Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2005. In der FAZ sieht Mario Vargas-Llosa den Romanhelden Don Quijote als Vorreiter des Liberalismus. In der Welt sieht der Publizist Carlos Alberto Montaner den Diktator Augusto Pinochet als Vorreiter des Liberalismus. In der taz empfiehlt sich der Regisseur Christoph Schlingensief als Vorreiter des Deutschen Theaters, denn "Theater heute ist doch ein Witz".

TAZ, 06.01.2005

"Theater heute ist doch ein Witz", stellt Christoph Schlingensief in einem Interview auf der Meinungsseite fest. "Es hat nicht nur den Anschluss ans Leben verpasst, es hat nicht einmal mehr Anschluss an die Kunst." Um das zu ändern, möchte Schlingensief gern Intendant am Deutschen Theater werden, wie er schon in einem Interview mit der B.Z. verkündet hatte. Ihm missfällt vor allem "die augenblickliche Huldigung von Regisseuren wie Luc Bondy oder Andrea Breth, die Theater wortwörtlich wieder als 'moralische Anstalt' bezeichnen, in der sich Gutmenschen auf und vor der Bühne in ihrem Weltschmerz suhlen dürfen. Stattdessen ginge es doch darum, diesem Schmerz Ausdruck zu verleihen und ihn herauszuschreien."

Im Kulturteil geht es ausschließlich um Filme. Besprochen werden Zhang Yimous filmisches Kampfkunstspektakel "House of Flying Daggers", Christine Jeffs Biopic "Sylvia" ("gedeckte Farben, gute Schauspieler und große Gefühle") Wenzel Storchs Film "Reise ins Glück" und Claude Chabrols Film "Die Brautjungfer".

Schließlich Tom.

NZZ, 06.01.2005

Ohne jeden Anlass, also einfach nur sehr schön schreibt Maja Turowskaja über Anton Tschechow und die Familie als Schicksal und Sensation: "Die begabten älteren Brüder - der eine Journalist, zugleich Alkoholiker, beim anderen, einem Maler, kam noch die Schwindsucht hinzu - waren Opfer ihrer ungenügenden Ausbildung; Iwan, der sich selbstlos in der Volksbildung engagierte, war eher ein Opfer seiner Autodidaktik. Der fähige Michail fügte der Familienpalette noch die Grautöne des Spießertums hinzu, und die Schwester, ehrgeizig und praktisch veranlagt, sollte mit der Zeit zur Bewahrerin des Erbes werden. Dieses Bukett von - meist unglücklichen - Familienschicksalen gibt ein Gesamtporträt der russischen Gesellschaft mit ihren angeborenen Begabungen, der ererbten Schwindsucht, dem erworbenen Alkoholismus, unglücklich selbstloser Aufopferung, bequemem Banausentum und weiblicher Zähigkeit. Allmählich ahnt man, über wie viel Charakterstärke - Gefährtin des Genies - Anton verfügen musste, damit der 'verprügelte', vor Gott und den Menschen 'sich verstellende' 'Sohn eines Leibeigenen' zum Muster an Sanftmut und Kultiviertheit (einer heute nicht mehr modischen Eigenschaft) werden konnte. Auch das ist russisches Leben und russische Literatur..."

"rbl" meldet, dass der in Konkurs gegangene Verlag Im Waldgut als Waldgut-Verlag zurückkehrt. Besprochen werden die Berliner Ausstellung zu Walter Benjamin "Schrift Bilder Denken" (die Claudia Schwartz gelehrt hat, dass die Aura doch kein Phänomen der Kunst ist, sondern eines der Wahrnehmung), Hörbücher von Peter Handke und der Lyrikband "In Begleitung des Windes" des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 06.01.2005

Der auf Kuba geborene Kolumnist Carlos Alberto Montaner will Augusto Pinochet einen Anteil am Erfolg Chiles zugestehen, denn die wirtschaftliche Liberalisierung sei ihm zuzurechnen: "Konsequenz der bittersüßen Erfahrung des Pinochetismo und der Erfolge späterer Regierungen ist ein profunder Wandel der Ideen, politischer und wirtschaftlicher Maßstäbe. Der Populismus, die etatistische Revolutionsmentalität sind tot; stattdessen herrscht eine Vision der Entwicklung vor, die in den freien Markt, das Besitzrecht, die Öffnung nach außen und die Überlegenheit der Zivilgesellschaft in ökonomischen wie nationalpolitischen Fragen vertraut."
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FR, 06.01.2005

"Erster Eindruck: Reißerische Katastrophenszenarien, von anspruchsvollen belletristischen Verlagen sonst gerne in irgendwelche B-Verlage ausgelagert, drängen ins Hauptprogramm", stellt Christoph Schröder beim Blättern in den Frühjahrsverlagsvorschauen fest. "Zweitens: Literarische Debüts stammen fast ausschließlich noch von Frauen, die sich alle ähnlich sehen, ein bisschen blond, ein bisschen ätherisch und geheimnisvoll, definitiv altherren- und literaturbetriebskompatibel."

Weitere Artikel: Ursula März ist es schnurz, warum gespendet wird, Hauptsache, es wird gespendet. Alexander Kluy feiert die Peter-Eisenman-Retrospektive im Wiener Museum für Angewandte Kunst. Adam Olschewski lauscht verzückt den Orginaltönen alter Konzertmitschnitte auf den CDs der digital remasterten Reihe "Living Stereo" der Plattenfirma RCA und liest dabei nicht minder begeistert in David Toops Buch "Haunted Weather" (ein, "zur Buchform verfestigtes Abbild der gegenwärtigen, alternativen, zukunftsweisenden Musikszene").

