Heute in den Feuilletons

Friedrich Christian Delius kickte mit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.02.2013. Götz Aly erinnert in der Berliner Zeitung an alle Arbeiter, Arbeitslose, Kleinrentner, verarmten Bauern, Dienstboten, Mägde, die ... äh... Nazis waren. In der NZZ zieht der Theologe Jan-Heiner Tück eine keineswegs nur positive Bilanz des Pontifikats Benedikts XVI. Die SZ kritisiert die Schavan-Entscheidung der Uni Düsseldorf als jakobinisch. Gizmodo hat herausgefunden, dass der Iran eine neue Technik nutzt, um Kampfflieger in den Himmel zu schicken: Photoshop. Slate.fr teilt die jüngst gefundene Primzahl durch 1.Alle Zeitungen feiern Jafar Panahis Film "Closed Curtain".

Weitere Medien, 13.02.2013

Götz Aly erinnert in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung an eine einfache historische Wahrheit: "Zu Hitlers Wählern zählten Millionen Arbeiter, Arbeitslose, Kleinrentner, verarmte Bauern, Dienstboten, Mägde, (damals beamtete) Lokführer und Postboten, Verkäuferinnen und Stenotypistinnen. Von diesen hat der heutige, nicht zugewanderte Deutsche bestimmt manch einen unter seinen Vorfahren. Wer seine Familie und sein Weltbild jedoch sauber halten möchte, der rede sich stattdessen ein: Bosse, Junker, Banker und das Monopolkapital persönlich verhalfen diesem Führer zur Macht."
Stichwörter: Götz Aly

Perlentaucher, 13.02.2013

In unserer Berlinale-Kolumne: Jafar Panahi und Kamboziya Partovi lichten alle ontologischen Anker. Bruno Dumont hat in "Camille Claudel" nur Augen für Juliette Binoche. Und Steven Soderbergh zeigt in "Side Effect", so Nikolaus Perneczky, "eine interessante Alternative zu den Genre-Adelungen und -Veredelungen, die hierzulande de rigueur sind: Planes Genrekino mit Welthaltigkeit".

TAZ, 13.02.2013

Jan Feddersen gratuliert dem Schriftsteller F.C. Delius sehr herzlich zum siebzigsten Geburtstag: "Er stand ja nie in der ersten Reihe dieser Bewegung, aber er lernte sie gut kennen, und zwar deren größte Lautsprecher und -schreiber. Rudi Dutschke, Otto Schily, Wolfgang Neuss, natürlich - auch Horst Tomayer, Hans Christoph Buch. In einer Nische des selig bohemehaften Westberlin, beim Fußball. Da holzten und bolzten die Macker der Bewegung. Friedrich Christian Delius kickte mit. Ein schüchterner junger Mann, kein Star des Milieus, aufgewachsen als Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie im Hessischen, der aber immerhin zweimal für Auswärtsspiele Dutschkes Stollenschuhe ausborgen durfte."

Weiteres: Katrin Bettina Müller begutachtet die Auswahl für das anstehende Theatertreffen. Dirk Knipphals entspannt sich bei "Die Hard 5".

Auf den Berlinale-Seiten erklärt unter anderem Andreas Fanizadeh Jafar Panahis und Kamboziya Partovis Film "Parde" als "surreal-ironisches Versteck-Kammerspiel". Außerdem empfiehlt er Shaul Schwarz' verstörenden Dokumentarfilm "Narco Cultura". Und Diedrich Diedrichsen feiert James Bennings Versuchsanordnung "Stemple Pass", die nur vordergründig vom Una-Bomber Ted Kaczynski und der Natur erzähle, in Wahrheit aber vom Kino.

