Heute in den Feuilletons

Immer Feinsinn und Verzweiflung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.01.2008. Die Berliner Zeitung mag nicht mehr ans Genre des Kunstlieds glauben. Die NZZ schildert, wie ein Maniac das New Yorker Nachtleben mit intellektuellen Inhalten bereichert. In der Welt gibt der Althistoriker Robert Rollinger zu: Seine Disziplin ist über Homer doch recht zerstritten. Die SZ warnt vor dem Zweiklassennetz. Und sie bewundert den mutwillig-revolutionären Pianisten Nikolai Tokarev. Ausgerechnet bei Mozart.

NZZ, 29.01.2008

Andrea Köhler erzählt, wie Paul Holdengräber die New York Public Library zum "Hot Spot des New Yorker Nachtlebens gemacht hat: "Holdengräber gibt seinen missionarischen Eifer freimütig zu. Schon während des Studiums gründete er einen Buchladen, um Leute ausserhalb der Universität mit der Welt der Gedanken zu infizieren. Man kann sich vorstellen, dass er als Kind den Lehrern mit seiner 'obsessiven Bescheidwisserei auf die Nerven gegangen' ist, und vermutlich wird er von manchen für einen Maniac gehalten. Jedenfalls merkt man auf Anhieb, dass er von Schlaflosigkeit geplagt ist. Er nennt es poetischer 'der Nacht Gesellschaft leisten'. Wie wird man zum Enthusiasten?"

Weiteres: Christian Gasser berichtet vom internationalen Comic-Festival in Angouleme und kann vom Markt Positives vermelden: "Obschon seit mehreren Jahren seine Implosion angekündigt wird, wächst er munter weiter." Die Ökonomin Maura Franchi versucht sich zu erklären, wie Italien nur zu einer Konsumgesellschaft verkommen konnte.

Besprochen werden Edward Rushtons Kinderoper "Im Schatten des Maulbeerbaums" im Opernhaus Zürich und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Siegfried Unseld und Peter Weiss und William Boyds Erzählungen "Das Schicksal der Nathalie X" und Alain Robbe-Grillets bisher nur auf Französisch erschienener "Roman sentimental" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Berliner Zeitung, 29.01.2008

Ist die E-Musik-Tradition tot? Wolfgang Fuhrmann und Peter Uehling hörten beim Berliner Ultraschall-Festival einen Liederabend mit unterschiedlichen neuen Kompositionen und mochten nicht mehr recht ans Genre glauben: "So individuell die Ansätze auch sind, keiner vermag die inzwischen doch peinliche Situation des Poesie-veräußernden Sängers vor dem schwarzen Musikmöbel auf eine andere Stufe zu heben. Irgendwie ist das immer 'Winterreise', immer Feinsinn und Verzweiflung, der ganze zum Kitsch heruntergekommene Subjektbegriff aus dem 19. Jahrhundert."
Stichwörter: Peter Uehling, Ultraschall

Welt, 29.01.2008

Im März erscheint Raoul Schrotts bereits im Vorfeld umstrittenes Buch über Homer. Der Althistoriker Robert Rollinger findet manches dagegen einzuwenden, konzediert aber, dass es einen Streit eröffnet, der auch die Fachdisziplinen umtreibt: "Seit Jahren stehen sich zwei konträre Anschauungen in der modernen Forschung gegenüber. Während ein Teil der Gelehrten für eine Entstehung in der Zeit um 700 v. Chr. plädiert, möchte ein anderer die Genese des Epos in die Bronzezeit des 14. und 13. Jahrhhundert zurückverfolgen. Mit diesen unterschiedlichen Ansichten sind grundlegende methodische Fragen verbunden."

Weitere Artikel: Dankwart Guratzsch stellt einen kosmetisch überarbeiteten Entwurf für die Waldschlösschenbrücke in Dresden vor. Sven Felix Kellerhoff unterhält sich mit dem ZDF-Historiker Guido Knopp über Trends des Geschichtsfernsehens - unter anderem möchte Knopp für die Archive Tausende von Interviews mit den letzten Zeitzeugen der Nazizeit machen. Und Uta Baier beobachtete im Karlruher ZKM einen Computer, der die Bibel "von Hand" abschrieb - besser als ein Mönch.

Besprochen werden eine Pariser Aufführung von Yasmina Rezas Stück "Der Gott des Gemetzels" mit Isabelle Huppert und Calixto Bieitos erste Wagner-Inszenierung, ein "Fliegender Holländer" in Stuttgart.
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FR, 29.01.2008

Die FR feiert den Erfolg der SPD in Hessen mit zwei Feuilletonartikeln. Längst müssen Politiker auch gut aussehen, erkennt Ina Hartwig. Eine späte Folge von 1968, der auch CDU-Politiker nicht entgehen können. "Die Körperkulturrevolte hat andererseits längst ihr eigenes, das konservative Milieu erreicht. Einigen - wie Koch - steht das Problem förmlich auf den Leib geschrieben."

