Tahar Ben Jelloun

Verlassen

Roman
Cover: Verlassen
Berlin Verlag, Berlin 2006
ISBN 9783827006523
Gebunden, 256 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Tanger verlassen - das ist die Obsession in den Köpfen einer ganzen Generation. Bei schönem Wetter sieht man die spanische Küste in nur 14 km Entfernung. Sie sitzen in den Cafes, trinken Tee, rauchen Haschisch und träumen sich hinüber. Unter ihnen Azel, arbeitslos nach einem Jurastudium, ohne jede Aussicht auf einen Job. Sein Cousin Noureddine ist gerade mit zwanzig anderen ertrunken bei dem Versuch, in die "Festung Europa" hinüberzukommen. Seine schöne kleine Nachbarin Malikka stirbt vor der Erfüllung des Traums an Lungenentzündung. Er selbst glaubt jetzt einen sicheren Weg gefunden zu haben: Der spanische Galerist Miguel hat sich in ihn verliebt und verschafft ihm und seiner Schwester Kenza Visa für Spanien. Azel geht nach Barcelona. Aber die Hölle aus Armut, Korruption und Demütigung, die er in Marokko hinter sich lässt, ist nur das Spiegelbild der anderen Hölle, die ihn erwartet: die Einsamkeit, Prostitution und der Verlust seiner Würde in der Emigration.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.04.2007

Kai Wiegandt zeigt sich überwältigt von der Vielstimmigkeit des neuen Romans von Tahar Ben Jelloun. Derart zieht ihn das hemmungslose Jonglieren mit Allwissenheitsperspektive und ironischer Mehrfachbrechung der Figuren in den Bann, dass er den Mangel an Zielstrebigkeit im Text gar nicht vermisst, sondern sich nur zu gern in das entworfene Beziehungsgeflecht und die Komplexität der Handlung hineinlocken lässt. Ben Jellouns Balzac'sche Erzählweise findet Wiegandt gar nicht billig, sondern erkennt darin eine Möglichkeit, Innenleben auf wenig Raum plastisch werden zu lassen und dem Leser einen "erhellenden" Einblick in die "marokkanische Migrationsproblematik" zu vermitteln. Wiegandt findet das "formal ambitioniert" und "literarisch überzeugend".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.12.2006

Dass man auf dem "rüden Schlachtfeld" der Globalisierung, der Migrations- und Integrationsdebatten als Schriftsteller noch etwas ausrichten kann, hätte Rezensent Walter van Rossum kaum noch geglaubt, bis er zum aktuellen Roman von Tahar Ben Jelloun gegriffen hat. Der Rezensent ist offenkundig erleichtert, dass endlich jemand die "großen Dramen" der Migration erzählt, anstatt sich in die üblichen Auseinandersetzungen um religiöse und kulturelle Differenzen zu stürzen, wie es Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger oder der Historiker Hans-Ulrich Wehler tun. Solchen "Pressesprecher der Freien Welt", die den Blick vor der Realität verschließen, kann er nichts abgewinnen. Tahar Ben Jellouns Buch dagegen umso mehr. Denn obwohl man vom einem Roman im Allgemeinen keine Antworten auf die Fragen der Politik erwarte, werde der Leser nach diesem Werk gegen die "irren Debatten" über Migration und Integration geimpft sein.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.10.2006

Tahar Ben Jellouns Migrantenroman hat die Rezensentin Angela Schader nicht recht überzeugt. Zwar erkennt sie erleichtert, dass Ben Jellouns Buch mehr und anderes sein will als "naive Betroffenheitsliteratur". Dass seine Geschichte über Azel, der sich von einem schwulen europäischen Gönner den Weg nach Europa bahnen lässt und diesen dazu bringt, eine Scheinehe mit seiner Schwester einzugehen, wenig repräsentativ für die Probleme echter Migranten ist, stört die Rezensentin dabei nicht. Doch bemängelt sie, dass Ben Jelloun über die sexuellen Aspekte seiner Dreiecksgeschichte die Migrationsthematik und die Figurengestaltung aus dem Auge verliere, weshalb die Figuren des Romans sie gänzlich kalt gelassen haben. Um wirklich Interesse an ihnen hervorzurufen, hätte der Roman sie differenzierter und konsistenter darstellen müssen, meint sie. Klugheit und Relevanz mag sie dem Roman bei alldem dennoch nicht absprechen.