Heute in den Feuilletons

Blitzender Reflektor

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2013. Die Welt gibt den polnischen Kritikern der ZDF-Serie "Unsere Mütter Unsere Väter" recht. Im Freitag denkt Herfried Münkler über den Krieg mit Drohnen nach. Wir bringen viele Links amerikanischer Medien und Blogs zum Tod des großen Filmkritikers Roger Ebert und ein Video, in dem er erzählt, wie er seine Stimme wiederfand. Die SZ staunt über das pompejanische Sexleben. Die taz feiert James Blake. FAZ und Welt kritisieren das bürokratische OLG München, das sich außerstande sieht, türkischen Journalisten Zutritt zum NSU-Prozess zu gewähren. 

Welt, 05.04.2013

Gerhard Gnauck greift im Forum polnische Kritik an der ZDF-Kriegsschmonzette "Unsere Mütter Unsere Väter" auf (siehe auch Adam Krzeminski im Perlentaucher) und gibt ihr weitgehend recht. Gegen Nico Hofmanns Antwort auf die Kritik - "Die Partisanen sind polnische Nationalisten der Heimatarmee" - ruft Gnauck in Erinnerung: "Diese Männer und Frauen haben das getan, wozu Nico Hoffmans Vater, den der Filmemacher selbst in die Debatte eingeführt hat, nicht in der Lage war: Sie haben dazu beigetragen, Deutschland aus dem braunen Sumpf zu befreien, aus dem es sich am eigenen Schopf nicht herausziehen konnte. Das war freilich nicht ihr oberstes Anliegen - ebenso wenig wie die erste Priorität Churchills und de Gaulles."

Ebenfalls im Forum mahnt Richard Herzinger den untätigen Westen, der - besonders getrieben durch Deutschland - den syrischen Schergen weiterhin untätig zuschaut: "Der Westen versäumt es weiterhin, durch die Aufrüstung ihm nahestehender Kräfte Einfluss auf die innere Struktur der Aufstandsbewegung zu nehmen und sich damit eine Basis für die Zeit nach dem möglichen Sturz Assads zu schaffen."

An das Feuilleton schickt Marko Martin einen schönen Brief aus Chile, wo über den rätselhaften Tod Pablo Nerudas kurz nach dem Pinochet-Putsch diskutiert wird und das vierzigste Jubiläum des Putsches bevorsteht. Tilman Krause fragt mit Blick auf die unglaublichen Vorgänge beim OLG München, das sich beim NSU-Prozess unfähig sieht, türkische Prozessbeobachter zuzulassen: "Warum können die Deutschen nicht sensibel auf Empfindlichkeiten Anderer reagieren?" Hanns-Georg Rodek schreibt den Nachruf auf die Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala. Anne Waak interviewt das Berliner Pop-Duo Jeans Team. Uwe Schultz berichtet über die Sanierung des Pariser Pantheons. Und Gerhard Gnauck porträtiert die ukrainische Autorin Maria Matios, die für einen dezidiert prowestlichen Kurs eintritt ("Und sie schwärmt von Klitschko - übrigens auch umgekehrt").

TAZ, 05.04.2013

Christian Werthschulte traf den britischen Musiker James Blake und unterhielt sich mit ihm unter anderem über dessen neues Album "Overgrown". Sein Fazit: "Musik als Schulterschluss - man fühlt es oder man fühlt es nicht. Die Gefühle und Affekte der anderen, derjenigen, die im gleichen Club auf dem anderen Floor tanzen, wo die Musik lauter und die Sneakers etwas greller sind, bleiben für gewöhnlich erstmal unverständlich. Da tut es gut, wenn darüber jemand spricht, der einem ähnlich ist - einer von 'uns', ein "Indietyp": intelligent, einfühlsam, aber kompromisslos der Kunst verschrieben."

