Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2004. Heute ist Gabriele-Goettle-Tag in der taz. Die begnadete Reporterin besucht für ihr monatliches Expertenporträt Regina Geis, die Leiterin der Berliner Außenstelle Nord II der Opferschutzorganisation Weißer Ring. In der Welt spricht der Filmregisseur Errol Morris über seinen Film "Fog of War". Die NZZ besucht den irischen Romancier John Banville zum Werkstattgespräch. Die SZ bringt eine Seite über den Einfluss des Bertelsmann-Konzerns.

TAZ, 27.09.2004

Gabriele Goettle besucht für ihr monatliches Expertenporträt Regina Geis, die Leiterin der Berliner Außenstelle Nord II der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Der Weiße Ring bereitet seine Klienten auch auf die Zeugenaussage vor. "'Das Opfer muss einfach vorher schon wissen, wie geht es vonstatten, und dafür', Frau Geis holt aus einem Beutel mehrere säulenförmige Holzklötzchen mit Punkt-Komma-Strich-Gesicht hervor und legt sie auf den Tisch. 'Hier haben wir den Richter', sie stellt die Klötzchen auf, 'allermeistens sind auch Schöffen dabei, meistens zwei. Das hier ist der Staatsanwalt, der sitzt seitlich - und da habe ich immer ein bisschen ein Erklärungsproblem mit dem Staatsanwalt, denn ich kann nicht sagen, der sitzt immer rechts oder der sitzt immer links - komischerweise liegt sein Platz immer an der Fensterseite.'"

Und Tom.
Stichwörter: Gabriele Goettle

FR, 27.09.2004

Bis auf die Seite 1 hat es Christian Wulffs Drohung geschafft, aus der Kultusministerkonferenz auzusteigen. V. Gaserow und Richard Meng sammeln die allseits reservierten Reaktionen. Meng stellt die Kultusministerkonferenz als "Gralshüter des Status quo" vor und echauffiert sich über die "Methode Draufhauen" die nicht nur in konservativen Kreisen populär geworden ist. "Am Ende kommt es auf Inhalte von Bildung an. Von denen lenken Gelegenheitszuschläger wie Wulff nur ab."

Im Feuilleton verabschiedet Martina Meister die französische Schriftstellerin Francoise Sagan. Hilal Sezgin fragt sich in Times mager, ob die schöne Stilblüte "Mittelmehr" erstes Anzeichen einer behutsameren Epoche ist. Meldungen besagen, dass die Anna-Amalia-Bibliothek eine Spendenwelle erfährt und dass die iranisch-irakische Koproduktion "Schildkröten können fliegen" auf dem 52. Internationalen Filmfestival in San Sebastian die Goldene Muschel abgeräumt hat. Auf der Medienseite berichtet Andrea Neitzel von den Plänen der Schweizer rechtsnationalen Partei SVP, eine eigene Boulevardzeitung zu lancieren. Der altgediente Blick ist ihnen zu links.

Besprochen werden John Dews Einstandspremiere am Staatstheater Darmstadt mit Monteverdis "L'Orfeo" (Hans-Klaus Jungheinrich freut sich über den "frischen Wind in Darmstadt"), Armin Petras' Frankfurter Version von "mach die augen zu und fliege" am Schauspiel in der Schmidtstraße ("Theater dem man beim Denken zuschauen kann", lobt Florian Malzacher), und politische Bücher, so David Roses Sammlung von Reportagen über das Lager von Guantanamo, das "Glossar der Gegenwart", ein Lexikon, in dem aktuelle Schlüsselbegriffe wie "Zivilgesellschaft" analysiert werden, sowie Stefan Trobisch-Lütges Erfahrungsbericht über politisch Traumatisierte des SED-Regimes (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).


