Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2002. Die FAZ feiert Martin Scorseses "Gangs of New York". Michael Rutschky denkt in der FR über die wirtschaftlichen Existenzängste von Freien und Angestellten nach. Die taz diagnostiziert ein Virus-Ranking an deutschen Hochschulen. Die NZZ verteidigt Jimmy Carter. Die SZ denkt über die Integration der osteuropäischen Länder in die EU nach.

FAZ, 10.12.2002

Martin Scorseses Film "Gangs of New York" ist ein "Meisterwerk", jubelt Jordan Mejias, eine "Allegorie auf die Geburt Amerikas aus der Gewalt", für die Kameramann Michael Ballhaus "fulminante, überbordende Totentänze choreografiert" hat. Und dann die Schauspieler! "Daniel Day-Lewis, hinter einem mächtigen schwarzen Schnauzer kaum wiederzuerkennen, stattet die Figur mit einer überdimensionierten Theatralik aus, die sich den surrealistischen Ehrenkodex des zeitversetzten Mafiabosses nutzbar macht, um viriler Sanftmut jederzeit Explosionen der Gewalt zu entlocken ... Day-Lewis' überlebensgroßem Gangleader hält Leonardo DiCaprio in der Rolle des rächenden Sohnes bravourös stand. DiCaprio schafft die Verwandlung vom milchgesichtigen Tor zum milchgesichtigen Patriarchen, der über genug Würde und Gravitas gebietet, um seine Mannen in den Kampf der Kämpfe gegen den Mörder seines Vaters zu führen." Kaum zu glauben.

In der FAZ-Reihe "Prügel für die Regierung" porträtiert Andreas Rossmann heute den Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit Wolfgang Clement als "Allgemeinplatzhirsch", der schon sein Nordrhein-Westfalen komplett heruntergewirtschaftet habe. "Seine Ausstrahlung ist sehr viel höher als seine Kompetenz und trägt ihn, insofern einen perfekten Darsteller der Mediendemokratie, unbeschadet über seine politischen Niederlagen hinweg. Das ist Clements Kapital - und zugleich sein Problem." (Erstaunlich, wie spitz Journalisten immer wieder das Wörtchen "Mediendemokratie" gegen Politiker wenden, als hätten sie selbst nichts damit zu tun).

Weitere Artikel: Heinrich Wefing stellt die vom amerikanischen Außenministerium herausgegebene Anthologie "Writers on America" vor, in der fünfzehn Autoren über den Einfluss des Amerikanischen auf ihr Werk meditieren. Florian Mercker meldet die Gründung eines Universitätsinstituts für Stiftungsrecht in Wittenberg. Monika Osberghaus berichtet, dass die Kindertheater immer mehr Bilderbücher inszenieren. Eberhard Rathgeb hat den Einzug der Prominenz zur Premiere des Musicals "Titanic" in Hamburg beobachtet und teilt uns nebenbei mit, dass Innensenator Roland Schill "das Gift, das beim Sturm auf das Moskauer Theater eingesetzt worden ist, auch in Hamburg verwenden möchte".

Auf der "Bücher und Themen"-Seite porträtiert Andre Kieserling den Gründer der modernen Gesellschaftstheorie Talcott Parsons (mehr hier und hier). Auf der Medienseite lesen wir zwei Nachrufe (einer hier) auf Gerhard Löwenthal. Auf der letzten Seite porträtiert Klaus Ungerer Deutschlands unbekanntesten Nobelpreisträger: Ludwig Quidde. Michael Althen porträtiert den spanischen Filmregisseur Pedro Almodovar, und Dietmar Dath stellt eine "verborgene Perle der Weltliteratur" vor, John Travoltas Debüterzählung: "Nachtflug nach L.A."

Besprochen werden eine große Ausstellung von Bildern und Kalligraphien vor der Ming-Zeit im Schanghai Museum, Sebastian Baumgartens Inszenierung von Moritz Rinkes "Die Nibelungen" in Freiburg, eine Ausstellung des "Ego-Designs" und der Zeichnungen Franz von Stucks in der Münchner Villa Stuck, Kazushi Watanabes Film "19", das Konzert von Richard Ashcroft in München und Bücher, darunter Jörg Friedrichs "Der Brand (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 10.12.2002

In einem Essay denkt Michael Rutschky ("Die Stadt als Roman") über die Existenzangst nach, "die das Wirtschaftsleben hervorruft", und ventiliert im Folgenden die Unterschiede, in denen sich die "Angst vor dem Verarmen und Verhungern" bei Angestellten und frei Arbeitenden zeigt. Beim Angestellten "will es das Unglück, dass an der Angst nicht deutlich zu erkennen ist, welcher Realitätsgehalt ihr eignet. Pleiten kommen vor; betriebsbedingte Kündigungen werden jeden Tag gemeldet, und das bei Betrieben, die gestern als bombensicher galten. Hier bietet die freie Existenz gegenüber der des Angestellten einen starken Vorteil. Verarmen hin, verhungern her, ich kann mich trotzdem an die Fortsetzung der Arbeit machen, die anliegt, oder die nächste in Angriff nehmen; und wenn's unbedingt das Sofa sein muss, lese ich halt ein Buch, das sowieso gelesen sein will, also auch zur Arbeit rechnet."

