Heute in den Feuilletons

Neo-Konzeptkunst aus Sack und Asche

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.06.2011. Michail Chodorkowski kritisiert in der FAZ den Westen und zitiert einen Klassiker des Marxismus-Leninismus: "Die Kapitalisten verkaufen uns selbst den Strick, an dem wir sie aufhängen." In der Welt setzt sich Henryk Broder mit dem Glauben auseinander, aber auch mit Matthias Matussek.  Die SZ ist ganz durcheinander: Matussek hat seinen Chef kritisiert. Nur halb bekehrt verlässt Diedrich Diederichsen in der taz Terrence Malicks Kinokathedrale "Tree of Life".

TAZ, 15.06.2011

Nur halb bekehrt verlässt Diedrich Diederichsen aus Terrence Malicks Kinokathedrale "Tree of Life". Die obsessiv schönen Bilder und ihre religiöse Überhöhung hätte er sich noch gefallen lassen, das musikalische Pathos aber ist ihm zuviel: "Malick ist visuell zu obsessiv, um den religiös-musikalischen Eindeutigkeiten, die immer wieder entstehen, ganz zu verfallen. Es ist aber ebenfalls leicht möglich, sich diese 'Bilder' durch ihre Heiligkeit verleiden zu lassen. Am Ende - nach dem Tode? - finden sich alle Beteiligten samt einer unübersichtlichen Multitude anderer Menschen wieder und irren über einen Salzsee, irgendwie massenhaft gescheucht, als wäre Einar Schleef hinter ihnen her. Spätestens hier wird es auch unfreiwillig komisch."

Weiteres: Vom Berliner Musikfestival "Radical Riddims" kann Julian Weber absolute Harmonie melden: "Der symmetrische Wahnsinn, den diverse Zuschauerhintern vollführen, entspricht der Dynamik von Spoek Mathambos Rapversen." Christine Pöhlmann liest Michail Schischkins Roman "Venushaar".

Auf den vorderen Seiten erklärt der Politikwissenschaftler Seraphim Seferiadis bemerkenswert selbstbewusst, wie sich die Finanzlage aus Sicht der protestierenden Griechen darstellt: "Eine der Hauptlosungen des Syntagma-Platzes ist 'Wir verkaufen nichts, wir schulden nichts, wir zahlen nicht'. Damit werden keine sozialen Teilverbesserungen gefordert. Die gesamte Logik des sozialökonomischen Rahmens wird infrage gestellt, die erst die Finanzkrise und dann die griechische Staatskrise ausgelöst hat."

Und Tom.

Aus den Blogs, 15.06.2011

(via 3quarksdaily) "Natürlich fotografiere ich meinen Penis und schicke die Bilder an andere Leute", erklärt John Kenney, der die Aufregung um Anthony Weiner nicht versteht, im New Yorker. "Why wouldn?t I? It?s my penis. And as a great man once said, it?s meant to be photographed. Though I have no idea who that great man was. Where some people have photos of their families on their desks at work, I have photos of my penis. My penis on vacation in the Bahamas. My penis in Madrid, on a business trip, the Prado in the background (slightly out of focus). My penis receiving an award for Outstanding Employee of the Month."
Stichwörter: Prado

NZZ, 15.06.2011

Beim Gang über die Art Basel sah Philipp Meier eine komplett durchglobalisierte Kunst: "Indische und chinesische Künstler bedienen sich mittlerweile derselben Medien und Strategien wie europäische oder amerikanische Kunstschaffende." Auf der Design-Messe Miami Basel machte Andrea Eschbach eine Wiederentdeckung: den französischen Designer Joseph-Andre Motte (Hier seine Rattan-Stuhlikone Tripod). Martin Lhotzky resümiert das Theaterprogramm der Wiener Festwochen mit Produktionen von Christoph Marthaler, Frank Castorf und Luc Bondy.

Besprochen werden Richard Strauss' "Salome" bei den Baden-Badener Pfingstfestspielen, Jonathan Lethems Roman "Chronic City" und Shimmer Chinodyas Roman "Zwietracht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 15.06.2011

In einem Brief an den ehemaligen Spiegel-Kollegen Matthias Matussek, der es für eine Provokation hält, sich zum Katholizismus zu bekennen, setzt sich Henryk Broder mit dem Glauben auseinander: "Als ich mal ziemlich krank war, glaubte ich, dass mir Homöopathen helfen könnten. Hätte ich von diesem Glauben nicht abgelassen, wäre ich jetzt tot, was schon deswegen bedauerlich wäre, weil ich dann keine Chance gehabt hätte, Dein Buch zu lesen."

FR, 15.06.2011

Die von Klaus Wowereit gewünschte Berliner Kunst-Leistungsschau "Based in Berlin" erfüllt ihren Zweck, findet Sebastian Preuss: "Die Ausstellung trifft ziemlich genau das, was auf den Biennalen, in den Kunsthallen und den Galerien, die sich als besonders kuratorennah verstehen, derzeit den Ton angibt. Es ist eine lässige Neo-Konzeptkunst aus Sack und Asche, körnig kopierten Schwarz-Weiß-Fotos und Basteleien, verspielten Pappmache-Skulpturen und bierernsten dokumentarischen Videos."

