Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2003. In der FAZ fordert der italienische Philosoph Angelo Bolaffi: Europa soll sich den USA als Konkurrent stellen. In der NZZ beklagt Otfried Höffe die Unfreiheit des Klons. Die FR schildert bewegt die minutenlange ergriffene Regungslosigkeit des Publikums nach Jacqueline Kornmüllers "Elektra" in Hamburg. Der Dresdens Museumsdirektor Martin Roth warnt in der SZ vor Freizeit-Feldherren, die Museen versenken.

FAZ, 19.05.2003

"Verfassungen werden auf dem Schlachtfeld geschrieben. Deswegen ist der Krieg im Irak fatalerweise dazu bestimmt, das Schicksal der europäischen Verfassung zu beeinflussen." Ausgehend von dieser These seziert der italienische Philosoph Angelo Bolaffi kühl die transatlantischen Beziehungen nach dem Irakkrieg. "Europa wird in der Hierarchie der neuen amerikanischen Außenpolitik, Charles A. Kupchan zufolge, als potentieller Konkurrent oder Gegenspieler angesehen, und dies nicht nur auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet: Europa und Amerika entfernten sich, so Kupchan, auch 'in der Auffassung und Ausübung der internationalen Macht' voneinander." Doch der Irakkrieg hat Europa gespalten. Es ist für Bolaffi "nun unvermeidlich geworden, einen theoretischen Schritt zu tun, der uns gestern noch undenkbar erschien, nämlich zur Kenntnis zu nehmen, dass es nicht nur einen 'Westen' gibt, sondern dass der Begriff des 'Westens' auch im Plural dekliniert wird. Hat sich nicht schon ein ähnlicher Wandel für den Begriff des 'Orients' vollzogen"? Die Frage ist jetzt, ob ein "nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig-institutionell geeintes Europa denkbar (ist), das mit den Vereinigten Staaten im Wettstreit um die Definition der westlichen Werte steht?"

Auf der Medienseite schildert Michael Ludwig ein besonders perfides Beispiel dafür, wie die ukrainische Regierung unabhängige Medien knechtet. Jüngstes Beispiel ist die Kiewer Wochenzeitung Serkalo Nedeli (Wochenspiegel): Gerade hatte man Chefredakteur Wladimir Mostowoj den Medienpreis der Leipziger Sparkasse verliehen, da verlangte Präsident Kutschma "ganz fürsorglicher Landesvater und Verteidiger der Pressefreiheit, den Innenminister, den Geheimdienst und die Generalstaatsanwaltschaft an, zu untersuchen, ob Mostowoj bedroht werde. Verhöre, Verhöre und nochmals Verhöre waren die Folge für Mostowoj. Dann erhob sich dieser Tage der gelenkte Begleitchor einiger Medien, welche der Kutschma-Staatsmacht von jeher zu Diensten stehen, seine Stimme: Mostowoj habe es versäumt, sich um Hilfe an die Staatsmacht zu wenden, und habe sich mit seinen unbewiesenen Vorwürfen den Leipziger Preis erschlichen". Den soll er jetzt zurückgeben.

Zhou Derong hat sich auf chinesischen Webseiten umgesehen (etwa Kanzhongguo oder New Century Net, beide sind in China gesperrt), und festgestellt, dass die Regierung - vor allem der neue Staatspräsident Hu Jintao, der neue Premier Wen Jiabao und der Vizepremier Wu Yi - "dank ihres harten Durchgreifens im Umgang mit der SARS-Epidemie" überall gelobt werden. Kritik richte sich nurmehr gegen das Politbüro.

Weitere Artikel: Michael Althen freut sich über den ersten fabelhaften Film in Cannes: Gus van Sants Film "Elephant". Stephan Sahm wirf einen Blick in amerikanische bioethische Zeitschriften. Hingewiesen wird auf das Internetportal Albert Einstein , das fast 3.000 Bilder und mehr als 900 Dokumente des berühmten Physikers zugänglich macht. Dietmar Polaczek schreibt zum Tod von Luigi Pintor, Gründer der italienischen Tageszeitung Il Manifesto. GT. schreibt zum Tod der Schauspielerin Wendy Miller. Auf der letzten Seite schreibt der Schriftsteller Martin Mosebach über Ausgrabungen in der indischen Stadt Ayodhya: dort sollen die Reste einer schon 1992 von Hindus zerstörten Moschee angeblich auf den Grundmauern eines zerstörten Hindutempels stehen ... Gina Thomas porträtiert John Christie, den Begründer der Opernfestspiele von Glyndebourne. Und Daniela Gregori meldet, dass es in Wien die geplante Ausstellung der Sabarsky-Collection vorerst nicht geben wird.

