Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2002. Die SZ findet den Kompromiss zum Internationalen Strafgerichtshof faul. In der FR äußert der pakistanische Autor Mohsin Hamid Hoffnungen auf eine Liberalisierung seines Landes. Die taz erinnert an die Stuttgarter Weißenhof-Siedlung. Die NZZ weiß, warum Vladimir Sorokin in Russland verfolgt wird. In der FAZ untersucht Peter Bürger den Kunstbegriff der Documenta.

FAZ, 16.07.2002

Der Literaturwissenschaftler Peter Bürger (mehr hier) untersucht den Kunstbegriff der Documenta 11. "Lautete die implizite Frage der voraufgegangenen Documenten: Was ist die Kunst der Gegenwart?, so lautet die Frage, die die Documenta 11 aufwirft: Was zeigt die Kunst von den Problemen der gegenwärtigen Welt?" Zugleich aber lässt sich die Kunst der documenta nicht im traditionellen Sinne als "politische Kunst" verstehen: "Aus den Ländern der Dritten Welt kommt uns hier eine Ästhetik entgegen, die nicht nur den Gegensatz von Kontemplation des Einzelwerkes und zerstreuter Rezeption hinter sich lässt, indem sie uns zu aufmerksamer Betrachtung nötigt, auch der Gegensatz von politischer und reiner Kunst, der die europäischen Debatten um die engagierte Kunst begleitet hat, verliert angesichts von Arbeiten wie den genannten viel von seiner Brisanz."

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen (mehr hier) hat kapiert, worum es in den Börsen wirklich geht: "Das Sprechen der Börse, sagte ich mir, gilt seit einiger Zeit allen, also auch jener Mehrheit der Nichtaktienbesitzer, als eine Art Vernehmlichwerden des Weltgeistes, als ein letztes vollkommen universelles Sprechen. Die Börsenkurse besitzen Allgemeinverbindlichkeit, exakteste Faktizität und dazu: prophetische Kraft. Sprich, wenn in China der Sack Reis umfällt, weiß es Sekunden später der Nikkei."

Weiteres: Ingolf Kern berichtet, dass die Berliner SPD - immer stolz auf ihre kulturpolitischen Blamagen - Peter Zumthors Bau für die Stiftung Topographie des Terrors nun doch wieder aushebeln will. Ellen Kohlhaas stellt anhand des Kissinger Sommers fest, dass den Klassikfestivals zusehends das Publikum ausgeht. Michael Gassmann begleitet in der Serie "Im Milieu" den Freiburger SPD-Mann Gernot Erler (mehr hier) in seinem Bundestagswahlkampf. Stephan Sahm berichtet, dass sich die Stars der Bioethik in den USA einen Verhaltenskodex auferlegen, um ihre Verhältnisse mit den Biotech-Unternehmen zu klären, die sie nicht selten für ihren Expertenrat bezahlen. Andreas Rossmann meldet, dass der Ort der Knochenfunde im Neandertal nun zugänglich ist. Robert von Lucius freut sich, dass Lettland eine neue Nationalbibliothek baut - verwirklicht wird für dieses größte Bauprojekt des Landes seit der Wende ein Entwurf des Architekten Gunnar Birkerts. Einen Sieg für die Demokratie vermeldet Karol Sauerland aus Polen: Die Ex-Kommunisten wollten im Senat das Lustrationsgesetz aushöhlen, das ehemalige IMs der Geheimdienste entlarven sollte - das Verfassungsgericht hat sie jetzt gestoppt.

Auf der letzten Seite schreibt Dietmar Dath ein kleines Profil der amerikanischen Autorin Poppy Z. Brite. Oliver Tolmein fürchtet angesichts einer in Schottland geplanten "Mental Health Bill", dass der "Griff ins Gehirn von Geistesschwachen wieder medizinischer Alltag" werden soll. Und Wolfgang Pehnt besucht das spektakuläre Glashaus, das sich der Architekt Werner Sobek (mehr hier) in Stuttgart gebaut hat. Auf der Bücher-und-Themen-Seite befasst sich der Schriftsteller Ulrich Holbein mit Büchern über Bäume und den Wald. Auf der Medienseite bespricht Jürgen Kaube zwei Porträts, die das ZDF über Gerhard Schröder und Edmund Stoiber gedreht hat.