Besprochen werden das "beinahe zu perfekte" Album "New Found Land" der schwedischen Musikerin Anna Roxenholt und Scott Bradfields Roman "Die Leute, die sie vorübergehen sahen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.
Stichwörter: James Blake, Musik, Sneaker

Freitag, 05.04.2013

Die USA schaffen eine militärische Auszeichnung für Soldaten, die vom Büro aus Drohnen ins Ziel steuern. Jan Pfaff unterhält sich mit Herfried Münkler über die Psychologie des allerneuesten Krieges: "Heldentum ist dann nicht mehr an die Gleichverteilung der Tötungschancen gebunden. Das können sich die westlichen Gesellschaften auch aufgrund ihrer niedrigen Geburtenrate gar nicht mehr leisten. Deshalb zeichnet man Soldaten für Leistung aus, nicht für den Einsatz des eigenen Lebens."
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NZZ, 05.04.2013

Marcel Malachowski stellt die vor zehn Jahren in Frankfurt gegründeten Roma-und-Sinti-Philharmoniker vor, die nun ein Requiem des Schweizer Komponisten Roger Moreno Rathgeb zum Gedenken an Auschwitz erarbeitet haben: "Die Philharmoniker sind jüdische, muslimische, orthodoxe, katholische und agnostische Roma und Sinti, wie ein Mosaik der Vergangenheit und der Zukunft, das auch Rathgeb, wie er sagt, mit seinem Requiem schaffen wollte."

Weiteres: Zum hundertjährigen Bestehen des Pariser Théâtre des Champs-Elysées referiert Marc Zitzmann die Geschichte des TCE. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt präsentiert Architektur für Senioren, meldet Roman Hollenstein. Maria Becker berichtet von einer Picasso-Retrospektive im Kunstmuseum Basel. Besprochen werden eine neue CD-Reihe der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung mit Porträts junger Komponisten und zwei neue Einspielungen der Werke des Schweizer Komponisten Hans Huber.

Aus den Blogs, 05.04.2013

(via Open Culture) Wir wussten überhaupt nicht, dass Anne Bancroft mit Mel Brooks verheiratet war! Hier singen die beiden in den Siebzigern live in einer Fernsehschau eine hinreißende polnische Version von "Sweet Georgia Brown":



Der große amerikanische Filmkritiker Roger Ebert ist tot, meldet BoingBoing und verlinkt auf den ausführlichen Nachruf in der Chicago Sun-Times auf einen der größten Filmkritiker Amerikas, "though of course Ebert was not infallible -- while giving Mike Nichols' 'The Graduate' four stars in the same year, he added that the movie's 'only flaw, I believe, is the introduction of limp, wordy Simon and Garfunkel songs.'" Und The Onion schreibt eine Ebert-Filmkritik als Hymne aufs Leben: "At times brutally sad, yet surprisingly funny, and always completely honest, I wholeheartedly recommend existence."

In diesem TEDtalk-Video von 2011 erzählt Ebert, wie er nach einer Schilddrüsenkrebsoperation seine Stimme wiederfand:



Im Culturmag gratuliert Wolfram Schütte der Lettre International und ihrem Herausgeber Frank Berbereich zur hundertsten Ausgabe (und schließt sich damit Arno Widmann, hier, an). Für ihn "bietet diese 'Zeitschrift für Europa' nicht nur unterschiedlichste Reflexionen über europäische Belange, sondern genauso ist sie - thematisch & durch ihre Beiträger weit darüber hinausgreifend - ein blitzender Reflektor dessen, was weltweit ansteht, geschieht, gedacht & ästhetisch-intellektuell gemacht wird."

Da wendet selbst die Daily Mail ihre Augen zwei Sekunden vom Hintern Kim Kardashians ab: Jarrod Scott, ein australisches Model mit deutsch-italienischen Wurzeln, wurde in seiner ganzen Pracht von David Sims für die Vogue abgelichtet. Er sieht auch mit Pullover gut aus.

Ein hübsches Häuschen ist auch nicht schlecht, findet Designboom.

SZ, 05.04.2013

Angeregt streift Alexander Menden im British Museum durch eine "wunderbar schnörkellose" Ausstellung über das Leben in Pompeji und Herculaneum, die neben Skulpturen auch Alltagsgegenstände und Graffiti zeigt: "Welch selbstverständliche Rolle Sexualität im römischen Alltag spielte, beweisen zahlreiche Objekte in der Londoner Ausstellung. Als Mitte des 18. Jahrhunderts in der Villa der Papyri in Herculaneum eine Marmorskulptur des Gottes Pan im Liebesspiel mit einer Ziege ausgegraben wurde, waren die Entdecker zutiefst schockiert. Solche Frivolität hatte man den Römern dann doch nicht zugetraut."

