Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2004. Gabriele Goettle hat für die taz die Obdachlosenärztin Jenny de la Torre besucht. Die NZZ beschreibt die Ständegesellschaft des globalisierten Theaterbetriebs. In der Welt erklärt der frühere DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow, warum Michael Schindhelm kein Stasi-Spitzel war. Die FR erliegt dem Zauber von Gottfried Benn. In der SZ erzählt Joachim Kaiser, wie die Berliner Philharmoniker Furtwänglers Dirigierstil interpretierten. Die FAZ beklagt den Niedergang der französischen Nation.

TAZ, 27.12.2004

Gabriele Goettle besucht die Obdachlosenärztin Jenny de la Torre, die in der Berliner Pflugstraße gerade ein unabhängiges Gesundheitszentrum für ihre Schützlinge einrichtet. Auf 923 Zeilen lässt Goettle die gebürtige Peruanerin von den Abgeschobenen der Wohlstandsgesellschaft erzählen. "Was mich wirklich schockiert hat, war der Zustand, in dem die Menschen in die Praxis gekommen sind. Das habe ich nicht erwartet. Nicht so! Dass sie so krank und so verwahrlost sind. Armut war mir nicht fremd, ich komme ja aus Peru, ich habe in meiner Kindheit und später viele arme Leute gesehen, sie haben keine Schuhe, nichts zu essen und zu trinken, aber ? aber das, was ich hier gesehen habe, das kannte ich nicht, dieses Ausmaß an Verwahrlosung."

In der zweiten taz fährt Henning Kober mit dem Greyhoundbus in das größte Casino der Welt, das "Altersheim von Amerika" Foxwoods in Connecticut. Und auf der Medienseite erfährt Wilfried Urbe, dass sich die deutsche Beschäftigung mit der DDR auf dem internationalen Fernsehmarkt bestens verkaufen lässt.

Schließlich Tom.
Stichwörter: DDR, Gabriele Goettle, Peru, Taz

NZZ, 27.12.2004

Immer zahlreicher größer werden die Festivals im globalisierten Theaterbetrieb, Renate Klett klassifiziert sie nach den Prinzipien der Ständegesellschaft: "Da gibt es den Adel, alteingesessen, berühmt, mit angeborener Neigung zu Degeneration und Verkalkung (Avignon, Edinburg, Wien); dann das kunstsinnige, aufgeschlossene Großbürgertum (KunstenFestivaldesArts Brüssel, Theater der Welt); die aufstrebenden Kleinbürger, nervös auf den Absprung in die höhere Klasse hoffend (Spiel.art München, Theaterspektakel Zürich, 'euro-scene' Leipzig); das Proletariat, dem bekanntlich einmal die Zukunft gehörte (von 'net' Moskau bis 'time festival' Gent). Alle diese Festivals würde ich jederzeit besuchen, und es würde sich gewiss lohnen. Doch es gibt auch das Beamtentum - Funktionärsfestivals, wie sie besonders in Osteuropa und im Nahen Osten stattfinden, aber auch bei uns vorkommen (besondere Merkmale: Inkompetenz und Lieblosigkeit)."

Weiteres: Andrea Eschbach stellt den Designer Werner Aisslinger und seine "Loft Cubes" vor, 36 Quadratmeter große mobile Wohnboxen auf vier Stelzen, mit denen Aisslinger die Berliner Flachdächer bereichern möchte. Samuel Herzog nimmt einen positiven Eindruck von der Kunstbiennale "Do You Believe in Reality?" in Taipeh mit. Marc Zitzmann bewundert den Viaduc de Millau als ein neues "Emblem der französischen Tradition des staatlichen Verkehrsbaus".

Welt, 27.12.2004

Der Berliner Schriftsteller Lutz Rathenow erklärt, warum er als Mitglied des so genannten Ehrenrats dem künftigen Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, Michael Schindhelm trotz seiner IM-Akten das Vertrauen ausgesprochen hat: "Nach einer bestimmten Lektüre-Intensität beginnt man sich in den MfS-Papieren heimisch zu fühlen. Man beginnt zu denken wie ein Kontrolleur des Offiziers, der alles anlegte und der nie effizient genug arbeitete. Ständig ertappte ich mich bei dem Misstrauen, nicht misstrauisch genug zu sein. Nur noch Akten vermögen plötzlich einen Menschen zu entlasten... Ein Problem zeigt sich seit den Forschungen zur DDR-Opposition deutlich: Die Akten versagen da, wo das MfS Widerstand, Gesetzesverletzungen, oppositionelle Arbeit, Renitenz oder auch nur geschickte Verweigerung nicht oder nicht hinreichend mitbekam. Zumindest letzteres ist bei Michael Schindhelm der Fall - von seinen Fluchtplänen ganz zu schweigen."

