Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.04.2002. In der SZ gibt Wolf Lepenies der Linken die Schuld an der französischen Katastrophenwahl. Für die FAZ wiederholt sich hier eine Tragödie als Farce. Die FR denkt über das Dilemma der europäischen Juden angesichts der Nahostkrise nach. In der taz stellt Diedrich Diedrichsen einen fiktiven, aber höchst lebendigen Maler vor. Die NZZ sucht ein remedium concupiscentiae für katholische Priester und schlägt die Ehe vor.

SZ, 24.04.2002

Der desaströse Ausgang der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich erhitzt weiter die Geister. Wolf Lepenies etwa warnt davor, das Ergebnis mit einer Naturkatastrophe zu vergleichen, bei der es keine Schuldigen gibt. Wie so oft in ihrer Geschichte sei die Linke auch in Frankreich für ihre Einfalt und arrogante Selbstbezogenheit bestraft worden, "ihre polemische Energie richtete sie auf den Konkurrenten im bürgerlichen Lager, während sie die extreme Rechte als etwas Unappetitliches hinnahm, das genieren mag, im Ernst aber nicht schaden kann." Und die traditionelle Rechte mit Chirac habe durch ihre Themen- und Wortwahl (zum Beispiel "Sicherheit") "die extreme Rechte mit einer Zusatzlegitimation bekleidet, statt schonungslos ihre moralische Blöße und ihre Armut im Geiste zu enthüllen".

Auch der französische Schriftsteller Jean Rouaud ("Der Porzellanladen") kommentiert den Wahlschlamassel in seinem Land. Einen Höhepunkt der Ironie sieht Rouaud darin, dass "unser bretonischer Faschist" unfreiwillige Hilfe von Scharon erhalten habe, dessen Vorgehen er, Le Pen, verstehe. "Denn er denkt noch immer an den Krieg in Algerien ... er wird ein zufriedenes Gesicht gemacht und voller Einverständnis genickt haben. Ja, und weil er gerade dabei ist, erklärt er sich zum Experten und Kenner und gibt einer großen israelischen Zeitung ein Interview, in dem er Scharons Politik der verbrannten Erde gutheißt. Selbstverständlich heiligt der Zweck die Mittel. Und dieser Le Pen soll ein Antisemit sein?"

Andere Artikel: Der Genozidforscher Mihran Dabag gedenkt des Genozids an den Armeniern vor 87 Jahren und kommentiert die Leugnungspolitik der Türkei. In der Reihe zur Modernität der Kirchen behauptet der Pastor Matthias Schreiber, die Bibel leiste mehr als Callcenter und Talkshows. Michael Frank erklärt, warum die EU bei kleineren Gesellschaften "amorphe Ängste" verursacht. Clemens Prokop war auf einem Gipfeltreffen der Musikindustrie in Berlin, wo man hauptsächlich über die eigene Misere nachdachte. Ulrich Raulff erklärt, wie Gerhard Schröder seinen bayrischen Kontrahenten "auf der Barockspur des Lebens" aussticht. Jonathan Fischer stellt uns den Popmusik-Arrangeur Claus Ogerman (mehr hier) vor. Uwe Mattheiss freut sich, dass Hans Holleins Entwurf für ein Museum im Mönchsberg in Salzburg endlich realisiert werden könnte. D.M. teilt mit, dass Sotheby's und Christie's für illegale Absprachen bezahlen müssen. Fritz Göttler berichtet vom vierten "Overlooked Film Festival" in Champaign in Illinois. Christian Jooss schreibt den Nachruf auf Layne Staley, Sänger bei "Alice in Chains", und "sus" bedauert den Tod der Porno-Darstellerin Linda "Lovelace" Boreman (für Erwachsene mehr hier).

