Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.12.2002. Die NZZ hat Schokolade mit Stutenmilch und Propolis gegessen, welche ihr wesentlich besser mundete als der FAZ die jüngst kursierende Phallophagie. In der taz erklärt der Rapper D-Flame, warum es ihm wichtig und andererseits aber auch unwichtig ist, schwarz zu sein. Die FR analysiert, wohin genau Roland Koch sich vergaloppierte.

NZZ, 16.12.2002

Frankreich produziert die beste Schokolade, die Schweiz ist lange abgehängt ("handwerklich untadelig, aber ohne Phantasie"). Marc Zitzmann hat sich bei den Nouveaux Chocolatiers (mehr hier) verköstigen lassen und bedankt sich artig - und wahrscheinlich noch mit vollem Mund - für die Bonbons mit einer sehr hübschen Geschichte der Schokolade. Außerdem verrät er das Erfolgsrezept: Schweizer Savoir-faire und französische Experimentierlust: "Was gibt es da nicht alles für Kombinationen! Michel Chaudun bietet 'Pâte de truffe' (eine langsam auf der Zunge zergehende Mischung aus Couverture und Rahm, meist 'Ganache' genannt) mit Basilikum oder Pfeffer. Christian Constant (mehr hier) verwendet Zimt, Kardamom und Ylang-Ylang; Thierry Mulhaupt in Strassburg Tonka-Nuss und Safran; Michel Belin in Albi Anis, Zichorie und Havannazigarren. Vertreter der jüngsten Generation schrecken nicht einmal zurück vor Oliven, Algen oder einer Mischung aus Stutenmilch und Propolis (Bienenkittharz) - gegen kreative Exzesse ist man da nicht immer gefeit."

Martina Sabra war beim "Gespräch im kleinen Kreis" mit dem palästinensischen Dichter Mahmud Darwish (mehr hier) zum Thema "Poesie und Erinnerung" im Wissenschaftskolleg Berlin. Dabei warnte Darwish seine Landsleute davor zu glauben, "man könne die Besatzer vertreiben, indem man selbst eine ideologiegetränkte Gegengeschichte des palästinensischen Palästina konstruiere, mit Bezug auf den Islam oder gar im Rückgriff auf die Kanaanäer. 'Es ist nicht die israelische Geschichtsauffassung, die gesiegt hat, sondern die Macht der Waffen und die westliche Modernität. Und natürlich die Macht der moralischen Wirkung des Holocaust im Gewissen der Welt.'

Die Ballettschule der Pariser Nationaloper gilt als die beste der Welt, und wie Marc Zitzmann berichtet , dürfte sie auch die brutalste sein: In einem externen Gutachten werden der Direktion das Abstreiten von Schmerzen, die öffentliche Entwürdigung von Schülern und Lehrern und psychologischer Terror vorgeworfen. Als heimliches Motto der Schule gelte: "Lauf oder stirb!"

Susanne Ostwald schreibt über Lesehunger und Geschichtendurst beim Luzerner Literaturfest. Roman Hollenstein schwärmt von dem neuem "Hauptwerk der Schweizer Architektur": Es steht auf dem Färberplatz in Aarau und wurde von den Basler Architekten Miller & Maranta gebaut.

Besprochen werden Benedetto Marcellos Barockoper "Arianna" in Freiburg und Benjamin Brittens "Nicolas"-Kantate in Zürich.

FAZ, 16.12.2002

Nun also Kannibalismus. Dem deutschen Feuilleton bleibt nichts erspart. Unter der super geistvollen Überschrift "Mensch isst Mensch" erklärt der Ethnologie-Professor Thomas Hauschild allen, die sich versucht fühlen: "Es ist der Ekel, der zivilisiert." Und obwohl auch er seinen Artikel mit der in solchen Fällen üblichen Kritik der Bild-Berichterstattung beginnt, warnt er am Erde vor Medienkritik, denn: "Es ist wirklich passiert".

