Heute in den Feuilletons

Volle Konsequenz der Materialästhetik

Wochentags ab 9 Uhr, am Sonnabend ab 10 Uhr
10.12.2007. Das Blog Medienlese ist gar nicht einverstanden mit der SZ, die gar nicht einverstanden ist mit all diesen von ihr nicht autorisierten Blogs. Die NZZ fürchtet um den Schmaltz Factor bei Hillary Clinton. Die taz fragt: Ist Coolness die fast hysterische Angst vor der Entgleisung? Die FR und andere Zeitungen ziehen die volle Konsequenz der Materialästhetik Stockhausens. In der Welt sieht Wolf Lepenies das Frankreich-Bashing des Time-Magazins als Dokument eines gegenseitigen Neids. BHL wertet den selben Artikel im Guardian als Ausdruck der amerikanischen Angst vor der eigenen Deklassierung.

FR, 10.12.2007

Hans-Klaus Jungheinrich erinnert im Nachruf auf Karlheinz Stockhausen an die Abgehobenheit des späten Komponisten. "Das blaueste Blau der Stockhausen'schen Augen war wohl auf jenes Fernsehereignis gerichtet, das den Komponisten anschließend dazu veranlasste, den 11. September 2001 als 'größtes Kunstwerk' im kosmischen Maßstab zu bezeichnen. Ein unvergessliches Wort und ein unverzeihliches. Es verweist (wie Ernst Jüngers Sicht durchs Burgunderglas auf das brennende Paris) auf die spezifische Unmenschlichkeit eines Kunsttriebs, dem jede Realitätserfahrung zum ästhetischen Material gerinnt. Hier zeigt sich die volle Konsequenz der Materialästhetik Stockhausens und ihrer Affinität zu hochtechnologischen Superlativen."

Weitere Artikel: Harry Nutt resümiert eine Berliner Tagung über die emotionale Unterkühlung und seine antiken Vorläufer. Christian Schlüter nutzt eine Times mager, um auf die heutige letzte Sitzung der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" hinzuweisen.

Besprechungen widmen sich den Ausstellungen "Megacity Network" und "Shrinking Cities" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, Florian Fiedlers Version von Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" am Schauspiel Frankfurt und Catherine Davids Programm "Di/Visions" über Kunst und Kultur in der arabischen Welt im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

Aus den Blogs, 10.12.2007

Als durchsichtigen Versuch, ein nicht mehr zu haltendes Torwächterprivileg der etablierten Medien zu erhalten, wertet Klaus Jarchow von Medienlese den Artikel des SZ-Online Redakteurs Bernd Graff gegen die von ihm nicht autorisierten Umtriebe des Web 2.0: "Wenn er beispielsweise auf die 'Prosumenten' schimpft, auf Menschen also, die neuerdings zugleich Nachrichten konsumieren und erzeugen können, dann verwendet er dafür doch einen Begriff, der auf bisherige 'Mittler', auf Medienmenschen wie Graff also, passt wie die Faust aufs Auge. Denn dort in den Redaktionen ist, wie jedes Kind weiß, das dpa-Recycling längst zur primären Fertigkeit des 'prosumierenden Redakteurs' geworden. Und selbst Graffs Artikel steckt voller 'prosumierender' Zitate und Hinweise."
Stichwörter: Faust

TAZ, 10.12.2007

Ekkehard Knörer erfährt auf einer Berliner Tagung, dass die Gefühlsbeherrschung der Stoiker im 21. Jahrhundert im amerikanischen Ideal des "Emotional cool" weitergeführt wird: Die Soziologin Eva Illouz "hat Ratgeber studiert, die amerikanische Psychologen in den fünfziger Jahren verfassten, und zwar speziell als Anleitungen fürs Selbstmanagement von modernen Mitarbeitern und Firmenchefs. Was in diesen als Ratgeber getarnten Gefühlsdrillbroschüren regiert, ist die selbst schon fast hysterische Angst vor der Entgleisung oder dem Zusammenbruch der Kommunikation. Im Interesse der Firma sowie des eigenen Fortkommens hat der Mensch in der Arbeitswelt sich zusammenzunehmen. Angst, Wut, Antipathien gehören verborgen. Macht zeigt man gefühlsdialektisch gerade dadurch, dass man auf Demütigungen aller Art nicht mit Wutausbrüchen reagiert. Sondern mit einem freundlichen Lächeln weitermacht, allezeit die Fähigkeit zur Empathie demonstriert und damit die eigenen Karrierechancen aufrechterhält."

