Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2006. Die NZZ erklärt die Tücken der koreanischen Höflichkeit. Die taz befasst sich mit dem politischen Hiphop in Geschichte und Gegenwart. Die Welt atmet auf: China wird vielleicht doch nicht die Zukunft gehören. Die FR analysiert: Der Föderalismus scheitert an seinen Organen. Die SZ resümiert die deutschen Zustände nach Wilhelm Heitmeyer und vor Weihnachten so: Soziale Desorientierung, hohe Fremdenfeindlichkeit, und alle haben Angst vor dem Abstieg.

NZZ, 15.12.2006

Die aktuelle Ausgabe der NZZ ist noch nicht online. Wir können deshalb nicht auf die Artikel verlinken.

Bei einem Test in 35 Weltmetropolen zur Höflichkeit der Einwohner landeten die asiatischen Städte auf den hinteren Plätzen. Das muss daran liegen, dass die Asiaten unter Höflichkeit etwas ganz anderes verstehen als Europäer, meint Hoo Nam Seelmann und erklärt das am Beispiel der Kommunikation in Korea. "Welches Wort man für 'ich' benutzt, hängt auch davon ab, wie die personelle Konstellation gerade beschaffen ist, da mehrere Begriffe für 'ich' existieren, ebenso auch bei der Wahl des 'Du' oder 'Sie'. Im Koreanischen gibt es keine neutralen Anredeformen wie 'Herr' oder 'Frau', so dass, angepasst an die jeweiligen Personen, eine passende Anrede gesucht werden muss. Eine Frage wie etwa 'Haben Sie schon gegessen?' kann ganz anders lauten, je nachdem, ob man eine ältere Person, einen Gleichaltrigen oder eine jüngere Person fragt. Diese feingliedrige Höflichkeit auf der sprachlichen Ebene existiert in den westlichen Sprachen nur in sehr eingeschränktem Maße."

Weiteres: Marco Rossi findet den Umgang der Stadt Bern mit ihrem Bauerbe vorbildlich. Derek Weber berichtet von einer Finanzkrise des Gran Teatro della Fenice. Besprochen werden eine Ausstellung zum Schriftsteller Felix Salten im Wiener Jüdischen Museum und Mark Ravenhills "Christmas pantomime" am Londoner Barbican Theatre.

Ausschließlich Rezensionen gibt es auf der Filmseite. Besprochen werden ein Film aus Singapur, "Be With Me" von Eric Khoo, Coline Serreaus Film über eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela "Saint Jacques ... La Mecque", Stefen Fangmeiers Fantasyfilm "Eragon" und Nancy Meyers' romantische Komödie "The Holiday - Liebe braucht keine Ferien".

Auf der Medien- und Informatikseite beschreibt Urs Schoettli den Kampf zwischen chinesischen Journalisten und der Zensur. Trotz aller Repressionen gibt es auch viele Fortschritte, meint Schoettli, der sich in China oft an die USA, nie an die UDSSR erinnert fühlt: "Zu Aufruhr hat vor kurzem ein Gesetzesentwurf geführt, der Medien, die ohne vorherige Autorisierung durch die Behörden über Katastrophen und Unfälle berichten, mit Strafen belegt. Dieselben Strafen gelten für falsche Berichterstattung. Von offizieller Seite wird diese Gesetzesvorlage, die vom Nationalen Volkskongress noch abgesegnet werden muss, als Unterstützung für einen verantwortungsbewussten Journalismus gepriesen", aber natürlich ist es ein Maulkorberlass, meint Schoettli. "Aufschlussreich an der neuen Gesetzesvorlage ist immerhin, dass sie in den chinesischen Medien offen diskutiert wird und dass die Stimmen, die sich dagegen aussprechen und vor einer Unterbindung jeder unabhängigen Berichterstattung warnen, zu Wort kommen können."