Auf den Forumsseiten begrüßt Cora Stephan alias Anne Chaplet freudig das Schiller-Jahr: "Was wäre wohl aus unserem Land geworden, wenn nicht Walter Momper, sondern Schiller 1989 mit Pathos und Leidenschaft intoniert hätte: 'Wir Deutschen sind heute das glücklichste Volk der Welt'? Jene Worte, die schon widerlegt waren, als sie gesagt wurden, denn niemand beteuerte eifriger als die Deutschen, es gäbe nicht den geringsten Anlass, den Sieg der westlichen Werte allzusehr zu feiern, weshalb uns heute auch locker vorgeschlagen werden konnte, wir könnten doch auf einen festen Feiertag zur deutschen Einheit verzichten."
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FR, 27.12.2004

Ehrfürchtig schiebt Hanns-Josef Ortheil die "kalkweiße" MP3-CD mit Gottfried Benns kompletten "Hörwerken 1928-1956" heraus, legt sie in den vom Verlag Zweitausendeins gleich mitangebotenen Player und lehnt sich zurück. "Maskuline Arbeit und feminines Weben verlaufen daher in den meisten Gedichten haarscharf neben- und ineinander, oft bringt das eine das andere um, erstickt oder überspinnt es, dann kommt weltanschauliche Lyrik oder bloßer Vokalzauber heraus, in ein paar seltenen Fällen aber begegnet sich beides, man spürt es am Schwindel, der die Sprache befällt, ein großes Gedicht ist dann entstanden, und Benns Stimme duckt sich in diesen Zauber noch einmal hinein und wird sogar bescheiden." (Ein bisschen was hören kann man von Benn bei Lyrikline.)

Daniel Kothenschulte begrüßt es als weitere Emanzipation von Cannes, wenn Roland Emmerich (mehr) den Juryvorsitz der kommenden Berlinale übernimmt. "Warum sollten bloß immer Regisseure mit dem künstlerischen Background eines Tarantino, Lynch oder Chereau die doppelte Stimmgewalt eines Jurypräsidenten ausüben? Kann man Filmemachern, die mit ihren eigenen Filmen immer wieder Preise abräumen, überhaupt die nötige Distanz zum Geschehen zutrauen?"

Weitere Artikel: In Times mager sucht Gunnar Lützow nach den Resten des Sozialen in Tony Blairs New Labour. Gemeldet wird, dass sich Russland im Streit um die Beutekunst kompromissbereit zeigt. Auf der Medienseite zeigt sich Markus Brauck zufrieden mit dem Auftritt Harald Schmidts in der ARD. In 31 Bundesstaaten der USA wird gerade um die Evolutionslehre an der Schule gekämpft, informiert Dietmar Ostermann zudem in einer Reportage über den Kampf zwischen Wissenschaftlern und Creationists auf der Dritten Seite.

Besprochen werden politische Bücher, darunter Peter Hayes' "akribische" Darstellung der "Degussa im Dritten Reich" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 27.12.2004

Fast ganzseitig erinnert Joachim Kaiser an Wilhelm Furtwängler, den man seiner Meinung nach nicht als Nazi-Mitläufer abtun darf. Kaiser pocht auf den Verkündigungsanspruch des Dirigenten, an seinen Enthusiasmus , an sein gleichzeitiges Zögern. Und an seinen eigenwilligen Dirigierstil. "Freilich: die Musiker, und keineswegs nur seine Berliner Philharmoniker setzten, etwa in Beethovens 'Coriolan' oder der 'Egmont'-Ouvertüre, mit unvergesslicher überzeugender Gewalt ein - auch wenn Furtwänglers Arme nur langsam, wie in Trance, herunterzugehen schienen. Fragte man sie, wie das überhaupt möglich war, antworteten sie unbefriedigend. 'Wir setzten ein, wenn der Doktor mit den Händen beim dritten Knopf der Frackweste angekommen war.' Oder, etwas plausibler, 'wenn wir das Gefühl hatten, nicht mehr warten zu können'."

Auf der Medienseite trifft Gerhard Bläske in Paris auf einen recht demütigen Jean-Marie Colombani, der seit zehn Jahren als Verlagschef an der Spitze von Le Monde steht und in jüngster Zeit Auflagenverluste und Kritik einstecken musste. "Die größte Herausforderung sieht der Verlagschef im Vordringen von Gratistiteln wie Metro sowie im Internet. Die vor allem in den U-Bahnen in einer Auflage von rund 800 000 Stück verteilten Gratistitel seien 'gut gemacht' und wendeten sich speziell an die Leserschaft von Le Monde. Colombani schließt als Reaktion darauf ein Tabloid nach dem Muster der Welt Kompakt zumindest nicht aus."

