Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.10.2004. Die FAZ gibt heute Geschichtsunterricht in Sachen Opel. Der Schriftsteller Frank Goosen erinnert sich in der FR an den Opel Kadett Coupe. In der SZ beobachtet der Soziologe Ulrich Beck am Fall Opel den "Zerfall einer Herrschaftsordnung". Die NZZ plädiert für höhere Rundfunkgebühren in Deutschland. Für die taz berichtet der Schriftsteller Jochen Schmidt aus Weißrussland.

FR, 20.10.2004

Der Bochumer Frank Goosen erinnert sich an das "das erste Auto, zu dem ich eine echte Beziehung hatte" den Opel Kadett Coupe seines Großvaters: "schneeweiß, Fließheck, innen schwarzes Kunstleder. Mein Großvater fuhr immer nur Bochumer Autos und tankte nur Bochumer Benzin. Etwas anderes als ein Kadett kam ihm nicht unter den Hintern, und in den Tank gehörte Aral. Mein Großvater war fest davon überzeugt, dass dem Motor mit Shell, Esso oder Texaco irreparabler Schaden zugefügt würde. Das lehre doch das Leben ganz allgemein: 'Durcheinander saufen ist immer schlecht!'

Weitere Artikel: Im Interview spricht die Frankfurter Regisseurin Annette Ernst über Optimismus, optimale Hochhaussiedlungen und ihr Kino-Debüt "Kiss and Run". Annette Becker war bei der Jubiläumsfeier des Archivs Frau und Musik. In Times Mager erzählt Elke Buhr die Geschichte eines Künstlerpärchens, das sich von BMW ein Coupe hat schenken lassen, damit zu Kunstausstellungen fuhr und dies als Kunst vermarktete. (Hätte natürlich ein Opel sein müssen. Ein BMW sieht heute wie ein peinlicher Missgriff aus.) Und der Filmemacher Raymond Depardon erläutert im Gespräch den Unterschied zwischen Film und Fotografie.

Besprochen werden ein Auftritt des Trios Ars Vitalis im Neuen Theater Höchst, Peter Hailers Inszenierung von "Maß für Maß" in Darmstadt, deutsch-französische Späße im Internationalen Theater Frankfurt, zwei Grotesken im Frankfurter Kellertheater und Bücher, darunter Dorothea Dieckmanns Roman "Guantanamo" und Essays von Andrzej Stasiuk (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 20.10.2004

Sehr schön liest sich, wie Jochen Schmidt bei seinem Aufenthalt in Weißrussland versucht hat, den blinden Blick des Touristen abzulegen und ein Gefühl für die dortige Freiheit oder Unfreiheit zu bekommen. "Ein Witz: Ein Russe, ein Ukrainer und ein Weißrusse sollen gehängt werden. Der Ukrainer versteckt sich, der Russe wehrt sich, und der Weißrusse fragt: 'Sollen wir den Strick selber mitbringen?' Die Weißrussen werden nicht müde, sich so zu beschreiben: sanfte Menschen, die gelernt hätten, sich zu ducken, wenn wieder ein fremdes Heer durchs Land zog. In Brest wird nicht nur der Zug auf eine andere Spurbreite umgerüstet, sondern auch die Wahrnehmung. Ist Weißrussland eine Diktatur? Mit welchem Maß misst man Freiheit? Zählt die freie Wahl des Präsidenten dazu oder die freie Wahl des Urlaubsorts? Muss ich mir meine Aufzeichnungen in die Fußnägel kratzen, um sie am Geheimdienst vorbeizuschmuggeln?"

