Heute in den Feuilletons

Humility is endless

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2009. In der SZ erklärt Regisseur Christian Petzold den Unterschied zwischen Filmen aus Berlin und Filmen aus München. Im Tagesspiegel erklärt Daniel Barenboim über seine Arbeit mit dem West-Eastern Divan Orchestra: Wir spielen weiter. Die Welt bringt eine Reportage über den Unternehmer Adolf Merckle, der sich vor einen Zug geworfen hat. Alle sind traurig: Unser Wedgwood ist zerbrochen. Und in der SZ schreibt Durs Grünbein zum Tod von Inger Christensen.

Welt, 07.01.2009

Auf der Seite 3 schreibt Frank Seidlitz über den Selbstmord des Milliardärs Adolf Merckle. "In einem Abschiedsbrief soll er seinen Schritt gerechtfertigt haben. Doch Selbstmord passe im Grunde gar nicht zu seinem Naturell, heißt es. (...) Fassungslos reagierten auch viele aus seinem umfangreichen Beraterkreis. 'Keiner versteht seinen Schritt', heißt es dort. Es hätte nichts mehr schiefgehen können. Doch offenbar, so vermuten Menschen, die dem Familienpatriarchen nahestanden, sei er nicht damit zurechtgekommen, Teile seines Imperiums zu verlieren. 'Adolf war immer der Starke und Selbstbewusste. Niederlagen verkraftete er immer schlecht.' Doch in der Vergangenheit motivierten ihn gerade solche Rückschläge immer für einen neuen Angriff. 'Er hätte einige Vermögensteile aufgeben müssen, hätte aber ausreichend gehabt, um seine Firmengruppe zu erhalten", sagt ein früherer Geschäftspartner von Adolf Merckle. 'Sein Ableben macht keinen Sinn.'" (Hier mehr zur Vorgeschichte und hier ein Interview mit Merckle aus der FAZ vom Dezember 2008)

Vilnius baut zur Feier seines tausendjährigen Bestehens sein historisches Schloss wieder auf, berichtet Dankwart Guratzsch im Feuilleton. Der vor 45 Jahren im Moskauer Exil gestorbene Dichter Nazim Hikmet soll symbolisch die türkische Staatsbürgerschauft zurückerhalten, meldet Eckhard Fuhr. Im Forum fragt sich Angela Stent, Direktorin des Center for Eurasian, Russian and East European Studies in Washington, besorgt, "ob die neue russische Mittelschicht die gegenwärtige globale Rezession übersteht".

Besprochen werden Michael Kliers Film "Alter und Schönheit" ("leise und klar, unaufdringlich komisch und tröstlich, ehrlich und zärtlich", lobt Hanns-Georg Rodek), Timothy W. Rybacks Buch über "Hitler's Private Library", Renee Flemings CD mit Liedern von Richard Strauss, die Ausstellung "Himmlisch - Herrlich - Höfisch" im Museum KunstPalast in Düsseldorf und ein Kinderbaukasten für "Da Vinci Machines".

FR, 07.01.2009

Corinna Kolbe hat den Dirigenten Claudio Abbado in seinem riesigen Gartenreich auf Sardinien besucht und sich mit ihm über das Gärtnern und das Dirigieren sowie über sein Engagement für das venezolanische Jugendorchester Simon Bolivar. "Abbado ist davon überzeugt, dass dieses künstlerische und soziale Erfolgsmodell unbedingt nach Europa exportiert werden sollte."

Zum dreißigjährigen Bestehen der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft erklärt Schlagzeuger Robert Görl, dass die DAF völlig unpolitisch und absolut nicht faschistisch waren und in "Tanz den Mussolini" nur dem Körper huldigen wollten: "Wir wollten seine Kraft zeigen, seine Muskeln, das aber dann koppeln mit puristischer, mechanischer Musik. Der Körper und die Maschinen sollten verschmelzen und zusammen schwitzen. Wir waren eine Zukunftsvision, wir waren Cyborgs."

Weiteres: In Times mager berichtet Harry Nutt vom Besuch der Gedenkstätte Ponary nahe Vilnius, die an die 70.000 Juden erinnert, die dort von den Nazis ermordet wurden. Besprochen werden eine Ausstellung des Foto-Künstler Stefan Hunstein im Diözesan-Museum Freising, eine Schau expressionistischer Werke in Kunsthalle Aschaffenburg, Jakob Heins Roman "Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht" und ein großer Bildband zu Luchino Visconti.

