Heute in den Feuilletons

Raumschiffe hin oder her

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.04.2013. Die Welt ist stinksauer über die Entscheidung des Berliner Senats, am Alexanderplatz keine Wohnungen zu bauen. In der taz fragen Micha Brumlik und Hajo Funke, was die evangelische Akademie Loccum reitet, mit iranischen Schergen zu paktieren. In der NZZ protestiert die Pharmakologin und Bloggerin Ghada Abdelaal gegen die Sexualmoral der Muslimbrüder, die die Lage der Frauen in Ägypten noch verschlimmert haben.

TAZ, 15.04.2013

Micha Brumlik und Hajo Funke fragen, was die evangelische Akademie Loccum reitet, den iranischen Botschafter Ali Reza Sheikh Attar zu einer Konferenz über die iranische Zivilgesellschaft einzuladen: "Der Botschafter dieses Landes in Deutschland, Ali Reza Sheikh Attar, soll als Gouverneur der Provinzen Kurdistan und Westaserbaidschan in den 80er Jahren den Tod Hunderter Menschen zu verantworten haben: Auf seine Anordnung sollen Angehörige der Revolutionsgarden Massenerschießungen exekutiert und Vergewaltigungen begangen haben."

Aus Anlass einer neuen Werkausgabe huldigt Piotr Dobrowolski den Brüdern Arkadi und Boris Strugatzki, die als Großmeister der sowjetischen Fantastik weder Dissidenten noch Günstlinge des Regimes waren: "Als romantische Moralisten, die - Raumschiffe hin oder her - tief in der Tradition des 19. Jahrhunderts verwurzelt sind, haben sich die Strugatzki-Brüder schon früh zu erkennen gegeben. Wie Stanislaw Lem, der international bekanntere polnische Kollege, ließen auch sie sehr bald das offiziell propagierte Modell der hoffnungsfrohen Fantastik hinter sich. Höchstens in ihren frühen Texten ist die Zukunft als Projektionsfläche für ein gerechteres und besseres Morgen deutbar."

Weiteres: Joachim Lange feiert die Eröffnung des nagelneuen Opernhauses in Linz: "Wo gibt's das heutzutage in Europa schon noch?". In seinem Wochenrücklick erinnert Friedrich Küppersbusch an die Peinlichkeiten in der Affäre Wulff: "Mir ekelt vor Staatsanwälten im Auftrag der Bild-Zeitung."

Und Tom.

NZZ, 15.04.2013

Die Pharmakologin und Bloggerin Ghada Abdelaal ("Wanna be a bride") beschreibt, wie Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe in Ägypten Mittel wurden, um Frauen zum Schweigen zu bringen: "Sie läuten eine neue Ära des Verbrechertums in einem Staat ein, dessen Bewohner einer jahrelangen Gehirnwäsche unterzogen wurden, bis sich ihr Ehrbegriff auf ein Stückchen Haut beschränkte und sie bereit waren, Schuld und Schande allein dem missbrauchten Opfer zuzuweisen. Die jetzt regierenden Machthaber haben vor ihrem Aufstieg dazu beigetragen, die gesellschaftlichen Werte des Landes zu deformieren, und sie zeigen wenig Toleranz gegenüber Andersdenkenden - geschweige denn gegenüber Frauen, die ihre Freiheit einfordern."

Weiteres: Daniel Ender freut sich über die Eröffnung des neuen, technisch sehr avancierten Opnerhauses in Linz. Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Ibsens "John Gabriel Borkman" am Schauspiel Frankfurt und Lars-Ole Walburgs Bühnenfassung des "Felix Krull" im Zürcher Schauspielhaus.

FR/Berliner, 15.04.2013

Arno Widmann hat sich im Berliner Zeughaus-Kino Leni Riefenstahls "Olympia"-Filme angesehen, und konnte all den lustvoll gefilmten Körpern im freien Flug durchaus etwas abgewinnen. Vor allem aber fielem ihn zwei Dinge auf: "Jede unserer heute noch so politischkorrekten Sportübertragungen ist 'nationalistischer' als der Riefenstahl- Film. An keiner Stelle wird zum Beispiel erwähnt, dass Deutschland mitweitem Abstand die meisten Medaillen gewonnen hat. Das wäre heute undenkbar. Und noch etwas: Der Enthusiasmus hielt sich in Grenzen. Unvorstellbar, dass der Führer die Arme in die Höhe reißend aufspringt. Vielleicht nicht unvorstellbar, aber für diese Art Freude ist in dem Riefenstahl-Film kein Platz. Der Führer erscheint als ein ganz normaler Mann, der seinen Nachbarn Göring und Goebbels ab und zu mal einen begeisterten Blick zuwirft..."
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Stichwörter: Deutschland, Arno Widmann

