Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2004. Die FAZ bringt das Kunststück fertig, gleichzeitig den Hermann L. Gremliza des 21. Jahrhunderts zu vermissen und die Ethik des Kapitalismus zu verteidigen. In der taz erklärt der Philosoph Klaus-Michael Kodalle, warum Verzeihen so schwierig ist. FR und SZ kritisieren die Entlassung Frank Castorfs als Leiter der Ruhrfestspiele. Der NZZ missfällt neue britische Kunst.

FAZ, 30.06.2004

Dietmar Dath, gemütlich in seinen FAZ-Sessel zurückgelehnt, vermisst den Hermann L. Gremliza des 21. Jahrhunderts: "Es gibt praktisch keine einer breiteren Öffentlichkeit sichtbare und verständliche Polemik radikaler Linker zu den sozialen Umwälzungen der Stunde. Oder wenigstens zu ihrem ideologischem Abhub, etwa der Sorge um den 'Reformstau', die jedesmal aufbrandet, wenn eine Boulevardzeitung unter irgendeinem Stein mal wieder einen Sozialhilfeempfänger gefunden hat, der aus seinem Los das Beste macht und abgreift, was noch zu ergattern ist, wie ihm das die global players der New und Old Economies seit Beginn der Krise vormachen."

Richard Herzinger dagegen, die FAZ ist ja heute sowas von ausgewogen, verteidigt den Kapitalismus, der in Deutschland als unanständig gilt, weil er unethisch sei. Quatsch, meint er, und verweist auf Europa: "Wie oft hat man hierzulande die Phrase gehört, Europa dürfe nicht nur ein Europa des Geldes und des wirtschaftlichen Wohlstandsstrebens, sondern müsse ein Europa höherer, wertvollerer Werte sein. Dabei wird hochnäsig geringgeschätzt, welch einzigartige Zivilisationsleistung das Streben nach gemeinsamer wirtschaftlicher Prosperität in Europa vollbracht hat. Der gemeinsame Markt hat auf unblutige Weise erreicht, wovon paneuropäische Idealisten jahrhundertelang nur träumen konnten: die seit Menschengedenken von nicht enden wollenden Kriegsgemetzeln geplagten Europäer von den Vorteilen der friedlichen Kooperation zu überzeugen. Welchen höheren Kulturwert kann es geben?"

Im Interview verteidigt Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, sein Engagement für die Sammlung Flick: "... ich bin überzeugt, dass die Situation in Berlin eine andere ist als in Zürich. Friedrich Christian Flick hat, aus besserer Einsicht, auf die Pathosformel des Privatmuseums - 'mein Museum' - verzichtet und sich hier in Berlin auf die Zusammenarbeit mit einer großen Institution, der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, eingelassen. Die Nationalgalerie stellt den Kurator der Ausstellung, wir können Flicks Sammlung mit Werken aus unseren eigenen Beständen ergänzen und konfrontieren und werden das auch tun."

Weitere Artikel: Aro. kommentiert die Kündigung Frank Castorfs als künstlerischer Leiter der Ruhrfestspiele: "Kulturpolitischer Totalschaden". Zhou Derong berichtet über Versuche der chinesischen Regierung, das Internet mittels einer Denunziationsbehörde zu kontrollieren. Gabriel Abraham, Architekt und Stadtplaner an der Harvard Universität, schildert die Probleme der irakischen Stadt Nadschaf: Die schiitischen Heiligtümer der Stadt (mehr hier), an deren Restaurierung er beteiligt war, sind zur Zeit von Anschlägen bedroht und dem Pilgerstrom nicht mehr gewachsen. Ingeborg Harms berichtet von einem Kolloquium im Kleist-Haus in Frankfurt/Oder über das romantische Sterben. Kho. meldet die Verleihung des Goldenen Sankt Georg (Bild) beim Moskauer Filmfest an den russischen Wettbewerbsbeitrag "Eigene Leute - Swoi" von Dmitri Meschiew. Wiebke Hüster schreibt zum dreißigsten Geburtstag von John Neumeiers Hamburg-Ballett. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod des Schauspielers Edwin Noel.

