Heute in den Feuilletons

Auch bei geringsten dynamischen Graden

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2012. In der Welt gratuliert Kontatin Grcic dem Designerkollegen Dieter Rams, der ihn auf den Pfad der Tugend zurückführte. Die taz überlegt, ob die Geschichte von kino.to als Hollywoodfilm nachzuerzählen wäre, und welche Rolle dabei den Verbänden der Filmindustrie zukäme. Die SZ kritisiert in der Urheberdebatte den Autoren-Aufruf und fordert konstruktive Lösungen. Die FAZ bewegt sich mit Grausen durch spanische Investitionsruinen. Alle trauern um Dietrich Fischer-Dieskau.

TAZ, 19.05.2012

Johannes Gernert überlegt im praktischen Beispiel, ob und wie sich die Geschichte von Dirk B., dem Initiator von kino.to, als Hollywoodfilm nacherzählen ließe und welche Rolle darin den Verbänden der Filmindustrie zukäme. "Ende 2010 meldet sich der ostfriesische Freischalter bei den GVU-Fahndern. Er habe Beweise, er wolle Geld. Die Filmfirmen beraten. Sie beschließen, zu zahlen. 'Ein niedriger sechsstelliger Betrag', sagt die GVU-Sprecherin." Wie wär's mit Crowd-Funding für ein Drehbuch?

Cristina Nord hat in Cannes den neuen Film von Ulrich Seidl gesehen. Steffen Grimberg unterhält sich mit dem Springer-Biograf Tim von Arnim. Julian Weber schreibt den Nachruf auf Donna Summer.

Besprochen werden eine Ausstellung über "Do It Yourself" im Museum für Kommunikation in Berlin, Alvis Hermanis' Inszenierung von "Platonov" beim Berliner Theatertreffen und Bücher, darunter die Graphic Novel "Die Mauer" von Maximilien le Roy und Teenager-Memoiren des Schauspielers James Franco, die Cristina Nord aber eher gähnen lassen (mehr unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 19.05.2012

Konstant Grcic gratuliert dem Designerkollegen Dieter Rams zum Achtzigsten und erinnert sich, wie er ihm half aus der Postmoderne in die Moderne zurückzukommen: "Und seit Neuestem geht mir diese Frage durch den Kopf: Wie wäre es, wenn man sich wie Rams nur mehr auf ein Projekt konzentriert? Wenn man durch diese Tiefe zu einer Qualität kommt, um die es heutzutage doch mehr geht als je zuvor? Ich frage mich das zum allerersten Mal in meiner Karriere."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek meldet den neuesten Skandal aus Cannes: Hotelzimmer-Interviews mit Schauspielern wie Brad Pitt, ein ohnehin schon schwer erträgliches Genre, sollen die Medien nun auch noch Geld kosten: 3232 Dollar für 20 Minuten Pitt (da verzichten wir doch lieber!). Jan Küveler geht mit dem Kongo-Historiker David Van Reybrouck essen. Kai Luehrs-Kaiser schreibt den Nachruf auf Dietrich Fischer-Dieskau. Harald Peters schreibt zum Tod von Donna Summer.

Für die Literarische Welt liest Jacques Schuster William Hastings Burkes Buch "Hermanns Bruder" über Albert Göring, der sich den Nazis widersetzte. Birgit Svensson unterhält sich mit dem irakischen Autor Abbas Khider über die Lage in seinem Land. Der Schriftsteller Burkhard Spinnen warnt in seiner Kolumne mit Blick auf den Urheber-Aufrugf davor, Autoren und Publikum auseinanderzudividieren, "denn beide Gruppen sind Opfer eines weltumspannenden digitalen Mediums" namens Intenet! Tilman Krause gratuliert Gabriele Wohmann zum Achtzigsten. Micha Brumlik schreibt zum 250. Geburtstag Johann Gottlieb Fichtes.

NZZ, 19.05.2012

Im Literatur und Kunst liest Jan Bender Mark Z. Danielewskis experimentellen und mithilfe von Internetlesern verfassten Roman "Only Revolutions": "Eine Seite besteht .. aus zwei Textblöcken (davon einer stets kopfüber), einer zum Falz bündigen Zeitleiste und zwei in einen farbigen Kreis gebannten Seitenzahlen. In formaler Hinsicht weist bereits alles auf das zirkuläre Hauptmotiv hin: Insgesamt sind es exakt 360 Seiten. Bei aufgeschlagenem Buch zählt man auf einer Doppelseite jeweils vier Textpassagen à 90 Wörter. Jedes Kapitel ist acht Seiten lang; die in die Horizontale gelegte Acht weist wiederum symbolisch in die Unendlichkeit."