Welt, 15.04.2013

Stinksauer ist Dankwart Guratzsch über den Plan von Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, den seit zwanzig Jahren vorliegenden, von Hans Kollhoff entworfenen Hochhausplan für den Alexanderplatz kippen. Die zehn 150 Meter hohen Türme würden Blickachsen auf DDR-Hochhäuser verstellen, begründet Lüscher die Absage. Dann baut man sie eben niedriger, meint Guratzsch, hauptsache es entstehen endlich wieder Wohnungen in der Stadtmitte: "Nun muss man nur die Berliner Zeitungen aufschlagen, um belehrt zu werden, wie dringend der Bedarf an Wohnraum im Berliner Zentrum ist. Auf den Straßen kommt es zu erbitterten Demonstrationen. Eine Frau, die wegen Mietschulden aus ihrer Wohnung geklagt wird, stirbt. Um die Umwandlung billigen Wohnraums in teuren zu unterbinden, wird den Vermietern untersagt, eine Fußbodenheizung und ein zweites Waschbecken einzubauen. Und dies alles nur, weil das Mindestmaß an Führung in der Baupolitik fehlt."

Weitere Artikel: In seiner Feuilleton-Kolumne buchstabiert heute Marc Reichwein "P wie Pop-Roman". Manuel Brug erhofft sich Stilbildendes vom neuen Ballettchef des Pariser Opernballetts, Benjamin Millepied.

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Ibsens "John Gabriel Borkman" am Schauspiel Frankfurt, eine neue CD des Folksängers Devendra Banhart und die ARD-Doku "Der Zschäpe-Prozess", die, so Sven Felix Kellerhoff in einer scharfen Kritik, die als Mittäterin Angeklagte zu einer Randfigur stempelt.

Aus den Blogs, 15.04.2013

Aufgewacht, es ist Montag - und die Sonne scheint! Der Perlentaucher lässt da glatt die Schweineorgel fliegen - mit Yan Treggers "Sun Adoration":



(Via Christoph Keese) Oh je, jetzt hat auch Techcrunch die Wahrheit über Berlin herausgefunden: "The hype about the Berlin tech startup scene has continued this year, but as 2013 ebbs into spring, many are asking the same question: When will the hype turn into real results?"

Hier ein auf Facebook zirkulierender kleiner Vorgeschmack auf die bevorstehende grün-rote Koalition:


Stichwörter: Berlin, Facebook, Hypes

SZ, 15.04.2013

Der Soziologe Ulrich Bielefeld möchte die NSU-Terrorzelle mit Elias Canetti als "Hetzmeute" deuten, die sich u.a. deshalb bilden konnte, weil die Politik nach den rassistisch motivierten Brandanschlägen in den 90er Jahren in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda die Attentäter nicht rigoros kriminalisierte: "Zwei von Elias Canetti herausgearbeiteten Charakteristika der Hetzmasse, Gefahrlosigkeit und Straflosigkeit, wurden so gesellschaftlich zumindest auf Zeit garantiert. Gleichzeitig wurden die Opfer der Gewalt, Fremde, Ausländer, ehemalige Kontraktarbeiter und Asylsuchende, im politischen Diskurs als das der Gewalt zugrunde liegende Problem bestimmt und anerkannt. Die Beendigung dieser Serie (keineswegs aller Brandanschläge) wurde nicht politisch, sondern gesellschaftlich-sozial organisiert."

Besprochen werden neue DVDs (darunter eine Ausgabe mit Experimentalfilmen aus der alten BRD), die Ausstellung "Auf den Spuren der Irokesen" in der Bundeskunsthalle in Bonn, Ibsens "John Gabriel Borkman" am Schauspiel Frankfurt, Philip Glass' Oper "Spuren der Verirrten", mit der das neue Musiktheater in Linz seinen Betrieb aufnimmt, und Bücher, darunter eine Sammlung von Notizen und Seminarprotokollen von Martin Heidegger (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 15.04.2013

Hannah Lühmann erklärt, wer die "Identitären" sind, eine rechtsextreme Bewegung, die die Techniken des Internets und die Erkennungszeichen der globalisierten Protestfolklore (Guy-Fawkes-Masken!) benutzt. Dirk Schümer wirft einen betrüblichen Blick auf die selbstverschuldete Kassenlage italienischer Kulturinstitutionen. Marcus Jauer dröselt den Berliner Streit um einen verbliebenen Mauerstreifen (der in Wirklichkeit keiner ist) auf. Wiebke Poromka verfolgte die Diskussionsreihe "Kulturen des Lesens" am Literarischen Colloquium.

Besprochen werden Ibsens "John Gabriel Borkman" in Andrea Breths Inszenierung (von Gerhard Stadelmaier auf Seite 1 ausführlich besungen), eine Philipp-Glass-Oper nach Peter Handke in Linz, Dürrenmatts "Die Ehe des Herrn Mississippi" in der Regie Christine Eders am Hamburger Thalia Theater und Bücher, darunter Shereen El Fekis "Sex und die Zitadelle" über Sex in der arabischen Welt (vorgeblättert im Perlentaucher, mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).