Christian Schlüter deutet die Schlappe Kochs als Erfolg von Merkel und als Zeichen der Zentrierung der CDU. "In der Partei sind mittlerweile alle Ausreißer eingefangen. Vor diesem Hintergrund erhält auch das politische Schlagwort von der 'Mitte' einen neuen Sinn: Nicht länger soll mit ihm die weltanschauliche oder, genauer: die ideologische Ausrichtung der CDU neu bestimmt werden, es beschreibt eher den Status quo."

In der Times mager hofft Christian Thomas, dass die geringe Resonanz auf den Architekturwettbewerb zum Berliner Stadtschlossneubau auf den "Respekt vor der Geschichte" und nicht weltweites Desinteresse zurückzuführen ist. Besprochen werden die Schau "5 minutes later" in den Kunstwerken Berlin, die nachgeholte Uraufführung von Peter Weiss' "Inferno" im Staatstheater Karlsruhe sowie der Band "Letzte Meldungen" mit Texten aus dem Nachlass von Charles Bukowski.

TAZ, 29.01.2008

Jörg Magenau liest die neuen Romane von Drago Jancar (mehr), Ismail Kadare (mehr) und Giwi Margwelaschwili (mehr, Leseprobe), die "den Kommunismus in eine mythologische Landschaft" verwandeln: "Normalerweise dauert es 200, vielleicht sogar 300 Jahre wie bei Jesus oder dem Trojanischen Krieg, bis Geschichten die nötige Ausdörrung und Schrumpfung zur Legende erreicht haben. Beim Kommunismus geht es schneller. Das hat damit zu tun, dass die Menschen, die in den sozialistischen Ländern lebten, schon ein mythologisches Verhältnis zu ihren Herrschern und ihrem Staat unterhielten. Die Wirklichkeit war so brüchig, dass sie als 'real existierend' extra bekräftigt werden musste."

Weiteres: Meike Jansen sieht auf dem Medienkunstfestival transmediale in Berlin ein Projekt, das sein Material aus den Mülllandschaften in Gaza und im Westjordanland bezieht. Besprechungen widmen sich Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Dea Lohers Stück "Das letzte Feuer" am Thalia-Theater Hamburg und Vladimir Sorokins neuem Roman "Der Tag des Opritschniks".

Daniel Bax versteht die Wahl in Hessen nicht nur als Warnung an die Politik, von schmutzigen Kampagnen zu lassen. Sie treffe auch die Medien, wie er auf der Meinungsseite meint: "Für Frankfurter Allgemeine Zeitung und Bild gilt: Mit Krawall-Publizistik lässt sich zwar kurzfristig Aufsehen erregen. Langfristig aber schadet sie dem eigenen Ruf. Davor, dass Schirrmachers Panikmache ihr seriöses Publikum verschreckt, muss sich die FAZ fürchten. Und auch Bild kann nicht daran gelegen sein, dass etwa türkischstämmige Leser die Finger von dem Blatt lassen, will sie ihre Auflage halten."

Und Tom.

FAZ, 29.01.2008

Eberhard Rathgeb schreibt über den (Nicht-)Politikertypus des Michael Naumann, der gerne Erster Bürgermeister von Hamburg würde: "Neben Vollblutpolitikern wie Klaus Wowereit, der, wie andere Politikerprominenz auch, nach Hamburg kam, um den SPD-Kandidaten zu unterstützen, macht Naumann keine adäquat vollmundige Figur. Nicht einmal schimpfen und trompeten mag er wie seine ihm innerlich fernen Kollegen aus der Politik - die physiognomisch gesehen ganz andere Richtungen eingeschlagen haben als er. Dem noblen Hamburg, wo einmal Hans-Ulrich Klose, Henning Voscherau und Klaus von Dohnanyi öffentlich wirkten, kann eine Erscheinung wie Naumann grundsätzlich nicht fremd sein. Das mag sich die SPD gedacht haben, als sie ihn nominierte. Doch Hamburg ist größer als die Binnenalster."

Weitere Artikel: In der Glosse informiert Reiner Burger über kleinere Korrekturen am Entwurf der Dresdener Waldschlösschenbrücke. Frank Pergande hat einer Hamburger Diskussion über Musikvermittlung gelauscht und berichtet außerdem, dass die mecklenburg-vorpommersche Barockanlage Schloss Bothmer jetzt vom Land aufgekauft wurde. Wie Neuruppin alte Bausubstanz zu retten versucht, weiß Matthias Grünzig. In amerikanischen Zeitschriften liest Jordan Mejias von der nächsten Börsenblase und stößt auf Kritik an der Wachstumsideologie. Mark Siemons setzt sein China-Olympia-Lexikon mit den Buchstaben von D wie Doping bis G wie Goldmedaillen fort. Gerhard Stadelmaier porträtiert die eminent erfolgreiche Theaterautorin Yasmina Reza.

