Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2001. Harald Schmidt probt "Warten auf Godot", die SZ hat ihn dabei beobachtet. Die FAZ beschreibt Tintenfische mit melonengroßen Augen und die FR analysiert einen Beitrag des Philosophen Bernard-Henri Levys in Le Monde, der die "Globalisierung der Demokratie" beschwört.

NZZ, 28.12.2001

Dänemark und Marc-Christoph Wagner haben heute einen großen Tag. In der NZZ schreibt Wagner über den dänischen Buchmarkt: Die Buchpreise sind extrem hoch, unter anderem weil die Auflagen niedrig sind. "Wer 4.000 Exemplare eines Titels verkauft, kann sich über einen Bestseller freuen." Aber auch der Staat bereichert sich mit 25 Prozent Mehrwertsteuer. "Seit Jahren protestieren dänische Autoren, Händler und Verleger gegen die bestehende Regelung. Immer wieder verweisen sie auf die differenzierten Systeme der anderen europäischen Staaten und deren Abgaben von maximal 8 Prozent. Genützt hat es wenig: Bislang hat noch jede Regierung - unabhängig von ihrer politischen Couleur - den Standpunkt verfochten, ein jeder müsse seinen Teil zum dänischen Wohlfahrtsstaat beitragen."
Andreas Saurer liefert ein Zeitbild aus Moldawien, wo er sich mit Schriftstellern über die betrübliche Lage unterhalten hat: "Moldawien, das seinerzeit einen Viertel der Wein- und einen Drittel der Tabakproduktion der Sowjetunion bestritt, ist zehn Jahre nach der Unabhängigkeit ein ausgeblutetes Land. Zerrieben zwischen Ost und West, eingezwängt zwischen Rumänien und der Ukraine, sucht der junge Staat nach seiner Identität. Die offenste Wunde Moldawiens ist und bleibt Transnistrien: In diesem abtrünnigen schmalen Landstrich jenseits des Dnjestr herrscht seit 1992 Altkommunist Igor Smirnow nach Lust und Laune."
Besprochen werden eine Ausstellung über den deutschjüdischen Architekten Fritz Landauer in Augsburg, eine Ausstellung ungarischer Art-Nouveau-Keramik in Nancy und eine Böcklin-Ausstellung im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.

SZ, 28.12.2001

Alexander Gorkow liefert eine schöne Reportage über Harald Schmidt bei den Proben zu Becketts "Warten auf Godot" am Schauspiel Bochum: "Es ist eine Frage der Haltung, ob man über eine Probe Worte verliert. Also muss hier leider offen bleiben, ob Schmidts Monolog eine glasklare Enttäuschung war, oder: zum Niederknien. So oder so sieht der kurz erschnorrte Probenausschnitt aus wie die Antithese zum steten 'Kuck ?ma, wa?', mit der der Berliner Betrieb auf seine Witzmuskeln zeigt. Schmidt findet Berlin furchtbar. Geht ihm auf den Wecker. Durch das Bochumer Schauspielhaus schreitet er wie andere durch den Dom in Siena."

Holger Liebs missfällt das Design der Euro-Banknoten mit all den Türen, Brücken etc.. "Die trügerischen Motive der neuen Noten sind Ruinen der Wirklichkeit, Prothesen wie der Name 'Euro', der ebenfalls hinreichend inhaltsleer daherkommt. Die eigentliche Sensation der neuen Noten ist ihre ausgefeilte Sicherheitsarchitektur mit Hologrammen, Irodinstreifen, schimmernden Spezialfolien, winzigen, mit bloßem Auge kaum mehr erkennbaren Mustern und Wasserzeichen, Symbolen einer alles umfassenden Virtualisierung, die die Wirklichkeit längst nicht mehr braucht."

Weitere Artikel: BMU empört sich darüber, dass der Euro erst mal nur in Form von Kleingeld unters Volk gebracht wird, und tsr. schreibt zum Tod des Kritikers Hans-Jörg von Jena.