Weitere Artikel: Sonja Asal schildert die französische Debatte um die Integration der Muslime: Der Vorsitzende der Präsidentenpartei UMP Nicolas Sarkozy will mit einer Gesetzesänderung erreichen, dass der Staat die Gelder an die Muslime kontrolliert, Innenminister Dominique de Villepin und Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin wollen sich nicht so direkt in die Religion einmischen. Andrian Kreye berichtet, wie die fundamentalistischen Evangelisten in den USA die liberalen Kirchen verdrängen. In einer Meldung wird kolportiert, dass Hans Magnus Enzensberger Herausgeber der geplanten FAZ-Bibliothek werden könnte. Fritz Göttler erinnert an James Matthew Barrie, der vor hundert Jahren in London das folgenschwere Theaterstück "Peter Pan, or The Boy Who Would Not Grow Up" lancierte. Für die dritte Seite besucht Stephan Handel den experimentellen Musiker Hans-Jürgen Buchner, bekannt unter dem Namen seines Wohnortes Haindling, der unter anderem mit Meisenexperimenten nach neuen Klängen sucht.

Besprochen werden Frank Castorfs Weihnachtsmärchen "Meine Schneekönigin" zwischen "Krampf und Erlösung" an der Berliner Volksbühne, Emmerich Kalmans Operette "Herzogin von Chicago" an der Wiener Volksoper unter der Regie von Dominik Wilgenbus, eine Ausstellung fotografischer Selbstporträts aus dem 19. Jahrhundert in Paris, ein Auftritt des belgischen Mädchen-Rock-Chors "Scala" in Hamburg, Giuseppe Piccionis Film "Licht meiner Augen" ("Eine Romanze ohne Romantizismen", lobt Rainer Gansera), und Bücher, darunter David Grossmans Doppelerzählung "Das Gedächtnis der Haut" sowie Georg Mohrs Ausgabe von Kants "Theoretischer Philosophie" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 27.12.2004

In der Reihe "Sorgenraum Europa" beklagt Jürg Altwegg den Niedergang der französischen Nation: "Vor zwei Jahren hat Michel Schneider die Regression auf den Begriff der 'Big Mother' gebracht. Der Staat ist diese große Mutter. Die Politiker entscheiden nichts und regieren nicht, sie sind die Hohepriester der Infantilisierung. Chirac hat für alle ein beruhigendes Wort auf der Zunge, und auf der Landwirtschaftsmesse tätschelt er die Kühe so fachmännisch und zärtlich, als wären sie seine Wähler."

Weitere Artikel: Stephan Sahm wirft einen Blick in bioethische Zeitschriften, die um künstlicher Ernährung am Lebensende streiten. Pia Reinacher gratuliert dem Schriftsteller Markus Werner zum Sechzigsten. Jürgen Tietz beschreibt die Schwabengalerie in Stuttgart-Vaihingen.

Auf der Medienseite berichtet Verena Lueken über Zensur im Iran: "Die Organisation Reporter ohne Grenzen nennt Iran das größte Gefängnis für Journalisten im Mittleren Osten". Christian Deutschmann stellt Musils "Mann ohne Eigenschaften" vor, der "zusammen mit Rohfassungen und Notaten des Autors, Editionsgeschichte, Rezeption und Forschung" ab heute im Radio (Bayern 2) gelesen wird. Michael Hanfeld zutiefst enttäuscht von Harald Schmidts neuer Show. Und Hans-Dieter Seidel gibt den Verantwortlichen der ARD "mit ihrem unsinnigen Schnittverlangen" die Schuld dafür, dass Edgar Reitz' "Heimat 3" fast unverständlich ist.

Auf der letzten Seite erzählt Hans Christoph Buch von der Reise des Bundespräsidenten durch Afrika: "Horst Köhler ist ein Glücksfall für Deutschland und Afrika: Er redete keinem nach dem Mund und wurde nicht müde, politische Missstände anzuprangern, korrupte Eliten zu kritisieren und die Zivilgesellschaft zu ermutigen, allen voran die Frauen, ohne deren Beitrag zu Familie der Kontinent noch tiefer im Elend versinken würde - Stichwort Aids." Alexandra Kemmerer porträtiert den 1992 gestorbenen amerikanischen Politikwissenschaftler Karl-Wolfgang Deutsch. Und Martin Kämpchen berichtet von dem Bollywoodfilm "Veer-Zaara", der dazu beiträgt, Indien und Pakistan zu versöhnen.

Besprochen werden eine Ausstellung des Renaissancemalers Vittore Carpaccio in der venezianischen Gallerie dell'Accademia, Jean-Philippe Rameaus Oper "Les Paladins" in Basel, Händels "Rodelinda" an der Metropolitan Opera und Bücher, darunter ein Buch über antike Philosophie von Heinrich Niehues-Pröbsting (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).