Heute in den Feuilletons

Wie der Herzschrittmacher eines Riesen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2013. In der Welt meint Joseph Nye: Wir sollen dankbar sein für die Überwachung, sonst könnten wir nicht drüber diskutieren. Im Freitag meint Medienprofessor Hasan Elahi: Kultur ist die beste Verschlüsselung.  FAZ und Tagesspiegel sind vom Salzburger "Don Carlo" überwältigt, aber nicht begeistert. Die NZZ versenkt sich in Heiligenlegenden in Geschichte und Gegenwart. Die taz verzweifelt über die Causa Suhrkamp. Wir bringen aktuelle Bilder und Links zu Bildern aus Kairo.

Aus den Blogs, 15.08.2013

Aus den Blogs, 15.08.2013

Das italienische Blog ilpost.it bringt eine Fotoserie zu den Unruhen in Kairo.

TAZ, 15.08.2013

Dirk Knipphals beginnt allmählich, über die Causa Suhrkamp zu verzweifeln und klagt über Metaphernmangel für das wirre Schauspiel. "Keine Ahnung, was als Nächstes kommt. Vielleicht reitet bald eine Frankfurter Polizei-SEK-Einheit in Berlin ein und besetzt die Räume des Suhrkamp Verlags? Ausgeschlossen ist offenbar nichts ... Zur Sicherheit sei noch angemerkt, dass das mit der Frankfurter SEK natürlich als Witz gemeint war. Man weiß ja nicht, wer hier noch auf welche Gedanken kommt."

Wetere Artikel: In ihrer Amerika-Kolumne staunt Ophelia Abeler über die Winkelzüge, mit denen der Konkursverwalter von Detroit die Stadt aus den Miesen bringen will: Im Gespräch ist ein Ausverkauf des Kunstmuseums und eine Besichtigungstour durch marode Stadtviertel für Gläubiger. Dominik Kamalzadeh berichtet über das Film-Festival von Locarno, das unter neuer Leitung unter anderem Filme von Albert Serra, Joanna Hogg und Joaquim Pinto zeigte. Als Anti-Politiker würdigt Stefan Reinecke in seinem Nachruf Lothar Bisky.

Besprochen werden Thomas Arslans Fim "Gold" über den beschwerlichen Treck einer Gruppe von deutschen Auswanderern 1898 durch Kanada und Sofia Coppolas Film "The Bling Ring" über Teenager, die in die Villen von Hollywoodstars einbrachen.

Adieu, freies Netz. Schon vorgestern pries Reinhard Wolff das totale Zahlmodell einer norwegischen Zeitung.

Und Tom.
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Welt, 15.08.2013

Die Welt verteidigt unermüdlich die Freiheit, außer sie wird von der freien Welt untergraben. Aus Project Syndicate übernimmt das Forum eine vom US-Politiker Joseph Nye verfasste dialektische Verteidigung der Überwachung: "Ironischerweise haben die von Snowden enthüllten Programme dazu beigetragen, neue terroristische Angriffe zu verhindern, wie etwa einen Bombenanschlag auf die New Yorker U-Bahn. Wenn dem so sein sollte, haben sie die Einführung weiterer drakonischer Maßnahmen zur Terrorbekämpfung verhindert - und die aktuelle Diskussion auf diese Weise ermöglicht."

Im Feuilleton gratuliert Marko Martin dem Lyriker Reiner Kunze zum Achtzigsten. Besprochen werden Filme, darunter Noémie Lvovskys Zeitreise "Camille - Verliebt nochmal" und Neil Blomkamps Science-Fiction-Thriller "Elysium".

Aus den Blogs, 15.08.2013

Es ist nicht auf den ersten Blick zu verstehen, warum. Aber dieses Cover der Vanity Fair aus dem letzten Monat hat in den USA großes Aufsehen erregt. Kerry Washington ist die erste schwarze Schauspielerin seit 1993, die das Titelbild der Zeitschrift ziert. Aisha Harris schreibt auf Slate über nicht gerade brillante Lage schwarzer Schauspielerinnen: "It's not just that black actresses are auditioning and not getting cast in larger roles-it seems that they are frequently absent from the casting process entirely."
Stichwörter: USA, Washington, Actress

NZZ, 15.08.2013

Hanne Weskott lernt aus zwei Ausstellungen in München - in der Alten Pinakothek und in der Bayerischen Staatsbibliothek - einiges darüber, wie unterschiedlich Heiligenlegenden im Laufe der Jahrhunderte in der Kunst interpretiert wurden. Im Mittelalter wollte man vor allem festmachen, dass das Neue Testament auf dem Alten fußt. Dies belegt zum Beispiel "Ludolph von Sachsen, der in seiner Vita Christi schrieb: 'Der Sinn des Alten Testaments ist es, das Neue in Bildern und Rätseln vor Augen zu führen.' Selbst die Sintflut galt als Sinnbild der Taufe, aber auch der Kirche selbst am Vorabend der Reformation. Sie wird in einem Meisterwerk von 1516 von Hans Baldung, gen. Grien, als verzweifelter Überlebenskampf von Mensch und Tier rund um den fest verschlossenen Kasten der Arche gezeigt. Wie anders sieht das doch ein halbes Jahrhundert später in dem von Hans Mielich illustrierten Prachtband der 'Sieben Bußpsalmen' von Orlando di Lasso in der Schatzkammer der Staatsbibliothek aus, wo die Rettung bereits begonnen hat und Mensch und Tier den runden Schiffsbauch verlassen können."