Weitere Artikel: "Ami, come home!" Mia Raben hat sich kurz vor der US-Präsidentschaftswahl unter die zunehmend nervösen Berliner Exil-Amerikaner gemischt. Sebastian Moll schildert die Komplexität des amerikanischen Wahlverfahrens und die mechanischen Wahlmaschinen, die noch die Physis der Demokratie vermitteln. Wie Gerhard Dilger berichtet, muss der neue Roman von Gabriel Garcia Marquez, "Memoria de mis putas tristes" ("Erinnerung an meine traurigen Huren"), eine Woche früher als geplant erscheinen, da in Bogota schon erste Raubkopien zirkulieren. Im Schlagloch bedauert Matthias Greffrath, dass Deutschland, indem es die allgemeine Bereitschaft zu einer solidarischen Arbeitsteilung verstreichen ließ, eine mögliche Kulturrevolution verpasst hat. Clemens Niedenthal erklärt, dass die Opel-Krise die Identität des gesamten Ruhrgebiets bedroht. Auf der Meinungsseite erklärt der Politologe Lothar Probst, dass es trotz dem unsäglichen Fauxpas der CDU eine offene Diskussion über EU-Beitritt der Türkei geben muss. Und auf der Medienseite porträtiert Gaby Hartel den "Fürst der Features" Leo Braun als einen, der "mit den Ohren gafft".

Und schließlich Tom.

NZZ, 20.10.2004

Peter Hagmann berichtet von den Donaueschinger Musiktagen - und hat dort durchaus Aufregendes gehört, vor allem Benedict Masons Stück mit dem schönen Titel "felt/ebb/thus/brink/here/array/telling". Allerdings mündet der Artikel in eine Klage über die Auswirkungen, die die zu niedrige Rundfunkgebührenerhöhung in Deutschland auf die Musiktage haben könnte: "Für den Konsumenten von Radio- und Fernsehsendungen geht es um eine Preisdifferenz von gut zwei Euro im Jahr, für die von den Sendern betriebenen Strukturen und das Kulturleben insgesamt wären die Auswirkungen aber fatal. Niemand außer einer öffentlich finanzierten Institution kann (und will) sich eine so aufwendige Spielwiese leisten, auf der dann so wegweisende Dinge wie das Stück von Benedict Mason möglich sind."

Weitere Artikel: Sieglinde Geisel glossiert die Vorliebe für sprachliche Amerikanismen in Katastrophensituationen: "Es fällt heute zunehmend schwer, sich in einer Notlage die emotionalen Bedürfnisse einzugestehen, und hier könnte der tiefere Grund für die amerikanisierte Notfallhilfe liegen."

Besprochen werden zwei neue Bühnenwerke von Jerome Bel in Paris, eine Ausstellung über nie ausgeführte Architekturprojekte in Madrid, neue CD-Einspielungen und Hörbücher. Aldo Keel blickt in die neue Ausgabe der Zeitschrift "Neue Rundschau", die sich der Literatur Skandinaviens widmet.

Rezensiert werden ein Buch über Stephan Szechenyi, Loudovic Roubaudies Zirkusroman "Der Hund von Balard" und Christian Hallers Roman "Das schwarze Eisen". (Mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr.)
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FAZ, 20.10.2004

Heute gibt es Geschichtsunterricht in Sachen Adam Opel AG. Der Historiker Heinz-Dieter Kittsteiner hat Reportagen aus den dreißiger Jahren ausgegraben: "Ach, Heinrich Hauser. 1940 ist unter seinem Namen ein gediegenes Buch mit achtzig Farbfotos erschienen: 'Im Kraftfeld von Rüsselsheim'. Es ist geschrieben in einschlägiger Mischung von Neuer Sachlichkeit und deutschem Pathos und durchstreift Opels Zentrale mitsamt den Zulieferern. Hauser kartiert als raunend-rasender Reporter den Kraftraum der Autoindustrie." (Hier gibt es übrigens noch antiquarische Exemplare.) Außerdem ein Porträt des Firmengründers Adam Opel, der es allerdings noch mehr mit der Nähmaschine als mit dem Kraftfahrzeug hatte.

