Heute in den Feuilletons

Verhängnisvolle Interaktion

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2012. In der Welt unterstützt Richard Herzinger den Vorschlag, den 23. August  - den Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts - zum Gedenktag für alle Opfer des Totalitarismus zu machen. Die SZ freut sich, obwohl es ja auch irgendwie traurig ist: die beste Jazzplatte des Jahres stammt aus dem Jahr 1979. In der FAZ geht die Debatte über den Westen und Syrien weiter. Die taz wirft einen Blick auf die Theaterszene in Argentinien. Die NZZ wirft dem Internet Feuilletonismus vor. 

Welt, 24.08.2012

Vor 73 Jahren wurde der Hitler-Stalin-Paket unterzeichnet. Angesichts von Putins Bestrebungen, den angeblichen "Antifaschismus" der Sowjetunion zum Kernmythos einer antiwestlichen Politik zu machen, unterstützt Richard Herzinger die Idee des Europaparlaments, den 23. August zum Gedenktag für Opfer aller Totalitarismen zu machen - auch gegen jüdische Organisationen, die eine Relativierung des Holocaust befürchten: "Die unbestreitbare Einzigartigkeit des NS-Judenmords wird nicht dadurch unangreifbarer, dass man die Jahrhundertverbrechen des Kommunismus verkleinert und zur Seite schiebt. Im Gegenteil, nur durch Aussprechen der ganzen Wahrheit über die Gesamtheit totalitärer Verbrechen, auch in ihrer verhängnisvollen Interaktion, können letztlich die substanziellen Unterschiede zwischen ihnen deutlich gemacht und erhärtet werden."

Weitere Artikel: Eckart Goebel liest eine Studie Sarah Bakewells (Website) über Montaigne. Manuel Brug freut sich, dass mit Alexander Liebreich, der zum Orchester des Polnischen Rundfunks in Kattowice geht, erstmals ein deutscher Dirigent eine prominente Position in Polen bekleidet. Uwe Schmitt berichtet über die Hetze rechter amerikanischer Popstars gegen Präsident Obama. Besprochen wird ein Album des Mannheimer Popstars Konstantin Gropper, alias "Get Will Soon".

Im politischen Teil unterhält sich Leon de Winter mit dem Informatiker Judea Pearl, dem Vater des vor zehn Jahren im Namen des Islams enthaupteten Journalisten Daniel Pearl.

NZZ, 24.08.2012

Der Schweizer Physiklehrer Eduard Kaeser trägt seinen Teil zum "Geschnatter" im Netz bei und überlegt, wie wir künftig unsere Aufmerksamkeit verteilen werden: "Unlängst war in einem Blog zu lesen, dass man in Internetforen Konzentration und vertiefendes Nachdenken als 'obsessiv' bezeichne und Leute mit diesen Fähigkeiten als 'gruselig' gälten. In der Blog-Kultur scheint sich immer mehr ein Stil durchzusetzen, den der amerikanische Essayist Caleb Crain 'groupiness' genannt hat - 'Gruppismus': Man schreibt und liest primär nicht um des Inhalts willen, sondern um mit zur Party zu gehören ('Wer liest und schreibt sonst noch mit?')." (Nun, nach 12 Jahren Perlentauchen können wir versichern, dass das in den Printmedien ganz genauso ist.)

Nicht rundherum gelungen, aber doch: Hut ab, meint Marco Frei über die Uraufführung von Stockhausens "Mittwoch" in Birmingham. Hier ein Einführungsvortrag:



Weiteres: Israelische Schriftsteller haben ihrem Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu eine Frist bis Sonntag gesetzt, in der er erklären muss, dass er sich an die Gesetze halten und nicht im Alleingang einen Krieg gegen den Iran anfangen wird, berichtet Joseph Croitoru: "Sollte er diese ungenutzt verstreichen lassen, ist die Rede davon, das Oberste Gericht des Landes anzurufen." Der Bauboom in Wien sorgt stellenweise für interessante neue Architektur, notiert Patricia Grzonka. Besprochen wird Ry Cooders Album "Election Special", mit dem er enttäuschte Amerikaner ermutigen will, bei den Präsidentschaftswahlen noch einmal für Obama zu stimmen.