Frank Keil porträtiert die Hamburger Stresemannstraße, eine jener landläufigen innerstädtischen Schneisen, darüber hinaus aber auch "eine Schnittstelle von Verlangen und Abwehr". Denn hier gilt "die Regulierung des erlaubten Fahrtempos als Maßstab für eine menschengerechte Stadt überhaupt." In "unregelmäßigen Abständen, aber vornehmlich zur Hauptverkehrszeit" wird deshalb wirksam, weil blockierend "gegen den fließenden Verkehr demonstriert".

Weitere Artikel: Der aus Czernowitz gebürtige und heute in Israel lebende Schriftsteller Aharon Appelfeld ("Alles, was ich liebte") wirft einen "Freundesblick" auf Imre Kertesz, dem heute der Literaturnobelpreis verliehen wird. Ulrich Speck referiert die Positionen einer New Yorker Tagung zum Antisemitismus, an der u.a Dan Diner, Helmut Dubiel und Claus Leggewie teilnahmen. Und in der Kolumne Times mager entdeckte "tt" das "Bohlenhafte der Politik" beim "Vorsitz-Casting der Grünen" während ihres Parteitags in Hannover.

Besprochen werden eine Inszenierung von Georg Kreislers Chansonstück "Adam Schaf hat Angst" im Berliner Ensemble und die Uraufführung von Marius von Mayenburgs "Das kalte Kind" an der Berliner Schaubühne.

TAZ, 10.12.2002

Im Aufmacher erläutert Peter Fuchs, wie die unter Druck geratenen Hochschulen - "Ranking, Evaluierung, Drittmitteleinwerbung" - zunehmend ihre Freiheit einbüßen und ihre Forschung verstärkt an den Anforderungen des Markts orientieren. Ein ganzes Bündel "gleichsam brüllender Viren", die auch "ohne Elektronenmiskroskop" leicht zu erkennen seien, habe die Institution Universität befallen. Zum "Virus" Ranking stellt er etwa fest: Die Hochschulen "beobachten nicht sich selbst, sondern das, was Massenmedien als Beobachtung der Hochschule vorführen. Sie gewinnen ein Bild ihrer selbst anhand von Massenmedien, die Massenbedürfnisse befriedigen. Die Panik stellt sich nicht ein, weil die Hochschulen selbst Probleme haben (zum Beispiel das des progressiven Ressourcenentzuges), sondern weil sie ihnen angesonnen werden - als Ranking. Die Angst gilt dem Vergleich, sie ist eifersuchtsähnlich."

Außerdem erzählt Falko Hennig, wie die "teuerste taz-Kolumne aller Zeiten" zustande kam - und warum diese "leider nicht die taz", sondern er selber bezahlt.

Besprochen werden die Uraufführung von Marius von Mayenburgs Stück "Das kalte Kind" an der Berliner Schaubühne und viele Bücher, darunter Jörg Friedrichs Untersuchung über den Bombenkrieg gegen deutsche Städte, Romane von Milton Hatoum (hier) und Martin Schacht (hier) (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und schließlich TOM.
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NZZ, 10.12.2002

Heute bekommt Jimmy Carter, Ex-Präsident der Vereinigten Staaten, den Friedensnobelpreis und der CDU-Politiker Friedbert Pflüger begrüßt diese Entscheidung und verteidigt Carter auf ganzer Linie - sowohl als Friedensstifter und Menschrechtspolitiker wie auch als US-Präsidenten. "Es gilt Abschied zu nehmen von dem verbreiteten Klischee, Carter sei ein naiver und inkompetenter Erdnußfarmer. Einem Naiven gelingt es nicht, so hervorragende Köpfe wie Cyrus Vance, Zbigniew Brzezinski, James Schlesinger, Harold Brown, Sol Linnowitz oder Samuel P. Huntington als enge Mitarbeiter in der Administration zu gewinnen. Jimmy Carter ist vielmehr ein äußerst zielbewusster Politiker mit ungewöhnlichem Stehvermögen."