Weitere Artikel: S.B. schildert am Beispiel von Windows-Vista die Grenzen der Microsoft-Betriebssysteme. Gsz. unternimmt einen heroischen Versuch, nach Lektüre eines von der American Mathematical Society publizierten Aufsatzes die lineare Algebra hinter Googles Page-Rank-System zu erklären. Und ras. gibt einen Überblick über die Themen, die 2006 in der Presse am stärksten beachtet wurden.

Ein interessanter Artikel findet sich noch auf der Bauen- und Wohnen-Seite. Dort berichtet sel., dass der Basler Architekt Hans Zwimpfer für sein "Pile up"-Konzept (ein Wohnhaus mit gestapelten Geschosswohnungen) ein europäisches Patent eingetragen und damit für erheblichen Wirbel in der Architektenszene gesorgt hat. Und auf der Schachseite weist rfo. auf einen "brisanten" Bericht in der Dezemberausgabe der Fachzeitschrift Schach hin, der ein neues Licht auf die ominöse Toilettenaffäre im WM-Kampf in Elista zwischen Wladimir Kramnik und Wesselin Topalow werfe: Man hat bei einer Inspektion "in der Zwischendecke von Kramniks Toilette ein Internet-Kabel entdeckt".

TAZ, 15.12.2006

Uh-Young Kim macht sich anhand der HipHop-Geschichte einige grundsätzliche Gedanken darüber, wie politisch die Ware Musik eigentlich sein kann. "Dabei begann Hiphop gar nicht als Aufschrei aus den Ghettos etwa gegen soziale Ungerechtigkeit - wie eine eurozentrische und bevormundende Rezeption noch heute nahelegt. Des Blutvergießens aus der Gangkultur überdrüssig, wandten sich die Kids Anfang der Siebziger vom kollektiven Kampf ab, sie wollten feiern und cool aussehen... Die gesellschaftsumwälzenden Ideen aber versprachen mehr Drama, und so fanden 'black nationalists' Ende der Achtziger in Public Enemy ihre Botschafter. Auch wenn die Gruppe als Inbegriff des politischen Raps gilt, lag ihre Stärke nicht darin, Politik zu machen, sondern Musik zu produzieren und Platten zu verkaufen. Chuck D und seine Kostümtruppe waren eben nicht die Black Panthers, sondern nur die 'Black Panthers des Rap' - keine Bewegung, sondern deren Inszenierung in der Popwelt. Ihre Anziehungskraft ging von einem cleveren Konzept aus, das mit dem Image des Rebells wucherte."

Weiteres: Als kalten Kaffee wertet Rudolf Walther die in der FAZ (vom 12.12.) sehr ausführlich behandelten, angeblichen Enthüllungen, dass der Altlinke Johannes Agnoli in jungen Jahren glühender Mussolini-Anhänger war. Besprochen wird eine Doppelausstellung zu Joseph Beuys und Matthew Barney im Berliner Guggenheim.

Ausführlich widmen sich die vorderen Seiten den Ergebnissen der Studie "Deutsche Zustände", die ein wenig die Legende vom weltoffenen Patriotismus korrigiert. Demnach finden 46 Prozent der Westdeutschen und 60 Prozent der Ostdeutschen, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben.

Und Tom.

Welt, 15.12.2006

Nach der Lektüre von James Kynges China-Buch "Der Aufstieg einer hungrigen Nation" atmet Ulrich Baron erleichtert auf: China wird vielleicht doch nicht die Zukunft gehören: "Nach Wachstumsschätzungen werde Chinas Wirtschaft zwar vor dem Jahr 2040 das Niveau der USA erreicht haben. Doch dies werde sich auf gut fünfmal so viele Menschen verteilen, von denen rund ein Drittel über sechzig Jahre alt sein werde. Fazit: 'Es kann also sein, dass China alt ist, bevor es reich wird.'"

Eckhard Fuhr begrüßt die Entscheidung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, über die Fusion der Kulturstiftungen von Bund und Ländern nicht entschieden zu haben: "Die voraussehbaren Kompetenzkonflikte und Verteilungskämpfe stünden in keinem Verhältnis zu dem möglichen Gewinn." Uwe Wittstock bringt uns in Sachen Suhrkamp auf den neuesten Stand und hofft auf eine Enthysterisierung in der Angelegenheit.

