013

Dirk Schümer führt beredte Klage über die italienischen Zustände, die auch nach Berlusconi marode sind: "Es wirkt, als hänge das ganze Land am Geld, an der Erfahrung, an den Immobilien, den Renten und am Arbeitseinsatz von Großeltern, Tanten, Schwägern. Die Familie ist der letzte Kitt."

In der Sonntags-FAZ spricht Sascha Lobo im Interview mit Volker Weidermann über seine geplante Buchplattform Sobooks. Und Stefan Niggemeier beklagt die Gratismentalität des Burda-Verlags, der in der deutschen Ausgabe der Huffington Post keine Honorare für Blogbeiträge zahlen will (was sie allerdings auch in allen anderen Ausgaben nicht tut).

Besprochen werden Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos", inszeniert von der einstigen Sängerin Brigitte Fassbaender, in Frankfurt, eine Ausstellung des Künstlers Santiago Sierra in den Hamburger Deichtorhallen, eine neue Choreografie von Anne Teresa de Keersmaeker in Bochum, erste Inszenierungen unter Enrico Lübbe in Leipzig und Bücher, darunter Stephan Kaluzas Roman "Geh auf Magenta" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 07.10.2013

Unter Brasiliens Schriftsteller ist Streit über die Frankfurter Buchmesse ausgebrochen, berichtet Philip Lichterbeck, Bestseller-Autor Paulo Coelho schenkt sich seinen Auftritt gleich ganz: "Der Welt am Sonntag sagte er, dass er von den 70 Schriftstellern nur 20 kenne. Von den anderen habe er noch nie gehört, es seien wohl Freunde von Freunden von Freunden. Coelho spricht von 'Vetternwirtschaft' und dass er die Mehrheit der ausgezeichneten jungen Autoren vermisse. Coelhos Absage ist der Höhepunkt einer Diskussion, die mit der Bekanntgabe der Liste im Frühjahr begann. Denn alle Autoren darauf sind weiß - bis auf zwei: der indigene Daniel Munduruku und der schwarze Paulo Lins, Autor des Welterfolgs 'Die Stadt Gottes'."

Außerdem bekennt Clemens Meyer seine Liebe für Prostituierte und einen gewissen Hang zu Tradition und Kulturpessimismus: "Ich hasse das Internet, es wird uns alle vernichten."

TAZ, 07.10.2013

Regine Müller feiert Anne Teresa De Keersmaeker neue Choreografie "Vortex Temporum", die bei der Ruhrtriennale in Bochum uraufgeführt wurde. Georg Etscheit nimmt erleichtert zur Kenntnis, dass der Bund Naturschutz in Bayern endlich die braunen Flecken in seiner Vergangenheit hat aufarbeiten lassen. Jens Uthoff und Fatma Aydemir streiten über das neue Album "Hinterland" von Rock-Rapper Casper.

Und Tom.

SZ, 07.10.2013

Mit den immer gewiefteren Kombinationsmöglichkeiten von Big Data und der Allgegenwart von Body Scans durch mobile Digitaltechnologie wird es immer einfacher, den Einzelnen in der Masse zu isolieren und direkt zu adressieren, sorgt sich Jörg Häntzschel. Dabei verschwindet unter anderem auch die Möglichkeit, sich aus der eigenen Identität zu lösen, schreibt er: Das "Frühwarnsystem FAST (...) versucht, potenzielle Terroristen bei Gepäckkontrollen anhand verräterischer Körpersymptome (...) aufzuspüren. Unser Körper wird zur Fessel, mit der wir an unsere Identität gekettet sind, und zu unserem eigenen Denunzianten. Nun, da das Ich lesbar gemacht, durchleuchtet und unlösbar mit dem Trägermedium Körper verschweißt ist, sind die alten Methoden, die Masse zu bearbeiten, überflüssig geworden."

Weitere Artikel: Das Fritz-Bauer-Institut hält seit heute viele Stunden Audiomaterial vom Frankfurter Auschwitzprozess online parat, meldet Ronen Steinke. Street-Artist Banksy arbeitet im Oktober undercover in New York (Fotos davon bringt er auf seiner Website) und erste Arbeiten wurden auch schon flugs überpinselt, berichtet Peter Richter. Stephan Opitz schreibt über Pläne in Schweden, das eigene Bibliothekensystem auszubauen. Michael Stallknecht unterhält sich mit der Schriftstellerin Friederike Mayröcker. Harald Eggebrecht resümiert das Jubiläumsfest der Kronberg Academy, wo ihm der Auftritt der Bratschistin Kim Kashkashian sichtlich imponierte: "Es war ein Ereignis an Tonschönheit, Phrasierungskunst, Charakterisierungslust, rhythmischer und klanglicher Artikulation." Auf Youtube kann man sich ebenso mitreißen lassen:



Besprochen werden neue DVDs, eine Magritte- und eine Balthus-Ausstellung in New York (erstere hier mit einem tollen interaktiven Webauftritt, zweitere online schmucklos hier), der Saisonauftakt am Schauspiel Leipzig (über die beiden Uraufführungen von Kathrin Röggla und Wolfram Höll äußert sich Helmut Schödel nicht eben begeistert: "ein einziger Redeschwall, Wortkaskaden, aber kein Satz dabei, den man sich hätte merken wollen") und Bücher, darunter William Jervis Jones' "Historisches Lexikon deutschsprachiger Farbbezeichnungen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).