Heute in den Feuilletons

Nebelkerzenprosa

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.08.2008. Die FAZ jubelt: Die Revolution in Bayreuth ist möglich, mit Nike Wagner und Gerard Mortier. Die SZ beobachtet den Klimawandel auch in Brasilien: Die Copaibabäume tragen dieses Jahr keine Früchte. Günter Grass' "Box" stößt nicht auf die Begeisterung der Kritik: Schon wieder Selbstrechtfertigung, stöhnt die Welt, der Tagesspiegel will Grass' Orgien der Vagheit nicht mitfeiern. Die FAZ erklärt, warum die Kritik bei der "Box" auf jeden Fall zu spät kommt.

Welt, 25.08.2008

Zwei gewichtige Buchbesprechungen dominieren das Feuilleton.

Tilman Krause bespricht Grass' "Box", und trotz mancher Geistesblitze im Buch kann er sich nicht damit anfreunden, wie der Ich-Erzähler hier seine Kinder zu Rapport und Sündenerlass bestellt: "So wie 'Beim Häuten der Zwiebel' eine Selbstrechtfertigung war oder doch sein wollte, so ist auch dieser zweite Versuch, das eigene Leben autobiografisch 'abzuarbeiten', um eine der Lieblingsvokabeln des Autors zu bemühen, ein Buch der Abbitte. Abbitte gegenüber den eigenen Angehörigen. Doch was geht das ein außerfamiliäres Publikum an?"

Nicht ohne Bewunderung, und doch mit Distanz bespricht Ulrich Herbert den fünften Band von Hans-Ulrich Wehlers deutscher Gesellschaftsgeschichte: "In Band fünf postuliert der Autor bereits zu Beginn, dass die Bundesrepublik eine erfolgreiche, die DDR hingegen eine missratene Neugründung gewesen sei - und von diesem Ausgangspunkt aus wird gefragt, warum das so war. Die Geschichte erscheint dadurch nicht als offen; Wandlungsprozesse, widersprüchliche, sich verändernde Entwicklungen, Fehlwege und gescheiterte Versuche werden nicht weiter untersucht."

Weitere Artikel: In der Leitglosse zählt Hildegard Stausberg: Wenn man die Olympia-Medaillen der EU-Länder addiert, dann ist Europa ganz weit vorne - es merkt es nur nicht. Kai-Luehrs-Kaiser porträtiert den Filmmusikdirigenten Frank Strobel.

Besprochen werden die deutsche Erstaufführung von Simon Stephens' Stück "Harper Regan" mit Martina Gedeck in Salzburg,einige DVDs, unter anderem mit Riefenstahls Olympia-Filmen und erste Ereignisse der Ruhrtriennale.

Im Forum erinnert die junge Historikerin Ekaterina Makhotina an den Aufstand der Georgier gegen die Sowjetunion im Jahr 1924, nachdem die Russen 13.000 Menschen massakrierten.

Tagesspiegel, 25.08.2008

Gregor Dotzauer hat Günter Grass' neues Werk "Die Box" bereits gestern besprochen, eine Sammlung von autobiografischen Geschichten, die seine sechs bis acht Kinder über "Vatti" erzählen: "'Die Box' feiert Orgien der Vagheit und übertrifft damit noch die Nebelkerzenprosa des Vorgängers. Es wirkt, als müsste Grass endgültig zum poetologischen Programm erheben, was ihm zuletzt noch als reine Moral- und Gedächtnisschwäche ausgelegt wurde... Die entscheidende Paradoxie der 'Zwiebel' bestand darin, dass Grass mit dem expliziten Anspruch auf das letzte Wort in biographischen Fragen zugleich den Zweifel an den Tatsachen kultivierte. Die entscheidende Paradoxie der 'Box' besteht darin, dass sie einen allwissenden Erzähler installiert, der letztlich nichts von sich wissen will.
Stichwörter: Günter Grass

FR, 25.08.2008

Nach der Aufführung von Simon Stephens' Stück "Harper Regan" mit Martina Gedeck in Salzburg schwärmt Peter Michalizik von dem Dramatiker: "Der Mensch, das wahrheitssuchende Tier, das ist der Kern, der Simon Stephens' Stücke lebendig und bewegend macht. Er ist wahrlich nicht der erste Dramatiker, der diesen Mensch entdeckt. Aber er ist einer von den wenigen, die das in vibrierende Dialoge verwandeln können."

