Heute in den Feuilletons

Das nenne ich totalitär

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2013. In der Welt erklärt Beuys-Biograf Hans Peter Riegel Beuys Vorliebe für völkische Ideen auch mit der Nähe des Künstlers zu Rudolf Steiner. In Cannes verwandelt die taz nach der Vorstellung von Jia Zhangkes Film "A Touch of Sin" Papierfetzen in Waffen. Im New Yorker erinnert Alex Ross daran, dass Wagner nach Amerika auswandern wollte. Auch Palästinenser lieben Amerika, jedenfalls in Form von geschmuggelten Kentucky Fried Chicken, berichtet der Christian Science Monitor. In der NZZ staunt Nike Wagner, was ihr Urgroßvater alles im Kopf hatte. Die FAZ gratuliert dem Kookbooks Verlag zum Zehnten.

NZZ, 18.05.2013

Literatur und Kunst ist heute ganz Richard Wagner gewidmet. Nike Wagner erzählt die Geschichte des "Tristan"-Autografen, wie sie der Musikwissenschaftler Ulrich Konrad im Nachwort zu dem von ihm herausgegebenen "fabelhaft schönen Farb-Faksimile" beschreibt: "Wir werden Zeuge von der staunenswerten Arbeitsökonomie Wagners und sind fassungslos über die Sicherheit, in der er die hochkomplexen Arbeitsvorgänge koordinierte. Während er noch komponierte, lieferte er dem Verlag das Manuskript bereits portionenweise zum Stechen nach Leipzig. Ein riskante und ungewöhnliche Entscheidung, denn an der Partitur konnte er dann keine Änderungen mehr vornehmen. Außerdem hieß das, große Teile des Werkes fertig im Kopf zu haben."

Weitere Artikel: Dieter Borchmeyer resümiert das Wagner-Bild am Vorabend seines 200. Geburtstag. Der Dirigent Thomas Hengelbrock erklärt im Interview, warum die historische Praxis für Wagner-Aufführungen ideal ist. Und Regine Palma gibt einen Einblick in aktuelle Wagner-Publikationen.

Online-Dating? Funktioniert nicht, oder jedenfalls führt es nicht zu einer dauerhaften Bindung, behauptet aus New York Tomasz Kurianowicz im Feuilleton, denn: "Jedes nächste Date könnte besser sein als das erste." Mary Hawthorne ist schlaflos. Susanne Ostwald berichtet aus Cannes. Joachim Güntner würdigt die Hausfrau. Besprochen wird eine Aufführung von Benjamin Brittens "War Requiem" in Basel.

Weitere Medien, 18.05.2013

Die Ausstellung "PUNK: Chaos to Couture" im New Yorker Met-Museum beschäftigt sich nicht mit der Frage, was Punk war, stellt Jason Diamond in der Paris Review klar. Es geht darum, wie Punk als Mode weiterentwickelt wurde - bis zur Haute Couture. Wer das akzeptiert, wird trotzdem etwas von der Ausstellung haben: "Looking at McQueen's work up close, you understand quickly why it belongs in one of the greatest museums in the world, and situated mere feet away from a dozen pieces created by Westwood and McLaren (as well as Zandra Rhodes, whose work is also on display). Clothes considered transgressive in the late 1970s contrasted with what they begot; some pieces are held together by safety pins, others are made out of fishnet, juxtaposed with couture dresses and ensembles created by a who's who of today's biggest names in fashion: Yves Saint Laurent, Versace, Rodarte." (Bild: mit Sicherheitsnadeln zusammengehaltenes Kleid von Gianni Versace, 1994)

Auf cicero.de schreibt Sophie Dannenberg über 68er-Eltern, die für "kindliche Sexualität" eintraten oder sogar Kinder missbrauchten: "Unsere Eltern taten das nicht, weil sie pädophil waren. Sie taten es, weil sie Sex mit Kindern für fortschrittlich hielten, weil sie dachten, dass Scham und Hemmung bourgeois seien... Rückblickend könnte man sagen, sie haben es nicht so gemeint. Sie haben es anders gemeint. Im Grunde haben sie nur ihre revolutionäre Pflicht getan. Ihr Schweigen dämpft ja auch einiges ab, die Erinnerung, vermutlich auch das später entstandene Schuldbewusstsein."

