Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2005. Castorfs Inszenierung von "Schuld und Sühne" bei den Wiener Festwochen fällt in den Feuilletons durch. Die SZ gibt der französischen Regierung die Schuld am "non" zur europäischen Verfassung. Die FAZ interviewt den Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller und berichtet über einen heftigen Streit in Israel um Theodor Herzl.

FAZ, 27.05.2005

Auf der Medienseite gibt es ein langes Interview mit dem Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller, das so schön ist, dass die FAZ alle Layoutregeln über den Haufen geworfen und die letzten Absätze einfach kleiner gedruckt hat, damit sie noch auf die Seite passen. Troller, geboren 1921 in Wien, floh vor den Nazis durch ganz Europa. Nach Kriegsende, in den sechziger Jahren, begann er Filme zu drehen. Als Filmemacher mag er es gar nicht, dass man ihn für einen "Wortartisten" hält. "Sagen wir mal, ich kenne die Begrenzung meiner Sprache, die ein Resultat der Emigration ist (...) Lesen Sie Brechts Arbeitsjournal aus den amerikanischen Jahren. Auf einmal fällt ihm das Wort 'Pate' nicht mehr ein. Er will ein Auto kaufen und bittet jemanden, ihm das beste Auto 'auszufinden'. 'Ausfinden' ist kein deutsches Wort. Find out - er hat es aus dem Englischen rückübersetzt. Thomas Mann beklagt sich in einem Brief: 'Die Worte kommen nicht mehr von allein.' Er muss sie suchen. Meine Sprache ist ein Ersatz und nicht mehr die natürliche Selbstverständlichkeit, die ein Mensch hat, der immer in seiner Heimat gelebt hat."

Joseph Croitoru berichtet über einen heftigen Streit, der in Israel um Theodor Herzl geführt wird. "Der neokonservativen Rechten, die ihn in den letzten Jahren als modernistischen Visionär für sich entdeckt hat, gilt Herzl mit seinem westlich geprägten Fortschrittsglauben als Vorbild und Inspirationsquelle. Für linke israelische Intellektuelle wie den Tel Aviver Politikwissenschaftler Yoav Peled hingegen ist Theodor Herzl nichts weiter als ein typisch europäischer Kolonialist, dessen überhebliche Einstellung den palästinensischen Eingeborenen gegenüber man nur verurteilen könne. Auch die Religiösen sind in ihrer Meinung über Herzl gespalten."

Weitere Artikel: Regina Mönch beklagt die angekündigte Entlassung von Lehrern in Sachsen: Es gibt immer weniger Kinder, weshalb "mindestens 7.500 Lehrer überzählig" sind. Abgedruckt ist ein unbekannter Brief von Thomas Mann aus dem Jahr 1931, in dem sich Mann pessimistisch über die Zukunft der Berliner Akademie der Künste äußert: "Wenn wir ein nationalistisches Innen- oder Kultus-Ministerium bekommen, so erwarte ich mit Bestimmtheit das Auffliegen der Akademie." Inge Jens kommentiert den Brief. Eberhard Rathgeb berichtet über die Pressekonferenz von Friedrich Schirmer, der die Pläne für das Deutsche Schauspielhaus vorstellte. Aro. fürchtet, dass NRW unter Jürgen Rüttgers keinen Kulturminister mehr haben wird, sondern nur noch einen Staatssekretär für Kultur. Jordan Mejias schreibt zum neunzigsten Geburtstag des Erzählers Hermann Wouk, Andreas Kilb zum Tod des Filmproduzenten Ismail Merchant.

Auf der Medienseite berichtet Katja Schmidt kurz über eine Diskussion in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung über Google. Nina Rehfeld meldet, dass die Mittwochsausgabe der amerikanischen Nachrichtensendung 60 Minutes eingestellt wird - die letzte Mittwochsausgabe habe "die ältesten Zuschauer im gesamten Schnitt des Senders gehabt". Und ein Achtzeiler teilt uns mit, dass die New York Times 190 Stellen streicht.

Auf der letzten Seite porträtiert Hans-Peter Riese den Künstler Ed Ruscha. Frank-Rutger Hausmann korrigiert ein Kapitel über Robert Schumann in Hermann Bicklers 1978 erschienenem Buch "Ein besonderes Land". Und Gisa Funck berichtet im Update über ein Treffen einiger neugegründeter Kleinverlage wie kookbooks, blumenbar Verlag, Verbrecher Verlag, SukuLTuR (mehr) und Tisch 7. Leicht ungläubiges Fazit Funcks: Es herrscht "neuerdings Aufbruchsstimmung in der deutschen Literaturszene".