Besprochen werden eine Ausstellung mit den Werken des Malers Pedro Berruguete in der Kirche Santa Eulalia im Innern Kastiliens, Hofmannsthals "Elektra" in Stuttgart, inszeniert von Jacqueline Kornmüller, Strawinskys "Feuervogel", choreografiert von Amanda Miller in Freiburg, eine Ausstellung von Jacob G. Böttichers klugen Köpfen in den Franckeschen Stiftungen in Halle, die Uraufführung von Gert Jonkes Theaterstück "Chorphantasie" in Graz, die Uraufführung der Kantate "Insula felix" von Wolfgang Rihm in Stuttgart und Bücher, darunter Stefan Effenbergs Autobiografie und ein Band über "Michelangelo und die Fresken des Papstes" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 19.05.2003

Einen bemerkenswerten Theaterabend muss Hannelore Schlaffer bei Jacqueline Kornmüllers Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals Drama Elektra im Staatstheater Stuttgart gehabt haben. "Den Untergang hat Orest zu besiegeln. Er steigt aus dem Schlund des Trichters empor, der ebenso gut Rand des Beckens ist, wo der Mord geschah, wie Muttermund. Unantiker lässt sich kein Orest denken als dieser fleischliche, schwere, bebrillte, unreife Akademiker, den Peter Wolf vorstellt. Die Qual aber, mit der er den Entschluss zum Muttermord der geradezu embryonalen Weichheit seines Körpers entringt, macht seine Menschlichkeit übermenschlich. Wenn gar, vom Todesschrei herangelockt, Aegisth (Ferdinand Dörfler) aus dem Hintergrund des Zuschauerraums daher gedonnert kommt, hat sich die Katastrophe fraglos, selbst für moderne und aufgeklärte Zuschauer, erfüllt. Elektra, die, so Hofmannsthals Version des Mythos, an die Götter nicht glaubt, die nichts ist als Tochter, sinkt in sich zusammen. Kein höheres Lob hätte Jacqueline Kornmüller für ihre Inszenierung gezollt werden können, als die minutenlange ergriffene Regungslosigkeit des Publikums nach diesem Ende. Katharsis macht eben verstummen."

Weitere Artikel: In Times mager widmet sich Alexander Kluy dem Internet-Auktionshaus E-Bay, für ihn eine "Sars-freie Durchreichezone, moralfrei, euroumflort und dabei so krisenresistent wie der Kölner Karneval". Guido Fischer hat dem schüchternen Nachwuchs auf den 35. Wittener Tagen für neue Kammermusik zugehört. Hilal Szegin verabschiedet Urmelmutter Hannelore Marschall, Schöpferin der Marionettenpersönlichkeiten der Augsburger Puppenkiste (ein Blick in ihre Werkstatt). Carl Wilhelm Macke schreibt zum Tod des italienischen Schriftstellers Luigi Pintor (Der Mispelbaum), der sich selbst als "unabhängigen italienischen Kommunisten" hat sehen wollen. Auf der Literaturseite stellt Jamal Tuschick das Netztagebuch tage-bau.de vor.

Auf der Medienseite und mit einer Portion Sarkasmus sagt Katrin Wilkens der neuen Wellfit-Kolumnistin Steffi Graf keine große Zukunft in der schreibenden Zunft voraus. "Denn Steffi Graf hat sich Jahrzehnte lang um den perfekten Aufschlag bemüht, aber nicht um den perfekten Ausdruck." Jörn Breiholz erzählt, warum die taz-Hamburg jetzt das Mutterhaus in Berlin verklagen will.

Besprechungen widmen sich der Uraufführung von Gert Jonkes "Chorphantasie" am Grazer Schauspielhaus, einer Ausstellung in Stuttgart, die sich ausschließlich den Skulpuren Ernst Ludwig Kirchners verschrieben hat - in Deutschland eine Premiere, und Büchern, nämlich Angela Krauß' virtuoser neue Erzählung " Weggeküsst" und dem "Mittebuch", eine Sammlung von Reportagen, Geschichten, Comics und Zeichnungen von 27 Autoren und Künstlern rund um das Zentrum Berlins

NZZ, 19.05.2003

Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe macht sich an eine rechtsethische Zwischenbilanz der Gentechnologie. Ein Gedanken von vielen ist dabei der Freiheit gewidmet: "Als Klon entwickelt man sich zum genetischen Zwilling nicht zeitlich parallel, infolgedessen offen, sondern nach einem Vorbild, an dem man nachdrücklich gemessen wird: Für die Freiheit des Vorbilds zahlt man mit einem hohen Maß an Unfreiheit. In einer Pointierung von Habermas ist der Klon eine Art Sklave, weil er einen 'Teil der Verantwortung, die er sonst selbst tragen müsste, auf andere Personen abschieben kann'."