Auf der Medienseite staunt Nina Rehfeld über die hohe Qualität der gerade höchst erfolgreich im US-Fernsehen gestarteten, natürlich Schwarzenegger-freien Serie "Terminator: The Sarah Connor Chronicles". (Geschrieben übrigens vom Autor des Kult-Blogs "I Find Your Lack of Faith Disturbing" Josh Friedman.)

Besprochen werden die große Ausstellung des Künstlers Liam Gillick in Rotterdam, Volker Koepps neuer Film "Holunderblüte" (unsere Kritik), Anna Viebrocks für Martin Halter wunderschön anzusehender, aber am Text zuschanden gehender Basler "Doubleface"-Abend, Calixto Bieitos Stuttgarter Inszenierung des "Fliegenden Holländers", eine CD-Einspielung von Luigi Nonos Komposition "Prometeo" und die deutsche Übersetzung von Jacques Redas Prosagedichten "Die Ruinen von Paris" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 29.01.2008

Nichts ist unwichtig beim Pianisten Nikolai Tokarev, alles wird neu und spannend bewertet, betont ein begeisterter Helmut Mauro. Beim umjubelten Konzert im Prinzregententheater erklangen selbst so ausgeforschte Terrains wie Mozart frisch und ungewohnt. "Da schrecken manche Fachleute auf, andere wundern sich, dass Tokarev nach den unendlich einfühlsamen, empathisch durchgesponnenen Schubertschen 'Moments Musicaux' auf einmal solch mutwillig-revolutionäre Kräfte entwickelt. Ausgerechnet bei Mozart. Es ist in der Tat gewöhnungsbedürftig, wenn sich ein Musiker anschickt, Mozart ein Stück seiner, man könnte sagen: 'Männlichkeit' zurückzugeben."

Der iranische Schriftsteller Hassan Cheheltan berichtet über die katastrophale Lage der Frau in der Islamischen Republik. Seit die Hymenoplastik die Wiederherstellung der Jungfräulichkeit erlaubt, ist bei jungen Iranern die "Ehe auf Zeit" populär geworden. "Einige Befürworter der Zeitehe haben sogar eine eigene Webseite eingerichtet, auf der Fragen nach religiösen Problemen beantwortet werden. Eine Frage lautete: 'Wie ist das Urteil der Scharia im Falle eines Mädchens, das an einem Abend mit drei Männern Verkehr haben möchte?' In der Antwort hieß es: 'Im Falle von nicht erfolgter Penetration ist dies gestattet.'"

Weiteres: In Mexiko wurden jetzt mehr als tausend Negative mit Aufnahmen Robert Capas aus dem Spanischen Bürgerkrieg entdeckt, weiß Javier Caceres. In Davos sangen die Wirtschaftsführer in einem Seminar zum Abschluss die "latent totalitäre" Ode an die Freude, was Thomas Steinfeld erschaudern lässt. Gemeldet wird, dass Suhrkamp bald eine geschwärzte Version von Florian Havemanns zur Zeit zurückgezogenen Erinnerungen "Havemann" ins Netz stellen will. Harald Eggebrecht nutzt eine Zwischenzeit, um an die Cellisten Emanuel Feuermann und Harvey Shapiro zu erinnern. Für die Renovierung des Ernst-Jünger-Haus in Wilfingen hat sich bisher noch kein Geldgeber gefunden, beklagt Bernd Dörries.

Besprochen werden die Ausstellung "Sizilien! Von Odysseus bis Garibaldi" in der Bundeskunsthalle Bonn, die späte Uraufführung von Peter Weiss' Künstlerdrama "Inferno" in der Inszenierung von Thomas Krupa am Staatstheater Karlsruhe, Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Dea Lohers Stück "Das letzte Feuer" am Hamburger Thalia Theater, Konzerte auf dem Münchner Musica-viva-Festival mit Werken von Hans Zender und Karlheinz Stockhausen und Bücher, darunter ein Gesprächsband mit Karl-Heinz Dellwo über den Deutschen Herbst sowie die Briefe Jacob und Wilhelm Grimms an die Verleger des "Deutschen Wörterbuchs" Karl Reimer und Salomon Hirzel (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In SZ-Online warnt Monika Ermert vor einem "Zwei-Klassen-Netz": Durch technische Neuerungen können Kabelanbietern künftig Betreiber von Webseiten mit unterschiedlich schnellen Zugängen versorgen. Google wäre dann schnell, der arme Blogger langsam: "Verbraucherschutzorganisationen warnen schon vor der Mehrklassengesellschaft im Internet, wenn das verloren geht, was seit Anbeginn des Internets an galt: dass im Datennetz technisch gesehen jeder gleich ist, im Jargon Netzneutralität genannt."