TAZ, 24.08.2012

Anne Phillips-Krug berichtet über die 3. Theaterakademie Panorama Sur in Buenos Aires, die das lateinamerikanische Theater aus der einseitigen Fixierung auf Europa befreien will. Gewisse Probleme kommen einem aber doch bekannt vor: "In Kuba ist Agnieska Hernández mit ihrem Dokumentartheater aber eine Ausnahme. Sie vermisst junge kubanische Autoren. Anders als in Argentinien gibt es in Kuba fast ausschließlich Subventionstheater. Eine ambivalente Situation, findet Hernández, gehe sie doch einher mit einer bestimmten ästhetischen Stagnation. 'Die Mittel, die es gibt, werden auf eine Anzahl Gruppen und Regisseure verteilt, die sich vor Jahren etabliert haben und oft immer noch dasselbe Theater machen wie damals. Neuere Autoren und Regisseure kommen da nicht rein.'"

Weiteres: Tim Caspar Boehme stellt das Projekt "Ten Freedom Summers" des Chicagoer Jazztrompeters Wadada Leo Smith vor sowie das Album "COIN COIN Chapter One: Gens de Couleur Libres" der jungen Saxofonistin Matana Roberts. Thomas Mauch hört auf Ry Cooders neuem Album "Election Special" unter anderem den Song "Cold Cold Feeling", "in dem sich Cooder in Barack Obama einfühlt und erzählt, wie er unruhig durch das Weiße Haus wandert und dabei bereits die Republikaner an seinen Hacken spürt".

Und Tom.
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FAZ, 24.08.2012

Der "knappen Nachhilfeviertelstunde" samt "geopolitischen Analyse des frühen zwanzigsten Jahrhunderts", die der Historiker Hans-Christof Kraus vor einem Monat in der FAZ zum Syrienkonflikt gehalten hat, können Pia Fuhrop und Markus Kaim rein gar nichts abgewinnen: "Die Hochzeit geopolitischer Ordnungsvorstellungen, denen zufolge sich das außenpolitische Verhalten eines Staates aus bestimmten geografischen Rahmenbedingungen ableite, liegt vor 1945. Sie ist ideologisch und analytisch untrennbar mit der weltpolitischen Epoche des Imperialismus bzw. Kolonialismus verbunden, gründet auf der Idee einer Balance zwischen Großmächten in der Weltpolitik und ist an den unbestrittenen Vorrang des Staates in der internationalen Politik gekoppelt."

Weitere Artikel: Auf der ganzen ersten Feuilletonseite plädiert Lucia Schmidt dafür, "Lärm endlich als Umweltgift anzuerkennen und freiwillige Einschränkung und Rücksichtnahme als wichtigsten Lärmschutz zu begreifen." Eric Pfeil lässt sich beim Kölner Konzert von Stephen Malkmus & The Jicks bereitwillig davon überzeugen, dass "selbst ein angestaubtes Para-Genre wie Indierock als eine ganz neue Angelegenheit erklingen" kann.

Besprochen werden eine Ausstellung über die frühe protestantische Musikkultur in den Franckeschen Stiftungen in Halle, eine der Zeichnerin Marie Marcks gewidmete Retrospektive im Caricatura Museum in Frankfurt, Freddy Langers im Picasso Museum in Münster ausgestellte Fotoserie "Lost Faces" und Bücher, darunter Elizabeth Stoddards bereits 1862 entstandener, protofeministischer Roman "Die Morgesons", der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 24.08.2012

Karl Lippegaus mag seinen Ohren kaum trauen: Mit "Sleeper" vom Keith Jarrett Quartett ist die beste Jazzplatte des Jahres 2012 bereits gefunden - dabei handelt es sich um Liveaufnahme von 1979! "Wie lange soll das her sein? Es klingt, als habe sich diese Sternstunde des Jazz gestern Abend ereignet."

Weitere Artikel: Nofretete war eine "treibende Kraft der kulturpolitischen Revolution ihrer Zeit", verrät der Altertumsforscher Hermann A. Schlögl Martin Flashar im Gespräch über Schlögls Nofretete-Forschung. Stephan Speicher informiert über Diskussionen beim Ethikrat über den künftigten rechtlichen Status der Beschneidung. Gerhard Matzig porträtiert den Öko-Architekten Muck Pezet. Jörn Klare fasst philosophische und psychologische Diskussionen über die Altersdemenz zusammen und muss beim Blick in die Pflegesituation festellen, dass "die Frage nach der Menschenwürde im Alltag der Heime ... sich über die Finanzierung der Pflege" entscheide.

Besprochen werden ein Dokumentarfilm über Roman Polanski, eine Ausstellung mit Arbeiten von Bridget Riley im Museum für Gegenwartskunst in Siegen und Bücher, darunter die abschließenden Veröffentlichungen der neunbändigen Werkausgabe von Siegfried Kracauer (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).