Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.09.2006. Die SZ verabschiedet sich mit Joachim Fests gutbürgerlichen Erinnerungen "Ich nicht" von zwei Generationen moralischen Kaspar Hausers in Deutschland. In der FR hält Marcel Reich-Ranicki das politische Engagement von Schriftstellern für wirkungslos bis schädlich. Der Dresdner Museumsdirektor Martin Roth plädiert in der Welt für einen Fonds zum Rückkauf restituierter Kunstwerke. Die NZZ warnt Venedig vor dem neuen Roma-Cinema-Festival. Und die FAZ kratzt am Image des boomenden Indiens.

Welt, 06.09.2006

Im Interview mit Uta Baier fordert Martin Roth, Generaldirektor der Dresdner Kunstsammlungen, einen Fonds einzurichten, der es Museen erlauben soll, die an jüdische Besitzer restituierten Kunstwerke wieder zurückzukaufen. "Wenn man erst anfängt, mühsam Spenden aufzutreiben oder Anträge bei Stiftungen zu stellen, kommt man einfach zu spät. Bis die notwendige Summe gesammelt ist - falls das überhaupt gelingt -, ist das Bild längst verkauft. Der Fonds müsste ein Instrument sein, um schnell und flexibel handeln zu können. Er kann durchaus auch auf Darlehensbasis funktionieren. In den Fonds sollten Bund, Länder und Kommunen einzahlen, aber auch Stiftungen und Unternehmen."

Abgedruckt
wird Roman Polanskis Text aus dem Buch "Starschnitte", in dem er feststellt, es sei an der Zeit, die 29 Jahre alten Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen fallen zu lassen. Es ist an der Zeit, mir zu vergeben. "Ich habe genug gelitten und gesühnt." Und Wilfried Urbe empfiehlt Fernsehsendungen zum 11. September.

Besprechungen widmen sich den Heine-Liedern des notorischen Finnen Mauri Antero Numminen und dem Album "Mit dir sind wir vier" der Funkband International Pony.

NZZ, 06.09.2006

Die diesjährigen Wettbewerbsfilme in Venedig sind Marli Feldvoss ein wenig zu laut und bunt. Hinter der Freude am Spektakel vermutet sie Festivalchef Marco Müller, aber auch den Konkurrenzdruck. "Mitte Oktober wird nämlich das einwöchige Roma-Cinema-Fest aus der Taufe gehoben. Vorläufig wird der Kampf der gleichermaßen attraktiven Städte um ihr Publikum (eigentlich um die spärlicher fließenden Sponsorengelder) noch heruntergespielt und hinter gemeinsam konzipierten Retrospektiven zu Roberto Rossellini und Luchino Visconti versteckt. Doch angesichts der hervorragenden römischen Infrastrukturen mit einem nagelneuen Renzo-Piano-Festivalkino rückt stärker denn je der venezianische Schlendrian ins Licht."

Weiteres: A.N. Wilson ist in seiner Biografie des englischen Dichters Sir John Betjeman auf einem ihm zugesandten gefälschten Liebesbrief Betjemans hereingefallen, kolportiert Georges Waser. Und noch peinlicher: "Reihe man die Anfangsbuchstaben der Sätze aneinander, ergebe sich daraus die Aussage 'A.N. Wilson is a shit'." Urs Schoettli erzählt mit Hilfe einer neuen britischen Darstellung die Geschichte der delikaten Beziehung zwischen England und Frankreich. Kurt Malisch schreibt zum Tod der Sopranistin Astrid Varnay. Und Angelika Affentranger-Kirchrath berichtet von der dritten Schweizerischen Triennale der Skulptur in Bad Ragaz und Vaduz. Rezensiert werden außerdem Kinderbücher (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 06.09.2006

In einem längeren Interview spricht Marcel Reich-Ranicki über das politische Engagement von Schriftstellern. "Ich bin schon seit längerer Zeit der Ansicht, dass dieses Engagement wenig bringt, vielleicht gar nichts. Die Hinwendung von der Literatur zur Politik ist ja meist eine Flucht. Eine Bewegung, die die Literatur verdirbt und die Politik nicht verbessert." Außerdem erfahren wir von Ingeborg Bachmann und ihrer Fähigkeit, sich in Szene zu setzen. "Wenn sie mal nicht im Mittelpunkt war, ließ sie ein Taschentuch auf den Boden fallen, zwei, drei Herren sprangen auf, und schon war das Gespräch unterbrochen."

Der im deutschen und schwedischen Exil lebende kurdische Sänger Sivan Perwer (mehr) ist im Gespräch mit Arne Löffel anderer Meinung als Reich-Ranicki. "Wenn ich in Kurdistan bin, treffe ich immer wieder Väter, die mir sagen, dass ihre Söhne wegen meiner Musik gehängt wurden. Es ist schwer, dann eine Antwort zu geben, aber meine Lieder sind die Wahrheit und die muss auch gesagt werden."

