John Wray

Die rechte Hand des Schlafes

Roman
Cover: Die rechte Hand des Schlafes
Berlin Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783827000750
Gebunden, 384 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Peter Knecht. Oskar Voxlauer ist auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, vor allem vor seinen traumatischen Erinnerungen an die Kämpfe des Ersten Weltkrieges an der italienischen Front 1917. Er hat sich in die österreichische Kleinstadt zurückgezogen, in der er aufgewachsen ist, und lebt dort in den Bergen, entschlossen, eine verborgene, einsame Existenz zu führen. Aber es ist das Jahr 1938, und er kann den wachsenden Spannungen in seinem Heimatland nicht ausweichen. Der Anschluss Österreichs steht dicht bevor, und die Nazis sind schon da - auch in dieser abgelegenen Kleinstadt. Voxlauers Wohltäter, ein jüdischer Gasthausbesitzer, der ihm die Hütte in den Bergen gegeben hat, wird von den neuen Machthabern in den Ruin getrieben. Voxlauer selbst gerät in Gefahr, und das Einzige, was ihn zunächst rettet, ist der Respekt der Gemeinde vor seinen Eltern...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.01.2003

Gerrit Bartels hat seine Freude an diesem Debütroman von John Wray, einem Amerikaner mit österreichischen Wurzeln - und sei es vor allem deshalb, weil dieser junge Debütant ausnahmsweise nicht über seine eigenen "naturgemäß beschränkten Lebenserfahrungen" schreibt, sondern über "die Stimmung und die Ereignisse in einem kleinen österreichischen Ort zu Zeiten des Nationalsozialismus". Doch nicht nur das Thema, sondern auch die erzählerische Umsetzung findet der Rezensent - mit einigen Einschränkungen - gelungen. Er schätzt den stringenten Erzählstil, die übersichtliche Gestaltung seiner Erzählung und die gelungenen Naturbeschreibungen des Autors. Nur die Offenlegung der tiefer liegenden Motive seiner Protagonisten ist Wray nicht wirklich gelungen, findet Bartels. Er bemängelt, dass es den an "die großen amerikanischen Shortstory-Erzähler wie Hemingway oder Carver angelehnten" Dialogen nicht gelingt, "im Ungesagten eine Menge mitschwingen lassen" - so wie das bei Wrays offensichtlichen Vorbildern der Fall ist. So wirken die Dialoge in den Augen des Rezensenten oft wie "Stilübungen".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.12.2002

"Ein grandioser Roman", ruft Klaus Harprecht voller Begeisterung aus. Zunächst einmal ist der Rezensent neugierig gewesen, was den so "fantasiebegabten" und "historisch hellhörigen" in Brooklyn aufgewachsenen, 1971 in Washington D.C geborenen Autor John Wray dazu bewegt, sich der Geschichte seiner österreichischen Mutter anzunehmen. Was daraus geworden ist, erinnert den Rezensenten an die Schreibweisen von Sandor Marai, Joseph Roth, Robert Musil und Robert Walser. Mit "langem Atem" und "zäher Geduld" zeichne Wray das Leben der Mutter in einem österreichischen Dorf in der NS-Zeit nach, lasse seine Figuren "lebensvoll aufleuchten" und präsentiere dabei gleichzeitig eine "komplexe" Romanstruktur. Dass dem Autor dabei ein "kleiner Fehler" unterlaufen sei, in dem er Walter Schellenberg bereits im Jahr 1934 zum Chef des Auslandsnachrichtendienstes des Reichssicherheitshauptamtes erhebe, obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch ein "kleiner Zuträger des SD" war, kann Harprecht glatt verzeihen. Ein großes Lob spendet der Rezensent auch dem Übersetzer Peter Knecht, der den Roman geradezu "brillant" eins zu eins vom Englischen ins Deutsche gebracht habe.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.08.2002

Deutlicher als Thomas Laux in seiner Besprechung des in den USA "sehr gefeierten" Romandebüts des 30-jährigen John Wray kann man einen Verriss kaum formulieren. Der Plot - der Österreicher Oskar Voxlauer kehrt nach zwanzig Jahren 1938 in seine Heimat zurück - lässt, so Laux, "eine spannende Geschichte vermuten". Aber weit gefehlt, meint der Rezensent. Denn der Autor verleihe seinen Figuren einfach "keine wirkliche Tiefe", sie bleiben "blutleer" und "holzschnittartig". Missfallen hat ihm auch, dasss Wray in den Roman einen typografisch abgesetzten Subtext eines "Obersturmführers" eingebaut hat, der "Erhellendes" zum historischen Kontext beitragen soll. Der Mann wird nicht "glaubhaft" in Szene gesetzt, sondern verliert sich in einem "Sammelsurium umständlich verrätselter Ansätze" und "historischer Klischees", schimpft der Rezensent. Das ist gerade mal Stoff für eine "Seifenoper", klagt er und rät dem Leser davon ab, hier seine Lesezeit zu "verschwenden".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.07.2002

Nicht ganz schlüssig scheint sich Rezensent Tilman Urbach über dieses Buch zu sein. Die Erinnerungslastigkeit, der hohe Ton, mittels deren der amerikanische Autor mit den europäischen Wurzeln in diesem Buch das Panorama des ländlichen Österreich der 30er entwirft, "die dunstige Tonigkeit", die Urbach an Robert Walser denken lässt, all das scheint ihm ja zu gefallen. Zumal der Nachgeborene Wray, wie Urbach versichert, keineswegs altklug in Schwarzweiß male, sondern "mit feinen Tönen die Situation zu zeichnen, Beweggründe und Selbsttäuschungen der Menschen offenzulegen" verstehe. Etwas unvermittelt erscheinen so Urbachs Vorwürfe am Ende der Besprechung, der Autor bediene sich ("in schöner Weise" immerhin) vieler Klischees, die man sich "im fernen Amerika" von den Alpenländern mache, die Grundierung des Buches bleibe künstlich, die Figuren (ein Kriegsheimkehrer, ein jüdischer Geschäftsmann, die Kusine eines SS- Führers) wirkten "zuweilen papieren".