Einen deprimierenden Stimmungsbericht liefert Hilmar Poganatz aus Montevideo und Buenos Aires, die ihre bessere Zeiten weit hinter sich haben: "Heute sind die Jahre des Agrarbooms, die Uruguay zu einem der reichsten und progressivsten Länder der Welt gemacht hatten, längst Vergangenheit. Doch nicht nur die Handelsbilanz vereint die Bewohner beider Hauptstädte. Von ihren Landsleuten aus der Provinz werden die Haupt- und Hafenstädter unter dem Etikett 'Portenos' zusammengefasst. Sie haben den aufdringlichsten Akzent, die beste Ausbildung und eine anscheinend angeborene Arroganz. In der Mittelschicht der Portenos kristallisiert sich die Tragödie beider Staaten: das Ausscheiden aus der angestrebten Ersten Welt und das langsame Ausbluten der jungen Eliten. Auch der ehemalige Einwanderer-Schmelztiegel Buenos Aires erlebt seit über zwei Jahren eine nie gesehene Auswanderungswelle. Dabei kehren vor allem gut ausgebildete und junge Menschen dem Land den Rücken."

Weitere Artikel: Alice Vollenweider verabschiedet in einem Nachruf den italienischen Journalisten Luigi Pintor (mehr hier). Andreas Hutter berichtet von der Eröffnung des Lentos-Museums in Linz.

Besprochen werden das Schaffhauser Jazzfestival, die Uraufführung von Gert Jonkes "Chorphantasie" in Graz, ein Weill/Brecht-Bach-Abend im Luzerner Theater, eine Aufführung des Ballet du Grand Theatre de Geneve sowie das Stückchen "Anne und Ella" von Matthias Günther und Andreas Tobler.
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TAZ, 19.05.2003

Das 40. Theatertreffen in Berlin fand Katrin Bettina Müller ziemlich langweilig. Symptomatisch für das neue Theater, das sich verbraucht hat, wie sie schreibt. "Schön, so ein Konsens? Nun ist das Theatertreffen - fest gebucht von Kulturfunktionären, dem Westberliner Bildungsbürgertum (noch immer), dazu Journalisten aus der Hauptstadt und aus der Provinz - eine Veranstaltung, die bei Konsens erstarrt. Man kommt nicht her, um zuzustimmen, sondern um in der Abgrenzung die eigene Position zu profilieren. Weil es nun aber inhaltlich wenig Konfliktstoff gab, fiel das Echo etwas mäkelig aus: 'Transportschäden' wurden beklagt, mangelnde technische Umsetzung, schlechte Partys." Da macht auch das Finale, die "Orestie" von Andreas Kriegenburg keine Ausnahme. "Haben wir nicht mehr als einen 2.500 Jahre alten Text, um den Zustand des Krieges nicht als Ausnahme, sondern als Normalität zu beschreiben? Es scheint so."

Ansonsten war Andreas Becker auf einem Großhallen-Konzert der 50-jährigen Singer-Songwriterin Lucinda Williams, die als US-Heulsusen-Countryverschnitt angefangen, sich jetzt aber "durchaus wunderbar" gemausert hat. Und Cristina Nord berichtet aus Cannes, wo sie zuletzt die neue Zeit in Yu Luik Wais "All Tomorrows Parties" fasziniert hat.

Auf der Medienseite schimpft Peter Ahrens über das neue Hamburger Mediengesetz, das den Dudelfunk fördert und den Offenen Kanal abschafft. Silke Burmester empört sich über die Abschiebung der Sesamstraße in den Kinder-Spartenkanal. "Kinderfernsehen wird von Erwachsenen benutzt wie die Kinderecke bei Ikea. Abgeben und aufgehoben wissen."

Schließlich Tom.