Weiteres: Elke Buhr berichtet über den boomenden asiatischen Kunstmarkt und von der ersten Singapur-Biennale. Daniel Kothenschulte freute sich auf der Biennale in Venedig über die Mischung aus "Frechheit und Würde" in Stephen Frears' "The Queen" und langweilte sich trotz Staraufgebot in Emilio Estevez' Fiktionalisierung des letzten Tags im Leben Robert Kennedys "Bobby". Harry Nutt empfand die Buchpräsentation von Günter Grass im Berliner Ensemble als "unterhaltsame Dichterlesung" und erkannte in der Grass-Debatte "Indizien einer Entspannung. Und sei es auch nur aus Ermüdung." In Times mager denkt Christian Thomas über christliche Bilderverbote und Kerzen mit Papstantlitz nach.

Besprochen werden heute ansonsten nur Bücher, darunter eine Wiederauflage von Roland Barthes' Klassiker "Die Lust am Text" und Theodor Lessings "Nachtkritiken" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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SZ, 06.09.2006

Als "bewegendes und leider verzweifelt isoliertes Gegenbild zur kaputten deutschen Normalität" feiert Gustav Seibt Joachim Fests Erinnerungen "Ich nicht" im Aufmacher des Feuilletons: "Das Lob des Herkommens haben deutsche Bildungsromane seit über einem halben Jahrhundert nicht mehr sagen können, denn noch die herzlichste Familienliebe, die schönste bürgerliche Kultur schien entwertet und vergiftet vom Zusammenbruch der Humanität seit 1933. Bildung, Anstand, Sitte, das Fluidum der Kultur beim Wechsel zwischen Alt und Jung, hatten sich als wirkungslos erwiesen, und was sollte man sich von Vätern sagen lassen, die Kompromisse geschlossen oder gar mitgemacht hatten? Mindestens zwei deutsche Generationen mussten als moralische Kaspar Hauser groß werden, anders war es kaum möglich."

Ihre Seite drei widmet die SZ heute dem Auftakt von Günter Grass? Lesereise im Berliner Ensemble, wo Lothar Müller beobachtete, dass die Stimme "das Lasso ist, mit dem Grass auch ein widerspenstiges Publikum in seinen Bann ziehen kann". Ein paar Minuten Zuhören ließen Müller ahnen: "Hinter seiner Auskunft, er habe für die Geschichte seiner Jugend jahrzehntelang nach der geeigneten Form gesucht, steckt gar kein ästhetisches Problem, das aufzulösen war. Es war nur das Zögern zu überwinden, das eigene empirische Ich und mit ihm die ominöse SS-Episode der epischen Stimme des Erzählers zu überantworten."

Weiteres: Oliver Herwig schreibt über Piktogramme, die als "Chiffren der Globalisierung" die Welt erobern. Alexander Menden berichtet über einen Literaturskandal, der England amüsiert: In einer von zwei gleichzeitig erschienenen Biografien über John Betjeman hat einer der Biografen dem anderen einen angeblichen Liebesbrief des Dichters untergejubelt - den er allerdings selber geschrieben hatte. Jürgen Schmieder informiert über Börsenpläne der Video-Website YouTube, in deren Folge die "Web 2.0-Ikone" und "Internet-Avantgarde" sicher "konservativer" und weniger frech werden müsste. Zu lesen ist außerdem ein Nachruf auf die Strauss- und Wagnersängerin Ingrid Bjoner.

Die Schallplattenseite legt einen Schwerpunkt auf den russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch. Reinhard J. Brembeck schreibt über dessen Rolle als "Sprachrohr des unterdrückten Volks". Dirigent Mariss Janson erklärt, warum Schostakowitsch so spannend ist. Und Fritz Göttler untersucht Schostakowitschs Einfluss im Kino und in der Filmmusik.

Besprochen werden Valeska Grisebachs als "unaufdringlich dicht" gelobter Film "Sehnsucht", die Uraufführung von Johanna Doderers "Strom - Die Oper" im Wiener Museumsquartier, ein Konzertabend mit Werken von Johann Michael Haydn beim Festival "Klang & Raum" in Irsee und Bücher, darunter Thomas Glavinics Roman "Die Arbeit der Nacht" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 06.09.2006