Besprochen werden James Ivorys Henry-James-Verfilmung "The Golden Bowl", eine Retrospektive von Max Baur im Fotografie-Forum in Frankfurt, Kevin Smiths Hollywood-Filmgroteske "Jay und Silent Bob schlagen zurück", Händels Oper "Ariodante", dirigiert von Reinhard Goebel in Freiburg, die Uraufführung von Sarkis Gazaryans Komposition "Avedis" in München, eine Ausstellung über den Schriftsteller Martin Flinker im Musee d'Art et d'Histoire du Judaisme in Paris sowie Lektüre: Andrzej Stasiuks neuer Roman "Neun", Franzobels Roman "Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit" und ein Konversationslexikon, das ganz unbescheiden vorgibt, das "letzte" zu sein (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 24.04.2002

Natan Sznaider erklärt das Dilemma, in das der Nahostkonflikt Juden in Europa und insbesondere in Deutschland bringt. "Schon in den Nürnbergern Prozessen spielten die Juden die Rolle der Menschheit, als die führenden Nazis von den Alliierten unter anderem als Verbrecher gegen die Menschheit und die Menschlichkeit verurteilt wurden. Diese spezifische Diaspora-Identität wirft in Bezug auf Israel Probleme auf. Israel ist ein ethnischer Staat - für Juden von Juden konzipiert, die ihre jüdische Identität nicht in der Menschheit aufgehen lassen wollten und konnten." Werde zudem der Nahostkonflikt in die Städte Europas hineingetragen, so Sznaider, steuerten "das global legitimierte Menschenrechtsregime und der Selbstbehauptungskampf des ethnischen Staates Israel auf einen klaren Kollisionskurs zu - und belasten damit die Juden in Europa."

Weiteres: "Times mager" kommentiert eine werbetechnische Aufwertung des Psychiaters zum guten Kumpel. Jochen Stöckmann teilt mit, dass John Steinbecks 1942 erschienener Roman "The Moon Is Down" auf Szenarien für den Aufbau von Widerstandsorganisationen zurückgeht, die Steinbeck dereinst für die US-Geheimdienste ausarbeitete. Christian Thomas sucht im Museum Kalkriese nach Spuren der Varusschlacht. Roland HH Biswurm berichtet vom Musik-Festival "Taktlos" in Zürich. Und wir erfahren, dass die Osloer Multikulti-Bühne Cosmopolite aus Angst vor Terror die Norwegentournee der jüdischen Musik-Gruppe Kol Simcha abbrechen ließ.

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung mit Fotografien von Andreas Herzau im Hamburger Museum der Arbeit, einem kitschigen "Boris Godunov" in Mailand, James Ivorys Henry-James-Verfilmung "The Golden Bowl", der Animationsfilm "Jimmy Neutron - der mutige Erfinder" sowie eine offenbar leicht verwirrende Schau aus der Bildmedien-Sammlung Schürmann in der Kunsthalle Baden-Baden.

TAZ, 24.04.2002

Diedrich Diederichsen stellt den fiktiven Polyobsessiven Georg Paul Thomann vor (und dazu ein Buch, das man als Biografie bezeichnen könnte, wär Thomann echt), der Österreich auf der Biennale von Sao Paulo vertritt. "Thomann fällt zunächst durch Vertrautheit auf. Anders als Zelig entleert er sich nicht dadurch, dass er immer und überall dabei war. Anders als Zelig war er ja stets Akteur: Anstifter, Schuldiger ... Will man Thomann mit echten Menschen überblenden, dann bietet sich an, ihn als eine Mischung aus Martin Kippenberger und Peter Weibel zu beschreiben."

Daniel Bax berichtet vom passenderweise im Berliner Wirtschaftsministerium abgehaltenen Kongress "Musik als Wirtschaft", auf dem die Exportfähigkeit deutschen Pops geprüft wurde: "Letztlich läuft alles auf eine Stärkung dessen hinaus, was im Branchenjargon der Plattenfirmen gern 'nationales Produkt' heißt. Doch um jeden falschen Zungenschlag zu vermeiden, bevorzugte man in Berlin das englische Wort domestic oder sprach verschämt von 'Vielfalt', als ob es um den Erhalt vom Aussterben bedrohter Vogelarten ginge." So ähnlich halt.

Tilman Baumgärtel empfiehlt einen Sampler mit 40 House- und Rave-Stücken aus dem Hause "Ministry of Sound", und Gerrit Bartels bespricht neue Romane junger ostdeutscher Autoren, u.a. Falko Hennigs "Trabanten" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Schließlich TOM.
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NZZ, 24.04.2002

Bedauerliche Nachrichten bringt Urs Schoettli zur japanischen Kirschblüte (mehr hier): "Klimaveränderungen bereiten in Japan nicht nur Politikern Sorgen, die sich noch immer darüber streiten, ob ihr Land das Klimaprotokoll von Kyoto unterzeichnen soll. Auch der Mann auf der Straße wurde in diesem Frühjahr durch das meteorologische Geschehen kräftig verunsichert. Ein zu warmer Winter hatte an vielen Orten die Kirschblüte ungewöhnlich früh erscheinen lassen, und als die Bäume in ihrer vollen Pracht dastanden, meldete sich ein kräftiger Kälteeinbruch, und zuweilen herrschte garstiges Spätherbstwetter."