Weitere Artikel: Bernd Graff unterhält sich mit Oliver Bienkowski, der für seine Werbeagentur Obdachlose mit PCs und je 250 Social-Media-Profilen ausstattet, um mit diesen dann gekaufte Shitstorms zu konzertieren. Dorion Weickmann besucht Marco Goeckes Tanzproben für das Movimentos-Festival. Roswitha Budeus-Budde berichtet von der Kinderbuchmesse in Bologna, die " immer mehr einem globalen Kinder- und Jugendmedienmarkt" gleicht. Außerdem stellen die SZ-Autoren auf einer ganzen Seite im letzten Jahr von deutschen Museen angeschaffte Werke vor.

Besprochen werden die neue Steve-Carell-Komödie "Der unglaubliche Burt Wonderstone" und Bücher, darunter Jochen Missfeldts Biografie über Theodor Storm (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und auf der Medienseite fragt Claudia Tieschky, welche "journalistischen Standards" Berliner Zeitungs-Autor Arno Widmann mit seinem kritischen Artikel über seinen Verleger Alfred NevenDuMont eigentlich verletzt haben soll, mehr im Perlentaucher.

FAZ, 05.04.2013

Andreas Meister von Netzpolitik weist auf einen Artikel hin, der gestern auf der Technik-und-Motor-Seite der FAZ stand: Michael Spehr erklärt darin, wie die Telekom versucht, in Deutschland langsam die Netzneutralität aufzuheben. Die Politik hält sich raus, obwohl Netzneutralität in anderen demokratischen Ländern eine wichtige Rolle spielt. Mit gutem Grund, so Spehr: "Die Aufhebung der Netzneutralität bedeutet stets den Vorgang des Bremsens, der Filterung und letztlich der Zensur. Der Provider unterscheidet dann verschiedene Dienste voneinander und stellt beispielsweise Pakete aus 'fremden' Videodiensten nur verzögert zu. Er blockiert andere Dienste, wie das etwa bei der Internettelefonie in den deutschen Mobilfunknetzen bereits üblich ist."

Im heutigen Feuilleton schildert Andreas Platthaus die verzwickte Lage, in der sich das Münchner Oberlandesgericht vor Beginn des NSU-Prozesses wegen der Vergabe der unter dem Ansturm der Presse viel zu knappen Plätze im Gerichtssaal befindet. Auch wenn vieles Abwägen sein Verständnis findet, geht er nicht bei allem mit: "Unangemessen war es, in diesem Fall ein Verfahren zur Vergabe von Presseplätzen zu etablieren, das notwendig einheimische Medien, die mit den Usancen des Gerichts vertraut sind, bevorzugt. Was wäre eigentlich geschehen, wenn sich zuerst ein Großteil Mitarbeiter von rechtsradikalen Publikationen als Prozessbeobachter angemeldet hätte?"

Markus Bickel besucht in Bagdad den Dirigent Karim Wasfi, der die Wunden der Stadt mit kulturellem Engagement heilen will und von Resignation wenig hält: "Bis heute könne er nicht verstehen, weshalb es seinen ansonsten so weltgewandten und flexiblen Landsleuten nicht gelungen sei, sich der amerikanischen Besatzung anzupassen. Dass der Irak auch ein Jahrzehnt später auf der Stelle trete, sei 'ein irakisches Problem, kein amerikanisches oder internationales', ist Wasfi überzeugt."

Weitere Artikel: Oliver G. Hamm vermisst das frühere Profil der Internationalen Bauausstellung in Hamburg und die Verhaftung "in den gewachsenen Milieus der Elbinsel". Constanze Kurz stellt das Digitalgeld Bitcoin vor. Stefan Koldehoff erläutert die Hintergründe des Streits um die Echtheit eines angeblichen Van-Gogh-Selbstporträts, das das Nevada Museum of Art ausstellt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten von Pae White in Neuss (bei der es laut Magdalena Kröner "schillert und flimmert", Bild), neue CDs, darunter das neue Album von Low, eine Ausstellung mit Handschriften von unter anderem Friedrich Nietzsche in Weimar, die Ausstellung "Im Schatten der Pyramiden" im Kunsthistorischen Museum Wien und Bücher, darunter Marie Darrieussecqs Roman "Prinzessinnen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).