Besprochen werden Anne Teresa De Keersmaekers neue Choreografie nach John Coltrane in Brüssel, "Yasmin" - Kenny Glenaans Film über den Versuch einer Muslimin im Westen zu leben, eine Ausstellung mit Werken aus der Sammlung des Museo de Arte Moderno in der Sammlung Essl, Frank Castorfs "Schuld und Sühne" bei den Wiener Festwochen ("Hysterie-Theater von furchtbar gleichgebürsteten Durchschnittstypen", schreibt Erna Lackner), Rihms "Eroberung von Mexiko" in Münster und Sachbücher.

TAZ, 27.05.2005

Zu Frank Castorfs Dostojewski-Marathon bei den Wiener Festwochen muss Uwe Mattheiss leider feststellen: "'Schuld und Sühne' in Wien sind sechseinhalb Stunden reiner Ausdruck, ein performativer Überschuss, der sich diesmal nicht in eine Form zurückbinden ließ. Der Abend scheitert als gigantische Überproduktionskrise des Theaters."

Weiteres: Sebastian Moll schildert die große Ratlosigkeit in New York, seit die Polizei auch noch Daniel Libeskinds Entwurfsrest für ground zero aus Sicherheitsgründen kassiert hat. In der Abschiedsserie "Rot-Grün" wir danken dir" spricht Cord Riechelmann den Grünen als Verdienst die Erkenntnis zu, dass die "Natur nicht gratis" ist. Tobias Rapp bespricht zwei Kompilationen zu brasilianischem Postpunk.

Und Tom.

NZZ, 27.05.2005

Frank Castorf ist es gelungen, sich mit seinem sechseinhalb Stunden dauernden "Dostojewski-Exorzismus" bei den Wiener Festwochen einen ganzen Abend zu langweilen, wie Paul Jandl genervt schreibt. "Castorfs 'Schuld und Sühne' ist wohl eher eine sportliche Angelegenheit. Man hatte das schon: Die Weltliteratur als Ausdauerdisziplin. Wo Dostojewskis Schwindsüchtige gern entkräftet niedersinken, sind Berlins Volksbühnen-Proletarier gut zu Fuß. Die Treppen rauf, die Treppen runter, rein ins Kabuff und wieder raus. Die Castorfschen Ertüchtigungen verzichten diesmal lediglich auf den Swimmingpool, sonst ist alles beim Alten."

Weiteres: Ursula Seibold-Bultmann schwärmt vom neuen Umweltbundesamt des Berliner Architekturbüros Sauerbruch Hutton in Dessau. Gemeldet wird der Tod des Produzenten Ismail Merchant. "Keinen Biss" habe Philippe Boesmans Bearbeitung von Strindbergs "Fräulein Julie" bei den Wiener Festwochen, meint Peter Hagmann. Gabriele Schor besucht die Ausstellung "Just do it!" zu "Culture Jamming" im Lentos-Kunstmuseum in Linz.

Auf der Medienseite untersucht Heribert Seifert anlässlich des jüngsten Civis-Medienforum, wie Medien die Integration von Einwanderern behindern oder befördern. Seifert stört sich an der von Sozialwissenschaftlern gern verbreiteten These, dass Einwanderer entweder gar nicht oder negativ in deutschen Medien dargestellt werden. So wurde etwa auf einer Veranstaltung skandalisiert, dass die Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh zu einer "antiislamischen Hysterie" geführt habe, ohne sich weiter um die Ermordung selbst zu scheren. "Nicht die Identifikation und Ausgrenzung eindeutig extremistischer Auffassungen, die zu unzivilisiertem Verhalten führen, ist das Ziel solcher Sozialforschung, sondern die Ausweitung der Verdachtzone auf immer mehr Einstellungen und Mentalitäten, die mit interpretatorischen Kunststücken politisch kriminalisiert werden. Wer daran glaubt, dass Rassismus und gewaltbereite Fremdenfeindlichkeit gottlob nur am 'Rand der Gesellschaft' Anhänger finden, der wird hier belehrt, dass in Wirklichkeit die Mitte der Hort des Bösen sei."

Weiteres: "bor" berichtet von der Jahreskonferenz der Marktforscher der Gartner Group in Barcelona. Diese schätzen die Zukunftsaussichten für die IT-Branche eher schlecht ein: "Bis zum Jahre 2010 werden nach Gartner die IT-Abteilungen großer Unternehmen um ein Drittel schrumpfen."
Gemeldet wird, dass Google zukünftig in Form eines Internetportals auftreten wird. Den Wert verschiedener Publikationen zum Einfluss der Massenmedien auf die Integration von Zuwanderern beurteilt Heribert Seifert. Mit dem neuen Nokia Internet Tablet 770 wird der erste Vertreter einer neuen Produktkategorie vorgestellt.