Welt, 27.09.2004

In der Welt spricht der Filmregisseur Errol Morris über seinen Film "Fog of War" - ein Interviewfilm mit dem damaligen Verteidigungsminister Robert McNamara über den Vietnamkrieg - und zieht Parallelen zu heute: "Es ist wie 1933, bloß in den USA. Und dann frage ich mich, ob ich einfach ein hysterischer Intellektueller bin. Sicher, der Irak ist nicht Vietnam. Aber unsere Fähigkeit, uns selbst etwas vorzumachen, ist in beiden Fällen ähnlich. In Vietnam meinten wir ja auch, für das zu kämpfen, was richtig ist."
Anzeige

NZZ, 27.09.2004

Thomas David besucht den irischen Romancier John Banville, dessen letzter Roman "Caliban" auch hierzulande gefeiert wurde, in Dublin zum Werkstattgespräch. Er erklärt, warum er nur in Irland schreiben kann: "'Mir wurde klar, dass die für mich einzige Möglichkeit, im Exil zu leben, darin bestand, hier zu bleiben.' John Banville blickt auf das Manuskript, das vor ihm liegt; Erinnerungsfragmente aus der Kindheit. 'Ich brauche das irische Klima, die Farben des Tages', sagt er. 'Das Licht ist für mich von großer Bedeutung.' Die Melodie des Hiberno-Englischen, der Einfluss des Gälischen, die Vieldeutigkeiten und der Anspielungsreichtum des Dialekts machen für den Schriftsteller das irische Englisch zu einem völlig anderen Medium als das Standardenglisch."

Weitere Artikel: Jürgen Ritte schreibt den Nachruf auf Francoise Sagan. Manfred Koch resümiert ein Nietzsche-Kolloquium in Sils-Maria. Rudolf Hermann beschreibt das Interieur (Bilder) für das Opernhaus in Sydney, das dessen Architekt Jorn Utzon vierzig Jahre nach Fertigstellung der Oper nun realisieren durfte. Joachim Güntner stellt die Bild-Bibliothek aus recyclten Bestsellern vor, mit der der Springer-Verlag Geld zu machen hofft. Und ferner wird die Rede abgedruckt, mit der der Schriftsteller Peter Weber sein Amt als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim antrat. Besprochen werden das Stück "Hinter den sieben Gleisen" nach Kurt Früh im Schauspielhaus Zürich und Brechts Stück "Leben Eduards des Zweiten" im Luzerner Theater.

SZ, 27.09.2004

Kristina Maidt-Zinke eröffnet ihren Nachruf auf die verstorbene französische Autorin Francois Sagan mit einem recht bissigen Vergleich. "In Frankreich sieht man sie noch häufig, die hochnervösen, wie vom Friedhofsgärtner getrimmten Zwergpudel, die bei uns zuletzt in den fünfziger Jahren en vogue waren. Ein gestandener Hundefreund kann diese Rasse nicht recht ernst nehmen, so wie ein Literaturkenner es nicht über sich bringen würde, das Oeuvre der Francoise Sagan zum weltliterarischen Kanon zu rechnen. Die Franzosen aber haben beiden, der Dame wie dem Hündchen, unverbrüchlich und galant die Treue gehalten." Johannes Willms studiert außerdem die Nachrufe in der französischen Presse und beobachtet, wie Sagan unweigerlich von der verhassten Bourgeoisie wieder aufgenommen wird.

Eine ganze Seite ist Frank Bückelmanns und Hersch Fischlers Enthüllungsbuch über Bertelsmann gewidmet. Die SZ druckt einen Textauszug, in dem es vor allem unm den zunehmenden Einfluss der Stiftung geht. "Die Bertelsmann Stiftung scheut sich nicht, den Mächtigen die Hand entgegenzustrecken. Die Politik wiederum hat keine Berührungsängste gegenüber der Stiftung und findet sich - wie in Berlin - schnell auch in den Geschäftsräumen der Aktiengesellschaft wieder." Im Gespräch mit Thomas Thiel und Ulrich Raulff bezweifelt Frank Böckelmann, dass sich Geschäftsprinzipien und Werte des Gütersloher Medienriesen halten werden. "Es spricht viel dafür, dass gerade die ethische Selbstüberhöhung von Bertelsmann den Konzern heute in große Schwierigkeiten bringt."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld fragt sich, was der angekündigte Austritt Niedersachens aus der Kultusministerkonferenz bringen soll und bringen wird: "Nicht eine Regionalisierung, sondern eine Partikularisierung des Bildungswesens wäre die Folge, ein sich vermutlich schnell vollziehender Übergang zu nordamerikanischen Verhältnissen." C. D. berichtet, wie Thomas Ostermeier und Sasha Waltz an der Schaubühne Berlin in Zukunft getrennte Wege gehen, aber doch zusammenbleiben. Thomas O. Höllmann gratuliert dem Sinologen Herbert Franke zum Neunzigsten.