Weiteres: Sylvia Staude bilanziert zur Halbzeit das Berliner Festival "Tanz im August": "Wäre die 'Opening Night' des 'Slovaks Dance Collective' nicht gewesen, hätte es auf der Haben-Seite eher trübe ausgesehen." In Times Mager befasst sich Judith von Sternburg mit Goethe und der Anisometropie.

Besprochen werden das Eröffnungskonzert der Ruhrtriennale mit Mose Allison und Bettye LaVette, Kurt Flaschs Band "Kampfplätze der Philosophie" und Sally Nicholls Buch über ihre Krebserkrankung "Wie man unsterblich wird" (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).
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NZZ, 25.08.2008

Der Kulturwissenschaftler Gerald L. Early schreibt zu den Hintergründen von Barack Obamas Präsidentschaftskandidatur: "Erstaunlicherweise hält sich also durch alle sozialen Schichten hindurch der Glaube, dass die Rassenfrage gelöst sein werde, wenn erst einmal genügend aussergewöhnliche Schwarze den Beweis erbracht haben, dass ihre Rasse insgesamt Fähigkeiten und Verdienste besitzt, dass sie den Weißen ebenbürtig ist und ihrer Hilfe nicht bedarf... Sollte Barack Obama Präsident werden, dann wäre er das bis anhin schlagendste Exempel des "schwarzen Ausnahmefalls" - und vielleicht würde damit in den USA auch das Ende des Faktors "Rasse" als politische Idee und gesellschaftliche Unterströmung in greifbare Nähe rücken."

Weitere Artikel: Zum Auftakt einer Serie über die Frage "Was ist Leben?" erklärt der Biochemiker Gottfried Schatz, warum Bakterien für unser Wohlbefinden fast ebenso wichtig sind wie unser Erbgut. Markus Bauer rollt nochmal die Affäre um die vom Rumänischen Kulturinstitut eingeladenen früheren Securitate-Mitarbeiter auf, die ihm zufolge Aufschluss gibt über die zögerliche und mangelhafte Aufarbeitung von Rumäniens kommunistischer Vergangenheit. Marc Zitzmann sät mit Hinweis auf Recherchen von Rue89 Zweifel am Wahrheitsgehalt von Bernard-Henri Levys Georgien-Reportage, die vorige Woche in Le Monde veröffentlicht wurde (und gestern in der FAS nachgedruckt wurde).

Besprochen werden ein russischer Abend beim Lucerne Festival mit Helene Grimaud und Claudio Abbado sowie Ausstellungen der Triennale für Landschaftsarchitektur im niederländischen Apeldoorn.

SZ, 25.08.2008

Im letzten Kapitel der "Wetterbericht"-Serie schreibt die brasilianische Journalistin Dani Chiaretti über eine Reise ins auch in Brasilien nur schwer zu erreichende Amazonien: "Die Alten im Urwald sind wie die Seeleute, denen es ausreicht den Wind zu spüren, um das Wetter vorhersagen zu können... Raimundo dos Santos Saraiva ist einer dieser Weisen. Er kennt die Pflanzen des Dschungels so gut, dass er den Forschern eines Technologiezentrums in Rio Branco beim Klassifizieren hilft. Es erschrickt Raimundo, dass die Copaibabäume, die im März normalerweise schon Früchte tragen, in diesem Jahr nur kleine Blüten haben. Die Blüte hat sich um einen Monat verzögert. 'Der Urwald weiß was passieren wird, wir Menschen verfügen nicht über diese Sensibilität', sagt er. "Aber er benimmt sich sehr seltsam.'"

Weitere Artikel: Enttäuschend fand Stephan Speicher den Auftakt des Kunstfests Weimar - nicht zuletzt weil die Rednerin Hortensia Völckers der Provokation durch die Aufführung der streng kommunistisch auf das Konzentrationslager Buchenwald blickenden "Deutschen Symphonie" von Hanns Eisler ins "konventionalisierte Sprechen" auswich. Reinhard J. Brembeck informiert - von der in der FAZ vermeldeten Mortier-Kandidatur noch nichts ahnend - über Kritik an der von Katharina Wagner mit ihrem Vater gegründeten BF Medien GmbH. Johan Schloemann hat sich mit dem Troja-Grabungsleiter Ernst Pernicka über neue Funde vor Ort unterhalten. In den Nachrichten aus dem Netz geht es um Cyberkriege. Hubert Filser gratuliert dem ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov zum Siebzigsten.