Welt, 18.05.2013

In der Literarischen Welt unterhält sich Christiane Hoffmans, selbst Autorin eines Beuys-Buches, mit dem Beuys-Biografen Hans Peter Riegel über die Nähe des Künstlers zu rechten und völkischen Ideologien. Ein Antisemit war Beuys sicher nicht, meint Riegel, aber er habe sich auch nie vom Nationalsozialismus distanziert. Und er sei ein großer Anhänger Rudolf Steiners gewesen, dessen Weltbild Riegel schlicht "totalitär" findet: "Der Mensch steht bei Steiner in der Hierarchie auf der untersten Stufe der Existenz. Dann kommen 'Erfinder, Künstler und Forscher', dann die 'geheimwissenschaftlichen Eingeweihten' und schließlich 'übermenschliche Wesen'. Der Mensch überantwortet seine Freiheit übergeordneten Instanzen. Nur die Eingeweihten sind erkenntnisfähig. Das nenne ich totalitär. Und solches Denken ist wohl auch Sekten zu eigen. Joseph Beuys war geradezu besessen davon, derartige Überzeugungen Steiners weiterzutragen. Wie Steiner hat auch er sich offenbar als Eingeweihter empfunden."

Weiteres: Abgedruckt ist eine Berlin-Erzählung der stolzen Stuttgarterin Anna Katharina Hahn. Wieland Freund liest die neue, "Neger"-bereinigte Fassung von Otfried Preußlers "Kleine Hexe" und findet sie völlig in Ordnung so. Manuel Brug ackert sich durch neue Wagner-Bücher. Besprochen werden unter anderen zwei Fragmente zu Thomas Bernhards Roman "Frost", Elliot Perlmans Holocaust-Roman "Tonspuren", Charles-Augustin Sainte-Beuves "Causerien am Montag", Magnus Florins Roman "Der Garten" und Ernst Horsts Geschichte der Freikörperkultur "Die Nackten und die Tobenden".

Im Kulturteil stellt Blogger Airen den Youtube-Kanal "Shore, Stein, Papier" vor, der für den Deutschen Web-Videopreis nominiert ist. Dort erzählt der 40-jährige Ex-Junkie $ick jede Woche ein neues Kapitel aus seinem Leben. Es geht um die Steintorszene in Hannover, Masseneinbrüche und Diebstähle auf Rohypnol, Verhaftungen, die erste Freunde, abgebrochene Lehre usw. Er hat das alles auch schon mal in seinem Blog erzählt, so Airen, aber da waren die Leserzahlen "überschaubar. Seine Videos hingegen werden jede Woche von über zwanzigtausend Menschen angeklickt, ein kleines Webphänomen. Dass er heute ein größeres Publikum erreicht, liegt auch an der professionellen Aufmachung seiner Clips. Die werden von der Osnabrücker Produktionsfirma zqnze (sprich: 'Sequence') produziert. Dort werden die Gespräche aufgenommen, geschnitten und mit einem animierten Intro versehen."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek sah in Cannes Asghar Farhadis palmenwürdigen Film "Le passé". Manuel Brug stellt neue CDs zum Wagner-Jahr vor. Tilman Krause gratuliert dem Schwulen Museum Berlin zum Umzug ins bürgerliche Schöneberg: "Wenn das mal keine Ankunft in der Mitte der Gesellschaft ist." Und Joachim Lottmann teilt sich mit Klaus Maria Brandauer eine Flasche Vogelbeerschnaps.
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Aus den Blogs, 18.05.2013

(via 3 quarks daily) Im New Yorker erinnert Alex Ross daran, dass Wagner in seinen letzten Lebensjahren nach Amerika auswandern wollte: "Cosima Wagner, his second wife, wrote in her diary in 1880: 'Again and again he keeps coming back to America, says it is the only place on the whole map which he can gaze upon with any pleasure: What the Greeks were among the peoples of this earth, this continent is among its countries.' In consultation with Newell Jenkins, an American dentist who had become a family friend, Wagner drew up a plan whereby American supporters would raise a million dollars to resettle the composer and his family in a 'favorable climate'; in return, America would receive proceeds from 'Parsifal,' his opera-in-progress, and all other future work. 'Thus would America have bought me from Europe for all time,' Wagner wrote. The pleasant climate he had in mind was, surprisingly, Minnesota."