udn Tom.
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Welt, 13.02.2013

Auf der Berlinale liest ein beeindruckter Hanns-Georg Rodek zwischen den Zeilen von Jafar Panahis Wettbewerbsbeitrag "Pardé", bis der Regisseur plötzlich selbst auftritt: "Sein Alter Ego verschwindet, und das Versteckspiel hat sein Ende, nun geht alles voll auf seine Kappe. Nun müssen auch die Besucher Stellung beziehen. Zwei Glaser reparieren ein zertrümmertes Fenster (Einbrecher? Staatsrowdys?), und der eine bittet ausdrücklich um ein Foto mit dem berühmten Herrn Panahi, und der andere bittet um Entschuldigung, dass er nicht mit aufs Foto will. So gelingt 'Parde' das in der Filmgeschichte ziemlich einmalige Kunststück, gleichzeitig allegorisch und konkret zu sein."

Weitere Artikel: Elmar Krekeler besucht den ausgeweideten Zoo-Palast, in dem früher die Berlinale stattfand. Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf den Regisseur Steven Soderbergh, der mit seinem Wettbewerbsbeitrag "Side Effects" ("Tour de Force aller Regietricks des klassischen Hollywoods") seine Kino-Karriere für beendet erklärt. Matthias Heine schreibt den Nachruf auf Don Rosa, der seine Karriere als Comic-Zeichner für beendet erklärt hat. Alan Posener hofft, dass mit dem Rücktritt des Papstes der Ausflug der Kirche ins Mittelalter beendet ist. Abgedruckt ist ein bisher unveröffentlichter Augenzeugenbericht des Schriftstellers Ernst Köhler-Haußen über die Bombardierung Dresdens 1945. Tilman Krause gratuliert F. C. Delius zum Siebzigsten.

Besprochen werden zwei Antike-Opern, nämlich Wolfgang Rihms "Dionysos" in Heidelberg und Manfred Trojahns "Orest" in Hannover.

Aus den Blogs, 13.02.2013

Der Iran hat sein Bild eines fliegenden Kampfbombers bisher nur mithilfe von Photoshop verwirklichen können, freut sich Gizmodo: "Seriously, the stock image that Iran used of magestic Mount Damavand can be found at PickyWallpapers.com. If you brighten up the picture a little bit, it's the SAME EXACT THING."


Konstantin Kakaes begrüßt auf slate.fr die größte jemals gefundene Primzahl. Der Mathematiker Curtis Cooper von der Universität Missouri hast Ende Januar bekanntgegeben. "Die neue Zahl hat 17.425.170 Ziffern - sie auszuschreiben entspricht einer Datei von 22,45 Megabyte."

NZZ, 13.02.2013

Als freiwilligen Machtverzicht wertet der Theologe Jan-Heiner Tück den Rücktritt des Papstes positiv und beispielhaft, die Amtszeit Benedikts XVI. indes resümiert er verhalten: "Durch Worte hat Benedikt in Predigten, Ansprachen, Audienzen, aber auch durch Enzykliken, Bücher und Interviews gewirkt. Anhänger und Kritiker kommen darin überein, dass sie den Worten des Papstes gedankliche Klarheit und sprachliche Eleganz bescheinigen. Unter den 'Taten' des Pontifikats stechen freilich die umstrittenen Bemühungen um eine Aussöhnung mit der traditionalistischen Piusbruderschaft und auch das Krisenmanagement im Umgang mit den Missbrauchsfällen hervor."

Weiteres: Joachim Güntner fasst zusammen, wie in Deutschland der Papstrücktritt kommentiert wird. Besprochen werden eine Ausstellung des Zeichners Alfred Kubin im Kuntshaus Zug, Kevin Kuhns Debütroman "Hikikomori" und Klabunds Klassiker "Literaturgeschichte" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)