Hendrik Werner erzählt anekdotenreich die Geschichte des Giftmords. Insa Gall meldet sensationelle Funde in Hamburg, die nun vielleicht Überreste der legendären Hammaburg sein könnten. Gerhard Gnauck berichtet, dass der neue Leiter der Gedenkstätte Auschwitz, Piotr Cywinski, das Museumskonzept generalüberholen will. Besprochen werden das Frankfurter Konzert des durch Deutschland tourenden Morrissey und eine seltene Aufführung von Chabriers Operette "L'Etoile" in Zürich.
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FR, 15.12.2006

Für Harry Nutt ist die gescheiterte Fusion der Kulturstiftungen von Bund Ländern ein weiteres Beispiel für den nicht mehr funktionierenden Föderalismus hierzulande. Schuld sind diesmal die Länder, die mehr haben als geben wollen. "Die Fusion der Stiftungen, von der man sich Synergien in der Verwaltung sowie einen konstruktiven Abgleich der konzeptionellen Ausrichtungen der Kulturförderung versprechen konnte, hätte nicht zuletzt die Zusammenführung ungleicher Etats zur Folge gehabt. Den jährlich knapp 40 Millionen Euro, die die Bundesstiftung eingebracht hätte, standen lediglich 8 Millionen Euro auf der Habenseite der Länderstiftung gegenüber. Eine Aufstockung des Betrages der Länder war bis zuletzt nicht durchzusetzen, gleichzeitig aber beanspruchten die Länder weitreichende Kompetenzen."

In einer Times mager glossiert Christian Schlüter die Überweisungen von Siemens-Schmiergeldern auf die herrenlosen Konten ungarischer Obdachloser. Besprechungen widmen sich einer Ausstellung über "Angkor - Göttliche Erbe Kambodschas" in der Bonner Bundeskunsthalle und einer Schau über die Dreyfus-Affäre im Jüdischen Museum Frankfurt.

SZ, 15.12.2006

Soziale Desorientierung, hohe Fremdenfeindlichkeit, und alle haben Angst vor dem Abstieg: Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer malt in der Langzeitstudie "Deutsche Zustände" diesselben ziemlich schwarz, meint Toralf Staud in der Zusammenfassung der diesjährigen Ergebnisse. "Die fünf Bände der 'Deutschen Zustände' schreiben eine Art Fieberkurve: Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel ist von 2002 bis 2005 kontinuierlich gewachsen und stagnierte im Jahr 2006. Seit 2004 erfassen die Forscher gesondert die Ablehnung von Muslimen; sie ist in auch diesem Jahr weitergestiegen. Nur noch weniger als die Hälfte (von einst knapp zwei Dritteln) der Befragten sagen heute, der Islam habe eine 'bewundernswerte Kultur hervorgebracht'. Übrigens nimmt die einfache Fremdenfeindlichkeit generell mit höherer Bildung ab, Islamophobie dagegen nicht." Heitmeyers eigenes Resümee war in der Zeit von gestern zu lesen.

Weiteres: Wenn Bundeskulturstiftung und Kulturstiftung der Länder jetzt schon nicht fusionieren, sollte in Zukunft zwischen den beiden wenigstens nicht mehr über Kompetenzen gestritten werden, fordert Jens Bisky. Klaus Englert moniert, dass im schnellwachsenden Madrid die städteplanerische Sorgfalt auf der Strecke bleibt. Thomas Thieringer gratuliert der Schauspielerin Christine Ostermayer zum Siebzigsten. Ennio Morricone bekommt einen Ehren-Osacar, verrät Fritz Göttler.

Auf der Titelseite und im Medienteil geht es um den Verkauf von ProSiebenSat1 an die Finanzinvestoren Permira und KKR. Haim Saban, der die Gruppe vor drei Jahren aus der Insolvenzmasse von Leo Kirch erstanden hatte, vervierfacht mit dem Erlös von drei Milliarden Euro seinen ursprünglichen Einsatz, berichtet Caspar Busse.