Weiteres: Einflussreich war Karlheinz Stockhausen nur in jungen Jahren, urteilt Ralf Krämer in seinem Nachruf: "Sein bis heute anhaltender Ruf wäre kein anderer, wenn er sich seit den späten 60ern nur noch als Hobbygärtner betätigt hätte (der er auch war)." Besprochen wird die Uraufführung von Lloyd Newsons Choreografie "To be straight with you" in Berlin.

In der zweiten taz glaubt Tobias Rapp, dass die heute noch einmal in London auftretenden Rocker von Led Zeppelin dies nur noch als Parodie ihrer selbst bewerkstelligen können. Und Anne Haeming berichtet durchaus mit Sympathie von der Renaissance des Lateinischen an deutschen Schulen. Auf den vorderen Seiten erklärt der französische Philosophieprofessor und Maoist Alain Badiou im Interview, was die Franzosen an Sarkozy anzieht.

Auf der Medienseite berichtet Klaus Raab über den Prozess von SZ und FAZ gegen den Perlentaucher, in dem morgen das Urteil in zweiter Instanz erwartet wird.

Und Tom.
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NZZ, 10.12.2007

Andrea Köhler glossiert die Meldung, dass Hillary Clinton im Kampf um die weiblichen Wählerstimmen vielleicht doch das Nachsehen haben könnte: Die populärste Frau Amerikas, die Talkshow-Queen Oprah Winfrey, hat angekündigt, Barack Obama im Wahlkampf zu unterstützen: "Lauscht man den Meinungsumfragen unter den weiblichen Wählern, dann fehlt Hillary Clinton das 'Herz' oder besser gesagt: jener 'schmaltz factor', den Oprah Winfrey so glaubwürdig ausspielen kann. Selbst diejenigen, die gerne eine Frau im Weißen Haus hätten, sähen zu 40 Prozent lieber eine andere dort. Und nun spielt auch noch Barack Obama die Frauen-Karte aus."

Weiteres: Ausführlich verabschiedet Peter Hagmann den verstorbenen Komponisten Karlheinz Stockhausen. Paul Jandl begrüßt den neuen Intendanten des Wiener Schauspielhauses Andreas Beck. Susanne Ostwald besucht das Set des ersten genuin Schweizer Bollywood-Films "Tandoori Love". Wenig beeindrucken lässt sich Peter Hagmann von "Tristan und Isolde" mit Dirigent Daniel Barenboim in der Mailänder Scala. Und ganz melancholisch zumute wird "rbl." bei der Lektüre des letzten Heftes der alten "Du"-Redaktion, das passenderweise vom Verschwinden handelt.

Welt, 10.12.2007

Wolf Lepenies wertet den Abgesang auf die französische Kultur in der europäischen Ausgabe des Time-Magazine als Dokument eines schon länger andauernden gegenseitigen Neids: "Franzosen wie Amerikaner sind zutiefst von der Notwendigkeit überzeugt, ihrer eigenen Zivilisation zu weltweiter Geltung zu verhelfen. Der Kulturneid zwischen Amerikanern und Franzosen ist so groß, weil es sich bei ihnen um Konkurrenten im Zivilisationsexport handelt."