Besprochen werden ein Konzert von Daniel Barenboims West Eastern Divan Orchestra in der Berliner Waldbühne (Jörg Königsdorf ist vor allem begeistert vom ersten Deutschlandauftritt des neuseeländischen Wagner-Tenors Simon O'Neill), Ramin Grays Salzburger Inszenierung von Simon Stephens' Stück "Harper Regan" mit Martina Gedeck, Johann Simons' Inszenierung von Louis Paul Boons aufs Theater gebrachtem Roman "Vergessene Straße", neue DVDs, etwa Olivier Assayas' neuer Film "Boarding Gate", und Bücher, darunter Gilles Leroys Zelda-Fitzgerald-Roman "Alabama Song" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 25.08.2008

Die taz schmerzt die Lage in Georgien und Russland gleich doppelt. Im Meinungsteil sieht Sonja Margolina schwarz für die Beziehungen zwischen Ost und West. "Die politische Klasse in Russland, die aus besonders konservativen, sowjetisch geprägten Sicherheitsbeamten und Militärs - sogenannten Silowiki - rekrutiert wurde, fürchtet eine Umzingelung des Landes durch die Nato. Ihr tradiertes Staatsverständnis ist ein altes geblieben: die Mobilisierung der Untertanen zur Abwehr des Feindes. Deshalb brauchen sie den demokratischen Westen als Feindbild. Ohne den Feind, der sich gegen Russland verschwört und ihm seine Satelliten streitig macht, um ihn um seine legitime Interessensphären zu bringen, liefe die Herrschaft der Silowiki Gefahr, von der Bevölkerung infrage gestellt zu werden. Den Beruf des Regierens beherrschen sie nämlich nicht.

Auf den vorderen Seiten stellt die georgische Schriftstellerin, Übersetzerin und Friedensaktivistin Naira Gelaschwili im Gespräch mit Barbara Oertel Forderungen an die eigene Regierung. "Wenigstens jetzt müssen die Politiker ehrlich sein und die Politik transparent machen. Wir wissen doch überhaupt nicht, was gespielt wird und was hinter den Kulissen geschieht. Warum verlassen die Russen das Land nicht, was verlangen sie von uns? Alles ist unklar. Jetzt schweigen alle, niemand will Saakaschwili kritisieren. Sie sagen: Erst müssen die Russen das Land verlassen, und dann beginnen wir alles zu analysieren. Und was ist, wenn die Russen noch ein Jahr hier bleiben? Wir können doch nicht ein Jahr schweigen!"

Im Feuilleton trifft Gabriele Goettle den Filmemacher Andrew Hood, der über die gemeinsame Freundin und ehemalige RAF-Symphatisantin Dorothea Ridder erzählt. Jörg Sundermeier prophezeit dem elektronischen Buch eine glänzende Zukunft. Ulrich Gutmair untersucht die Vorwürfe gegen ehemalige litauische Partisanen des Zweiten Weltkriegs, die 1944 ein Massaker verantwortet haben sollen. In der letzten Olympia-Beilage kürt Georg Blume den ehemaligen Turner und jetzigen Unternehmer Li Ning zum Superstar der Spiele.

Besprochen wird Jean-Philippe Delhommes Band "Zeitgenössische Kunst.

Und Tom.

