Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2006. Krass, Grass! Die Vergangenheit des Autors ist noch längst nicht bewältigt. Die Berliner Zeitung findet eine brechtianische Formel: "Der Wegweiser aber geht den Weg nicht." Die Welt wird streng: "Der kleine Flakhelfer war der ideale Kandidat für die moralische Lufthoheit des 'besseren Deutschland'." In der FAZ bekennt Erich Loest: "Ich bin seit Tagen sehr aufgeregt." Die FR meint: Grass' Bekenntnisimpuls erlahmte am Rigorismus der Linken. Und in Spiegel Online stellt Henryk Broder klar: Grass war auch vorher schon keine moralische Instanz mehr.

Berliner Zeitung, 15.08.2006

Arno Widmann findet in seiner Reflexion über den Casus Grass eine geradezu brechtianische Formel: "Wegweiser sind keine Vorbilder." "Der Wegweiser aber geht den Weg nicht. Günter Grass ist ihn nicht gegangen. Er wollte ihn nicht gehen. Er hat Konsequenzen aus der Niederlage des Dritten Reiches gezogen, er hat die Lage analysiert, aber nicht sich selbst. Er hat wie die meisten - Franz Fühmann ist eine großartige, bewundernswerte Ausnahme - den Sprung in die neue Welt der Demokratie nur geschafft, indem er sich von sich trennte. Er ist aus der Haut gesprungen in der Hoffnung, sich so zu entkommen. Es ist ihm - man weiß nicht, soll man schreiben geglückt oder doch besser nicht geglückt?"

Welt, 15.08.2006

Tilman Krause will wegen der vom Steidl-Verlag verhängten Sperrfrist zwar noch keine Rezension schreiben, aber das Soldatenkapitel aus Grass' Memoiren liest er doch schon mal - und findet offensichtlich Gefallen: "Eine bewegende Huldigung vor seinem erzählerischen Vorbild Grimmelshausen stellt jene Waldszene dar, in der er als soldatischer Simplex, von der Truppe entfernt, durch Absingen von Kinderliedern ausmachen will, ob der sich durch Geräusche ankündigende Mensch, den er im Dunklen nicht sehen kann, Freund oder Feind ist: Er singt solange 'Hänschen klein ging allein', bis es ihm rauh, aber unendlich erleichternd 'In die weite Welt hinein' entgegenschallt. Über solchen grandiosen Verdichtungen vergisst man die Sache mit der Waffen-SS nur zu gern."

Zitiert wird in einem etwas unübersichtlichen Online-Dossier, das aus gestrigen und heutigen Artikeln besteht, auch das dpa-Interview mit Grass: "Man will mich zur Unperson machen."

Recht böse setzt sich der Publizist Wolf Lotter mit der Rolle Grass' in der alten Bundesrepublik auseinander: "Der Staatsdichter ist wie kein Zweiter seiner Generation zur moralischen Instanz im Lande geworden, zum guten Deutschen, einer, der zum Wandel fähig schien, weil er ihn selbst erlebt hatte. Dieses 'Ich war dabei, um mich zu ändern' war der Mehrheit der Deutschen sympathischer als jene Menschen, die offen gegen den Nationalsozialismus kämpften. Die Kopie, um nicht zu sagen: der Opportunist, war weit kompatibler zur Realverfassung der Bundesrepublik als das Original, dem man doch nicht trauen wollte. Der kleine Flakhelfer war der ideale Kandidat für die moralische Lufthoheit des 'besseren Deutschland'. Folgerichtig dichtete Grass vor allem Autobiografisches."

Weitere Artikel aus der Kultur: Hanns-Georg Rodek stellt die deutsche Regisseurin Angelina Maccarone vor, die beim Festival in Locarno mit "Verfolgt" einen "Goldenen Leoparden" gewonnen hat. Besprochen werden die neue CD von Christina Aguilera und eine Ausstellung über den mythischen Ort Shangri La in Essen.
Stichwörter: Sperrfristen