Weitere Artikel: Von Jagdszenen in Wien berichtet Gerhard R. Koch: Dort musste eine Komplettversion von Verdis "Don Carlos" vor einem vor Wut rasenden Publikum beinahe abgebrochen werden. Gerhard R. Koch kennt wiederum mit dem Publikum keine Gnade: "Weite Teile des Publikums erregten sich geradezu fanatisch über die 'Schändung' eines Werkes, das sie gar nicht kannten, kennen konnten, ja, das es als abgeschlossenes Artefakt nur bedingt gibt." Patrick Bahners hat in Berlin den Bush-Berater Richard Perle und den Kerry-Freund und Direktor des Berliner Jüdischen Museums Michael Blumenthal diskutieren hören: Perle, hofft er, glaubt selber nicht, was er da sagte.

Außerdem: Glossiert wird das Karlsruher Urteil zur Bindekraft von europäischen Gerichtsentscheidungen: "Ja sagen, nein meinen". Oliver Tolmein kommentiert "Tendenzen der Rechtsprechung zur Sterbehilfe". Von den Plänen, das Erbgut Verstorbener in Bäume einzupflanzen und dadurch "transgene Grabsteine" zu produzieren, berichtet Cornelia Thomas. Zum 140. Geburtstag gratuliert Friedrich L. Sell der evangelischen Gemeindekirche in Madrid. Der Medienteil informiert über die rasante Ausbreitung von "Metro", der "größten Gratiszeitungskette der Welt". Gemeldet werden Unregelmäßigkeiten am Kunsthistorischen Museum in Wien.

Besprochen werden , eine Münchner Ausstellung, die das Architektenduo Diener & Diener vorstellt und Francois Ozons neuer Film "5 x 2". Berichte kommen von den Leipziger Jazztagen, einem Kozert der Rapper "Last Poets" in München und einer Bielefelder Tagung zur RAF. Außerdem wird eine Ausstellung der Karikaturisten Edward Sorel und Erich Sokol in Hannover vorgestellt. Mit beträchtlicher Bösartigkeit kanzelt der Stanford-Professor Hans-Ulrich Gumbrecht das Buch des Ex-FAZ-Literaturchefs Thomas Steinfeld über die Philologie ab. Außerdem wird eine Untersuchung über Märtyrer in der Frühen Neuzeit rezensiert (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 20.10.2004

Susan Vahabzadeh verfällt der bitteren Idee, die Francois Ozon in seinem neuen Film "5 x 2" verfolgt, nämlich eine Liebesgeschichte rückwärts zu erzählen, von der Scheidung zum "Happy Beginning" des Verliebens. Doch vielleicht ist das gar nicht so bitter, überlegt Vahabzadeh: "Ozon hat vollkommen Recht, er hat die ideale Geschichte gefunden, um sie rückwärts zu erzählen. Ƌ x 2' führt zurück in die Hoffnung, mit der man in jede neue Liebesgeschichte hineinläuft, sogar in jene, von denen man weiß, dass sie nicht halten werden. Man will an den Anfang zurück, obwohl das schreckliche Ende doch vorweggenommen ist."

"Im 'Streik' der Opel-Arbeiter wird auf den Bühnen des Lebens (und der Tagesschau) die Real-Tragödie - Zerfall einer Herrschaftsordnung - aufgeführt", beobachtet der Soziologe Ulrich Beck (mehr). Druckmittel sei hier nicht mehr, wie in der Macht- und Herrschaftstheorie Max Webers, der drohende Einmarsch, sondern "der drohende Nicht-Einmarsch" beziehungsweise Ausmarsch der Investoren. Ein machtgeschichtlichen Paradigmenwechsel, für den Beck ein anschauliches Beispiel gefunden hat: "Die objektive Ironie, in der sich Verzweiflung, Wut und unfreiwillige Komik mischen, bringt eine Karikatur auf den Punkt: Zornrote, hilflose Arbeitergesichter halten trotzig ihre Parolen in den Himmel - 'Produktionsstop jetzt!', 'Hier geht nichts mehr!' ein beschlipster Manager liest eine Erklärung vor: 'General Motors möchte sich herzlich bei Ihnen bedanken. Sie haben die gesamte Produktion lahmgelegt. Ohne ihre Hilfe hätten wir das nie so schnell geschafft. Ihr Streik ist ein Geschenk für uns - er gibt uns das verlorene Vertrauen der Aktionäre zurück; die Bilder Ihrer Wut und Verzweiflung, weltweit ausgestrahlt, lassen uns hoffen, dass es mit General Motors bald wieder aufwärts geht.' "

