Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2003. Die SZ sucht nach der politischen Moral in Polen. Die taz porträtiert den rülpsenden blonden Deutschen als Kulturgut. Die FR begibt sich in die Untiefen der polnisch-ukrainischen Vertreibungsdebatte. Die FAZ speist Blutente aus der Bresse.

SZ, 16.07.2003

Achtzig Prozent der Polen haben Umfragen zufolge wenig oder gar kein Vertrauen in ihre politische Elite, und Thomas Urban weiß auch warum: Besonders die von Korruptionsskandalen geschüttelten postkommunistische Regierung der SLD (mehr hier hier und hier) ist in einem moralisch katastrophalen Zustand, wobei sie sich dennoch als großer "Sieger der Geschichte" geriert. "Die Parteiführung vollzog (nach ihrem Wahlsieg 1993) ihren großen Westschwenk, aber an der politischen Mentalität der mittleren und unteren Funktionärsebene hat sich wenig geändert - bis heute. Ministerpräsident Leszek Miller, außenpolitisch einer der treuesten Freunde des amerikanischen Präsidenten George W. Bush, setzt innenpolitisch ganz bewusst auf die Polarisierung 'wir - die anderen', wobei der Identitätspunkt in der Biografie liegt, nicht etwa in politischen Konzepten oder gar Visionen. Der gewendete Pragmatiker Miller symbolisiert in den Augen der Opposition das 'moralische Defizit' in der Politik, doch hat auch das oppositionelle Lager keine moralischen Autoritäten aufzubieten. Für Moral ist in Polen der Papst zuständig."

Weitere Artikel: Mit Unbehagen verfolgt Jens Bisky die sich ankündigende Debatte um ein Zentrum gegen Vertreibung. Er befürchtet den gegenaufklärerischen Charakter öffentlicher Diskussion. Henning Klüver berichtet, dass sich italienische Restaurateure - dank neuer Techniken - vom Purismus verabschiedet haben, weswegen nun nicht nur Anhänger der alten Schule befürchten, dass bald auch das Kolosseum wiederaufgebaut wird. Steffen Kraft erfreut sich an der Renaissance des Hörspiels, das inzwischen nicht nur auf Festivals vorgeführt wird, sondern auch in veritablen Szenebars. Nach dem Einstand des neuen Intendanten Nicholas Hyntner schöpft Thomas Thieringer Hoffnung für die Zukunft des Londoner National Theatre. Ralf Berhorst erzählt, wie sich der "faschistoide, militaristische, niveaulose" Perry Rhodan durch eine Berliner Tagung schlug.

Jens Malte Fischer erinnert an eine fast ausgestorbene Gattung: den französischen Tenor, für den Klarheit und Helligkeit oberstes Gebot sind. "dip" meldet, dass Köln sein Kultur- und Museumszentrum nun in abgespeckter Version bauen will. In der Serie "Teddy-Bär" erzählt "vobr", wie Adorno an Frankfurts Mainufer zu der prophetischen Erkenntnis kam: "Mit dem liberalen Zeitalter stirbt das Gehen ab, selbst wo nicht Auto gefahren wird." Kristina Maidt-Zinke beklagt den frühen Tod des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano (mehr hier, eine Leseprobe aus seinem Roman "Amuleto" finden Sie hier).

Besprochen werden die wüste Hollywoodkomödie "Haus über Kopf" sowie neue CDs, darunter Lang Langs Einspielung der Klavierkonzerte von Tschaikowsky und Mendelssohn, eine Aufnahme von Rosalyn Tureck mit Bachs "Wohltemperiertem Clavier", eine neue Einspielung von Helmut Lachenmanns Klavierwerk.