Spiegel Online, 15.08.2006

Bei Spiegel Online zeigt sich Henryk M. Broder nicht besonders erschüttert von Günter Grass' Geständnis: "Der senkrechte Fall des Bürgers Grass veranschaulicht, wie stark auch in einer liberalen und permissiven Gesellschaft das Verlangen nach Autoritäten und Wegweisern ist, die einem sagen, wo es lang geht. Umso heftiger fällt dann die Enttäuschung aus, wenn einem plötzlich bewusst wird, dass man dem Falschen hinterher gelaufen ist. Aber dafür kann Grass nichts, im Gegenteil. Der Politiker Grass hat immer wieder Beweise seiner anmaßenden Inkompetenz geliefert, die von seinen Anhängern beharrlich als die weisen Worte des großen Vorbeters missverstanden wurden... Ärgerlich an der Affäre ist nur eines: Dass auf dem Umweg über Grass die Waffen-SS rehabilitiert wird. Wenn Grass dabei war und sich die Hände nicht schmutzig gemacht hat, können die Jungs so schlimm nicht gewesen sein, eine kämpfende Truppe eben, mit einem etwas abgehobenen Bewusstsein, der Rohstoff aus dem Romane geformt werden. Das Denkmal ist gestürzt. Der Sockel bleibt."
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FAZ, 15.08.2006

Weiter mit dem Casus Grass: Heute äußert sich der Schriftsteller Erich Loest, den das Thema - ganz wie die FAZ - sehr beschäftigt: "Ich bin seit Tagen sehr aufgeregt und kann an nichts anderes mehr denken." Recht verstehen kann er das späte Bekenntnis nicht, aber er versichert: "Ich zähle mich weiterhin zu seinen Freunden, zu jenen, die sagen: Er ist spät, aber er ist doch noch mit der Wahrheit ans Licht gekommen." In einer Meldung ist zu erfahren, dass der Schriftsteller Robert Schindel von Grass' Waffen-SS-Mitgliedschaft wusste, weil es der Autor in privater Runde erzählt hat. Schindel lässt auf Grass im übrigen nichts kommen: "Die Moralapostel, die jetzt auftreten, sind im höchsten Maße lächerlich."

Parallel abgedruckt werden ein Auszug aus Helmut Kohls Memoiren, in dem es um Bitburg und die Waffen-SS geht, und Günter Grass' Kohl-Kritik aus dem Jahr 1985.

Und noch mehr Grassiana in der internationalen Presseschau. In Spanien gehen die Reaktionen weit auseinander, El Pais informiert ausführlich, wertet aber nicht. El Mundo dagegen sieht den Autor als "mächtige Allegorie deutscher Schuldverdrängung". In Frankreich dagegen gibt es wenig Aufregung. Auch in Polen stößt die Nachricht bisher eher auf zurückhaltende Reaktionen. Die Medienseite vermeldet, dass Ulrich Wickerts neue Sendung "Wickerts Bücher" unplanmäßig schon übermorgen erstmals ausgestrahlt wird. Stargast: Günter Grass.

Weitere Artikel: Bei seinem Blick in amerikanische Zeitschriften hat Jordan Mejias vor allem Aufsätze zum Verhältnis von Iran und Amerika gefunden. In der Glosse berichtet Michael Gassmann von Kritik an einem neuen Altar im Freiburger Münster. Der in Mexiko lebende kubanische Schriftsteller Eliseo Alberto findet: "Kuba braucht Castro nicht mehr." Aus der Schweiz berichtet Jürg Altwegg, dass sich die Intellektuellen des Landes entschieden gegen eine Verschärfung der Asylpolitik ausgesprochen haben. Andreas Platthaus porträtiert den Verleger Klaus G. Saur, der nach Zu- und Rückkäufen jetzt dem zweitgrößten geisteswissenschaftlichen Verlag nach der Oxford University Press vorsteht. Gemeldet wird, dass der Sohn des israelischen Schriftstellers David Grossman im Libanon-Krieg gefallen ist. In einer weiteren Meldung erfahren wir, dass im chinesischen Fernsehen keine ausländischen Trickfilme mehr gezeigt werden. Auf der Medienseite kommentiert Patrick Bahners den Papstauftritt im Fernsehen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit der Arbeitsgarderobe der Königin im Buckingham Palace, eine von Tobias Moretti kommentierte Einspielung von Mozarts "Zaide", ein Konzert der Band "You Say Party! We Say Die!", Dario Fos Inszenierung von Rossinis "Italienerin in Algier" bei den Festspielen von Pesaro, David Böschs Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um Nichts" in Salzburg und Catalin Dorian Florescus Roman "Der blinde Masseur" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages).