Besprochen werden eine Ausstellung über "Lili Marleen" im Bonner Haus der Geschichte, Ödön von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" in Nürnberg, inszeniert von Georg Schmiedleitner, die Aufführung von Giuseppe Piccionis "Nicht von dieser Welt" in Mailand und Bücher, darunter drei Bücher von und über Sebastian Haffner.

FR, 28.12.2001

In der FR entdeckt uns der Kulturhistoriker Thomas Macho den nomadischen Charakter des Geldes anhand des Euro. "Mit der Ausgabe der neuen Währung werden diese Strategien der Materialisierung des Geldes deutlich relativiert. Die einzelnen Banken werden beispielsweise von einer numinosen Zentralbank dominiert; das neue Geld zeigt in seiner materiellen Gestalt keine Orte mehr, sondern nur noch Durchgänge, Passagen, Fenster und Brücken, während Gesichter und Personen - gleichsam das Versprechen des Kontakts und der symbolischen Kontinuität - verschwinden. Geld ist heimatlos und mobil, das wird dem Euro-Besitzer von vornherein, in der konkreten Materialität der Scheine und Münzen mitgeteilt; es ist anonym, unpersönlich: nicht mehr Kopf, sondern nur noch Zahl."

Außerdem analysiert Roman Luckscheiter einen Le Monde-Beitrag Bernard-Henri Levys, in dem der Philosoph die "Globalisierung der Demokratie" beschwört, den Antiamerikanismus verdammt und dem "Kampf der Kulturen" eine neue Arena eröffnet. Laut Levy, schreibt Luckscheiter, finde letzterer nicht als Kampf zwischen den USA und dem Islam statt, "sondern als Kampf um die Vernunft innerhalb der jeweiligen Systeme: Im Orient zwischen Islamisten und Laizisten, im Westen zwischen Pazifisten und Humanisten".

Marcus von Schmude hilft bei der in den USA heiß diskutierten Frage, ob drohender Terror die Folter rechtfertige. Schmude empfiehlt erstens, es gar nicht zu einem solch "diabolischen Dilemma" kommen zu lassen, und zweitens ? wenn es doch dazu gekommen ist ?, dass untersucht wird, "ob das tatsächlich eine angemessene Beschreibung der Wirklichkeit ist".

Besprechungen widmen sich Giuseppe Piccionis kleinem Meisterwerk "Nicht von dieser Welt", Ben Stillers Fashion-Klamotte "Zoolander", einer Ausstellung der Sammlung Marzona im Hamburger Bahnhof in Berlin, Francesco Maria Veracinis Pasticcio nach Shakespeares "Was ihr wollt" sowie Fotoarbeiten von Hannah Villiger und Inga Svala Thorsdottir im Bonner Kunstverein und zwei neue Bücher über Blues (Carl-Ludwig Reichert: "Blues. Geschichte und Geschichten") und Jazz (Hans-Jürgen Schaal: "Lexikon der Jazz-Standards").
Anzeige

TAZ, 28.12.2001

In den Tagesthemen gedenkt der russische Philosoph Michail Ryklin des Zerfalls der UdSSR vor zehn Jahren. Allerdings ist Ryklin der Meinung, dass die Sowjetunion weiterexistiert ? auf der mentalen Landkarte ihrer Bürger. Für Ryklin zeigt sich das nicht nur darin, dass der postsowjetische Mensch anfängt, sowjetische Kunstprodukte zu sammeln: Plakate, Abzeichen, Eulen ("sova"). Nach einigen Jahren Leben im Westen beginne man überdies zu begreifen, "dass die 'Vorzüge des Sozialismus' die uns die Staatsideologie so ungeschickt eintrichterte, wirklich existierten". Viel Muße z. B. oder die "andere Seite" der Zensur: "Ich erinnere mich bis ins Detail an die Filme und Bücher, die ich 'halb heimlich' in dieser Zeit gesehen und gelesen habe. Sie besaßen die natürliche Anziehungskraft einer verbotenen Frucht, einer Aura, der immer die Freiheit fehlte, sich zu bewegen und Informationen aufzunehmen". Dennoch: Die alten Sowjetzeiten wünscht sich der Philosoph ausdrücklich nicht zurück.