Weitere Artikel: Matthias Heine lauschte einer Tagung über den Begriff der Coolness im Potsdamer Einsteinforum. Hendrik Werner gratuliert der SMS zum Fünfzehnten. Peter Dittmar wirft einen Blick auf den aktuellen Markt für afrikanische Kunst. Ulrich Baron erinnert an Goethes positives Serbien-Bild. Andre Mielke versucht, über den Komiker Mario Barth zu lachen. Besprochen wird Christoph Marthalers Zürcher Produktion "Platz Mangel" und ein "Tristan" unter Daniel Barenboim an der Scala.

Im Forum erklärt Marcia Pally, warum die Muslime in Amerika geringere Integrationsprobleme haben als in Europa. Und Im Interview mit Andrea Seibel prophezeit Robert Kagan im politische Teil: "Die EU wird, auch wenn sie sich nicht über Russland spaltet, steigende Spannungen mit Russland erleben."

Weitere Medien, 10.12.2007

Bernard-Henri Levy antwortet im Guardian auf den Time-Artikel über das Ende der französischen Kultur: "Dieser Artikel spricht in Wirklichkeit über Amerika und darüber, was Amerika passieren wird, wenn die steigende Macht des Spanischen, des Chinesischen oder anderer asiatischer Sprachen dazu führen, dass das Anglo-Amerikanische nicht mehr lingua franca und Sprache der Übersetzung ist. Frankreich als Metapher für Amerika. Frankreichfeindlichkeit als eine Ausweichform der Panik, die ihren Namen nicht auszusprechen wagt. Klassisch."

SZ, 10.12.2007

Christian Jostmann traf in Wien Ivan Ivanji, der sich jetzt auch im Buch an seine Zeit als Titos Dolmetscher erinnert: "Tito war in den sechziger, siebziger Jahren ein Grandseigneur, den Politiker in Ost und West achteten, wenn nicht verehrten. Ivanji weiß, dass Herbert Wehner, als Tito im Sterben lag, in der jugoslawischen Botschaft in Bonn aufkreuzte, mit schwarzer Krawatte um den Hals und einem schwarzumrandeten Brief in der Hand. Wehner wollte unbedingt der Erste sein, der kondolierte. Zu dem Zeitpunkt atmete Tito noch."

Reinhard J. Brembeck registriert nach dem Tod Karlheinz Stockhausens ein bezeichnendes Schweigen in Komponistenkreisen: "Nach wie vor tut sich die Klassikszene schwer mit diesem konsequent unangepassten Einzelgänger, der sich zunehmend einem von ihm als degoutant und unrelevant empfundenen Musikmarkt verweigert hat - während Musiker anderer Richtungen kein Problem mit Stockhausen haben: Gerade weil seine Werke, die sich nie um Publikumsgeschmack und Tradition kümmerten, schamlos neugierig die neuesten, dabei oft elektronisch generierten Klangwelten erforschten und vermaßen."

Weitere Artikel: Katajun Amirpur erinnnert daran, dass im Iran nach Israel die größte jüdische Gemeinde des Nahen Ostens lebt. Burkhard Müller erwähnt lobend, dass Doris Lessing sich bei ihrer Nobelpreisrede (als Video) auf ihre Stärken als Anekdotenerzählerin besonnen hat. Schauspieler Russell Crowe instruiert Patrick Roth im Interview, wie man Western dreht und Drehbücher reifen lässt. Stefan Koldehoff berichtet von den Zweifeln an der Echtheit von acht chinesischen Terrakotta-Kriegern, die im Hamburger Völkerkundemuseum gezeigt werden. Mit der Feststellung, dass wiedervereinigte Bands nie so gut sind wie früher, tröstet Andrian Kreye alle, die keine Karten für den heutigen Auftritt von Led Zeppelin im Londoner Millennium Dome bekommen haben.

