Heute in den Feuilletons

Venezianisches C-Dur-Ritual

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2008. In der NZZ fordert Najem Wali arabische Intellekuelle auf, mit israelischen Kollegen in einen Dialog zu treten. Die FR greift neue Rechercheergebnisse des Germanisten Volker Liersch über Erwin Strittmatter auf, die dieser in der FAZ am Sonntag präsentierte. Die Welt findet die neuesten Forschungsergebnisse über die NS-Verstrickung Friedrich Flicks mehr als eindeutig. Die Meldung vom Tod Alexander Solschenizyns kam zu spät für die Zeitungen - immerhin bringt die New York Times einen langen Nachruf.

NZZ, 04.08.2008

Der Tod des Literaturgiganten Alexander Solschenizyn wird gemeldet. Wir verweisen auf den ausführlichen (wenn auch trocken biografischen) Nachruf in der New York Times.

In einem bemerkenswerten Text fordert der irakische Schriftsteller Najem Wali die arabischen Schriftsteller und Intellektuelle auf, mit ihren israelischen Kollegen in den Dialog zu treten: "Sechzig Jahre lang haben durch blutige Putsche an die Macht gelangte Militärs alles mit ihrem Gefasel von der arabischen Einheit überzogen und nur sich selbst die absolute Entscheidungsgewalt über Krieg und Frieden zugestanden. Bestes Beispiel: Arabische Intellektuelle können völlig ungestört in der Presse ihr Kriegsgeschrei anstimmen, aber es gilt als gänzlich inakzeptabel, auch einmal zum Frieden aufzurufen. Denn laut dem vorherrschenden Diskurs sind wir Opfer, und Opfern steht es nicht gut zu Gesicht, um Frieden zu bitten, sondern sie müssen lauthals einfordern, was ihnen von Rechts wegen zusteht, aber gewaltsam entrissen wurde, nämlich Palästina."

Geradezu entsetzt ist Peter Hagmann von der Salzburger "Otello"-Inszenierung unter Stephen Langridge und Riccardo Muti: "Riccardo Muti spitzt die Gegensätze derart zu und treibt dabei das Laute derart ins Extrem, dass niemandem eine Chance bleibt. Den Solisten nicht, auch nicht der von Thomas Lang vorbereiteten Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, nicht einmal den Wiener Philharmonikern, die in den Momenten, in denen sie ungehemmt auf die Pauke hauen, so hässlich wie jedes andere Orchester in diesem Zustand klingen."

Weiteres: Joachim Güntner widmet sich der nahezu unbemerkten Revolution in Deutschland: 134 Jahre nach Bismarcks Kulturkampf gegen die katholische Kirche dürfen sich Paare in Deutschland wieder kirchlich trauen lassen, ohne zuvor standesamtlich geheiratet zu haben. Hugo Loetscher beschreibt auf einer Seite, wie in Schanghai Tradition und Ultramoderne aufeinanderstoßen. Besprochen wird die Ausstellung "Street & Studio" zu urbaner Fotografie in der Londoner Tate Modern.

Welt, 04.08.2008

Sven Felix Kellerhoff liest die monumentale Studie über die NS-Verstrickung Friedrich Flicks, die von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 2004 in Auftrag gegeben wurde, um den Streit über die Kunstsammlung des Flick-Erben Friedrich Christian Flick zu beruhigen. Das Ergebnis der Studie ist eindeutig, sagt Kellerhoff und zitiert aus dem Resümee der Historiker: "'In der Einstellung zu Hermann Göring und den Reichswerken zeigt sich Flicks Verhalten gegenüber der NS-Wirtschaftspolitik in reinster Form. Er nahm die politischen Erwartungen vorweg, baute sie in sein Kalkül ein und arbeitete der Politik dann entgegen. Flick sah sich nicht als ein Unternehmer, der mit dem NS-Staat pragmatische Arrangements einging, um Aufträge zu erhalten. Er wollte teilhaben und auf der Seite der Begünstigten stehen, wenn das Regime Belohnungen für loyale Dienste vergab.' Das NS-Unrecht, so die Autoren, ging 'in Flicks unternehmerisches Kalkül vorbehaltlos mit ein.'" Werden daraus nun irgendwelche Konsequenzen für die Präsentation der Sammlung im Hamburger Bahnhof gezogen?

