Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.12.2004. In der FAZ macht sich John Banville irische Sorgen. Die taz findet: Das Traurige an der deutschen Situation ist andauernde Scheitern des intergenerationellen Dialogs. Die SZ unterhält sich mit Paolo Flores d'Arcais über Silvio Berlusconi. In der Welt preist Peter Eisenman den wunderschönen Beton seines Holocaust-Mahnmals.

Welt, 13.12.2004

Die Eröffnung des Holocaust-Mahnmals ist zwar erst für Mai 2005 geplant, aber übermorgen wird Architekt Peter Eisenman die letzte der 2751 Stelen setzen. Im Welt-Interview scheint er ganz zufrieden: "Natürlich hatte ich selbst Momente des Zweifels. Etwa bei der Wahl des Materials: Stein, Schiefer oder Beton? Bei der Farbe: Schwarz oder Weiß? Schließlich ist es ein wunderschöner Beton geworden von einer Qualität, wie man sie nicht häufig findet. Wir haben viele Probleme lösen können. Selbst die der Rollstuhlfahrer. Die wollten einen Meter Abstand, damit sie im Mahnmal wenden können. Aber wir bestanden auf 95 Zentimetern, weil die Menschen das Standardmaß von einem Meter kennen, wie zum Beispiel in ihrer Küche von dem Herd zu der Spüle."

Nur noch 31 Prozent der Briten sehen BBC, berichtet Thomas Kielinger auf der Medienseite, der Druck zu sparen wächst. Zehn Prozent des Personals sollen erst einmal eingespart werden. Und dann heißt es: "Einsparen, Entbürokratisieren, Wettbewerb, Flexibilität, Regionalisierung - wie sehr nach New Labour das doch alles klingt. Kein Wunder: Es ist diese Regierung und keine andere (denn sie wird im nächsten Jahr wieder gewählt werden, darauf kann man sich verlassen), die bis Ende 2006 über die Verlängerung der so genannten 'Licence Charta' der BBC befinden muß, dem Grundvertrag mit 'Auntie', der ihr erlaubt, auf weitere zehn Jahre von jedem Besitzer eines Farbfernsehers eine Steuer zu erheben.

FAZ, 13.12.2004

In der Serie mit dem feurigen Titel "Sorgenraum Europa" beschäftigt sich der irische Romancier John Banville mit seiner Heimat und durchschreitet im Schnelldurchlauf den Weg von der Herrschaft korrupter Bischöfe zur Herrschaft des Kapitals: "Wer abends durch die schmutzigen, mit Erbrochenem besudelten Straßen in Temple Bar, Dublins angeblicher Rive gauche, geht, der kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass Irland, wie Oscar Wilde einst über Amerika sagte, direkt von der Barbarei zur Dekadenz übergegangen ist, ohne dazwischen eine Phase der Zivilisation durchzumachen."

Weitere Artikel: Für Gerhard Stadelmaier war Marius von Mayenburgs an der Schaubühne uraufgeführtes Stück "Eldorado" nichts weiter als ein "prätenziöses Tischfeuerwerk". Hannes Hintermeier befasst sich mit den Klagen der Gewerkschaften über den Discounter Lidl. Martin Kämpchen beklagt dagegen die lasche Arbeitsmoral der Inder. Michael Althen freut sich über den Europäische Filmpreis für Fatih Akins "Gegen die Wand". Robert von Lucius schildert, wie Elfriede Jelinek in Stockholm gefeiert und Martin Lhotzky schildert, wie sie in Wien nicht gefeiert wurde. Jürgen Richter fürchtet, dass wir es bei der Erhaltung des Nikolaifriedhofs in Görlitz mit einer Aufgabe für Generationen zu tun haben.

Auf der Medienseite schildert Jürg Altwegg, wie sich der französische Bezahlsender Canal Plus durch einen Lügenpoker seiner Konkurrenten dazu treiben ließ, 600 Millionen Euro jährlich für die Rechte an der Übertragung der französischen Fußballliga zu zahlen.

Auf der letzen Seite erzählt Reiner Burger, dass das Chemnitzer Industriemuseum nur knapp dem Aus entgangen sei. Eberhard Rathgeb kommentiert die Kür des Wortes "Hartz IV" zum Wort des Jahres, und Susanne Klingenstein stellt den von Montblanc im Geiste Kafkas geschaffenen Füllfederhalter vor.

Besprochen werden ein "Tristan" unter Bill Viola, Peter Sellars und Esa-Pekka Salonen in Los Angeles, Matthias Hartmanns Inszenierung von Tschechows "Iwanow" in Bochum, Mark Schlichters Film "Cowgirl", die Berliner Tanznacht und einige Sachbücher.