Besprochen werden eine Aufführung des "Tristan" an der Mailänder Scala, Stephan Kimmigs Bearbeitung von Tom Lanoyes "Mamma Medea" an den Münchner Kammerspielen, die Aufführung des Christoph-Marthaler-Stücks "Platz Mangel" in Zürich, Jörg Mannes' Tanzversion von Shakespeares "Sturm" mit dem Bayerischen Staatsballett in München, DVD-Neuererscheinungen wie Shane Meadows Skinhead-Film "This Is England" und Bücher, darunter "Reclams großes Buch der deutschen Gedichte" sowie Anita Albus' Bildband "Das botanische Schauspiel" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 10.12.2007

Im Politikteil spricht der neue polnische Regierungschef Donald Tusk unter anderem darüber, warum er die Bücher von Günter Grass nicht sonderlich, dafür aber die Filme eines deutschen Filmemacher ganz außerordentlich schätzt: Grass "ermüdet mich einfach, das ist alles. Dies ist eher eine Frage des Stils und der Form seiner Prosa. Wenn Sie aber fragen, was in der deutschen Kultur mich besonders geprägt hat, dann ist es Werner Herzog. Ich habe seine Filme in meinen Zwanzigern mit jugendlicher Begeisterung aufgenommen. Einer der besten Filme der Kinogeschichte ist meiner Meinung nach Herzogs 'Jeder für sich und Gott gegen alle', die Geschichte des Kaspar Hauser." Auch an einen Grass-Besuch in Danzig zu Solidarnosc-Zeiten erinnert sich Tusk nicht gern - mehr dazu in der Online-Zusammenfassung des Gesprächs.

Weitere Artikel: Regina Mönch porträtiert die Polizistin Gina Graichen, Erste Hauptkommissarin im in Deutschland einzigartigen Berliner Kommissariat für "Delikte an Schutzbefohlenen". In der Glosse befasst sich Hubert Spiegel mit Doris Lessings in ihrer Abwesenheit verlesener Nobelpreisrede, in der es vor allem um Afrikas Hunger nach Büchern ging (nachzulesen ist die Rede in deutscher Übersetzung in der FR vom Samstag.) Helmut Mayer stellt die im nächsten Jahr startende Suhrkamp-Reihe "edition unseld" vor, die mit der Stanford University kooperieren will, um die Diskussion auf dem biopolitischen Feld zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu beleben. Beim Blick in deutsche Zeitschriften ist Ingeborg Harms unter anderem auf eine Abrechnung mit deutschen Kunsthochschulen und einen Brief Robert Havemanns gestoßen. Reiner Burger berichtet von einem Auftritt von Günter Grass am Dresdener Waldschlösschen, wo er gegen die geplante Brücke und den ADAC agitierte. Jürg Altwegg vermeldet, dass die deutsche Übersetzung von Jonathan Littells Roman "Les Bienveillantes" so wenig wie irgendeine andere mit öffentlichen Mitteln gefördert wird - für die amerikanische Version allerdings habe Littell höchst unzufrieden einen neuen Übersetzer gefordert.

Dirk Schümer porträtiert nicht ohne Sympathie den nunmehr 104-jährigen Johannes Heesters, der im nächsten Frühjahr erstmals wieder in den Niederlanden auftreten darf, wo man ihm die Tatsache, dass er unter den Nazis zum Unterhaltungsstar avancierte, lange nicht verziehen hat. Eleonore Büning hat einen Nachruf auf Karlheinz Stockhausen geschrieben. Auf der Medienseite berichtet Nina Rehfeld von einer Begegnung mit Claus Kleber in Las Vegas, bei der sie allerdings nichts über seine Pläne in Sachen Spiegel-Chefredaktion erfuhr.

Besprochen werden ein Berliner Digitalism-Konzert, Patrice Chereaus "Tristan"-Inszenierung an der Mailänder Scala, Stephan Kimmigs Inszenierung von Tom Lanoyes Stück "Mamma Medea" an den Münchner Kammerspielen, Schirin Khodadadians Version von Schillers "Jungfrau von Orleans" in Mainz und Bücher, darunter Michael Schneiders Roman "Das Geheimnis des Cagliostro" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).