Weiteres: Gabriela Walde schreibt über den Kunstboom in China, der offiziell gefördert wird, es sei denn, die Künstler äußern sich direkt politisch. Alexander Häusser erinnert an die Katastrophe des Luftschiffs des Grafen Zeppelin vor hundert Jahren. Berthold Seewald besucht zwei innovative Museen in NRW, das Varus-Schlacht-Museum Kalkriese und das Museum für Klosterkultur im Kloster Dalheim. Besprochen wird eine neue Berliner "My Fair Lady" und Gounods "Romeo et Juliette" in Salzburg.

Im Forums-Essay wendet sich der Herausgeber der SPD-Zeitschrift Berliner Republik, Tobias Dürr, gegen den Parteiausschluss Wolfgang Clements: "Früher hätte man das Säuberung genannt."

TAZ, 04.08.2008

Ulrich Gutmair grübelt über die neue Beliebtheit von Roxy Music und Anzüge nach. Dirk Knipphals meldet das Erscheinen von Peter Friedls Studie "Playgrounds". Die Berliner Regisseurin Katharina Klewinghaus spricht im Interview mit Cristina Nord über feministische Theorie und ihr Filmdebüt "Science of Horror". Besprochen werden ein Konzert von Scooter und eine Daumier-Ausstellung in Chemnitz.

Schließlich Tom.
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Stichwörter: Chemnitz, Horror

FR, 04.08.2008

Der Musil- und Hermlin-Biograf Karl Corino greift neue Rechercheergebnisse über die zurechtgebogene Biografie von Erwin Strittmatter auf, die der Germanist Volker Liersch gestern in der FAS präsentierte. Es geht um die letzten Kriegstage, die Strittmatter im böhmischen Wallern verbrachte. Angeblich wäre er beinahe Opfer einer Vergeltungsaktion belgischer Zwangsarbeiter geworden, die ihn schon sein eigenes Grab schaufeln ließen. Wahrscheinlicher ist aber, dass er von amerikanischen Truppen gezwungen worden war, an der Beerdigung jüdischer KZ-Insassinnen teilzunehmen, die auf einem Todesmarsch umgekommen sind.

Weiteres: Peter Michalzik schwärmt von der "frappierend intelligenten" Trilogie "Sad Face/Happy Face" des Jan Lauwers und seiner aus lauter schönen Menschen bestehenden Needcompany: "Erstaunlich, wie entspannt und heiter man eine Bühne einnehmen kann." Besprochen werden auch die ebenfalls in Salzburg gezeigte "gähnend konventionelle" Otello-Inszenierung von Stephen Langridge und Riccardo Muti und eine Aufnahme von Sabine Meyer und dem Trio di Clarone.

SZ, 04.08.2008

Furchtbarer "Otello" in Salzburg. Mittelmäßige Sänger, ein unbeteiligtes, von Riccardo Muti geleitetes Orchester, kurz: alles "so trostlos, kraftlos, stimmungslos". Doch in der großen Pause, Joachim Kaiser kann es immer noch nicht so richtig fassen, "muss sich ein kleines Pfingstwunder, ein Mysterium ereignet haben! Muti animierte sein Orchester nun plötzlich zu differenzierter und belebender Mannigfaltigkeit. Langridge gestaltete im dritten Akt das Gegeneinander von öffentlichem venezianischen C-Dur-Ritual und ganz privater Feldherrn-Ehekatastrophe höchst einleuchtend. Otellos epileptischer Zusammenbruch war als szenischer Höhepunkt mitleiderregend. Und Desdemona bot mit glockenreinem Gelingen beglückend schöne Pianofarben und Pianissimo-Echoeffekte."