In der Sonntags-FAZ feierte Volker Weidermann Mann Peter Zihalys Buch "Die letzte Fenstergiraffe", das von den Ukrainern sozusagen in die Tat umgesetzt wurde.

NZZ, 13.12.2004

Ein Universitätsneubau bringt Ursula Seibold-Bultmann ins Schwärmen: das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum (IKMZ) der TU Cottbus, entworfen von dem Architektenduo Herzog & de Meuron wird heute eröffnet. "Scharfe Kontraste bestimmen das Erscheinungsbild des Baus ebenso wie ausgeprägt malerische Elemente. Im Gebäudeinnern etwa spiegelt sich das in Parallelstreifen gelegte heftige Gelb, Hellgrün, Magenta, Zinnober und Dunkelblau der Kautschuk-Bodenbeläge in den Decken aus Streckmetall und in den silbrigen Türen der Lifts; so entstehen Seen aus Farbe, die sich bei jeder Bewegung des Betrachters ausdehnen oder zusammenziehen, um sich schließlich in nichts aufzulösen." (hier eine Galerie).

Abgedruckt ist ein Vortrag, in dem der Schriftsteller Adolf Muschg ausführlich darüber nachdenkt, was eigentlich europäisch ist und kommt zu dem Schluss: "Europa ist - überspitzt gesagt - kein europäisches, jedenfalls nie ein nur europäisches Thema. Ich hoffe, dass es dabei bleibt". Der ägyptische Schriftsteller und Journalist Ibrahim Farghali hat vier Wochen als Stadtschreiber in Stuttgart gelebt und präsentiert in einem Beitrag seine neu gewonnenen Eindrücke. Gemeldet wird, dass der Jaspers-Preis an Michael Theunissen, der russische Booker-Preis an Wassili Aksjonow sowie der Europäische Filmpreis an "Gegen die Wand" geht.

Besprochen werden der Film "La femme de Gilles" von Frederic Fonteyne, die Uraufführung eines Klavierkonzerts für die linke Hand von Paul Hindemith, ein Auftritt der Filarmonica Arturo Toscanini in Zürich sowie der dritte Tag des Luzerner Literaturfests.
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FR, 13.12.2004

Märchenhaft findet Peter Michalzik Thomas Ostermeier Inszenierung von Marius von Mayenburgs "Eldorado" an der Berliner Schaubühne: "Der Fabrikant und das Mädchen, züchtig innig nebeneinander - schon der Musik und Figuren wegen poetisch auf diese Waldbühne tröpfelnde Beginn gerinnt im ersten Bild zu einem theatralen Poesiealbumeintrag. Der Kleiderschrank, der gegen Ende des Abends die Hauptrolle übernimmt, ist vor allem ein doppelter Boden, und das heißt reinste Zauberei. Wer oder was hier herauskommt, ist so überraschend wie das Kaninchen aus dem Zylinder. Es ist die Poesie des Realisten, die Ostermeier hier - durchaus gelungen und stilsicher, aber auch ohne Risiko - zelebriert."

Weitere Artikel: Franz Anton Cramer betrachtet die Tanznacht Berlin, das Adventsgeschenk der Stadt an die boomende Szene. Christoph Schröder staunt auf den Lesungen beim fünfjährigen Jubiläum der Venusberg-Bar, wie erfindungsreich der russische Skandalautor Vladimir Sorokin beim Thema Beischlaf wird ("Wir lassen den Marder graben. Wir lassen den Marder graben?"). In Times mager bekennt sich Silke Hohmann zu Maxim Billers LowFi-Liedern "Tapes". Auf der Medienseite blättert Sebastian Engelbrecht durch Stammeszeitungen der Indianer in Arizona.

Besprochen wird Matthias Hartmanns Bochumer Inszenierung von Anton Tschechows Erstlingsdrama "Iwanow".

TAZ, 13.12.2004

Ute Scheub war auf einer Tagung in Tutzing und bestärkt nun Horst-Eberhard Richters These von den Gefühlserbschaften, die unter anderem die Mitglieder der RAF beeinflusst haben sollen. Kinder führen demnach oft unterbewusst das aus, was ihre Eltern versäumt haben. Ein Gespräch ist das nicht. "Das Traurige an der deutschen Situation aber ist das andauernde Scheitern des intergenerationellen Dialogs. Schon zwischen der ersten und der zweiten Generation kam kein Gespräch zustande, sei es, weil die Eltern bereits mit Blicken und Gesten jede Frage guillotinierten, sei es, weil der moralische Rigorismus der Kinder den sich schämenden Eltern den Mund verschloss."