Auf der Filmseite huldigt Ronald D. Gerste Jane Fonda, deren Autobiografie "My Life so far" er nur empfehlen kann. Besprochen werden unter anderem Kim Ki-duks "sportliches" Liebesmärchen "Bin-jip" und Eliane Caffes Film Narradores de Jave"
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FR, 27.05.2005

Stephan Hilpold hat sich bei Castorfs "Schuld und Sühne" in Wien gelangweilt: "In seinem enzyklopädischen Ansatz verspielt Castorf viel von der Energie, die der Abend in den ersten Stunden hat. Linear erzählt er nach einer starken Exposition die Wirren des Raskolnikow, zieht dramaturgisch geschickt die Fäden, wechselt im richtigen Augenblick von der Kameraperspektive ins sichtbare Real Play. Überhaupt die Video- und Schnitttechnik (Dirk Passebosc): Sie wird von Russen- zu Russeninszenierung meisterhafter. Leider nehmen auch die Längen der Abende zu. Das ergibt im Fall von 'Schuld und Sühne' auch ein inhaltliches Problem. Von der metaphysischen Auferstehung Raskolnikows durch die Hinwendung zu Gott und der Liebe zu Sonja will Castorf nichts wissen. Die Beichte Raskolnikows ist der Schlusspunkt der Inszenierung. Etwas anderes hat Castorf nicht anzubieten. Das ist nach mehr als sechs Stunden etwas wenig."

Silke Hohmann stellt die neuen Alben von Oasis ("drei gute Songs") und The Coral vor.
Stichwörter: Wien

SZ, 27.05.2005

"Es findet sich nichts im Verfassungstext, das die Aufregung der Franzosen verständlich machen könnte", stellt Johannes Willms im Aufmacher klar und meint: "Ein gerüttelt Maß an Schuld daran, dass die Franzosen, wie es jetzt allen Anschein hat, die 'Europäische Verfassung' ablehnen werden, trägt aber auch die eigene Regierung, der in der Vergangenheit 'Europa' stets als ein bequemer Sündenbock diente, um von eigenen Versäumnissen und Unzulänglichkeiten abzulenken. Damit trug sie entschieden dazu bei, ein europafeindliches Meinungsklima in weiten Teilen der französischen Öffentlichkeit zu schaffen, das sie jetzt nicht mehr zu wenden vermag."

Schlichtweg brillant findet Jürgen Otten, was Kirill Petrenko aus Tschaikowskys "Eugen Onegin" herausgeholt hat. Über Frank Castorfs sechseinhalbstündige Inszenierung von Dostojewskis "Schuld und Sühne" konnte sich Christine Dössel nur dank der großartigen Schauspieler hinwegtrösten: "Dieser Theaterabend ist ein Exzess, eine Anmaßung, eine intellektuelle, sinnliche und physische Überforderung, und wer ihn überstanden hat, dem brummt der Schädel mehr, als dass ihm das Herz summt."

Der künftige Intendant am Hamburger Schauspielhaus Friedrich Schirmer baut im Interview mit Till Briegleb vor: "An diesem Haus ist selbst das Scheitern eine Auszeichnung, der man sich nicht entziehen kann." Henning Klüver berichtet, dass das kunsthistorische Institut Florenz in die Casa Zuccari umzieht. Dem Autor Matthias Politycki kommt in der kleinen Reihe zum perfekten Tag folgender Gedanke: "Das Perfekte ist in seiner schreckhaft erfahrnen Radikalität so unerträglich wie das Schöne." Auf der Medienseite weist Willi Winkler auf die heutige Arte-Dokumentation zu Rainer Werner Fassbinder hin, der dieser Tage 60 Jahre alt geworden wäre.

Rüdiger Sturm beschreibt, was den Comic-Autor - und jetzt auch Filmemacher - Enki Bilal treibt; die eigene Verfilmung seiner Alexander-Nikopol-Trilogie "Immortal" erlebte Fritz Göttler als Essay über die Liebe.

Besprochen werden Zach Braffs "wunderschöner, rührernder, kluger, witziger, trauriger" Debütfilm "Garden State" (den Susan Vahazadeh selbst so manchem renommierten Regisseur nicht zugetraut hätte), Jacob Estes "Mean Creek",
eine große Retrospektive zu Frei Otto, dem "Naturforscher unter den Baukünstlern", dem "Biologen unter den Ingenieuren" und Bücher, darunter Heinrich Deterings Gedichte "Schwebstoffe" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).