SZ, 19.05.2003

Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth, sendet einen wütenden Hilferuf an die Republik. Nicht nur die Museen, nein der "Konsens über die kulturelle Identität ist in Gefahr, Politiker schieben Museen hin und her wie Freizeit-Feldherren, die 'Schiffe versenken' spielen. Die traditionsreiche Skulpturensammlung mit ihrem reichen Fundus von der Antike bis zur Gegenwart steht zur Disposition; am liebsten würden sich die Gründer des geplanten Archäologischen Landesmuseums in Chemnitz selbst bedienen. Viel schlimmer noch: Hinter den Kulissen scheint längst entschieden zu sein, dass die Skulpturensammlung zerschlagen und Dresden verlassen wird."

Wir leben über unsere Verhältnisse. Dieser Satz Hans Eichels hat Gustav Seibt in Rage gebracht. In seiner Retourkutsche lesen wir: "Der Sparkassenleiter, der uns streng verwarnt, ist selbst der Hauptsünder. Er kann nicht mit Zahlen umgehen, und er bietet uns überwiegend Produkte an, mit denen wir nichts anfangen können, wenn sie nicht überhaupt unwirtschaftlich sind. Was bleibt uns? Vorerst die kostengünstige Abendunterhaltung am Fernsehen - bitte mit Flaschenbier, denn auch fürs Dosenpfand ist das Leben entschieden zu kurz -, bei Betrachtung einer weiteren Runde sozialdemokratischer Selbstfindung mit nachfolgendem Bundesratstheater."

Weitere Artikel: Der Historiker Valentin Groebner greift in die Debatte um das Copyright ein und mahnt all die Kreativen und "authenticators", sich doch recht bald mal Gedanken über den Schutz ihrer Köpfe Arbeit zu machen. Volker Breidecker ist in ein frühlingstrunkenes Vilnius gereist, die Hauptstadt Litauens, die sich nach dem positiven Referendum nun anschickt, nach Europa zurückzukehren. Susan Vahabzadeh weilt dagegen in Cannes und schickt uns ein Lebenszeichen, ihre Eindrücke von den Filmen von Gus Van Sant, François Ozon und Nuri Bilge Ceylan. Jens Bisky hat bei einem Berliner Sonntagsgespräch über die Zukunft der Flick-Kollektion zugehört. Henning Klüver hat auf der Buchmesse in Turin miterlebt, wie der Widerstand gegen Berlusconi wächst.

Thomas Meyer berichtet von der tagelangen Tagung mit dem bezeichnend umständlichen Titel "Die Säkularisation im Prozess der Säkularisierung Europas" in Bad Schussenried. Dirk Peitz hätte sich ein bisschen mehr Lärm erwartet von Maurizio Cattelans (mehr) im Vorfeld so umstrittenen Trommler auf dem Vordach des Kölner Museum Ludwig (zumindest eine schöne Homepage). Jörg Häntzschel gefällt Frank Gehrys spektakuläre Walt Disney Concert Hall (so soll sie aussehen) in Los Angeles, auch wenn LA damit einen weiteren Schritt zu einer richtigen Stadt machen wird. Fritz Göttler erzählt uns, welche Rekorde der Film Matrix am Eröffnungswochenende gebrochen hat. Wolfgang Schreiber freut sich über die Wahl des Intendanten der Stuttgarter Staatsoper, Klaus Zehelein, zum neuen Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins. Zehelin will Theater und Oper nicht dem Markt überlassen. Kurz aufgezählt werden die Preisträger des Theatertreffens.

Auf der Medienseite stellt Joachim Käppner in der Serie der Großen Journalisten den Publizisten und Herausgeber der "Weltbühne" Carl von Ossietzky vor. Hans-Jürgen Jakobs leidet mit dem Filmproduzenten Bernd Eichinger, der - von Natur aus Künstler - sich nun mit dem "ominösen Schweizer Investor" Highlight Communications AG herumschlagen muss, der seine Constantin Film AG übernehmen will.

Besprochen werden Gert Jonkes in Graz uraufgeführte "Chorphantasie", "The Transporter", ein neuer Actionfilm aus dem Hause Besson und Bücher, darunter zwei neue Arbeiten auf dem Feld der Begriffsgeschichte, Richard Newmans und Karen Kirtleys makabere Geschichte des Mädchenorchesters Auschwitz "Alma Rose, Wien 1906 - Auschwitz 1944" und Seyran Ates "Große Reise ins Feuer", die Geschichte der Annäherung an ihre neue Heimat Deutschland (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).