SZ, 13.02.2013

"Jakobinisch" findet Ernst-Ludwig Winnacker auf der Seite 2 der SZ die Entscheidung der Uni Düsseldorf, Annette Schavan ihren Doktortitel abzuerkennen. Offenbar verstehe man in diesen Kreisen gar nicht, was ein Plagiat ist: "Dabei geht es nicht nur ums Zitieren, sondern um die Frage, warum an bestimmten Stellen Hinweise auf die Quellen korrekt gegeben werden und warum sie an anderen Stellen fehlen. Dieser Frage nach dem 'Warum' ist die Düsseldorfer Fakultät ganz offensichtlich nicht nachgegangen. Wo und wann beispielsweise grenzt eine Paraphrase, also der Versuch, einen bestimmten Sachverhalt mit eigenen Worten darzustellen, an ein Plagiat? Wo reicht eine indirekte Rede, um klarzustellen, dass es sich nicht um eigene Gedanken handelt? Wer diese und andere Fragen nicht stellt, gründet seine Recherchen auf reinem Misstrauen, und stellt damit das ganze System infrage."

Tomas Avenarius trifft in Kairo den Künstler Mohsen Shaalan, der während einer Haftzeit im vergangenen Jahr seine Co-Insassen vom Mubarak-Clan malte: "Seine Arbeiten sind ein Sittenbild des Strafens, düster und schwarz, in Nahaufnahme: Männer in Handschellen, auf Pritschen, Katzen schleichen um sie herum, Gefängniswärter starren sie an, Gitterstäbe zerschneiden das Licht, Köpfe werden zusammengesteckt. Verzweiflung mischt sich mit dem Rückstand der Arroganz von Macht."

Außerdem: Der Theologe Martin Ohst erläutert, wie in den letzten 200 Jahren der Inhaber des Papst-Amtes vor das Amt selbst gerückt ist - eine Entwicklung, die Josef Ratzingers angekündigter Rücktritt seiner Ansicht nach tendenziell umkehrt. Fritz Göttler gratuliert der großen Kim Novak zum 80., Helmut Böttiger dem Autor Friedrich Christian Delius zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden eine Ausstellung der Engel von Paul Klee im Folkwang-Museum Essen, Berlinale-Wettbewerbsfilme von Bruno Dumont, Jafar Panahi, Pia Marais und Steven Soderbergh, ein Forums-Film über den brasilianischen Künstler Hélio Oiticica, die Uraufführung von Noah Haidles Stück "Skin Deep Song" am Theater Essen und Bücher, darunter Joachim Meyerhoffs Roman "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 13.02.2013

Verena Lueken schreibt in ihrer Berlinale-Kolumne über Jafar Panahis Film "Pardé" ("Closed Curtain"), der heimlich in einer Villa mit verhängten Fenstern gedreht wurde: "Es ist ein Szenario aus einem Gespensterfilm, mit Türen, die sich von allein öffnen, unerklärlichen Geräuschen, Figuren, die aus dem Nichts kommen und sich einmischen, Funkgeräuschen vor der Tür. Es ist natürlich auch ein Szenario aus einem Überwachungsstaat."

Weitere Artikel: Kafka-Herausgeber Roland Reuß klagt über die Auswirkungen des Internets auf den Buchhandel. Fridtjof Küchemann beschwört die Auswirkungen des Internets auf Buch- und Schuhhandel. Evgeny Morozov warnt vor den Auswirkungen des Internets auf das Kreditwesen.

Auf der ab und an erscheinenden Seite über Fernsehserien geht's um zwei Serien über Journalismus, wie er mal gewesen sein sollen, die demnächst bei Arte laufen sollen (die Serien heißen "The Newsroom" und "The Hour"). Und Nina Rehfeld unterhält sich mit dem Schauspieler Michael C. Hall, der in der Serie "Dexter" einen Serienkiller spielt. In der Reihe über vermeintliche Nebenwerke in der von Schleifung bedrohten Berliner Gemäldegalerie schreibt die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk über Claude Lorrains "Landschaft mit Cephalus und Procris".

Besprochen werden Oskar Roehlers neuer Film "Quellen des Lebens", Konzerte des Stuttgarter "Eclat"-Festivals und Bücher, darunter ein Essay Simon Garfields über Schriften (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).