Rolf Lautenschläger feiert den "sensationellen" Neubau des Hans Otto Theaters in Potsdam, der auch für die "Dramaturgie der Image-Erweiterung" in der Stadt eine große Rolle spielt und vor allem ein Standort für die junge Szene ist. Von den Filmfestspielen in Venedig berichtet Cristina Nord über die Feiern zum österreichischen Wettbewerbsbeitrag "Fallen" und schwärmt von "Daratt" ("Dry Season"), einer Produktion aus dem Tschad, und der Gamelan-Oper "Opera Jawa" des indonesischen Regisseurs Garin Nugroho. Gerrit Bartels verfolgte die Buchpräsentation von Günter Grass' Erinnerungsband "Vom Häuten der Zwiebel" im Berliner Ensemble, in deren Verlauf Grass zu Protokoll gab: "Ich stehe noch auf zwei Beinen und werde weiterhin meinen Mund nicht halten". Jan Hendrik Wulf wirft einen Blick in die Zeitschriften Lettre International, WestEnd und die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, die sich alle mit dem "Religious Turn" auseinandersetzen. Zu lesen ist schließlich ein Nachruf auf den Tenorsaxofonisten Dewey Redman.

Für ziemlich übertrieben hält Tarik Ahmia in der tazzwei die Kampagne der Film- und Musikindustrie, Raubkopierern mit fünf Jahren Gefängnis zu drohen. Tatsächlich sei in Deutschland noch keiner der zehn Millionen Tauschkopierer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Auf der Medienseite informiert Klaus-Helge Donath über den Verkauf der letzten unabhängigen russischen Tageszeitung Kommersant an einen Kreml-Vertrauten, die nun die Gleichschaltung fürchten muss. Auf der Meinungsseite erklärt Renee Zucker, warum der vielgelobte Film "Adams Äpfel" in eine Falle tappt: "Ist das die christliche Botschaft: Unsere Nazis machen wir fertig mit ganz viel Liebe, aber für Fremde reicht's leider nicht mehr?"

Und Tom.

FAZ, 06.09.2006

Vom "Vergnügen, Inder zu sein" schwärmen die Gewinner die IT-Booms in Shining India, Martin Kämpchen empfiehlt als Gegenlektüre Amartya Sens "The Argumentative Indian": "Sosehr Sen die Erfolge freuen, so klagt er doch, dass der Aufschwung nicht die gesamte Bevölkerung erfasst. Die alte Ungleichheit von Klassen und Kasten löst sich nicht auf, sondern wird größer. Längst hat sie sämtliche Lebensbereiche erfasst: 'Dieselben Menschen sind arm, was Einkommen und Vermögen betrifft, sind analphabetisch, arbeiten für einen unangemessenen Lohn, haben keinen Einfluss auf das politische Geschehen, können keine gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Chancen wahrnehmen und werden von der Polizei mit brutaler Härte behandelt.' Er beklagt einen tiefen Riss, der die Gesellschaft teilt und das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Selbstverständnis prägt."

Weiteres: Als "ergreifendes Erinnerungsbuch" und "literarischen Glücksfall" preist Felicitas von Lovenberg Joachim Fests Memoiren mit dem stolzen Titel "Ich nicht", die ab morgen in der FAZ im Vorabdruck zu lesen sind. Aus der Randglosse schallt ein Verzweiflungsruf von Michael Jeismann, der sich im Würgegriff der "schwarzen Staatsmamba" wähnt. Patrick Bahners verfolgt weiter Nike Wagners zweifelhaftes Agieren im Streit um Hermann Schäfers Buchenwald-Rede. Julia Spinola stellt den mit dem Balzan-Preis ausgezeichneten Musikwissenschaftler Ludwig Finscher vor. Heinrich Wefing war bei Günter Grass' Lesung seiner Erinnerungen "Beim Häuten der Zwiebel" im Berliner Ensemble. Michael Althen hat in Venedig Benoit Jacquots "L'intouchable" und Emilio Estevez' "Kennedy-Film "Bobby" angesehen. Gerhard Rohde schreibt Nachrufe auf die Sopranistin Astrid Varnay und die Sängerin Ingrid Bjoner.

Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas vom Kampf der britischen Verlagshäuser um den Markt der Gratiszeitungen. In London sind Rupert Murdoch mit thelondonpaper und der Daily Mail and General Trust mit london lite gegeneinander angetreten. Beide kämpfen um junge Leser, die keine Zeit, kein Geld und keine Lust haben, eine substanzielle Zeitung zu lesen. Erna Lackner fremdelt mit den Strategien, mit denen die Geschichte der Natascha Kampusch in den Medien vermarktet wird. Heute abend gibt es das erste Fernsehinterview mit dem Entführungsopfer.

Besprochen werden Tino Seghals Schau ohne aufgehängte Werke im Kunsthaus Bregenz, der neue Pixar-Film "Cars", die Uraufführung von Peter Esterhazys Stück "Rubens und das nichteuklidische Weib" bei der Ruhrtriennale, und Bücher: Irene Nemirovsky früher Roman "Jesabel" und Alan Hess' Band über "Oscar Niemeyer" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).