Weitere Artikel: Der Historiker Götz Aly interviewt Raul Hilberg, der für seine Studie über "Die Vernichtung der europäischen Juden" kürzlich mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet worden ist. Das Gespräch der beiden dreht sich um Hilbergs Leben, seine Flucht aus Österreich, seine Rückkehr nach Europa als amerikanischer Soldat, vor allem um den steinigen Weg, den Hilberg bis zur Veröffentlichung seines Buches auch in Deutschland zurücklegen musste. Georges Waser berichtet von der Verleihung des Turner Prize an den britischen Gegenwartskünstler Keith Tyson (mehr hier).

Besprochen werden die Uraufführung von William Styrons Roman Sophies Choice als Oper im Royal Opera House London, Vicente Martin y Solers Oper "La capricciosa corretta" in Lausanne und der Auftritt des deutschen Peterson-Quartetts in der Zürcher Tonhalle. Und Bücher, darunter Gabriel Garcia Marquez' Autobiografie "Leben, um davon zu erzählen" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 10.12.2002

Unter der Überschrift "Leidensticket nach Westen" denkt Richard Swartz, Osteuropa-Korrespondent der schwedischen Zeitung Svenska Dagbladet, über die schwierige Integration der osteuropäischen Länder nach. Das Hauptproblem bestehe darin, dass die westlichen Politiker noch "keine richtige Antwort" darauf gefunden hätten, "was dieses Europa eigentlich sein soll". "Wozu brauchen wir Slowenien oder die Slowakei? Im besten Fall wird die Osterweiterung von den meisten Westeuropäern als Pflicht wahrgenommen. Auf irgendeine dunkle Weise ist sie unausweichlich, und das einzige, was wir mit Sicherheit zu wissen glauben, ist, dass uns diese Geschichte Geld kosten wird." Er zweifle daran, dass ein "Westeuropa, das ganz erfüllt ist vom Bewusstsein eigener Vortrefflichkeit und fest davon überzeugt, den Kalten Krieg gewonnen zu haben" an den notwendigen und "langen Erfahrung mit dem Überleben in totalitären Systemen" wirklich interessiert sei. Letztlich sei aber "mit dem Herzen gesprochen" "kein Westeuropa mehr vorstellbar, das von Osteuropa getrennt sei".

Weitere Artikel: Tobias Kniebe begrüßt die Emanzipation der "Stehauf-Fräuleins" Mariah Carey, Whitney Houston und Missy Elliot "von falschen Männern und Idealen". Andrian Kreye resümiert eine New Yorker Tagung, die die Gemeinsamkeiten von Antisemitismus und Antiamerikanismus untersuchte. Alexander Kissler besuchte eine Tagung in Berlin zum Thema Rausch, Gewalt und Diktatur. "G.s." kommentiert Berlusconis verblüffenden Lösungsansatz zur Dämpfung der Arbeitslosigkeit (einfach "nicht offiziell", also schwarz arbeiten). In der Kolumne Zwischenzeit lobt Joachim Kaiser den heroischen Zynismus als Möglichkeit der Ehrenrettung. Jörg Heiser stellt den diesjährigen Gewinner des Turner Prize, Keith Tyson, vor. Gemeldet wird außerdem die Zuerkennung des Bayrischen Filmpreises an Roman Polanski. Gerhard Matzig gratuliert dem "Architekturpolitiker" Peter Conradi zum 70. Geburtstag. Auf der Seite Drei würdigt Evelyn Roll den verstorbenen Gerhard Löwenthal ("Deutschland-Magazin") als "Lieblingsfeind des DDR-Regimes", der "am Ende auch noch Recht behielt".

Besprochen werden eine Retrospektive von Stefan Moses im Münchner Fotomuseum, eine Ausstellung über den Akt in der Kunst des 20. Jahrhunderts in der Kunsthalle Emden, Martin Scorseses "umkämpfter" Film "Gangs of New York", die als "Halbstarkenfilm" apostrophierte neue Arbeit von Kazushi Watanabe, "19", und zwei Theaterinszenierungen: Brechts "Dreigroschenoper" am Schauspielhaus Hannover und die Premiere von Moritz Rinkes Wormser Nibelungen-Stück "Kriemhilds Traum" als "Innenraum- Variante" am Freiburger Theater. Außerdem Bücher, darunter die Überlegungen von Horst-Eberhard Richter zur Krise des westlichen Bewusstseins, eine Studie zur Philosophie von Giambattista Vico, eine Sammlung lustiger Anekdoten aus der Welt der Chemie und Essays von Brigitte Kronauer. (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).