Und Bücher, etwa Siegfried Lenz' "hochmoralischer" Roman "Fundbüro" ("Das hier entworfene Deutschland ist farbloser, freundlicher und altmodischer als das wirkliche: viel schöner, weil grauer und wärmer", schreibt Gustav Seibt), Christian Graf von Krockows fiktives Tagebuch der Entdeckungsreisenden Captain Cook und Georg Forster "Der große Traum von Bildung", Wolfram Siemanns Band "Umweltgeschichte" und Nico Stehrs Studie "Wissenspolitik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 16.07.2003

Harry Nutt kommentiert den Streit über ein "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin oder Breslau, der seiner Meinung nach einiges "Irritationspotenzial" enthält. In einem vom SPD-Bundestagsabgeordneten Markus Meckel initiierten Aufruf haben Politiker, Historiker und Künstler aus Deutschland, Polen und Tschechien vor einem "vorwiegend nationalem Projekt" gewarnt, das "das Misstrauen der Nachbarn" hervor rufen könne. "Der jetzt entbrannte Streit wirft ein Licht auf die Kraftmeierei politischer Durchsetzungsstrategien. Die erfolgreiche Arbeit eines Zentrums gegen Vertreibungen dürfte aber vor allem von dessen Akzeptanz in Europa abhängen wie von einem politischen Verfahren, das anschlussfähig und transparent ist." Als pdf finden Sie Markus Meckels Aufruf hier.

Klaus Bachmann schärft ein wenig den Blick für die europäische Dimension des Themas und begibt sich in die "Untiefen der polnisch-ukrainischen Vertreibungsdebatte". Im Juli 1943 war - nach dem Rückzug der Wehrmacht - die polnische Zivilbevölkerung aus dem heute zur Ukraine gehörenden Wolhynien vertrieben oder ermordet worden. Rund 60 000 Menschen sind dabei ums Leben gekommen. "Zu kommunistischen Zeiten war das Thema in Polen Tabu, um bei den vertriebenen Polen keine nostalgischen Gefühle für die alte Heimat aufkommen zu lassen, während sich die Staatsmacht bemühte, unter der Hand den Hass auf die 'ukrainischen Nationalisten' nach Kräften anzufachen."

Weitere Artikel: Martina Meister widmet sich dem neuen, medial-inszenierten Baby-Boom. Inge Günther berichtet von der Performance des Berliner Thomas Kilpper, der ein stolzes Ross durch die Westbank ritt. Stefan Keim führt in ein Mammutprojekt der Ruhrtriennale ein, die Erforschung des "Century of Songs". Karin Ceballos Betancur schreibt einen Nachruf auf den chilenischen Schriftsteller Roberto Bolano. In "Times mager" erkennt Michael Tetzlaff im weißen Kaninchen den Schlüssel zur Erleuchtung. "schl" meldet, dass Jürgen Habermas und Hans Tietmeyer die EU in "grundlegenden Prinzipien und Regeln" des Zusammenlebens der Menschen beraten werden.

Besprochen werden Frank-Patrick Steckels Darmstädter Interpretation von Molieres "Geizigem" und Bücher, darunter Assia Djebars Roman "Frau ohne Begräbnis", Karin Ceballos Betancur Reisenotizen "Auf Che Guevaras Spuren" und Santiago Gamboas Roman "Das glückliche Leben des jungen Esteban" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 16.07.2003

Auch wenn Georg Seeßlen das deutsch-italienische Sommertheater ein wenig peinlich ist, so weiß er ihm doch in seinen ausführlichen Betrachtungen die guten Seiten abzugewinnen: "Das Regionalbashing ist eine Strafe für eine kulturelle, politische und ökonomische Verschmelzung, die man nicht gewollt hat, und zugleich Symptom der vollzogenen Verschmelzung. Der Fortschritt macht aus diesen untergründigen Aggressionen in einer halb verschmolzenen Gesellschaft ein, na ja, Kulturgut. So wird die ganze Sache selber wieder Kultur, oder wenigstens Fernsehen, und schließlich auch ein Geschäft: Ostfriesenwitze auf Klopapier. Ich wette, die lärmenden, rülpsenden, blonden Streber am Strand werden zu fixen Figuren der populären Kultur, hier wie dort, sie werden in idiotischen Schlagern besungen, in schlechten Filmen abgebildet und auf idiotische T-Shirts gedruckt. Denn so böse können einander fremde Kulturen gar nicht sein, da ist Respekt, Diplomatie oder vielleicht auch das Unwissen zu groß. Hier wissen alle Beteiligten, dass dieser synthetische Binnenrassismus eigentlich Unfug ist, der auf begrenztem Terrain ausagiert wird: so wie Beschimpfungen im Fußballstadium, die ja auch selten außerhalb wiederholt werden."