Weitere Artikel: Jordan Mejias schwärmt von der "ausführlichsten, ambitioniertesten und, es sei vorweggenommen, auch gelungensten Ausstellung, die je die Rätsel der Relativitätstheorie populär zu entschlüsseln trachtete" im American Museum of National History in New York. Eleonore Büning kommentiert die neuesten Peripetien im trostlosen Drama um die Berliner Opern. Der Juraprofessor Gerd Roellecke bezweifelt trotz einschlägiger Untersuchungsausschüsse, dass Wahlwerbung ehrlicher werden kann. Siegfried Stadler beschreibt die Lage der Theater in Halle. In der Reihe "Wir vom Bundesarchiv" stellt Cünther Montfort die Entlassungsurkunde für Hans von Seeckt aus dem Jahr 1926 vor. Wolfgang Schneider resümiert ein Berliner Symposion über Karl Philipp Moritz.

Auf der Medienseite stellt Jordan Mejias Steven Spielbergs Fernsehserie "Taken" vor. Und Matthias Rüb fragt anlässlich eines in Den Haag verhandelten Falls, ob Journalisten trotz Quellenschutzes bei Kriegsverbrecherprozessen zu Zeugenaussagen gezwungen werden können sollen. Auf der letzten Seite dokumentiert man Anita Albus' (mehr hier) Dankesrede zur Verleihung des Friedrich-Märker-Preises für Essayistik. Jürg Altwegg schreibt ein kleines Profil der Parise Feministin und Gesellschaftsdame Elisabeth Badinter. Und Martin Halter erzählt die Posse um einen von Mäzenen preisgekrönten Basler Großstadtroman von Eberhard Petschinka, der wegen mangelnder Ortskenntnis auf das Missfallen der Stadt stößt.

Besprochen werden Brechts "Baal" mit Ben Becker in Weimar, das Tanzstück "Smoke" des taiwanesischen Choreografen Lin Hwai-min, für das Jochen Schmidt offensichtlich eigens nach Taipeh gereist ist, ein Auftritt des Jazzpianisten Simon Nabatov in Darmstadt und Goethes "Egmont" am Dresdner Schauspiel.

FR, 16.12.2002

Die FR hat ihren Internetauftritt renoviert und erscheint jetzt in lachsrosa. Heute morgen hat die Homepage noch nicht recht funktioniert. Wir tragen die Links gegebenenfalls nach.

Micha Brumlik analysiert das Geschichtsbild des hessischen Vergaloppierers Roland Koch: "Indem Koch das inakzeptable namentliche Anprangern wohlhabender Einzelner durch einen Gewerkschaftsführer mit der nationalsozialistischen Erniedrigung der Juden, die schließlich in die Gaskammern führte, nicht nur vergleicht, sondern auch gleichsetzt, gibt er kund, das mörderische Wesen des Nationalsozialismus nicht verstanden zu haben. Zugleich unterstellt er damit, dass der moderne Judenhass letztlich nichts anderes als eine verdeckte Form klassenkämpferischen Sozialneides sei." Auch Times mager befasst sich mit dem Fall: "ChTh" ordnet Roland Kochs Äußerung in die allgemein voranschreitende "Banalisierung des Bösen" ein: "Die Skrupellosigkeit scheint in der politischen Auseinandersetzung ein offenbar probates Mittel. Zu den Begleiterscheinungen der Normalisierungstrategien angesichts der jüngeren deutschen Geschichte scheint es zu gehören, dass der monströse Vergleich den Status des Alltäglichen erlangt."

Weitere Artikel: Andreas Höll berichtet über die massiven Proteste gegen die Schließungspläne um das renommierte Kunst Haus Dresden. "Dak" schreibt einen Nachruf auf die Filmkritikerin Brigitte Desalm.

Besprochen werden Martin Oelbermanns Theateradaption von Elfriede Jelineks Roman "Die Liebhaberinnen" in Düsseldorf und politische Bücher, unter anderem ein Sammelband über die Tiefenschichten des Nahostkonflikts, zwei Studien über deutschen Antisemitismus um 1900 und ein Buch über Geschichtslegenden.