Besprochen werden die Ausstellung "World Airports" im Architekturmuseum Frankfurt und Hasko Webers Inszenierung von Arnolt Bronnens Stück "Recht auf Jugend" in Mannheim.

NZZ, 16.07.2002

Schamma Schahadat schildert in einem "Schauplatz Russland", wie die Putin-nahe Jugendorganisation "Gemeinsamer Weg" gegen die Bücher Vladimir Sorokins vorgeht. Gerüchte besagen, dass die Aktionen in Wirklichkeit auf andere Bücher des Ad Marginem-Verlags zielen, nämlich die Bücher des National-Bolschewisten Eduard Limonow und eine politische Kolportage von Alexander Prochanow, die Putin zu stören scheinen. "Der angestrebte Prozess gegen Sorokin wäre damit nur ein Stellvertreter-Prozess, ein Schauprozess, der Ad Marginem in die Schranken weisen soll."

Weiteres: Marc Zitzmann berichtet über ein neues Buch von Renaud Camus, um den vor zwei Jahren eine Art französischer Walser-Affäre wegen angeblichen Antisemitismus geführt wurde - nun antwortet er auf 550 Seiten. Martin Woker stellt ein mit Schweizer Mitteln gefördertes Buchprojekt vor, in dem sich kroatische, serbische, bosnische und kosovarische Autoren mit der Nachkriegszeit auseinandersetzen.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Architekten und Designer John Pawson in Valencia, Strawinskys Oper "The Rake's Progress" in München und einige Bücher, darunter Liebesromane von Ana Bilic und Brina Svit und ein Buch über Shakespeare im deutschen Theater des 20. Jahrhunderts (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und schließlich finden wir einen Vorabdruck aus Dieter Bachmanns neuem Roman "Grimsels Zeit".

TAZ, 16.07.2002

Ulla Hanselmann ist in Stuttgart auf Ignoranz gestoßen, kaum einer interessiert sich dort für die Weißenhof-Siedlung (website), die nun ihren 75. Geburtstag feiert. Das ist eine Schande, denn: "Die Weißenhofsiedlung ist ein weltweit einmaliges Museum der frühen Moderne unter freiem Himmel, 1927 als Herzstück der Werkbundausstellung 'Die Wohnung' entstanden. Die internationale Architektur-Avantgarde hatte hier ihre Visitenkarte abgegeben: Mies van der Rohe, Le Corbusier mit seinem Vetter Pierre Jeanneret, Hans Scharoun, Jacobus J. P. Oud ... Es sind alte Vorurteile, die da nachwirken, meint Hanselmann: "Die Nationalsozialisten hatten es blendend verstanden, das Unbehagen der Bevölkerung gegenüber dem radikal neuen Baustil in Abscheu zu verwandeln. Sie erklärten die Siedlung 1933 zum "Schandfleck" Stuttgarts und hießen die Architekten 'Kulturbolschewisten'. Damit zimmerten die Nazis Vorurteile und Emotionen fest - die allerdings schon von Anfang bestanden."

Dietrich Kuhlbrodt hat beim Filmfestival in Karlovy Vary die ersten Anzeichen größerer Erschütterungen gesehen: "Und doch lauert unterm Grund die Gewalt. Den Internationalen Filmfestspielen Karlovy Vary ist anzurechnen, dass sie die Latenzen, auf die wir uns gefasst machen können, auf die Leinwand brachten."

Besprochen werden politische Bücher, darunter mehrere Bände über die Globalisierung und Wolfgang Hafners "Im Schatten der Derivate" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Sonst nur Tom.
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FR, 16.07.2002

Im Interview erklärt der pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid, der derzeit allerdings als Unternehmensberater in London lebt: "Westlich orientierte Pakistaner sind in der Regel reich oder gehören zur Mittelschicht und so haben die Armen ein verständliches Misstrauen gegenüber denen, die von liberalen Werten reden. Als Leute wie mein Vater in den sechziger und frühen siebziger Jahren an den Universitäten unterrichteten, war die Unterstützung solcher Ideen noch populärer als heute. Doch mit den Städten wächst in Pakistan auch ein Wählerpotential der Mittelklasse, das bereit ist, die Probleme von einem liberalen Ansatz aus anzugehen." Zum Thema Atomwaffen meint er: "Pakistans Nachbarn sind der Iran, Afghanistan, Indien und China. Mit Sicherheit ist das eine der gefährlichsten Gegenden der Welt. Atomwaffen schaffen ein Sicherheitsgefühl, das sich die Menschen hier verzweifelt wünschen. Vermutlich haben sie Indien in diesem Jahr davon abgehalten, Pakistan anzugreifen. Nur sehr wenige Pakistaner meinen, dass wir diese Waffen nicht benötigen."