Besprochen werden die Ausstellung "Popstars" in der Wiener Albertina mit selten gezeigten handwerklichen Arbeiten von Andy Warhol, eine Schau über "Angkor - Göttliches Erbe Kambodschas" in der Bonner Bundeskunsthalle, ein "grandioses" Konzert von Steven Patrick Morrissey in München, die Aufführung von Emmanuel Chabriers anarchistischer Oper "L'Etoile" unter John Eliot Gardiner (Musik) und David Pountney (Regie) in Zürich, und Bücher, darunter der erste Band von Dorothy Dunnetts Mittelalterromanreihe "Das Haus Niccola", Sean Thomas' Internet-Dating-Roman "Millionen Frauen warten auf Dich" sowie Wolfgang Benz' Studie "Ausgrenzung - Vertreibung - Völkermord" zum Genozid im 20. Jahrhundert (Mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 15.12.2006

Andreas Kilb kommentiert im Aufmacher zwei Entwicklungen in der deutschen Kulturpolitik: die in einer Pressekonferenz bekanntgegebene Entscheidung der Goethe-Institute, kein einziges Institut abzubauen, aber auch die Präsenz in Asien nicht zu stärken, und die Verschiebung der Fusion von Kulturstiftungen des Bundes und der Länder auf den Sankt Nimmerleinstag. Hannes Hintermeier recherchiert die Hintergründe und Chancen eines Machtworts von Edmund Stoiber, der meinte, dass der Bamberger Domschatz wieder von München nach Bamberg verbracht werden sollte. Hendrik Leber sinniert über die Kosten von Warteschlangen an Flughäfen. Jürgen Kaube glossiert die wechselhaften Prognosen deutscher Wirtschaftsinstitute. Der Theologe Klaus Berger doziert noch einmal über den tieferen Sinn der Regensburger Papstrede. Michael Althen schreibt zum Tod des Schauspielers Peter Boyle. Der Berliner Kurator, Kunstsammler und ehemalige Beuys-Sekretär Heiner Bastian lehnt eine Renovierung der Räume des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, in denen einige der bedeutendsten Beuys-Werke präsentiert sind, nicht rundheraus ab.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld über den Verkauf der Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 an eine skandinavische Investorengruppe - Verkäufer Haim Saban hat für die Gruppe einst 525 Millionen Euro investiert und verkauft sie jetzt für drei Milliarden Euro. Michael Stabenow verfolgte den Fake des belgischen Fernsehsenders RTBF, der sein Programm unterbrach, um eine angebliche Loslösung Flanderns zu annoncieren. Und Nils Minkmar kommentiert humorlose Äußerungen Julian Nida-Rümelins, der ebenfalls auf ein Fake hereingefallen ist - er wollte die Ehrendoktorwürde einer nicht existierenden und überdies rechtsextremen Akademie annehmen.

Auf der letzten Seite unterhält sich Jürgen Kaube mit dem britischen Ideenhistoriker Quentin Skinner, der gerade den hochdotierten Balzan-Preis erhalten hat. Rüdiger Soldt erklärt, wie die baden-württembergische CDU einen Untersuchungsausschuss über den geplanten Vergleich des Landes mit dem Hause Baden verhindern will. Und Eberhard Rathgeb porträtiert die russische Journalistin Elena Tregubova, die sich offensichtlich versteckt hat, weil sie wegen ihres Putin-kritischen Buchs "Die Mutanten des Kreml" (Leseprobe) um ihr Leben fürchtet.

Besprochen werden die Ausstellung "Trans Emilia" mit Dokumentarfotografien über die Emilia-Romagna in Köln, ein Auftritt der Hushpuppies in Frankfurt, eine Aufführung von Carl Nielsens Oper "Maskarade" in Kopenhagen und Sachbücher, darunter ein Band des Dokumentarfilmers Bruno Monsaingeon über Swjatoslaw Richter.