Inzwischen scheint Amerika nichts von seiner Anziehungskraft verloren zu haben. Dafür sorgt Kentucky Fried Chicken. Durch einen Tunnel werden deren Hühnchen jetzt von Ägpyten nach Gaza geschmuggelt, berichtet Ahmed Aldabba im Christian Science Monitor. "The al-Yamama company advertises its unorthodox new fast-food smuggling service on Facebook. It gets tens of orders a week for KFC meals despite having to triple the price to 100 shekels ($30) to cover transportation and smuggling fees. The deliveries go from the fryers at the Al-Arish KFC joint 35 miles away to customers' doorsteps in about three hours. The fact that the tunnels operate quickly and cheaply enough for the Colonel's secret recipe to be enjoyed in the tightly controlled Gaza Strip shows just how much of a sieve the Egypt-Gaza border has become."

Warum nicht mal eine Pizza als Touchpad? In Jay Silvers so verblüffendem, wie mitreißenden TED-Vortrag vor ungewohnt spärlicher Kulisse erfährt man, wie es geht (mehr hier). Oder um es mit René Walter von Nerdcore zu sagen: "Spätestens ab 5:30, wenn er mit einem gehackten Bleistift auf Papier zeichnend Musik macht, seine Präsentation auf zwei Pizzas navigiert oder einen Wasserstrahl in ein Theremin umfunktioniert, wird das ganze ziemlich mindblowing. "

TAZ, 18.05.2013

In Cannes freut sich Cristina Nord erst über allerlei Getier, das in Jia Zhangkes neuem Film "A Touch of Sin" eine große Rolle spielt, um dann nachts im Traum unter den Eindrücken eines Films über mexikanische Drogengewalt von einem Schutzgeldkommando heimgesucht zu werden: "Merkwürdigerweise blieb ich ganz ruhig. Ich nahm mir ein Messer und zerschnitt damit die Seiten eines dicken Buchs. Ich war felsenfest überzeugt, die Papierfetzen als Waffe nutzen zu können, sobald es ernst würde."

Außerdem: "Greta Gerwigs linkische Physis gehört zu den großen Kinowundern der Gegenwart", schwärmt Andreas Busche nach Whit Stillmans "Algebra in Love" (den der Perlentaucher zum letzten Jahresausklang unter dem Originaltitel "Damsels in Distress" feierte). Inga Barthels berichtet von einer Berliner Diskussionsveranstaltung über literarisches Bloggen. Fatma Aydemir besucht das Hay Festival in Beirut. Viel Zeit hat sich Annabelle Seubert für ein ausführliches Gespräch mit dem Zeit- und Pausenforscher Karlheinz Geißler genommen. Martin Riechert gruselt sich vor dem Comeback der Armbanduhr" und zwar in Gestalt eines Retro-Wolpertingers, einer Kreuzung aus Fieps-Digitaluhr und Pop-Swatch." Hengame Yaghoobifarah führt ein knappes Gespräch mit Nadine Lantzsch vom Genderblog Mädchenmannschaft über deren neues Buch "Queerfeminismus". Tim Caspar Boehme stellt Bücher zum Wagnerjubiläum vor. Beim Kölner Konzert von James Blake beobachtet Christian Werthschulte Pärchen beim Kuscheln.

Besprochen werden das Bier Josefs Märzen und Bücher, darunter Thomas Jonigks Roman "Melodram" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 18.05.2013

Heiko Hoffmann erfährt im Gespräch mit Daft Punk, warum die Robo-Band ihr neues Album in den großen Städten lieber auf altmodische Weise bewirbt: "Als es also darum ging, wie wir die Platte präsentieren wollen, haben wir beschlossen, einige Ideen aus der Zeit vor MTV und dem Internet aufzugreifen. Als man den Sunset Boulevard entlang fahren und das Plakat für ein neues Album von David Bowie oder Pink Floyd sehen konnte. ... Uns gefällt die Idee, das Internet unserem Publikum zu überlassen."