Weitere Artikel: Till Briegleb ärgert sich über den kostspieligen Abriss des Palasts der Republik: Statt "praktischer Utopien", für die auch ohne den Abriss viel Platz - und mehr Geld - dagewesen wäre, soll dort eine grüne Wiese entstehen, auf der "nur die Hunde kacken" werden. Was haben das Bochumer Opelwerk, der VfL und das Schauspielhaus gemeinsam? Für Christopher Schmidt sind alle drei "strukturelle Relikte des ausgehenden Industriezeitalters". Gustav Seibt war zugegen, als Michael Blumenthal - Direktor des Jüdischen Museums und Schatzminister unter Jimmy Carter - und der neokonservative Thinktank Richard Perle auf die Einladung der Berliner American Academy hin "mit galanter Härte" die Klingen kreuzten. Gottfried Knapp berichtet von einem kleinen Skandal in Weimar: Paul Maenz beabsichtigt, seine Sammlung zeitgenössischer Kunst aus dem Neuen Museum abziehen, da ihm die Weimarer Mausoleumsatmosphäre missfällt. Stefan Koldehoff schildert einigermaßen verblüfft die jüngste Sotheby's-Sonderauktion, bei der das Inventar von Damien Hirsts Kult-Restaurant "Pharmacy" zu Höchstpreisen (insgesamt 11 Millionen Pfund) versteigert wurde. Gemeldet wird, dass Jonathan Kandells unfreundlicher Derrida-Nachruf in der New York Times wegen angeblicher Xenophobie auf breite Ablehnung gestoßen ist. Im Gegenzug hat die California University in Irvine eine "memory page" für den französischen Philosophen eingerichtet (mehr in unserem Link des Tages von gestern).

Auf der Musikseite liefert der New Yorker Gitarrist David Grubbs ein Panorama der Anti-Bush-Mobilisierung unter amerikanischen Popmusikern. Dabei zitiert er auch die Stimmen derer, denen diese Anti-Bush-Einmütigkeit eindeutig zuviel ist, wie etwa Alice Cooper: "Wenn ich lese, wer da alles Kerry unterstützt und selbst noch kein Bush-Anhänger wäre, dann würde ich schlagartig einer werden. Linda Ronstadt? Don Henley? Ich bitte Sie!" Außerdem sind vier politische Kurzinterviews mit Country-Rocker Steve Earl, HipHopper Russell Simmons, der Band Camper Van Beethoven und der Post-Artrock-Band Shrimp Boat zu lesen.

Auf der Medienseite analysiert Sönke Wiese die fluktuierenden Medienbilder der Angela Merkel. Und im Gespräch mit Senta Krasser und Hans-Jürgen Jakobs plaudert der Großproduzent Wolf Bauer über Wertevermittlung in der Unterhaltungssparte und prophezeit das baldige Ende des Reality-TV.

Besprochen werden Klaus Menzels Film "Fascination" und Bücher - Pierre Hadots bisher nur auf Französisch erschienene Geschichte des abendländischen Verhältnisses von Mensch und Natur, "Le voile d'Isis", Jonathan Lethems Roman "Die Festung der Einsamkeit", Gered Mankowitz' Porträts von Jimi Hendrix, und Walter Kempowskis Poesie-Album "Das 1. Album" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).