Auf der Medienseite stellt Souad Mkhennet zwei arabische Internetadressen vor, die Anleitungen für den ganz persönlichen Heiligen Krieg verbreiten: "Sawt al Jihad (Stimme des Jihad) und Mu'askar al Battar (Battar-Armee). Sie erscheinen beide alle zwei Wochen, im Internet. Von Kampfstrategien und Vorbereitungen zu Attentaten ist dort zu lesen. Wer sich durch die Ausgaben klickt, bekommt die Anleitung zum Terror frei Haus, ihm wird erklärt, wie man sich auf den 'Jihad' vorbereiten und wen man wie angreifen soll." Leicht zu finden sind sie allerdings nicht, weil sie ihre Internetadressen ständig wechseln. Birgit Svensson meldet den Start des ersten privaten Fernsehkanals im Irak, Naharen. Finanziert wird er von der ägyptischen Firma Orascom. Laut einer Umfrage wollen die Iraker vor allem eines sehen: "Filme, Filme, Filme!"

Auf der letzten Seite porträtiert Andreas Rossmann die Aachener Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen, die im Herbst ihren Posten als Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder (KSL) antritt. Jordan Mejias kommentiert ein Urteil des Supreme Court, wonach Gefangene in Guantanamo Anspruch auf einen Rechtsbeistand haben. Und Martin Schöb verspricht Zivildienstleistenden, die bei der Schutzstation Wattenmeer anheuern, "reizvolle Aufgaben bei harter Arbeit".

Besprochen werden die Ausstellung Charlotte Salomon im Frankfurter Städel, ein Bach-Konzert mit Daniel Barenboim am Klavier in Recklinghausen und Samira Makmalbafs Film "Fünf Uhr am Nachmittag".

TAZ, 30.06.2004

Daniel Schulz unterhält sich auf der Meinungsseite mit dem Philosophen Klaus-Michael Kodalle (mehr hier) über die Schwierigkeit des Verzeihens. Hintergrund ist die Entscheidung der jüdischen Gemeinde Berlins, für die Auszeichnung Hilde Schramms mit dem Mendelsohn-Preis keine Synagoge zur Verfügung zustellen, weil sie die Tochter Albert Speers ist. Kodalle kritisiert die Entscheidung: "Hier kommt offensichtlich ein häufig zu beobachtendes Phänomen ins Spiel: Menschen, die unter der Barbarei unsäglich gelitten haben, waren nicht selten eher bereit, auf die ehemaligen Feinde zuzugehen, als deren Nachkommen, die oft viel unnachsichtiger sind als die eigentlichen Opfer... weil die Nachkommen die Leidensgeschichte der Vorfahren zu einem Wesenselement ihrer kollektiven Identität machen! Das hat zur Konsequenz, dass auch die Schuld der Täter verewigt wird. Wer als Jude zum Beispiel an Gott nicht mehr glaubt, dem wird womöglich der Holocaust zur Identitätsbestimmung. Ein Klima der Aussöhnung ist dann natürlich kaum möglich, denn es wäre ja geradezu identitätsgefährdend."

Auf den Kulturseiten meditiert Frieder Reininghaus über einige neue Opern von Komponisten wie Adriana Hölszky und Helmut Oehring und stellt fest, dass der Text, trotz literarischer Bezüge der Opern immer mehr in den Hintergrund gerät: "Obwohl die literarische Recherche bei der Generierung des Stoffes oft sehr gewissenhaft und ambitioniert erscheint, wurden die Worte selbst zum musikalisch gestalteten 'Material'."