Auf der Website zum Album finden sich zudem einige Mini-Dokus über die zahlreichen Künstler, die an der Platte mitgewirkt haben. Den Anfang macht ein schönes Gespräch mit Giorgio Moroder:



Weitere Artikel: Johan Simons erklärt Christine Dössel, warum er seine Intendanz bei den Münchner Kammerspielen nicht verlängern will: "Mir fehlt meine Frau. Ich möchte gerne mit ihr in unserem schönen Haus leben." Tobias Kniebe sieht in Cannes neue Filme von Ryan Coogler, Jia Zhangke und Ashgar Farhadi (internationale Pressespiegel dazu hier, hier und hier). Ira Mazzoni meldet den Fund eines einst für Hitler bestimmten Prachtbands mit wertigen Farbfotografien von Kulturgütern. Beim Varèse- und Liszt-Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Riccardo Chailly genoss Michael Stallknecht unter anderem "zahlreiche brillante Soli" (online kann man beim br nicht nur ein Interview mit dem Dirigenten nachhören, sondern auch eine Aufzeichnung des Konzerts).

Besprochen werden eine Ausstellung über Punkmode im Metropolitan Museum of Art in New York, die (etwa hier) den Groll von New Yorks Punks der ersten Stunde auf sich zieht, und Bücher, darunter der erste Band von Samuel Becketts gesammelten Briefen (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende beobachtet Nico Fried den quantitativen Niedergang der Home Story mit Politikern, für den er vor allem Angela Merkels restriktiven Umgang mit der eigenen Privatsphäre verantwortlich macht. Oliver Rezec erzählt in einer langen Reportage wahre Horrorstorys von evangelikalen Familien, die im hessischen Hinterland ganze Landstriche prägen: "Man begegnet hier Menschen, die einem erklären, wann die Frau zu schweigen habe und welche der eigenen Kinder einst im Feuer brennen werden." Außerdem gratuliert Alex Bohn der Levi's 501 zum 140. Geburtstag.

FAZ, 18.05.2013

Wiebke Porombka gratuliert Daniela Seels großartigem Kookbooks Verlag zum zehnten Geburtstag und wünscht ihm einen Mäzen: "Denn mit Autoren wie Steffen Popp, Monika Rinck oder Uljana Wolf hat Seel nicht nur die wichtigsten Stimmen der jungen deutschen Lyrik im Programm, sondern viele davon hat sie auch selbst entdeckt und damit das getan, was große Verlage sich nicht mehr leisten können oder wollen. [...] Die Summe, die Seel nennt, ist ziemlich moderat. Mit 10.000 Euro im Jahr hätte man bei Kookbooks bereits eine solide Basis. Bis sich jemand findet, bleibt Seel, die vor zehn Jahren ihr Erbe einsetzte, um den Verlag gründen zu können, weiter die Frau für alles, was anfällt." (Da muss sich doch in Deutschland jemand finden?)

Weitere Artikel: "Le Pouvoir", ein Dokumentarfilm über Francois Hollande als Präsident Frankreichs, ist ein Flop, meldet Nils Minkman in der Leitglosse. Dieter Bartetzko begutachtet würfelförmige Entwürfe für Museumserweiterungen in Frankfurt und Regensburg. In Cannes verließ Verena Lueken geradezu revolutionär gestimmt Jia Zhangkes Wettbewerbsbeitrag "A Touch of Sin". Maybrit Illner plaudert im Interview über Talkshows und zeigt sich nur einmal leicht genervt bei dem Vorwurf, es gebe zu viele, die jeden Abend "eine neue Sau durchs Dorf" treiben müssten: "Dass jeden Morgen die gleiche Sau von einem Dutzend Tageszeitungen filetiert wird, ist ja auch kein Problem."

Besprochen wird Frank Hoffmanns Inszenierung der "Rose Bernd" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen.

In der Frankfurter Anthologie stellt Jochen Jung ein Gedicht von Rilke vor:

"Wie die Vögel

Wie die Vögel, welche an den großen
Glocken wohnen in den Glockenstühlen,
plötzlich von erdröhnenden Gefühlen
in die Morgenluft gestoßen
..."