Weitere Artikel: In der Leitglosse spottet Peter Michalzik sanft über die Anwohner der Kastanienallee in Prenzlauer Berg, die die Welt nicht mehr verstehen, seit ausgerechnet die Grünen ihr Sträßchen modernisieren wollen. Recht zwiespältig bespricht Daniel Kothenschulte den offenbar zwischen Kunst und Schmock oszillerenden neuen Malick-Film "The Tree of Life". Und Hans-Jürgen Linke unterhält sich mit der Violinistin Janine Jansen, die Artist in Residence des HR-Sinfonieorcheters war, über das sie nur das Beste zu sagen weiß.

Besprochen werden Marc-Antoine Charpentiers Oper "Medee" mit Anne-Sofie von Otter in der Titelrolle in Frankfurt und Bücher, darunter Andreas Gelhards Studie "Kritik der Kompetenz".

FAZ, 15.06.2011

Michail Chodorkowski hat einigen europäischen Zeitungen, darunter der FAZ, ein Mail-Interview gegeben. Er kritisiert das westliche Verständnis für Russland: "Wie ein Klassiker des Marxismus-Leninismus gesagt hat: 'Die Kapitalisten verkaufen uns selbst den Strick, an dem wir sie aufhängen.' Für das Fehlen einer einheitlichen Position in der russischen Frage, für die derzeitige Trägheit in der Frage der Menschenrechte, für die relative Trägheit in der Frage der Energiesicherheit (und nicht nur in dieser) wird bald teuer zu zahlen sein."

Weitere Artikel: Zwar dringt aus dem Inneren der chinesischen Partei-Führungszirkel nichts nach außen - Mark Siemons sieht aber dennoch Signale für einen Richtungsstreit. Dafür sprechen seiner Ansicht nach auch einige Leitartikel in der parteieigenen Volkszeitung, von denen einer recht weit ging mit seinen Forderungen nach Pluralismus. Joseph Croitoru fürchtet, dass Syrien den Konflikt mit Israel verschärfen will, um von den Unruhen im Land abzulenken. In der Glosse kommentiert Karen Krüger den Umstand, dass der türkische Wahlsieger Tayyip Erdogan in seiner ersten Reaktion nicht den Westen, sondern die Muslime im Osten und quasi das ehemalige Osmanische Reich adressierte. Über den Streit um Nicolas Sarkozys Projekt einer "Maison de l'histoire de France" im Herzen des Pariser Stadtteils Marais informiert Sabine Frommel. Von den Feiern in Indien und Bangladesh zum 150. Geburtstag des Nationaldichters Rabindranath Tagore berichtet Martin Kämpchen. Werner Spies schreibt zum Tod des Filmregisseurs und -produzenten Peter Schamoni.

Besprochen werden das Freiburger Historientheater "Die Grünen - Eine Erfolgsgeschichte", David Hermans Frankfurter Inszenierung von Aribert Reimanns "Medea"-Oper mit Anne Sofie von Otter in der Titelrolle, die Ausstellung "Night Vision" im New Yorker Metropolitan Museum, Terrence Malicks episches Filmgedicht "The Tree of Life" und Bücher, darunter Michail Schischkins Roman "Das Venushaar" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 15.06.2011

Renate Meinhof berichtet von einer Klage gegen den Kunstkritiker Werner Spies, der Gemälde von Max Ernst für echt erkannt hat, die sich später als gefälscht herausstellten. Sonja Zekri besucht Renate Eisel, Leiterin des Sprachzentrum des Goethe-Instituts in Tripolis. Die Historikerin Renata Segre hat in Venedig das Nachlassinventar von Giorione gefunden und im Burlington Magazine veröffentlicht, meldet Kia Vahland (H Niyazi hat den Fund bei 3pipe.net kommentiert). Eva Weber-Guskar stellt bei einer viertägigen Tagung zu Ehren des Philosophen Hilary Putnam fest: "In gewisser Hinsicht ist Religion für ihn wie Sex: Beides ist extrem wichtig, aber über beides ist es schwierig zu sprechen, ohne dass es komisch wird." Jörg Häntzschel besucht das zum Verkauf stehende Apartment Norman Mailers in Brooklyn. Fritz Göttler schreibt zum Tod des Filmemachers Peter Schamoni.

In einem Interview mit dem Kölner Domradio nannte Matthias Matussek den Spiegel ein "antikirchliches Kampfblatt", berichten Hans Leyendecker und Katharina Riehl auf der Medienseite und fragen besorgt: "Darf ein Spiegel-Mann das eigene Blatt als 'antikirchliches Kampfblatt' bezeichnen und dem stellvertretenden Chefredakteur indirekt vorwerfen, Kampagnenjournalismus zu wollen?" (Sowas gäb's in der SZ ja nicht, direkt oder indirekt.) Stefan Ulrich meldet, dass Jean Paul Gaultier die Liberation - oder vielmehr deren Redakteure - gestalten durfte (links der Meister selbst).

Besprochen werden Terrence Malicks Film "The Tree of Life", die generalüberholte Fassung des Musicals "Spiderman 2.0" am Broadway Judith Zanders origineller, souveräner, vielversprechender (so Burkhard Müller) Lyrikband "oder tau" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr) und Christian Marclays aus Spielfilmausschnitten bestehende Installation "The Clock" bei der Biennale in Venedig: