Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.07.2003. Steven Pinker erklärt in der SZ, warum noch kein Gen für Humor, Musikalität oder Beliebtheit gefunden wurde. Die taz porträtiert George Whitman von der Pariser Buchhandlung Shakespeare & Company. In der FR sucht Horst Kurnitzky vergeblich nach europäischen Werten. Die NZZ meldet: Streit um Harry Potter. Die FAZ vermisst Sängerinnen im afghanischen Radio.

SZ, 15.07.2003

Der amerikanische Neuropsychologe Steven Pinker gibt eine Art "Entwarnung" in der Debatte um die Gentechnik. "Viele der Weissager gehen davon aus, dass wir einzelne Gene für mathematische Begabung, Musikalität, athletische Anlagen und dergleichen entdecken. Die Realität sieht anders aus. Genetiker haben es bisher zum Beispiel nicht geschafft, einzelne Gene zu finden, von denen man sicher sagen kann, dass sie Schizophrenie, Autismus oder manische Depressionen verursachen, obwohl diese Zustände substantiell vererbbar sind. Wenn wir aber nicht einmal das Gen der Schizophrenie finden, ist es noch unwahrscheinlicher, ein Gen für Humor, Musikalität oder Beliebtheit zu finden, weil es prinzipiell einfacher ist, ein komplexes System mit einem einzigen defekten Element zu stören, als es dadurch zu verbessern, dass man ein einziges nützliches hinzufügt." Er behaupte damit nicht, "dass genetische Aufwertung unmöglich, sondern nur, dass sie keineswegs unvermeidlich ist."

Im Rahmen der allgemeinen Diskussion um und über die Biennale in Venedig beschwert sich heute Tilmann Buddensieg darüber, wie "Kuratoren in den Pavillons der Biennale in Venedig die Kunst manipulieren": "Es sollte ein Unterschied bleiben, ob Künstler Banal-Objekte in ihre Schöpfungen aufnehmen oder ob Kuratoren beliebige Varianten solcher Banalobjekte irgendwo und irgendwie, möglichst nach Entwürfen verstorbener Künstler, publikumswirksam aber ästhetisch belanglos installieren."

Julia Encke erklärt, inwiefern die Geschichte der noch immer in der Sahara Verschollenen zu einer neuen "Codierung" der Wüste beitrage. In einem ausdrücklich als nur scheinbar inszeniertem Zufall apostrophierten Interview gibt der italienische Politikwissenschaftler Gian Enrico Rusconi Auskunft über seine ebenfalls nur aus scheinbarem Zufall erschienene Studie "Germania Italia Europa" (Einaudi), eine "große politologische Auseinandersetzung mit der Rolle der Vorurteile in der Geschichte der beiden Länder während der vergangenen 150 Jahre". Siggi Weidemann erzählt von der Zumutung, wonach die orthodoxen Kalvinisten in den Niederlanden mit den Lutheranern fusionieren soll. In der Kolumne Zwischenzeit denkt Evelyn Roll über "Karrieren und Schicksale" von Begriffen nach, und Fritz Göttler räsoniert anlässlich des Starts von "Terminator 3" über die (real-)politischen Ambitionen von Arnold Schwarzenegger.

Rolf-Bernhard Essig resümiert eine Tagung zum Thema "Erzähltes Leben? Familiengeschichten und Biografien" im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, Werner Burkhardt berichtet über die Eröffnung des diesjährigen Schleswig-Holstein Musik-Festival. Nachrufe gelten schließlich Compay Segundo, dem "Grandseigneur des Son" (hier), und dem Altsaxofonisten Benny Carter (hier).

Besprochen werden Anselm Glücks Stück "innerhalb des gefrierpunktes" am Schauspiel Düsseldorf, ein Münchner Konzertabend mit Musica Viva und Bücher, darunter eine Art Autobiografie von György Konrad, eine bisher nur auf Englisch erschiene Studie über die religiösen Anschauungen der Nationalsozialisten und eine Anthologie zum neueren europäischen Kirchenbau (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Wir verweisen außerdem auf einen Artikel auf Seite 1: Daniel Brössler berichtet, dass "Berliner Pläne für den Bau eines 'Zentrums gegen Vertreibungen' in Mitteleuropa Sorge ausgelöst". Die nächste kerneuropäische Debatte? Habermas wird sich freuen!

TAZ, 15.07.2003

Steffi Dobmeyer porträtiert die Pariser Buchhandlung Shakespeare & Company, die der 89-jährige Amerikaner George Whitman (mehr hier, Bilder hier) als "soziale Utopie" betreibt: hier leben, wohnen und arbeiten neben ihm immer wieder auch Schriftsteller inmitten der Bücherberge."Allan Ginsberg schlief mehrere Monate auf einer von Georges Matratzen, und der Lyriker Lawrence Ferlinghetti kommt auch heute noch regelmäßig vorbei, wenn er in der Stadt ist. Georges Passion für Bücher, seine Großzügigkeit und seine Gastfreundschaft machten Shakespeare & Company zu dem, was der Buchladen auch heute noch ist: Ein Ort, der voll ist mit Büchern, voll mit Literatur, voll mit literarischem Leben."

Dietrich Kuhlbrodt berichtet von der "Russenphobie" auf den Leinwänden des Filmfestivals im tschechischen Karlovy Vary, und Gerrit Bartels kommentiert den verhaltenen Optimismus der Buchbranche ("Lesen ist einer der liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen, es steht laut einer Studie auf Rang 8 (von 39), knapp hinter Grillen und Picknick").

Besprochen wird die Ausstellung "pop reloaded" mit Arbeiten des vergangenen November verstorbenen Künstlers Michel Majerus im Hamburger Bahnhof in Berlin und Bücher, darunter zwei "richtig tolle" Jungsbücher, zwei Bände über die "Quarterlife Crisis", die Sinnkrise der Mittzwanziger und der neue Roman des jungen österreichischen Autors Xaver Bayer. In der Abteilung Politisches Buch werden zwei Bände zur sozialen Globalisierung vorgestellt: die Analyse des 21. Jahrhunderts "Auf der Suche nach einer neuen Ordnung" von Ralf Dahrendorf und die Studie "One World" von Richard Derber. Bezweifelt wird schließlich der Nährwert eines Buch mit "Gebrauchsinformationen zu 11.000 Arzneimitteln". (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.

FR, 15.07.2003

In einem weit ausholenden Essay zur Europa-Grundwerte-Debatte sieht Horst Kurnitzky ("Die unzivilisierte Zivilisation") allergrößte Probleme, wirklich gemeinsame "kulturelle Werte" zu bestimmen. "Wenn zur Verteidigung des christlichen Europa aufgerufen wird, denkt man zugleich an die Kreuzzüge, und daran, dass das doch bereits in Zweistromland getan wird. Oder ist gar die durch den Antisemitismus zusammengehaltene Identität des christlichen Europa gemeint? Humanismus und Aufklärung jedenfalls nicht. Stattdessen wachsen die Ungleichzeitigkeiten auch in Europa: Zivilgesellschaften, Stammesgesellschaften, Religionsgemeinschaften. Wie es scheint, besteht der ganze Konflikt aus einem permanenten Widerspruch Europas zu sich selbst."

Weitere Artikel: In der Kolumne Times mager erklärt Frank Keil, inwiefern ein Legolandbesuch zumindest für erwachsene Besucher Heilungscharakter haben kann. Außerdem lesen wir die Nachrufe auf Compay Segundo (hier) und Benny Carter (hier).

Besprochen werden heute eine Werkschau des Popart-Künstlers Richard Hamilton im Kölner Museum Ludwig, Christoph Marthalers Inszenierung von Beat Furrers "Invocation" am Opernhaus Zürich, Anselm Glücks Theaterstück "innerhalb des gefrierpunktes" am Düsseldorfer Schauspielhaus und Marte Brills nachgelassener Roman "Der Schmelztiegel" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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NZZ, 15.07.2003

Heribert Seifert berichtet vom Schlagabtausch der amerikanischen Literaturkritik um Harry Potter. Die Schriftstellerin Antonia S. Byatt (hier) und der Kritiker Charles Taylor (hier) liefern sich eine wortreiche Polemik auf den Seiten von New York Times und im Internet. Seifert kann allerdings dem "prachtvollen Imponiergehabe der beiden Streithansel" nicht viel abgewinnen: Er wertet es als "jüngstes Beispiel für eine 'Debattenkultur', die mit dem Lärm, den sie erzeugt, schon zufrieden ist, da er für wenige Tage die knappe Ressource Aufmerksamkeit in die eigene Scheuer einfährt."

Apokalyptische Visionen ganz anderer Art beschwört Georges Waser aus Anlass der kontroversen Norman Foster-Ausstellung "Sky High: Vertical Architecture": "In einem dunklen Raum, auf einem riesigen, entzweigeschnittenen Podium ragen die beleuchteten Modelle von fünfzig Hochbauten aus aller Welt empor." Caroline Kesser lobt die Ausstellung der Franco-Zeit-Fotografien des katalanischen Fotoreporters Francesc Catala-Roca in Madrid.

Weitere Artikel: Knut Henkel beklagt den Tod des kubanischen Sängers Compay Segundo. Außerdem berichtet Christina Thurner vom Festival "ImPuls Tanz" in Wien. Besprochen wird unter anderem Italo Calvinos nachdenkliches Buch "Warum Klassiker lesen?" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 15.07.2003

Alexandra Kemmerer berichtet von einem internationalen Treffen von Verfassungsrichtern in Florenz, die sich mit der europäischen Verfassung auseinandersetzen. Lorenz Jäger erinnert daran, dass schon Franklin D. Roosevelt 1941 die Amerikaner mit gefälschten Dokumenten auf den Krieg einstimmte. Christian Schwägerl begleitet die ratlosen Beamten des Bundespräsidialamtes auf der Suche nach einem Übergangsdomizil für ihren Chef - denn das Schloss Bellevue ist marode. Ulrich Olshausen schreibt zum Tod des Saxophonisten Benny Carter. Katja Gelinsky resümiert eine Tagung der Brookings Institution in Washington über den religiösen Abgrund zwischen den USA und Europa und seine politische Relevanz. In der Reihe "Wir vom Bundesarchiv" stellt Ulrich Enders einen Erlass aus den frühen fünfziger Jahren vor, der die "innere Führung" der künftigen Bundeswehr zum Gegenstand hat. Gerhard R. Koch gratuliert dem Gitarristen Julian Bream zum Achtzigsten.

Auf der letzten Seite erinnert Eberhard Rathgeb daran, dass sowohl Leo Trotzky als auch der Heidegger-Schüler und Kulturpessimist Erhart Kästner 1929 eine gewisse Zeit auf den Prinzeninseln vor Istanbul verbrachten, allerdings ohne das geringste Interesse füreinander aufzubringen. Hannes Hintermeier schreibt ein Profil des Suhrkamp-Verlegers Günter Berg. Und Anja-Rosa Thömig plädiert für Übertitel in der Oper - und zwar auch bei deutschsprachigen Opern. Auf der Medienseite berichtet Werner Bloch, dass in Afghanistan leider schon wieder der islamistische Klerus herrscht - zumindest was die Auswahl des Musikprogramms im afghanischen Radio angeht: Lieder von Sängerinnen dürfen überhaupt nicht gespielt werden. Michael Hanfeld stellt die schicksalsschwere Frage, ob "Aktenzeichen XY" bald ohne Ermittler aus der Schweiz auskommen muss. Und Jürg Altwegg stellt das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Schweiz vor.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen des 19. Jahrhunderts in Hamburg, Konzerte der Songschreiber Van Dyke Parks und Loudon Wainwright bei der Ruhrtriennale, Henrik Ibsens "Peer Gynt" in Stuttgart, eine Ausstellung über die Karriere der Ritter in Speyer, Godfrey Reggios filmische Meditation "Naqoyqatsi" und eine Ausstellung über den klassizistischen Architekten Joseph Ramee in Hamburg.