FAZ, 25.08.2008

Die Revolution in Bayreuth ist möglich, jubelt die FAZ, die schon eine Weile gegen die Katharina/Eva-Wagner-Lösung agitiert: Gerard Mortier wirft den Hut in den Ring und will im Bund mit Nike Wagner (und notfalls Eva Wagner-Pasquier) um die Führung auf dem Hügel kandidieren. Im Feuilleton freut sich Julia Spinola stabreimend über "Mortiers Mut" und meint: "Etwas Besseres konnte Bayreuth nicht passieren. Denn wo immer Mortier in den letzten dreißig Jahren gewirkt hat, tat er das mit aufsehenerregendem künstlerischen Erfolg. Wem, wenn nicht ihm, würde man zutrauen, jenes hehre Ziel zu verwirklichen, das in allen bislang eingereichten Konzeptpapieren an oberster Stelle steht: das Ziel, den Festspielen wieder die Vorreiterrolle in der Wagner-Interpretation zu erkämpfen?" Und auf der ersten Seite mahnt Feuilleton-Chef Patrick Bahners im Leitartikel: "Wenn es nicht wahr ist, dass die Politiker dem greisen Prinzipal die Nachfolgeregelung seiner Wahl als Preis für den Rückzug zugesagt haben, dann können sie Mortiers Bewerbung nicht ohne gründliche Prüfung zu den Akten legen."

Der neue Grass, das Erinnerungsbuch "Die Box", ist offenbar seit Freitag in den Buchläden - aber es gab bis dahin keine einzige Kritik. Da hat der Verlag den Feuilletons eine Nase gedreht, erklärt Volker Weidermann in der gestrigen FAS: "Es ist aber wohl einfach nur Folge eines Tricks des Verlages, der die Sperrfrist für Rezensionen auf den 29. August festlegte - eine Woche nach Beginn des Verkaufs. Was man, je nach Blickwinkel, als Witz oder als Frechheit betrachten kann..." Das Buch selbst findet er recht gelungen - nur die Jugend- und Umgangssprache, die Grass den sein Leben erzählenden Kindern in den Mund legt, hat ihn auf die Dauer genervt. In der FAZ legt Andreas Platthaus heute mit ungefähr demselben Tenor nach (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und noch zwei bemerkenswerte Kleinigkeiten in der Sonntags-FAZ: Man druckt Levys Georgien-Reportage aus Le Monde nach und ergreift im Kommentar nach den Fälschungsvorwrüfen von rue89 (alle Links hier) Stellung für Levy: "BHL zitiert genügend Flüchtlinge, deren Aussage zumindest nahelegt, dass die Russen in Georgien nicht als Aufbauhelfer unterwegs sind." Und das alles nach dem die Alltag-FAZ nachgewiesen hatte, dass Levy nur im Interesse Amerikas und Israels unterwegs ist!

Weitere Artikel: Bei der Eröffnung des von Nike Wagner geleiteten Kunstfests Weimar mit Hanns Eislers "Deutscher Sinfonie" sieht Wolfgang Fuhrmann die Frage gestellt: "Wie wird heute eigentlich der politischen Opfer des Nationalsozialismus gedacht, und insbesondere der Kommunisten?" Die Schriftstellerin Ulla Lenze war zum "Kulturaustausch" im Iran und berichtet nun, wie es war, als Frau verhüllt in einer verhüllten Gesellschaft unterwegs zu sein. Jürgen Kaube hat Hans-Ulrich Wehlers Abschlussband zur deutschen Gesellschaftsgeschichte gelesen, ohne ihn im Ernst zu besprechen, teilt aber mit, dass er darin nur "sozialstatistische" Wahrheiten findet. Oliver Tolmein erläutert die Fragwürdigkeit des im Sport noch immer präsenten "Verlangens nach eindeutigen Geschlechtszuordnungen" (den Artikel kann man auf der Website des Autors nachlesen). In der Feuilletonglosse schreibt Lorenz Jäger über Heimito von Doderers "Strudlhofstiege" und ein darin vorkommendes Einhorn-Sinnbild. Dirk Schümer porträtiert den italienischen Schauspieljungstar Elio Germano. Hannes Hintermeier gratuliert dem Thriller-Autor Frederick Forsyth zum Siebzigsten.

Besprochen werden Ramin Grays Salzburger Inszenierung von Simon Stephens' Stück "Harper Regan", Johann Simons' Inszenierung einer Theaterversion von Louis Paul Boons Roman "Vergessene Straße" in Bochum, ein Konzert von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra in der Berliner Waldbühne, die Ausstellung "Rom und die Barbaren" in Bonn und weitere Bücher, darunter Richard Gris' Anti-Fortbildungs-Polemik "Die Weiterbildungslüge" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).