NZZ, 07.01.2009

Paul Jandl berichtet, wie Linz mit einem neuen Ausstellungszentrum in sein Jahr als Kulturhauptstadt gestartet ist: "In reinem Weiß leuchtet das neue Linzer Ars Electronica Center vom Stadtteil Urfahr über die Donau. 40 000 Leuchtdioden sind in die Scheiben des gläsernen Kubus eingebaut. Man kann mit ihnen kosmologische Sinfonien auf die Fassade zaubern und wird doch nicht vergessen, dass man in Linz ist. Das soeben eröffnete neue Ars Electronica Center ist der architektonische Höhepunkt im Jahr als Kulturhauptstadt, es ist das Symbol einer Zukunft, die sich die oberösterreichische Stahlstadt gerade geben will."

Weiteres: Peter Bürger meldet, dass Deutschland seit einigen Jahren (oder Jahrzehnten?) über Sinn und Zweck historischer Rekonstruktion debattiert. Besprochen werden die Schau der Sammlung Kornfeld in der Wiener Albertina und Bücher, darunter Nicolas Bergs Studie "Luftmenschen" und Kinderbücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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TAZ, 07.01.2009

Jürgen Gottschlich berichtet, dass der türkische Nationaldichter Nazim Hikmet 45 Jahre nach seinem Tod im Moskauer Exil zumindest posthum die türkische Staatsbürgerschaft zurückerhält. Und Helmut Höge porträtiert die Noch-, Spät- oder Post-Hippies Barbara Hamburger-Langer und Gunter Hamburger. Besprochen wird Nicolas Mahlers und Heinz Wolfs Comic "Molch".

Schließlich Tom.

Tagesspiegel, 07.01.2009

Wir spielen weiter, sagt Daniel Barenboim im Interview Christine Lemke-Matwey über seine Arbeit mit dem West-Eastern Divan Orchestra: "Ich habe die Tage seit der israelischen Bodenoffensive damit verbracht, mit den einzelnen Orchestermusikern zu sprechen. Natürlich gibt es keine einheitliche Haltung zu diesem Krieg. Und natürlich ist die Lage hoch komplex - emotional, mental und auch politisch. Da kommen junge Menschen zusammen, deren Völker Krieg gegeneinander führen. Der eine lebt in Israels Süden und wird seit Jahren von den Raketen der Hamas bedroht. Der andere hat Angehörige in Gaza. Und der dritte, der aus Ägypten oder aus Syrien stammt, wird von seiner Familie unter Druck gesetzt. Alle aber haben mir gesagt: Wir müssen spielen und wir wollen spielen. Weil wir nicht an eine militärische Lösung des Konflikts glauben. Davor habe ich großen Respekt."

SZ, 07.01.2009

Als Kino der "Wahrheiten am Wegesrand" schildert Tobias Kniebe in einer schönen Kritik Christian Petzolds neuen Film "Jerichow". Im Interview entwickelt Petzold eine ganz eigene Theorie zum Unterschied von Filmen aus München und aus Berlin: Er meint, "dass das - unabhängig von Reichtum, HFF, Bavaria, Kirch, all den ökonomischen Sachen - damit zu tun hat, dass München ein Umland hat, wo Eltern leben. Es gibt dadurch auch eine Erdung in Familiengenealogien. 'Ich fahre am Wochenende raus zu meinen Eltern' - diesen Satz würde man in Berlin nie hören, weil es keine Eltern gibt. Man zog in den Achtzigern nach Berlin, in die Mauerstadt, weil das so weit weg war von den Eltern wie es nur ging."

Weitere Artikel: Tomas Avenarius kritisiert westliche Politiker, die israelische Politiker mit Schulterklopfen und Politikerinnen gar mit Bises begrüßen, während sie Hamas-Poltikern solche Behandlung nicht widerfahren lassen, was von den Arabern mit Empfindsamkeit registriert werde. Johannes Willms liest neue Statistiken über die Stadt Paris, die neuerdings einen leichten Bevölkerungszuwachs verzeichnet, allerdings nur in den wenigen verbliebenen armen Vierteln. Dirk Graalmann meldet, dass Henryk Broder in seinem Rechtsstreit mit Eva Hecht-Galinski vor dem OLG Köln einen Etappensieg errungen hat. Gerhard Matzig berichtet über die betrübliche Pleite der Porzellanfirma Wedgwood (die Website geht aber noch).