Weitere Artikel: Daniel Bax verabschiedet Compay Segundo, den Gitarristen des Buena Vista Social Club. In seiner Kolumne "letzte ausfahrt brooklyn" bemerkt Tobias Rapp Anzeichen narzisstischer Kränkung im amerikanischen Imperium. Und Kolja Mensing bespricht kurz neue Bücher von Peter Renner, Qiu Xialong, Ambros Waibel, Giorgio Agamben und Mawil.

Und schließlich Tom.
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NZZ, 16.07.2003

Aldo Keel hält einen Rückblick auf die Trinksitten in Skandinavien und schwärmt von den Zeiten, als der Schnaps in Island noch "Schwarzer Tod" hieß. Andreas Breitenstein fragt sich, wer nach dem Tod des chilenischen Schriftsteller Roberto Bolano die Lücke in der lateinamerikanischen Literatur füllen soll. An die "swingende Eleganz" des im Alter von 96 Jahren verstorbenen Jazz-Multitalents Benny Carter erinnert Peter Niklas Wilson.

Besprochen werden die Ausstellung des Schweizer Bauernmalers Albert Anker im Kunstmuseum Bern und Bücher, darunter der Reisebericht "Dersu Usala" des russischen Offiziers Arsenjew, der von der außergewöhnlichen Freundschaft mit dem Taigajäger Dersu Usala erzählt (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 16.07.2003

Jordan Meijas berichtet vom Fund eines Tagebuchs Harry Trumans aus dem Jahr 1947, in dem dieser viel über sein Asthma schreibt. Aufregung (mehr hier) hat es dennoch verursacht, weil sich Truman in einer Passage über die "selbstsüchtigen" Juden beklagt, die nur ihr eigenes Leiden unter den Nazis bewege. Georg Imdahl meldet einen Streit über die Sicherheit einer Installation des Künstlers Christoph Büchel im Museum Abteiberg: Unfallversicherer haben jetzt ein Exempel statuiert. Roland Mischke bewundert Wiens neue Hauptbibliothek. Gerd Roellecke erinnert an den Juristen Fritz Bauer, der vor hundert Jahren geboren wurde. Henning Ritter schreibt zum Tod des amerikanischen Soziologen Lewis A. Coser. Walter Haubrich schreibt zum Tod des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano.

Auf der Medienseite erinnert Jürg Altwegg daran, dass die Zeitschrift du noch nicht tot ist, sondern nur zum Verkauf steht und nach einer Neukonzeption gar nicht mal schlechte Chancen auf dem Zeitungsmarkt hätte: "Die Krise der Feuilletons könnte endgültig zur großen Chance für die alten und neuen Kulturzeitschriften werden." Jordan Mejias stellt Bill Keller vor, den neuen Chefredakteur der New York Times.

Auf der Stilseite kündigt Erwin Seitz einen Paradigmenwechsel in der Grande Cuisine (oder zumindest in Bergisch-Gladbach) an: Die einundzwanziggängigen Menüs, die Dieter Müller im Schloss Lerbach anbietet, sind out. Statt dessen geht man jetzt zu Joachim Wissler ins Schloss Bensberg und speist "Blutente aus der Bresse". Dieter Bartetzko untersucht das neu erwachte Interesse an Zarah Leander. Und Klaus Ungerer schickt einen Gruß aus dem Sprachlabor.

Nach sechzig Jahren möchten die Katalanen ihre Papiere von Salamanca zurück, die Franco benutzt hatte, um katalanische Republikaner zu verfolgen, erzählt Paul Ingendaay auf der letzten Seite. Die Zentralregierung will die Papiere jedoch behalten: als Forschungsquelle für Historiker. Jochen Hieber porträtiert Claudia Look-Hirnschal, deren Stimme auf deutschen Bahnhöfen über Verspätungen aufklärt. Und Oliver Tolmein erklärt, wie leicht es ist, auf die UN-Liste der Unterstützer von al-Qaida zu gelangen, und wie schwer, wieder davon gestrichen zu werden.

Besprochen werden eine Ausstellung zur Migrationsgeschichte im Berliner Volkskundemuseum, zwei Aufführungen der "Perser" in Bielefeld und Aachen, einmal vertont von Frederic Rzewski und einmal von Klaus Lang, Abbas Kiarostamis Ta'zieh-Theater in Taormina und Chen Kaiges Film "Xiaos Weg".