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser bespricht die Fotoausstellung "Change of Life" mit Arbeiten des Regisseurs John Waters in Winterthur. Katrin Bettina Müller kommentiert die Entlassung Frank Castorfs bei den Recklinghauser Festspielen. Auf der Tagesthemenseite stellt Jan Brandt das amerikanische Veterans History Project vor, in dem Kriegsveteranen in Interviews ihre Erinnerungen festhalten.

Schließlich Tom.

NZZ, 30.06.2004

Recht vernichtend fällt Georges Wasers Besuch in der neuesten Ausstellung mit Erwerbungen des Sammlers Charles Saatchis unter dem Titel "New Blood" aus. Die Kunst sei "großenteils gewollt sinnlos oder gar anwidernd", schreibt Waser und fährt fort: "Von Francis Upritchards mumienhaft eingehüllter und stöhnend am Boden liegender Figur zu Matt Calderwoods von der Decke hängendem, aus einer Meile Toilettenpapier angefertigtem Seil, von Brian Griffiths' aus alten Möbelstücken hergestelltem Caravan eines fahrenden Theaters und Conrad Shawcross' einem riesigen Webstuhl ähnlicher Installation 'The Nervous System' bis hin zu Liz Neals Kostüm für Königin Elisabeth I., für das diese junge Engländerin zerfetzte, von ihr mit riskanten Sujets bemalte Leinwandstücke verwendete: Dieser Steckbrief in Stichworten ist eine Alternative zum noch knapperen Kommentar, mit dem die englische Tageszeitung The Guardian die Ausstellung zusammenfasste. 'One damn thing after another'". In einem zugehörigen Kasten berichtet Waser, dass die Ursache für den Brand in einem Lager der Firma Londoner Kunstaufbewahrungsfirma Momart, bei dem Saatchi hundert Werke aus seiner Sammlung verlor, nach wie vor nicht geklärt ist.

Weitere Artikel: Hubertus Adam stellt in einem ausführlichen Artikel einen Neubau von Gigon Guyer für den Espace de l'Art concret in Mouans-Sartoux vor. Joachim Güntner entwirrt den neuesten Wirbel um Gerhard Besier, das Hannah-Arendt-Institut in Dresden und Scientology.

Außerdem präsentiert die NZZ einige größere Buchbesprechungen. Georg Kreis liest Harold James' "Geschichte Europas im 20. Jahrhundert". Hans-Peter Schmidt preist das Alterswerk des französischen Philosophen Pierre Hadot "Le voile d'Isis" (der Schleier der Isis), das bisher nur auf französisch erschienen ist.
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FR, 30.06.2004

Peter Michalzik kommentiert die Entlassung Frank Castorfs als Leiter der Ruhrfestspiele und will das Argument, dass sich die Auslastung des Festivals unter Castorfs Leitung halbiert hat, nicht akzeptieren: "Der DGB, die Stadt Recklinghausen und das Land verlieren damit einen Festspielleiter, über dessen überragende künstlerische Bedeutung sie sich wahrscheinlich nicht mal im Ansatz klar geworden sind. So tut der DGB alles, um seinem Image als Innovationsbremser gerecht zu werden. Wer weiß, vielleicht wird das Festspielhaus so auch noch zum Symbol des Niedergangs des DGB. Am meisten verloren von allen aber hat das Publikum, für das wieder eine Möglichkeit vertan wurde." (Vielleicht hätte es doch hingehen sollen!) Auf Seite 3 schreibt Michalzik einen weiteren Kommentar zum Thema.

Weitere Artikel: Hilal Sezgin stellt die erste Krimiheldin Botswanas vor - sie heißt Mma Ramotswe und wurde vom Autor Alexander McCall Smith geschaffen (fünf seiner Romane sind in Deutschland erschienen). Elke Buhr fragt sich in der Kolumne Times mager, warum manche Windelhersteller ihr Metier beherrschen und andere offensichtlich nicht (leider nennt sie allerdings keine Namen).