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TAZ, 16.12.2002

Auf der Interkultur-Seite erklärt der deutsche Hiphopper D-Flame im Gespräch mit Thomas Winkler, warum er rappt und warum es ihm wichtig (oder doch nicht wichtig?) ist, schwarz zu sein: "Hier in Deutschland hat keiner Lust darauf, dass wir anfangen zu sagen: Wir sind schwarz und stolz darauf. Das ist doch klar. Die Deutschen wollen nicht hören, wie sie mit ihren Minderheiten umgehen. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile Leute, die wollen lieber schwarz sein. Mir hat mal ein deutscher Rapper ins Gesicht gesagt, er wäre lieber schwarz. So was Dummes, weil Hautfarbe doch egal sein sollte - gerade wenn du Musik machst, gerade im HipHop."

Auf der Medienseite stellt Silke Burmester die neue Fernsehzeitschrift TV Sünde vor.
Auch auf der Medienseite: Sascha Tegtmeier berichtet über den erstaunlichen Erfolg des türkischsprachigen Berliner Radiosenders Metropol FM, der laut Gründer Werner Felten ürsprünglich als "türkischer Dudelfunk" gedacht war.

Besprochen werden die Düsseldorfer Uraufführung von Elfriede Jelineks "Liebhaberinnen" in einer Inszenierung von Martin Oelbermann und das Berliner Konzert von Ex-"The Verve"-Frontmann Richard Ashcroft.
Und schließlich TOM.

SZ, 16.12.2002

Jens Bisky war zum Berliner Kolleg "Bürger - Herrschaft und Gestalt" (mehr hier) eingeladen, das vom Institut für Staatspolitik organisiert wurde und nahm als Fazit mit: "Unter allen bürgerlichen Traditionen hat sich die der Unbürgerlichkeit über die Jahre hinweg am besten gehalten."

Weitere Artikel: Adrienne Braun berichtet über die Eröffnung des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart und wundert sich, dass es überhaupt so etwas wie ein landesweites "Wir-Gefühl" gibt. In der Kolumne überlegt sich "egge", wie man dem Streik der Münchner Verkehrsgemeinschaft entgehen könnte. Willi Winkler ist der luxuriösen Deutschen Bahn nicht gut gewogen und erinnert, dass sie "den Fortschritt, die Einheit und später die Juden nach Auschwitz" brachte. Fritz Göttler schreibt einen Nachruf auf die Kölner Filmautorin Brigitte Desalm. Uwe Mattheis erklärt, dass Österreichs Grüne sich entscheiden müssen, ob sie "flanieren oder regieren". Aus Italien berichtet Henning Klüver von den Reaktionen auf den Tod des großen Verlegers Leonardo Mondadori und von den Restaurierungsplänen für die florentinische David-Statue. Auf der Medienseite wird die SZ-Serie der großen deutschen Journalisten mit Bertha von Suttner weitergeführt.

Besprochen werden Martin Oelbermanns virtuose Dramatisierung von Elfriede Jelineks Roman "Die Liebhaberinnen" in Düsseldorf, Thomas Thiemes Inszenierung von Brechts "Baal" am Deutschen Nationaltheater in Weimar, die umstrittene Leni-Riefenstahl-Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte, die französische Ausstellung "Geist und Galanterie" in der Bonner Bundeskunsthalle, eine römische Ausstellung über die berüchtigte Borgia-Familie (mehr hier), John Schultz' Kinderfilm "Like Mike", Bill Paxtons Filmregiedebüt "Frailty" und Bücher - John Wrays Roman "Die rechte Hand des Schlafes" (mehr hier), ein Lexikon der Fotografie des 20. Jahrhunderts, Helga Volkmanns Buch über Märchenpflanzen und ein Sammelband über Grenzverletzer.