Und im Kulturteil der taz bespricht Morten Kantsteiner Thomas Oberenders "Selbstportraits. 48 Details" in der Inszenierung von Isabel Osthues in Bochum, Frieder Reinighaus gibt einen Rückblick auf das Verdi-Jubiläumsjahr 2001 und die interessantesten Inszenierungen von Hamburg bis Oldenburg, und Andreas Becker folgt seinem ehemaligen Schulkumpanen Sven Regener ins Kreuzberger Prinzenbad und stellt nebenher die neue Platte der "Element Of Crime" vor.

Schließlich Tom.

FAZ, 28.12.2001

Es gibt immer noch Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, die nicht erzählt sind. Marc-Christoph Wagner hat eine aufgespürt: Jahrzehntelang haben dänische Behörden unehelichen Kindern deutscher Besatzungssoldaten allen Einblick in die Akten über ihre Väter verweigert. "Wo immer möglich, sollte der Kontakt zu den deutschen Vätern unterbunden, diesen ein für allemal ihre Rechte genommen werden. Selbst wenn deutsche Väter sich in der Nachkriegszeit um Kontakt zu ihren Sprösslingen bemühten, wurden sie abgewiesen. An Familienzusammenführungen hatte die dänische Regierung kein Interesse. Die Staatsraison setzte die Bürgerrechte außer Kraft."

Felicitas von Lovenberg berichtet, dass Forscher eine neue Art riesiger Tintenfische entdeckt haben, die 1.800 bis 3.000 Meter tief leben und Augen haben so groß wie Melonen. "Ungewöhnlich ist auch, dass die neue Spezies nicht, wie andere Tintenfische, zwei Arme und acht Tentakel hat, sondern zehn gleich lange, dünne Arme, viel länger als der Körper des Tiers, mit denen es wohl nicht nach Beute greift, sondern die es als Netz nutzt." Mehr Informationen über dieses seltsame Tier fnden Sie womöglich hier).

Weiteres: Der Althistoriker Werner Eck berichtet über neue Quellen, die belegen, dass der jüdische Aufstand gegen Rom unter Bar Kochba vor 1.800 Jahren größer gewesen sei als bisher angenommen. Stefan Weidner berichtet von einer Diskussion zwischen der Orientalistin Annemarie Schimmel und dem türkischen Autor Orhan Pamuk über islamische Miniaturmalerei. Michael Siebler macht uns mit der Arbeit der Mongolisch-Deutschen Karakorum-Expedition bekannt, die die Geschichte der von Dschingis-Khan gegründeten Stadt Karakorum unter die Lupe nimmt. Arnold Bartetzky stellt die Frage, die sich auch die Polen stellen, nämlich ob die Danziger Marienburg, die größte Backsteinburg der Welt, wieder aufgebaut werden soll. Werner Golder schreibt zum Jubiläum (60 Jahre) der legendären französischen Taschenbuch-Enzyklpädie "Que sais-je?". Andreas Rossmann hat Christian Dietrich Grabbes Geburts- und sein Sterbehaus in Detmold besucht.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Marquis de Sade in Zürich, eine Maria-Marshall-Ausstellung im Kunstverein Freiburg, Mussorgskis "Chowantchina" in Paris, die Ausstellung "Archisculptures" im Kunstverein Hannover, der Film "Nicht von dieser Welt" von Giuseppe Piccioni, eine Ausstellung über den Zeichner Al Hirschfeld im Museum of the City of New York und die neue CD von Kid Rock mit dem Titel "Cocky".