Auf der Literaturseite schreibt Tobias Lehmkuhl den Nachruf auf Inger Christensen. Auch Durs Grünbein hat einen kleinen Nachruf geschrieben: "Eine der großen Stimmen der modernen europäischen Poesie ist verstummt. Es war die mit Abstand beruhigendste, die mit dem tröstlichsten Timbre. Als ich Inger Christensen zum ersten Mal ihre Gedichte vortragen hörte, kam mir ein Ausspruch von T. S. Eliot in den Sinn: Humility is endless...".

Besprochen eine Ausstellung mit Altmeisterzeichnungen von Leonardo bis Piranesi in Hamburg, neue Inszenierungen am Theater Basel und Bücher, darunter Paul Austers Roman "Mann im Dunkel".

Auf der Medienseite unterhält sich Gerti Schön mit dem New Yorker Vanity-Fair-Reporter Michael Wolff über seine Murdoch-Biografie "The Man Who Owns the News" (Auszug). Und Christopher Keil stellt den neuen Gruner und Jahr-Chef Bernd Buchholz vor.

FAZ, 07.01.2009

Gina Thomas nimmt Abschied von der insolventen englischen Porzellan-Manufaktur Wedgwood: "Wedgwood rühmt sich bis heute, ein 'Beiwort für Schönheit, handwerkliches Können und Neuerung zu sein'. Das Produkt aber entsprach nicht den Anforderungen der Zeit. Zwar wurden enorme Anstrengungen unternommen, die Marke zu modernisieren, die einst die Speisetische von Königen und Fürsten zierte, etwa durch neue Entwürfe von Designern wie Jasper Conran und Vera Wang oder einem mikrowellen- und spülmaschinenfesten Geschirr. Dennoch konnte der traditionsreiche Porzellanhersteller die Kluft nicht überbrücken zwischen exklusiver Ware für einen Lebensstil, wie ihn nur die Wenigsten noch pflegen, und den von der Wegwerfgesellschaft bevorzugten Alltagsprodukten, die den formloseren Sitten der Zeit eher entsprechen."

Als großen Film über das Unglück preist Verena Lueken Christian Petzolds Film "Jerichow": "Alles ist kontrolliert, die Schönheit wie die Gewalt - Petzolds formale Strenge ist auch hier wieder faszinierend. Wären da nicht die Darsteller, die bei Petzold immer besser sind als bei anderen Regisseuren, sähen wir überhaupt kein Leben. Und tatsächlich stehen die Menschen innerlich mit einem Bein im Grab. Das Geld spielt in jeder Szene mit, aber es befeuert die Figuren nicht. Es stürzt sie einfach nur ins Unglück. Es zerstört, was sein könnte, und das, was war."

Weitere Artikel: Schütteln muss sich in der Glosse Richard Kämmerling über ein stark bauchbetontes Interview von Christine Westermann, das er nicht anders denn als Bewerbung für die Heidenreich-Nachfolge verstehen kann. Gerd Roellecke (Jahrgang 1927) wiederum schüttelt den Kopf über die geschichtslose Welt von morgen, die sich kürzlich in der FAZ der Jungschriftsteller Jörg Albrecht vorstellte. Julia Voss macht uns mit den Umbauplänen fürs Münchner Lenbachhaus bekannt. Der Philosoph Robert Spaemann denkt darüber nach, was Gewissensentscheidungen sind und was nicht. Alexandra Kemmerer stellt die neue US-Generalbundesanwältin Elena Kagan vor. Karen Krüger erinnert an den türkischen Dichter Nazim Hikmet, der nun Jahrzehnte nach seinem Tod symbolisch die Staatsbürgerschaft zurückerstattet bekommt.

Katja Gelinsky schickt eine Reportage aus Detroit, wo sie das "Heidelberg Project" des Skulpturenkünstlers Tyree Guyton in Augenschein nahm. Paul Ingendaay informiert, dass ein Gericht jetzt die Belagerung der Ausgrabungsstätte von Numancia gestoppt hat. Von Joseph Hanimann erfahren wir, dass Luc Bondy sich übers schlechter werdende Theater-Klima in Paris beklagt.

Wie beim Start der anderen Blogs schon mal angekündigt, bloggt der Schriftsteller Clemens Meyer jetzt tatsächlich auch bei der FAZ, als "Der Meyer". Auf der DVD-Seite werden unter anderem Roland Klicks "Bübchen" und Filme des halb vergessenen Georg Wilhelm Pabst empfohlen.

Besprochen werden die Ausstellung "Recollecting" im Wiener Museum für angewandte Kunst, die "Hans Rottenhammer"-Ausstellung in Prag und Bücher, darunter Fernando Vallejos Semi-Autobiografie "Blaue Tage" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).