Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.11.2004. Werner Spies besucht für die FAZ das neue Moma und konstatiert erleichtert: "Kein Land, keine Schule dominiert." Die NZZ sammelt Stimmen zu den Wahlen in der Ukraine. Diese Wahlen sind existenziell, meint Juri Andruchowytsch in der taz. Keine Zeitung außer der FAZ schweigt zu Christoph Schlingensiefs "Kunst und Gemüse". Die SZ zum Beispiel findet: "Kraut und Rüben" großartig.

FAZ, 19.11.2004

Spät aber laut hatte der Kunsthistoriker Werner Spies die Berliner Moma-Ausstellung als "Amerikanische Unfehlbarkeitserklärung", als Kolonisierung der Kunstgeschichte im Zeichen der amerikanischen Kunst getadelt (hier sein Artikel vom 17. August). Nun schreitet er durch das neu eröffnete Moma in New York und atmet auf: "Kein Land dominiert, keine Schule", sagt er, und: "Die Konfrontation Giacomettis, Bacons, Dubuffets, des 'Leichenhauses' Picassos mit Pollock, Newman oder de Kooning lässt an das Psychodrama denken, mit dem sich die New Yorker Schule ihre Eigenständigkeit zu erkämpfen suchte. Sie wollte sich von einer der Geschichte verfallenen, die eigene Fatalität reflektierenden europäischen Kunst lösen. Die Leugnung des europäischen Modells gehörte damals zum amerikanischen Reinigungsritus, den das Action Painting vehement, wie einen Sturmwind einsetzte." In einem zweiten Artikel zum Thema begutachtet Jordan Mejias wohlwollend die Architektur Yoshio Taniguchis.

Weitere Artikel: Patrick Bahners fühlt sich durch die aktuellen Multikulti-Debatten an die Zeit des Kulturkampfs erinnert, der in das Reichskonkordat mit der katholischen Kirche mündete (damals hatten hier noch die Protestanten die Mehrheit!) Hannes Hintermeier verweist auf ein zur Abstimmung stehendes Münchner Bürgerbegehren, bei dem es unter anderem darum geht, ob mehr Hochhäuser in den weißblauen Himmel wachsen dürfen oder nicht (eines davon will übrigens die SZ bauen, mehr hier). Manfred Gerwing gratuliert dem Theologen Ludwig Hödl zum Achtzigsten. Kerstin Holm berichtet, dass missliebige russische Wissenschaftler wie der Physiker Igor Sutjagin, die zum Beispiel öffentlich zugängliche Informationen über die Atomwaffen des Landes sammeln, neuerdings wieder für 15 Jahre nach Sibirien geschickt werden. Andreas Rossmann schreibt zum Tod Annemarie Bölls, der Witwe des Schriftstellers. Jürgen Kesting gratuliert der Sopranistin Agnes Baltsa zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite erzählt Gina Thomas, wie der Guardian die Wähler eines vermeintlich entscheidenden Wahlkreises in Ohio vor der amerikanischen Präsidentenwahl durch eine wohl gemeinte Briefaktion für Kerry einnehmen wollte - mit dem Erfolg, dass ausgerechnet hier Bush die größte Mehrheit im Staat gewann. Und Michael Hanfeld unterhält sich mit dem Schauspieler Otfried Fischer, der beteuert, weiterhin den Bullen von Tölz geben zu wollen. Online wird gemeldet, dass Viva die Sendung "Fast Forward" mit der Moderatorin Charlotte Roche barbarischer Weise einstellen will.

Auf der letzten Seite meditiert Michael Gassmann ohne erkennbaren Anlass über das Motiv des Totentanzes, das in der Renaissance deutsche Kirchen schmückte. Heinrich Wefing zitiert neuere Gesetzeskommentare, die die Folter rechtfertigen. Und Christian Schwägerl porträtiert die Ökokämpferin Renata Brillinger, die sich in Kalifornien gegen Genfood einsetzt.

Besprechungen gelten einem Konzert Banford Marsalis' in Frankfurt, einigen Ausstellung des Monats der Fotografie in Berlin, einem Konzert der Spaßband Toy Dolls in Frankfurt, Joseph Vilsmaiers Verfilmung von Adalbert Stifters Erzählung "Bergkristall" und einem Bildband über "Car Design".

Das amtliche Schweigen der FAZ-Kritikerschaft zu Christoph Schlingensiefs Spektakel "Kunst als Gemüse" wollen wir gar nicht ignorieren!