Auf der Medienseite erzählt Eva Marz die epische Entstehungsgeschichte von Edgar Reitz' "Heimat"-Zyklus (mehr) und preist auch gleich den dritten Teil. "Beim Wiederaufbau eines alten Fachwerkhauses treffen Sachsen und Schabbacher aufeinander. Ohne Kitsch und Sentimentalität gelingt dem Filmemacher ein großes Bild: Osten und Westen bauen gemeinsam ein verfallenes Haus wieder auf. Und ohne jede Anbiederung zeigt sich, die verstehen sich, die sind aus einem Holz." Stefan Fischer empfiehlt ein Radioporträt der Schriftstellerin Gertrude Stein am Mittwoch, 21.30 Uhr im br. Henning Klüver berichtet von der Diskussion, die die Veröffentlichung von Folter- und Mordbildern durch die Mailänder Tageszeitung Il Foglio ausgelöst hat.

Besprochen werden die Uraufführung von Luca Moscas Berlusconi-Parodie "Mr. Me" in Venedig, Florian Fiedlers Inszenierung von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Münchner Volkstheater (ein "Wiesn-Unfall", höhnt Christopher Schmidt), Daniel Lind-Lagerlöfs schwedische Filmkomödie "Miffo" und Bücher, darunter Wolfgang Königs Untersuchung der NS-Konsumpolitik "Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft", Silke Scheuermanns Gedichtband "Der zärtlichste Punkt im All" sowie Jens-Uwe Krauses "Kriminalgeschichte der Antike" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 27.09.2004

Dirk Schümer schildert das trübe Deutschlandbild der Italiener, das angeblich durch die Rechtschreibreform noch weiter getrübt wurde und das durch eine deutsche Kulturwoche auch nicht aufzuhellen ist. Joseph Hanimann schreibt zum Tod von Francoise Sagan. Paul Ingendaay kommentiert die Preise des Filmfestivals von San Sebastian. Jürgen Kaube rät von Versuchen ab, mit Formulierungen wie "Kein Dingsbums. Nirgends" oder "Soviel Dingsbums war nie'" geistreich erscheinen zu wollen. Jürgen Kaube kommentiert auch den Rückzug Niedersachsens aus der Kultusministerkonferenz, deren Folgen fürs deutsche Bildungswesen er aber nicht als dramatisch einschätzt. Christiane Tewinkel hat dem Weimarer Kongress "Musik und kulturelle Identität" zugehört.

Auf der Medienseite erzählt Reiner Burger, wie der PDS-Politiker Peter Porsch die Berichterstattung über seine angebliche IM-Tätigkeit mit juristischen Schritten unterbinden wollte und dabei vor einem Hamburger Gericht Teilerfolge verbuchen konnte. Und Werner Kurzlechner nennt die Werbespots, die in diesem Jahr von den Verbänden mit Preisen ausgezeichnet wurden

Auf der letzten Seite berichtet Andreas Rosenfelder von einer internatonalen Schülerveranstaltung unter dem Titel "Mondialogo", welche die Verständigung der Kulturen befördern sollte. Andreas Rossmann freut sich, dass Tennessee Williams' "Katze auf dem heißen Blechdach" nach Jahren der Abwesenheit wieder Einzug in deutsche Bühnen hält. Und Kerstin Holm durfte den Bariton Thomas Bauer und den Pianisten Siegfried Mauser auf Tournee durch vier sibirische Städte begleiten , wo sie passender Weise die "Winterreise" gaben.

Besprochen werden eine Dramatisierung der "Geierwally" in Wiesbaden, das Spektakel "Civil Wars" von Robert Wilson und Philip Glass in Freiburg, eine Ausstellung mit Landschaftsbildern aus der DDR in Potsdam, David Hares Politdrama "Stuff happens", das sich gegen den Irak-Krieg wendet, in London und Sachbücher.