Besprochen werden der Animationsfilm "Shrek 2" (mehr hier, der endgültige Todesstoß für den konkurrierenden und bereits am Boden liegenden Konkurrenten Disney, meint Daniel Kothenschulte), das Ausstellungsprojekt "Shake - ID Troubles", in der sich verschiedene Künstler mit dem Thema nationaler Identitäten befassen, in Linz und Lüneburg (mehr hier), ein Auftritt Iggy Pops mit den exhumierten Stooges in Berlin.

Welt, 30.06.2004

Der Publizist Jörg Friedrich stellt klar, dass nicht nur die Iraker, sondern auch die Deutschen unter amerikanischer Besatzung Schweres zu erleiden hatten: "Man erklärte die Völkerrechtsregeln der Besatzungsherrschaft für unpassend und hat sich welche hingebogen, die besser zur Lage passten. Das hieß in Restlatein 'debellatio' und auf Englisch, schon anschaulicher, 'concept of subjugation'. Kurzum: Das Heilsgeschehen, innerhalb dessen die Deutschen umgedreht wurden zu friedfertigen, rechtsliebenden Humanisten hat sich kraft einer rabiaten Unterwerfungspraxis durchgesetzt und nach hausgemachten Regeln. Secretary Rumsfeld ist da - verglichen mit Lucius D. Clay, unserem Befreier - ein scheuer Chorknabe."
Stichwörter: Jörg Friedrich, Irak

SZ, 30.06.2004

Andreas Wilink findet Frank Castorfs Entlassung als künstlerischer Leiter der Ruhrfestspiele in Stilgebaren wie Begründung "beinahe beispiellos" - auch wenn sich unter Castorf die Besucherzahlen halbiert haben. "Dabei sollte doch gerade der Gewerkschaft, ihrer Tradition zufolge, bloßes Zahlendenken suspekt sein."

Weiteres: Im Interview feiert David Cole, Rechtswissenschaftler der an der Georgetown University in Washington, die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, den Gefangenen von Guantanamo den Zugang zu US-Gerichten zu erlauben, als "enormen Sieg für die Rechtsstaatlichkeit". Tobias Timm berichtet von einem Treffen in Berlin, auf dem rund hundert Architekten Möglichkeiten einer "kapitalismuskritischen Architektur" ausloteten. "wün" glossiert den - gescheiterten - Versuch, im Marienwallfahrtsort Altötting einen Christopher-Street-Day zu veranstalten.

"Soul-Qualitäten sind heute stärker gefragt denn je", befindet Jonathan Fischer auf der Plattenseite und kann mit den neuesten Angeboten der Musikindustrie ganz gut leben: Zum Beispiel Joss Stone ("Engländerin,16 Jahre alt, niedlich, blond - aber eine Stimme, als hätte sie dreißig Jahre Kette geraucht, als sei sie durch drei Scheidungen und jede nur erdenkliche Ehehölle gegangen") oder Candi Staton ("Praise the Lord! Oder: Wie Armut, Kirche, vier Kinder, drei gescheiterte Ehen, Missbrauch, Stolz und ein manischer Produzent in jeder von Statons Silbe mehr Drama aufblitzen lässt als, sagen wir mal, das Gesamtwerk von Beyonce Knowles jemals beinhalten wird."

Besprochen werden der zweite Shrek-Film (der in Fritz Göttlers Augen etwas "schwerfälliger und melodramatischer", dafür mit mehr Substanz als der erste daherkommt), Surffilme auf dem Münchner Filmfest, Helmut Oehrings Oper "Wozzeck kehrt zurück" in Aachen, eine Ausstellung von Petrarca-Drucken im Kölner Museum für Angewandte Kunst, neue Alben von Wilco, Loretta Lynn, Biolay & Mastroianni und Pony Club und Horst Bredekamps Leibniz-Studie "Die Fenster der Monade" (siehe auch unserer Bücherschau ab 14 Uhr).