NZZ, 19.11.2004

Am kommenden Sonntag entscheidet sich, ob die Ukraine künftig vom europa-orientierten Wiktor Juschtschenko oder vom derzeitigen Premierminister und Putin-Freund Janukowitsch regiert wird. Gerhard Gnauck hat einige Stimmen der dortigen Intellektuellenszene eingefangen und festgestellt, dass es mit der Autorität Janukowitschs nicht weit her ist: "Der auch im Internet verbreitete politische Spott zeigt, dass es dem Kandidaten nicht nur an persönlicher Autorität mangelt, sondern auch an der in einer postsowjetischen Gesellschaft wichtigen Fähigkeit, Angst einzuflößen. 'Wie verflogen ist die Furcht davor, die Wahrheit auszusprechen', frohlockt der Kiewer Schriftsteller Andri Bondar. Seine Landsleute hätten sich offenbar das ungeschriebene elfte Gebot zu Herzen genommen: 'Du sollst dich nicht fürchten!'"

Weitere Artikel: Ulrich M. Schmid berichtet über den Streit in Polen, den der geplante Verkauf von Zbigniew Herberts Archiv in die USA ausgelöst hat. Thomas Veser beschreibt Pracht und Verfall in Gondar, der ehemaligen Kaiserstadt von Äthiopien. Jörg Bader hat eine konzeptlose Kunstbiennale in Liverpool besichtigt. Gemeldet werden die kurz bevorstehende Gründung eines schweizerischen Literaturinstituts, der Abgang Barrie Koskys vom Wiener Schauspielhaus und der 200. Geburtstag des "poetischen Bürgerschrecks" Wilhelm Waiblinger.

Besprochen werden ein Geschichtsroman von Irene Nemirovsky und ein Schönberg-Violinkonzert in Zürich.

Auf der Filmseite geht's um Francois Ozons
neues Werk "5×2", This Lüschers Komödie "Ferienfieber", den Debütfilm des Chilenen Andres Waissbluth "Los debutantes" sowie das Horror-Prequel "Exorcist. The Beginning".

Auf der Medienseite fühlt sich Volker S. Stahr vom neuen Tabloid-Wahn ein wenig an den Internetboom Ende der neunziger Jahre erinnert. In Großbritannien sind der Independent und die Times sogar ganz auf Tabloid- Größe umgestiegen, mit verheerenden Folgen, wie Stahr findet: "In der geschrumpften Version ist die einbändige Times nun so dick wie ein Lexikon; das Blättern kann im Muskelkrampf enden."

FR, 19.11.2004

Nikolaus Merck schreibt gut gelaunt über Christoph Schlingensiefs "Hervorschleuderung" "Kunst & Gemüse, A. Hipler" an der Volksbühne: "Rache ist süß. Und 'Kunst & Gemüse' das herbstliche Satyrspiel zum Parsifal. Mit Arnold Schönbergs erster Zwölfton-Oper 'Von heute auf morgen' überwindet Schlingensief in der Volksbühne die ganze Wagner-Mischpoke." Schlingensief ist übrigens nur für die Produktion verantwortlich. Regie führt Hosea Dzingirai, der "seine Aufgabe elegant und dezent meistert".

Weitere Artikel: Dieter Rulff macht sich Gedanken über die Zukunft der multikulturellen Gesellschaft nach dem Mord an Theo van Gogh. Auf der Medienseite berichtet Rudolf Walther von einem Gerücht, wonach die Liberation verkauft werden soll: "Der Geschäftsmann Vincent Bollore, der schon einen zehnprozentigen Anteil an Liberation besitzt, will laut der französischen Tageszeitung Le Monde die linksliberale Zeitung aufkaufen. Der Vorgang ist nicht ohne Pikanterie. Schon vor mehr als einem Monat kursierten Gerüchte über Bollores Kaufabsichten. Am 8. Oktober erschien in Liberation ein Artikel, der dem Kaufinteressenten ziemlich schroff entgegentrat: 'Seine Strategie: investieren in notleidende Unternehmen, die Führung auswechseln und weiterverkaufen.'"

Besprochen wird ein Konzert von Branford Marsalis und seinem Quartett in der Alten Oper Frankfurt.
Anzeige

Weitere Medien, 19.11.2004

"Natürlich ist das wieder so ein sympathisch dilettantischer Riesenschwachsinn", meint Manuel Brug in der Welt zum neuen Schlingensief. Schlingensief findet zu neuem Ernst, meint Peter Laudenbach im Tagesspiegel: "Schlingensief betreibt hier keine grelle Freak-Show, er versucht, ob im Zynismus-Zoo des Theaters und der Kunst-Avantgarden eine völlig unironische Geste der menschlichen Anteilnahme möglich ist." Und "Die Aufführung foltert nur 90 Minuten", konstatiert eine erleichterte Angela Jansen in der Berliner Zeitung.
Stichwörter: Zynismus