Und Filme: Christine Jeffs Sylvia-Plath-Film "Sylvia" mit Gwyneth Platrow ("Es gibt auch einen Abspann, der auf Sylvias Plaths Genie hinweist."), Zhang Yimous Film "House of the Flying Daggers" ('House of Flying Daggers' ist schön. So unbeschreiblich und so verwirrend schön wie die Hauptdarstellerin Zhang Ziyi), Kevin Smiths Film "Jersey Girl", Taylor Hackfords Ray-Charles-Film "Ray" und Dani Levys Komödie "Alles auf Zucker".

Tagesspiegel, 06.01.2005

Harald Martenstein denkt über die Empathie, die Spendenbereitschaft und Deutsche nach, die weiter in Phuket urlauben: "Nach einiger Zeit wird man sich bei solchen Bildern - Urlauber am Todesstrand - nicht mehr viel denken, höchstens: Die schaffen Arbeitsplätze. Und es stimmt ja. Der Ökonom Adam Smith hat schon im 18. Jahrhundert allen, die auf dem Mitleid eine nachchristliche Ethik aufbauen wollen, höhnisch entgegengerufen, dass Mitleid den Leidenden nicht das Geringste nützt. Ob wir über die Toten von Phuket weinen oder am Strand von Phuket ohne eine Gefühlsregung Bier trinken, das ist für Tote und Überlebende egal. Nur Hilfe zählt. Aus welchen Motiven Michael Schumacher zehn Millionen Dollar spendet, ist gleichgültig. Hauptsache, er tut es. Tief verwurzelt ist bei den meisten von uns der Gedanke, dass Leid und Freude wie kommunizierende Röhren funktionieren. Je weniger Freude bei uns, desto weniger Leid anderswo. Am deutlichsten wird das immer wieder bei den Appellen, die Silvesterknallerei zu lassen und stattdessen zu spenden. Die Feuerwerksindustrie hat vor einiger Zeit eine tragikomische Erklärung veröffentlicht, mit der Frage, warum solche Appelle immer gegen sie gerichtet sind, niemals gegen die Blumen-Branche."

FAZ, 06.01.2005

2005 ist Cervantes-Jahr, denn der erste Band des "Don Quijote" erschien vor genau 400 Jahren. Die FAZ bringt einen etwas sonntagsredenhaft anmutenden Text Mario Vargas-Llosas (mehr hier), der den Freiheitsbegriff Cervantes' untersucht und darlegt: "Don Quijote glaubt nicht, dass Gerechtigkeit, Gesellschaftsordnung und Fortentwicklung von den Autoritäten gelenkt werden sollten, sondern dass die Individuen selbst dafür sorgen müssten und wie er selbst und wie seine Vorbilder, die fahrenden Ritter, es übernehmen, die Welt gerechter, freier, besser zu machen. Das ist der fahrende Ritter: ein Individuum, das sich aus einer großzügigen Berufung heraus auf den Weg macht, um gegen alles Übel auf dem Planeten Abhilfe zu schaffen. Die Behörden helfen dabei nicht, sondern behindern."

Zhou Derong begrüßt den für heute offiziell erwarteten 1.300.000.000. Chinesen und beschreibt, wie neureiche Chinesen die Einkindpolitik aushebeln: "Sie haben mittlerweile erreicht, dass nach dem ersten Kind keine Abtreibung mehr droht, sondern die Eltern mit einer Geldstrafe belegt werden. Also darf im Prinzip jeder ein zweites Kind haben, sofern er nur imstande ist, dafür zu zahlen."

Weitere Artikel: Gerhard R. Koch erzählt in der Leitglosse, wie ihm eine Kuh in die an sich verschlossene Garage geriet und wie frohgemut sie ihm bei den Räumungsarbeiten entgegenblickte. Andreas Platthaus schreibt zum Tod des Comiczeichners Will Eisner. Hansgeorg Hermann berichtet über die Wiedereröffnung der Bibliothek des Seminaire Israelite de France in Paris, die einst zu den bedeutendsten Bibliotheken des Judentums gehörte.

Auf der Kinoseite erinnert Enno Patalas, der einstige Leiter des Münchner Filmmuseums, an die Filmtheoretiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner. Hans-Jörg Rother stellt das "Evangelische Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit" (mehr hier) in Stuttgart vor. Und Jürg Altwegg berichtet über ein erfolgreiches Filmjahr für die Franzosen, und das obwohl der amerikanisch produzierte neue Film von Jean-Pierre Jeunet "Mathilde - Eine große Liebe" nicht als französischer Film gelten darf.

Auf der Medienseite erzählt Michael Hanfeld, wie ein Foto, das im Internet kursierte und das Menschen zeigt, die vor einer Welle fliehen, fälschlich als Tsunami-Foto durch die Presse geisterte. Auf der letzten Seite besucht Elmar Schenkel die tatarische Stadt Kasan, die "mit Baustellen und Untertunnelung ihrem tausendjährigen Jubiläum in diesem Jahr entgegenfiebert". Andreas Kilb schildert eher distanzierte französische Reaktionen auf den von der FAZ offiziell als Meisterwerk eingeschätzten Film "Der Untergang", der jetzt in Paris startet. Und Paul Ingendaay porträtiert Miguel Zugaza, der es als Leiter des Prado erstaunlicher Weise schaffte, drei Jahre auf seinem Posten zu überstehen.

Besprochen werden eine Ausstellung der Malerin und Skulpteurin Leiko Ikemura in Kaiserslautern und der neuer Film "Die Brautjungfer" von Claude Chabrol.

SZ, 06.01.2005

Die SZ feiert die Heiligen Drei Könige und erscheint erst morgen wieder.