Weitere Artikel: Barbara Villiger Heilig besucht einige höchst anregende Workshops für Nachwuchskünstler bei der Biennale teatro in Venedig. Roman Bucheli verkündet die Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Besprochen werden Sofia Coppolas Film "The Bling Ring", Alain Resnais' Film "Vous n'avez encore rien vu", und Bücher, darunter Sabine Appels Biografie der Caroline Schlegel-Schelling (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Freitag, 15.08.2013

Der Medienprofessor Hasan Elahi erklärt im Interview, warum er die Geheimdienste über seine Webseite Trackingtransience.net seit zehn Jahren über alles informiert, was er tut. Ganz so einfach, wie es klingt, macht er es seinen Überwachern aber nicht: "Sie benötigen einen Übersetzer, um zu verstehen, was ich mache. Die Daten können sie bewältigen, die kulturelle Barriere nicht. Ich will sie zu einem anderen kulturellen Verständnis zwingen. Es ist immer möglich, innerhalb des Systems auf das System zu reagieren."
Stichwörter: Geheimdienste

Tagesspiegel, 15.08.2013

Sybill Mahlke ist überhaupt nicht zufrieden mit Verdis "Don Carlo" in Salzburg. Die Starsänger - Anja Harteros und Jonas Kaufmann ausgenommen - sind nicht auf der Höhe, Antonio Pappano dirigiert "unentschlossen" und "seltsam eigenschaftslos". Und die Inszenierung von Peter Stein ist bestenfalls artig-dekorativ: "Die Hofdamen bilden vor mattgrünem Grund mit Planschbecken ein anmutiges Kollektiv. Manches Bild erinnert an alte Gemälde. Viel Staffage, auch hübsche operettige Lampions gehören dazu. ... Das 'Fest' der Ketzerverbrennung wird zum Breitwand-Tableau. Harmloser, ungefährlicher lässt sich die Szene einer Hinrichtung durch die kirchlich unterwanderte Staatsmacht nicht vorstellen als in den schönen bunten Bildern von Peter Stein. Vom Premierenpublikum wird er herzlich gefeiert".

Christiane Peitz lobt Thomas Arslans um 14 Minuten gekürzten Western "Gold": "Auch das Spiel der Darsteller verweigert die vollständige Fiktionalisierung, immer denkt man: Da reiten Nina Hoss und Lars Rudolph und Uwe Bohm, sie sind kostümiert, sie gehören hier nicht hin. Aber das Ungelenke steht ihnen."

FAZ, 15.08.2013

Eleone Büning in Salzburg: buchstäblich überwältigt, wenngleich nicht begeistert. Gegeben wird Verdis "Don Carlo", "steif und fremd" inszeniert von Peter Stein, mit einer "Elite"-Besetzung, dirigiert von Antonio Pappano. Schon ohrenbetäubend ist, "was da anfangs im Großen Festspielhaus aus dem offenen Graben herauskrawallt. Das strömt und dröhnt und dominiert. Gleich die ersten Seufzervorhalte des Vorspiels bolzen wie der Herzschrittmacher eines Riesen herein. Fern und schwach tönt da vergleichsweise der Chor, der ausnahmsweise den ersten Akt eröffnen darf, und sieht doch so wunderselig breughelhaft dabei aus, eine kreidegraue Menschenmenge, wie in Stein gehauen, armes Volk in fahlem Licht, in Breitwandaufstellung."

Außerdem: In Facebook wimmelt es zwar von Urlaubsfotos, doch eine wirkliche Reise-Netzkultur mit enthusiastisch gefüllten Wikis und Blogs hat sich nie herausgebildet, beklagt sich Andrea Diener im Sommerloch. Volker Hütte stellt das Gedenkstätte der Budge-Stiftung vor. Andreas Kilb gratuliert Robert de Niro zum 70. Geburtstag.

Auf der Medienseite fasst Kathrin Maurer die Kontroversen in Pakistan um eine Animationsserie, die sich um eine ordentlich austeilende Superheldin in Burka dreht, zusammen (mehr dazu bei Outlook India).

Besprochen werden Thomas Arslans Western "Gold", die Ausstellung "1913 - Frühlingsweihe" im Staatlichen Museum Stettin und Bücher, darunter Isabella Straubs "Südbalkon" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 15.08.2013

Wenn Mariae starker Arm es will, stehen in Bayern die Druckerpressen still.
Stichwörter: Druckerpresse