TAZ, 19.11.2004

Juri Andruchowytsch hat den "Offenen Brief von zwölf apolitischen Literaten über die Wahl und die Wahlen" unterschrieben und unterstützt den Kandidaten der demokratischen Opposition, Wiktor Juschtschenko. Im Interview erklärt er auf der Meinungsseite, warum: "Die Ukraine ist seit dreizehn Jahren unabhängig - nun stehen wir nun vor einer existenziellen Wahl, die alle meine Gedanken beschäftigt. Denn ich will in einem freien Land leben, und ich will frei in meinem Schaffen sein. Diese beiden Werte sind in Gefahr. Das sind meine Beweggründe." Existenziell findet Andruchowytsch gerade diese Wahl, weil "es die Wahl zwischen zwei Wertsystemen ist, zwischen zwei gesellschaftlich-politischen Orientierungsmustern. Zum ersten Mal gibt es im postsowjetischen Raum, abgesehen vom Baltikum, die historische Möglichkeit, den Teufelskreis des Autoritarismus und der Clan-Herrschaft zu durchbrechen. Es gibt die Möglichkeit, mit der Wahl eines grundsätzlich anderen, 'nicht sowjetischen' Politikers, Wiktor Juschtschenko, Demokratie, Bürgergesellschaft und Normalität zu erringen."

Die Kultur: Megaüberbaumäßig findet Kathrin Bettina Müller die Schlingensief-Produktion "Kunst und Gemüse" nicht so zwingend. Doch scheint sie für die Sehnsüchte von Produktion und Regie durchaus Sympathie aufzubringen: "Das Zerfasern des Abends zwischen den möglichen Kontexten der Deutung gehört ins Konzept der Lebensnähe, eben der Wunsch, nicht nur Kunst, sondern auch Gemüse zu sein."

Weitere Artikel: Henning Kober hat das neue MoMA besucht. Tobias Rapp stellt zwei Compilations vor: "Stranded In The USA", mit Songs aus verschiedenen Einwanderercommunitys der USA, und und "Dirty Laundry", die in 24 Stücken eine Geschichte der schwarzen Countrymusik erzählt. Daniel Bax bespricht in tazzwei die türkische Sci-Fi-Klamotte "G.O.R.A.": "'G.O.R.A.' bietet Türkenwitze, über die auch Türken lachen können. Manche Deutsche aber vielleicht nicht."

Schließlich Tom.

SZ, 19.11.2004

Ganz überwältigt ist Christine Dössel aus Christoph Schlingensiefs Bayreuth-Abrechnung "Kunst und Gemüse, A. Hipler" gekommen, das ihr zwar ein wenig wie Kraut und Rüben vorkam, aber auch als ganz großartiges Gesamtkunstwerk: "Alles führt immer wieder nach Bayreuth zurück - auf 'zwölf Wegen zur Erstarrung'. Wegweisend hierfür sind die Doubles der Familie Wagner: Wolfgang als Grußonkel, Gudrun als Podiumsreferentin, Katharina als kesses Flittchen, das vergeblich aus der Familie auszubrechen versucht. Sie verzehrt sich nach Jean-Luc Godard, der einen Film über den 11. September dreht, was in einem bilderwuchtigen Worst-Case-Szenario: Die Türme tanzen und gehen in Rauch auf, eine ausgefeilte Video-Technik vermixt Ausschnitte aus King-Kong-Filmen zu einer apokalyptischen Geisterbahn-Collage. Große Oper, die vor allem im Kleinen stimmt. Hier wird Kunst als Schmerztherapie betrieben. Was nicht nur gut tut, sondern auch etwas Anrührendes hat."

Weiteres: Heribert Prantl hält in einem Kommentar zum Fall Daschner und der möglicherweise angedrohten Folter fest: "So genannte Rettungsfolter ist kein Unterfall des so genannten Rettungsschusses." Jens Bisky berichtet von den Plänen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die deren Direktor Klaus-Dieter Lehmann vorgestellt hat. Christine Schlötzer berichtet von ungläubigen, stolzen und misstrauischen Reaktionen auf Chiracs Wort "Wir sind alle Kinder von Byzanz". Ijoma Mangold war bei der Verleihung des Corine-Literaturpreises. "lyn" meldet, dass im Internet derzeit allein die Unterhaltungsbranche wächst. Und Joachim Kaiser preist den Pianisten Wilhelm Kempff an, der die CD-Sammlung des Klavier-Kaisers mit Schumann und Brahms bereichert.

Besprochen werden die Ausstellung "Kunst in adligem Privatbesitz" im Münchner Haus der Kunst, die kongeniale Vertonung von Murnaus Stummfilm "Sunrise" durch die Band Lambchop, Morton Feldmans "Neither" an der Stuttgarter Staatsoper, Joseph Vilsmaiers Stifter-Verfilmung "Bergkristall" und Bücher, darunter Viktor Pelewins "Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin" und Adrian Tomines Comic "Sommerblond" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).