Außerdem: Michael Grus berichtet, dass in Mannheim ein Jugendwerk des erst expressionistischen, später nazistischen, zuletzt in der DDR lebenden Dichters Arnolt Bronnen ausgegraben wurde. Imke Elliesen-Kliefoth hat eine Berliner Tagung besucht, die zu Ehren des nun emeritierten Philosophen Herbert Schnädelbach (hier noch die Uni-Homepage) veranstaltet wurde. Times mager widmet sich heute der Gleitzeit.

Besprochen werden zwei Ausstellungen jüngster Kunst (eine in der Lüneburger Halle für Kunst, eine in der Kieler Kunsthalle) und eine Ausstellung zur "Neuen Deutschen Architektur" im Berliner Gropius-Bau. Zum Abschluss Musik: Die Salzburger Mozart Band spielt, mit Bass und Schlagzeug, Teenager-Musik des großen Wolfgang Amadeus, und Volker Pantenburg stellt CDs von Ekkehard Ehlers, März und Nobukazu Takemura vor.

SZ, 16.07.2002

Der Strafrechtler Kai Ambos stellt klar, dass der Kompromiss zum Internationalen Strafgerichtshof ein fauler ist: "Der völkerrechtliche und politische Schaden des 12. Juli ist noch nicht absehbar, die Diskussion hat gerade erst begonnen. Klar ist immerhin schon, dass die Resolution 1422 eine völkerstrafrechtliche Zweiklassengesellschaft schafft: Zwischen Staaten, die ihre Staatsangehörigen im UN-Friedenseinsatz der neuen internationalen Strafgerichtsbarkeit unterwerfen, und Staaten, die Immunität von dieser Gerichtsbarkeit beanspruchen." Die heftigsten Vorwürfe gelten den Europäern, die umgefallen sind, das Fazit ist bitter und vielleicht ein bisschen arg pathetisch: "Der 12. Juli ist nicht nur ein schwarzer Tag für das Völkerstrafrecht. Er ist auch ein schwarzer Tag für Europa und seine Fähigkeit, die gemeinsamen Ideale und Werte durchzusetzen ... Er markiert das Ende der Unschuld des Völkerrechts gegenüber der Machtpolitik."

Julia Encke fällt zum Start von Westerwelles Wohnmobil (hier ein Foto, da die Tour-Website)eine Geschichte von Robert Gernhardt ein, die nicht gut ausgeht (Bärenfalle!), außerdem stellt sie berechtigte Fragen: "Die Partei will auf die Straße. Warum aber ausgerechnet im Wohnmobil? Warum nicht im Sportwagen oder in der Limousine?"

Doppelt widmet man sich dem Deutschen Historischen Museum (hier die Website) in Berlin. "Schön, aber nutzlos" findet Gottfried Knapp den Neubau (Real-Video bzw. Baustellen-Webcam) des Architekten Ieoh Ming Pei (und gebraucht das unschöne Wort "Altherrenspielzeug"), und Ulrich Raulff stellt den Christoph Stölzl nachgefolgten Direktor des Museums, Hans Ottomeyer, vor.

Außerdem: Evelyn Roll macht sich schweifende Gedanken zum Flugzeugunglück über dem Bodensee. Kristina Maidt-Zinke war ganz Ohr, als man am Karlsruher ZKM zum Thema "Bildersturm und Bilderflut" tagte. Verena Auffermann hat sich in Hannover eine Ausstellung mit dem bildnerischen Werk des verstorbenen Theater-Genies Einar Schleef angesehen. Fränkisch gemütlich war's bei den Luisenburg-Theaterfestspielen (Website) in Wunsiedel. Auch in Franken, nämlich in Bamberg, hat sich Alexander Kissler die Ausstellung zum Wittelsbacher König Otto von Griechenland angesehen.

Besprochen werden weiter der Film "Cuba Libre" mit, aber nicht von Woody Allen, Strawinskys Oper "The Rake's Progress" in München und Bücher, darunter Bruno Richards Thriller "Desaster" und Hartmann Hinterhubers Versuch, die Seele zu retten. (Siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).