NZZ, 15.08.2006

Die NZZ bringt heute Besprechungen. Dirk Pilz erlebte in Klaus-Maria Brandauers Inszenierung der "Dreigroschenoper" vor allem "bedauernswerte Darsteller, die ohne Gespür für die Situationen durch das Stück irren". Andreas Breitenstein ist begeistert von Thomas Glavinic' neuem Roman "Die Arbeit der Nacht" ("Als sein Held, der 35-jährige Jonas, eines Morgens in Wien erwacht, findet er sich allein auf der Welt. Menschen und Tiere sind spurlos verschwunden, die Medien schweigen, doch die Apparate funktionieren weiter"). Paul Jandl besucht die Ausstellung im neuen Art/Brut Center im niederösterreichischen Gugging. Weitere Rezensionen gelten Konzerten des Lucerne Festivals und Büchern, darunter (hier) der "Autobiografie des Fidel Castro" von Norberto Fuentes.

TAZ, 15.08.2006

In der zweiten taz krisitiert Katharina Rutschky in einem Kommentar zum Libanon-Krieg den "fundamentalistischen Humanismus" des Westens. "Gewalt ist böse, militärische schon gar keine Lösung, sondern das zu beseitigende Problem." Zum humanistischen Fundamentalismus "gehört aber auch, dass die Hisbollah, die Palästinenser, ja die arabische Welt insgesamt quasi infantilisiert wird... Wird die Hisbollah, werden die Verlautbarungen ihres Chefs Nasrallah und die Taten seiner Anhänger in der humanistischen Berichterstattung nicht so behandelt, als hätte es Israel mit einer Jungensbande zu tun, die es auf ärgerliche Klingelscherze, aber nicht auf die Vernichtung Israels abgesehen hat? Wären die Israelis vernünftig, so, wie wir es von ihnen, und nur von ihnen, verlangen, müssten sie mit der Hisbollah oder Hamas doch anders umgehen können, als mit 'unverhältnismäßiger' Gewalt auf ihre kindischen Provokationen zu reagieren."

Der Fall Grass wird auf den Tagesthemenseiten verhandelt. Klaus Hillenbrand fühlt sich betrogen, Christian Semler stellt sich im gleichen Artikel vor den Schriftsteller. Der Friedensaktivist Otto-Ernst Duscheleit, der selbst in der Waffen-SS war, versteht im Interview mit Philip Gessler nicht, warum Grass als Schriftsteller so lange geschwiegen hat. In der zweiten taz phantasieren Susanne Lang und Arno Frank, wie es zu dem Interview in der FAZ kam. (Wir hätten lieber eine Recherche gelesen.)

Weiteres: Anke Leweke wünscht sich vom nächsten Filmfestival in Locarno mehr junge und weniger alteingesessene Filmemacher im Aufgebot. Reinhard Wolf sammelt norwegische Reaktionen auf die Kritik an Jostein Gaarders Kommentar zum Libanonkrieg. Wolfgang Ullrich stellt die sechs "Limbic Types" vor, mit denen die Werbewirtschaft die Kunden hormonell einteilt. Im fünften Teil der Reihe zum Stand der Kritik preist Harald Fricke die Cartoonzeichner Rattelschneck.

Und Tom.

FR, 15.08.2006

Christian Thomas glaubt, dass Günter Grass die intolerante Stimmung im linken Lager davon abgehalten hat, früher etwas von seiner Episode bei der Waffen-SS zu erzählen. "Grass' Bekenntnis lenkt den Blick nicht nur auf den Umgang des Adenauer-Staats, auf die Kiesinger und Globke, sondern obendrein auf die oppositionellen Milieus einer formierten Gesellschaft. Auch in den Jazzlokalen, den Galerien und in den Lesungen, diesen Schluss lässt das Bekenntnis eines stets selbstgerechten Moralisten ebenfalls zu - muss ein Rigorismus geherrscht haben, der eine durch Prominenz und Prestige geschützte Person wie Grass vor einem Bekenntnis zurückschrecken ließ."

Zudem informiert Peter Rutkowski über Waffen-SS und die Division "Frundsberg", es werden weitere Reaktionen auf die Enthüllung präsentiert und die Diskussion in Danzig geschildert.

Weitere Artikel: Robert Kaltenbrunner enthebt die Architekten und Städteplaner jedweder Verantwortung für die Probleme in den Großsiedlungen und Trabantenstädten. Christoph Schröder gratuliert dem Tropen Verlag zum zehnten Geburtstag. In der dem positiven Denken verpflichteten Reihe "Lob&Preis" nimmt sich Ursula März die "Aussprache" (im Sinne eines klärenden Gesprächs) vor. Und in Times mager findet Christian Schlüter den Papst wahrhaftiger als Günter Grass.

SZ, 15.08.2006

Die Bayern feiern Mariä Himmelfahrt. Wir gratulieren!