Neben der Architektenkrise gibt es auch eine Bauherrenkrise, konstatiert Gerhard Matzig. Und das gilt für "wankelmütige, unprofessionelle und inkompetente öffentliche Bauherren" wie den Berliner Senat ebenso wie für private, die "landauf, landab Verwaltungsbanalitäten (errichten), die sich ökonomisch und funktional geben - obwohl sie einfach nur dumm und stillos sind. Wer die dazugehörigen Manager kennt, begreift die Zusammenhänge."

Weitere Artikel: Der Antiquar Heribert Tenschert bietet Max Webers Stichwortmanuskript zu "Politik als Beruf" zum Verkauf an, berichtet Gustav Seibt. "Der Preis ist hoch - im unteren sechsstelligen Bereich" - doch dafür erhält der Leser "einen denkbar komfortablen Einblick in die Gedankenfabrik Webers". Niklas Hofmann schickt Nachrichten aus dem Netz.

Besprochen werden eine Aufführung von Jan Lauwers Needcompany in Salzburg (Christine Dössel fand die auf harten Stühlen verbrachten 6 Stunden ebenso lohnend wie Eva Maria Klinger am Freitag in der nachtkritik), "Siegfried" und "Götterdämmerung" in der Inszenierung von Tankred Dorst in Bayreuth, Charles Gounods Oper "Romeo et Juliette" in Salzburg, einige DVDs, die Ausstellung "Vertrautes Terrain" im ZKM/MNK in Karlsruhe, Dieter Wedels Inszenierung von Moritz Rinkes "Nibelungen" in Worms und Bücher, darunter ein Band mit neuen Beiträgen zum Völkerrecht und Völkerstrafrecht (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 04.08.2008

Mark Siemons weist im Aufmacher nach, dass auch chinesische Zeitschriften eine Ausweitung der Meinungsfreiheit für möglich halten, "ohne dabei die staatliche Autorität zu schwächen". Joseph Hanimann berichtet, dass das in letzter Zeit doch etwas betulich und bourgeois gewordene Städtchen Paris durch Eingemeindung der Banlieue wieder zu einer aufregenden Metropole werden soll - falls die 500 Gemeinden jenseits des Boulevard peripherique einverstanden sind. Jordan Mejias porträtiert die Schauspielerin Estelle Parsons, die in New York mit ihren 81 Jahren täglich auf der Bühne steht. Gerhard Stadelmaier kann in die allgemeine Begeisterung über die belgische Needcompany und ihr Salzburger Spektakel nicht einstimmen, in dem er einzig eine unverbindliche "Zeichen-Party" erblickt. Joseph Croitoru liest osteuropäische Zeitschriften, die sich mit dem Thema der Vergangenheitsbewältigung in den baltischen Staaten auseinandersetzen. Andreas Rossmann schildert die Tücken von Architekturwettbewerben anhand einiger Kölner Beispiele wie dem Kölner Schauspielhaus. Gerhard R. Koch schreibt eine kleine Nachbetrachtung zur musikalischen Qualität des Bayreuter "Rings" unter Christian Thielemann.

Auf der Medienseite empfiehlt Michael Hanfeld eine heute auf der ARD laufende Dokumentation über investigative Reporter in China. Und Nina Rehfeld berichtet, dass Brangelina für das Recht auf die ersten Fotos ihrer Zwillinge 14 Millionen Dollar erhandelt haben, die sie wohltätigen Zwecken spenden wollen.

Besprochen werden "Otello" und "Romeo et Juliette" in Salzburg, Solveig Hoogestejns Film "Maroa" und Sachbücher, darunter ein Band mit Gesprächen mit und über Habermas (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Nur online bisher: die AP-Meldung vom Tod Alexander Solschenizyns.

Leider nicht online ist der Artikel des Germanisten Volker Liersch aus der gestrigen FAS über seine neue Erkenntnisse zur geschönten Biografie des DDR-Autors Erwin Strittmatter. "Es gibt ein Recht zu schweigen. Allerdings beanspruchen Autoren in der Regel das Recht, zu reden."