Außerdem interviewt Urs Steiner die mit dem Roswitha-Haftmann-Preis-Preis (immerhin 150.000 Franken!) ausgezeichnete Cindy Sherman. Uwe Justus Wenzel liest Neuerscheinungen zu Fichte. Und Derek Weber plädiert für die frühen, "kommunistischen" Sinfonien Dimitri Schostakowitschs.

Im Feuilleton charakterisiert "ima" Nachruf die Stimme Dietrich Fischer-Dieskau so: "ein unverwechselbares lyrisches Baritontimbre, das vom weichen Kopfstimme-Klang dominiert ist, die geschmeidige Führbarkeit der Stimme auch bei geringsten dynamischen Graden."

In der Kolumne "When the Music's Over" erinnert sich Michael Hagner an seine Zeit mit Vanilla Fudge.

Besprochen werden die Ausstellung "El Greco und die Moderne" im Museum Kunstpalast Düsseldorf und Bücher, darunter ein Werkstattgespräch mit der Mezzosopranistin Vesselina Kasarova (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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FR/Berliner, 19.05.2012

Mit viel Wehmut betrauert Peter Uehling den Sänger Dietrich Fischer-Dieskau, dem die heutige Sängergeneration einen Nachfolger bislang schuldig geblieben sei: "Vielleicht gehört zum Liedgesang doch ein geistiger Hintergrund, wie Fischer-Dieskau ihn hatte, eine kulturelle Universalkompetenz, über die er als Sänger, Musiker, Autor, respektabler Maler und als Genie der leichten Aneignung verschiedenster Stile, Sprachen und Gattungen verfügte."

Außerdem: Anke Westphal übermittelt Notizen vom Filmfestival in Cannes. Nikolaus Bernau findet Wowereits "Architekten-Bashing" nach dem Flughafendebakel gar nicht lustig und schon gar nicht neu. Otto A. Böhmer würdigt auf zwei Seiten den Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der heute vor 250 Jahren geboren wurde. Tim Gorbauch fühlte sich beim Wiesbadener Konzert des Singer-Songwriters John K. Samsons musikalisch in den Arm genommen - hier eine Kostprobe:

Aus den Blogs, 19.05.2012

Auf dem Cover der Mai-Ausgabe von Fast Company: CeeLo Green und - in der Fernsehshow The Voice's - Partner, über den es im Text heißt: "The sour-faced Persian's name is Purrfect, and he cradles her a few times per episode. She isn't actually CeeLo's, and she comes with a two-trainer entourage. She may also technically be a he, something CeeLo will neither confirm nor deny. ('A gentleman don't tell.') Yet Purrfect is a perfect CeeLo prop: silly and yet on point, four more paws to help prop up his brand. He would, however, like to be clear about one thing: 'The cat is not a rental. The cat is a professional.'"

Der sehr junge Dietrich Fischer-Dieskau singt Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen":


SZ, 19.05.2012

In der SZ am Wochenende sortiert Dirk von Gehlen die Urheberrechtsdebatte in fünf Punkten und bezeichnet dabei die Warnungen der Urheberseite als ohnehin "verspätet", da im Netz längst Fakten bestehen: Es ist "seit mehreren Jahren unabwendbare Realität, was einige Akteure offenbar erst jetzt ausdiskutieren wollen. Das Internet hat die Menschen bereits heute in die Lage versetzt, digitalisierte Inhalte schneller und günstiger als jemals zuvor zu verbreiten: identisch und nahezu kostenfrei. Diese Revolution ist keine Parteien-Forderung, sie ist Realität. Die Einsicht in diese Realität sollte Grundlage jeder Debatte sein, die nicht bloß Lobby-Gelärm sein will, sondern sich auf die Suche nach einer konstruktiven Lösung macht." Sein Lösungsvorschlag: Entkriminalisierung und ein pauschales Vergütungsmodell im Stil der Kulturflatrate, schon auch um das den Konflikt zusätzlich anheizende Wirtschaftsmodell der Abmahnindustrie einzudämmen.