Hanno Helbling denkt anlässlich der Pädophilie-Vorwürfe gegen katholische Priester über das Zölibat nach. "Dass aber die zölibatäre Lebensform mit der Versuchung zu sexuellem Fehlverhalten nichts zu tun habe, ist eine schwer zu akzeptierende Behauptung. Schon bevor im Zweiten Vatikanum der Ehe eine erheblich differenziertere Wertung zuteil wurde, hat die Sexualethik der katholischen Kirche ihr immerhin zugebilligt, dass sie nicht nur der Kinderzeugung diene, sondern auch ein remedium concupiscentiae, ein Heilmittel gegen die 'Begierlichkeit' sei. Dieses Heilmittel wird den Priestern verweigert; warum sollte das keine Folgen haben."

Besprochen werden eine Ausstellung über Architektur und Wasser im Carnegie Museum in Pittsburgh, Wagners "Götterdämmerung" im Genfer Grand Theatre und einige Bücher, darunter Claude Simons Roman "Trambahn" (mehr hier) und John Bayleys Erinnerungen an Iris Murdoch (mehr hier). (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

FAZ, 24.04.2002

Die Zersplitterung der politischen Landschaft in einer in den letzten Zügen liegenden Fünften Republik untersucht Jürg Altwegg. Nun wird die Wiederholung der Geschichte in Frankreich zur Farce: "Jospin wurde das Opfer der Trotzkisten, die ihn ironischerweise als Maulwurf zu den Sozialisten geschickt hatten. Der anachronistischen Auseinandersetzung zwischen den entstalinisierten Kommunisten auf dem absoluten Tiefstand und den Trotzkisten in der ideologischen Gegenoffensive wird in der Stichwahl das historische Duell schlechthin folgen: Gaullist gegen Neofaschist."

Weiteres: Andreas Rosenfelder schreibt einen humoristischen Aufmacher über das zehnte Treffen der Jagdschriftsteller deutscher Sprache im Jagdschloss Niederwald bei Rüdesheim. Dieter Bartetzko gratuliert Barbra Streisand (mehr hier) zum Sechzigsten. Paul Ingendaay besucht den Prado, wo die Sammlung des geköpften britischen Königs Charles I. gezeigt wird, die man seinerzeit günstig erstand. Auf der Medienseite teilt Reinhard Veser Beunruhigendes über den Stand der Meinungsfreiheit in der Ukraine mit - die Wochenzeitung Dserkalo Tischnja, eine der letzten Bastionen der freien Presse, hat ihren westlichen Investor verloren. Außerdem erfahren wir, dass Berlins Privatradio Hundert, 6 an eine amerikanische Kette verkauft wird. Auf der letzten Seite spaziert Johan Schloemann durch Schöneberger Straßen, die nach preußischen Generalen benannt sind, findet wenig preußisches Gehabe und sagt zur Preußendebatte: "Ein bisschen tot, das gibt es." Edo Reents schreibt ein kleines, nicht besonders frundliches Profil über die Gattin des sächsischen Minsiterpräsidenten Ingrid Biedenkopf. Und Irene Bazinger hat Iris Berben die Tagebücher der Anne Frank und Goebbels' lesen hören.

Besprochen werden Rossinis "Barbier" in der Komischen Oper Berlin, die Ausstellung "Ebenbilder" im Ruhrlandmuseum in Essen, Julian Benedikts Dokumentarfilm "Jazz seen" über den Jazz-Fotografen William Claxton und eine Ausstellung der traurig-graziösen Lampen Ingo Maurers im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt.

Inhaltlich so mager st die FAZ auch wegen der Kulturkalender-Doppelseite, die die Ausstellungen, Schauspielpremieren, Musiktheaterpremieren und Tagungen des Mai auflistet.