Auf der Medienseite erklärt der WDR-Integrationsbeauftragte Gualtiero Zambonini, welchen ärgerlichen Reflexen die deutschen Medienmacher in Bezug gegenüber Ausländern unterliegen.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Marius von Mayenburgs "Eldorado" (die beiden machen "aus der Katastrophe der Arbeitslosigkeit einen ästhetischen Modellversuch", findet Christiane Kühl) sowie Ricarda Roggans Fotografien im neu gebauten Museum der bildenden Künste in Leipzig.

Und Tom.

SZ, 13.12.2004

Nach dem Freispruch Berlusconis erfährt Henning Klüver vom Philosophen Paolo Flores d'Arcais, dass dies nicht als Sieg der Politik über die Justiz zu verstehen ist. "Nicht der Politik, das wäre ja noch etwas Ehrenhaftes, wenn man unter 'Politik' die Souveränität der Bürger und ihre Freiheiten versteht. Es ist die Vorherrschaft der gegenwärtigen Regierung, die sich in ein Regime verwandelt hat. Ein Regime, welches das System der Kommunikation total beherrscht. Spricht man in einer postmodernen Gesellschaft von Gewaltenteilung, muss man heute das Kommunikationssystem dazurechnen. Womöglich ist es sogar zur wichtigsten Macht geworden. Diese Regierung dominiert das Kommunikationssystem Italiens nicht nur monopolartig, sondern auf totalitäre Art."

Rainer Gansera gratuliert Fatih Akin für den Sieg beim Europäischen Filmpreis. "Gegen die Wand" ließ immerhin Pedro Almodovars "La mala educacion" hinter sich. Das angestrengte Drumherum allerdings schmeckte Gansera nicht so recht. "Über weiteste Strecken blieb die Veranstaltung dieses Jahres eine Reihung bemühter Witzeleien, spannungsloser Moderationen und banaler Einlagen mit Gesang, Tanz und Seifenblasen. So präsentiert, offenbart das europäische Kino, dass es kein Selbstbewusstsein, kein Selbstvertrauen hat." Fritz Göttler preist den Schauspieler Daniel Brühl, der nach einem erfolgreichen Jahr nun auch den europäischen Publikumspreis gewonnen hat.

Weitere Artikel: Achim Graf berichtet, dass das Theater der Altmark (mehr) in Stendal von der Schließung bedroht ist. Dem Intendanten Markus Dietze bleibt nur fatalistischer Optimismus: "Wissen Sie, Theater gibt es schon seit über 3000 Jahren. Landräte gibt's noch nicht so lange." Tobias Timm schlendert durch das leerstehende Berlin und fragt sich, wie die verwaisten Bürotürme auf die Menschen wirken. Wolf Gaudlitz unterhält sich mit dem algerischen Musiker Rachid Taha über Träume und Zensur: "Im Maghreb, das wissen alle, ist es um die Demokratie nicht gut bestellt, aber während sie dort allmählich Fuß zu fassen scheint, geht sie in der westlichen Welt mehr und mehr verloren. Ich muss Ihnen nicht sagen, wie viel auch im 'freien Europa' zensiert wird, wie viel kontrolliert, was alles verboten ist. Uns umgibt eine Heuchelei, die zum Kotzen ist." Ijoma Mangold wird bei Putins Lob der deutschen Expressionisten und ihres angeblich typisch deutschen starken Strichs mulmig zumute. Christian Jostmann wohnte einer "aufschlussreichen" Diskussion des Forschungsverbunds Ost- und Südosteuropa über Flucht und Vertreibung in München bei. Kai Wiegandt lernt auf einer Münchner Tagung die Kennzeichen deutscher Zeichenkunst kennen.

Auf der Medienseite preist Hans Leyendecker anlässlich der gezielten Indiskretion, die den ehemaligen CDA-Bundesvorsitzenden Hermann-Josef Arentz als untätigen Empfänger von RWE-Geldern enttarnte, die Spezies des Informanten. Klaus Ott informiert, dass die SWR3-Satire mit einem lallenden Gerhard Mayer-Vorfelder nun gerichtlich gestoppt ist.

Besprochen werden Carsten Danes Inszenierung von Nabokovs "Walzers Erfindung" im Münchner Marstall, Robert Lepages an Brechts Dreigroschenoper erinnernde "The Busker's Opera" bei "spielzeiteuropa" im Haus der Berliner Festspiele ("Robert Lepage, der geschätzte Mythenbeschwörer, übte sich diesmal leider als Dünnbrettbohrer", klagt Eva-Elisabeth Fischer), David Mackenzies Film "Young Adam" mit Ewan McGregor, und Bücher, darunter der von Werner Abelshausener herausgegebene "Göring's Atlas" ("Der Atlas kann allenfalls als bedeutungsarmer Torso durchgehen", zürnt Götz Aly) und Neil Bissondaths "kraftvoller" zweiter Roman "Willkommen, Mr. Mackenzie" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).