Weiteres: Kai Strittmatter reist für eine ausführliche Reportage durch Anatolien. Henning Klüver porträtiert den früheren Wehrmachtsoldaten und späteren Architekturprofessor Martin Graßnick, der in Italien für sein humanes Auftreten gegenüber der Zivilbevölkerung nach der Besetzung des Landes am Ende des 2. Weltkriegs geehrt wurde. Rebecca Casati unterhält sich mit dem Schauspieler Josh Brolin.

Im Feuilleton berichtet Tobias Kniebe von einem "Wochenende der harten Realitäten" beim Filmfestival in Cannes. In der Debatte um die Frage, ob der Staat Schönheitsoperatoren bei Minderjährigen verbieten solle, formuliert sich nach Catrin Lorchs Ansicht "das Misstrauen der Gesellschaft gegenüber Eltern und Kindern". Dorion Weickmann berichtet vom Movimentos-Festival in Wolfsburg. Laura Weissmüller gratuliert dem Designer Dieter Rams zum Achtzigsten. Jens Malte-Fischer schreibt den Nachruf auf den Sänger Dietrich Fischer-Dieskau. Roderich Fabian verabschiedet sich von Donna Summer.

Im Medienteil legt Anne Philippi insbesondere im Jahr des Präsidentschaftswahlkampfs in den USA die Show von Bill Maher auf HBO ans Herz, der darin kein Blatt vor den Mund nehme, wenn es darum geht, "Politiker, Blogger, Parteipressesprecher, Filmstars" zu grillen.

Besprochen werden das von Mariss Jansons dirigierte Beethoven- und Serksnyte-Konzert in München (recht lau, fand es Reinhard Brembeck), Kevin Macdonalds Biopic "Marley", Guillermo Calderóns Stück "Beben" am Schauspielhaus in Düsseldorf und Bücher, darunter zwei neue Biografien über Johan Gottlieb Fichte (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 19.05.2012

Dietrich Fischer-Dieskau war nicht nur Liedsänger, merkt Gerhard Rohde in seinem Nachruf an: "eine Fähigkeit, den Gesang aus dem Text heraus zu gestalten, machte ihn zu einem nachahmenswerten Beispiel für den authentischen Wagner-Gesang, für Wagners spezifischen Deklamationsstil".

Weitere Artikel im Feuilleton: Jürgen Kaube annonciert das neue Buch von Thilo Sarrazin, in dem er den Euro abschaffen will. Für die Leitglosse besucht Gina Thomas das renovierte Goethe-Institut in London, das sie um seine Aufgabe - die Vermittlung der deutschen Sprache an eine fremdsprachenignorante Nation - nicht beneidet. Jürgen Dollase empfiehlt in seiner Gastrokolumne die Auberge Frankenbourg in den Vogesen. Edo Reents schreibt zum Tod von Donna Summer. Niklas Maak spekuliert über die kommende Documenta und traut einer in der SZ geleakten Liste teilnehmender Künstler nicht so recht. In der Reportage auf der letzten Seite bekennt Marcus Jauer: "Ich habe runtergeladen."

Besprochen werden Jan Lauwers Inszenierung von Camus' "Caligula" in Wien, Ereignisse des Wolfsburger Tanzfestivals Movimentos und Bücher, darunter Saskia Fischers Erstlingsroman "Ostergewitter" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In Bilder und Zeiten schildert Paul Ingendaay höchst eindringlich das Ausmaß der spanischen Krise, die eine Immobilienkrise ist: "Käme ein Ethnologe von einem anderen Planeten nach Spanien, würde ihm ein Phänomen auffallen, das in Europa einzigartig ist. Der Ethnologe sähe sehr viele Menschen ohne Haus, weil die Krise rund eine halbe Million Zwangsräumungen mit sich gebracht hat. Aber noch mehr Häuser ohne Menschen. Und unermesslich leere Flächen, die für Häuser bestimmt wurden, aber in absehbarer Zeit keine Häuser erleben werden."

Außerdem besucht Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, das immer noch traumatisierte Kambodscha. Uwe Ebbinghaus porträtiert den Politikwissenschaftler und Yogalehrer Hans-Peter Hempel. Marco Schmidt interviewt die inzwischen achtzigjährige Leslie Caron. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite feiert Werner M. Grimmel Valer Barna-Sabadus' Recitalplatte mit Arien von Johann Adolph Hasse.

Dieses Video ist definitiv besser anzuhören als zu sehen:



Für die Frankfurter Anthologie liest Sebastian Kleinschmidt Theodor Storms Gedoict "Nachtigall Hörraum der Liebe":

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen. (...)"