Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2001. Pierre Bourdieu träumt in der FR vom kollektiven Intellektuellen. Jeremy Rifkin träumt in der SZ vom Dialog der Kulturen. Frank Schirrmacher träumt in der FAZ von einem besseren Harry-Potter-Film und Fatima Merniss träumt in der NZZ von einem Westen, der den Islam versteht.

NZZ, 21.11.2001

Beat Stauffer porträtiert die Soziologin Fatima Marnissi, die bekannteste Intellektuelle Marokkos, die im Gespräch für einen differenzierten Blick auf den Islamismus plädiert: "Die islamistische Bewegung in all ihren Schattierungen, sagt Mernissi, repräsentiere doch ganz einfach die arabische Rechte. Während aber die Legitimität von rechtskonservativen Parteien in Europa kaum in Frage gestellt werde, spreche man diese ihrem arabischen Pendant ab; wieder einmal würden hier unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Das einzige Kriterium, meint Mernissi, sei doch die Frage, ob solche Bewegungen demokratische Spielregeln akzeptierten oder ob sie ihre Ziele mit Gewalt erreichen wollten."

Weiteres: Christian Wildhagen würdigt zum 50. Todestag Willem Mengelbergs sein Erbe auf Schallplatten und hier zumal seine berühmten Mahler-Aufnahmen. Felix Philipp Ingold schreibt über einen lepidopterologischen, also schmetterlingskundlichen Essay Vladimir Nabokovs, der im letzten Jahr aus dem Nachlass veröffentlicht wurde und ein Fragment zu dem Roman "Die Gabe" darstellt. Markus Jakob stellt den neuen Spielort des Teatre Lliure in Barcelona vor. Daniele Muscionico gratuliert Roberto Ciullis Theater an der Ruhr zum zwanzigsten Jubiläum, Nick Liebman schreibt zum Tod des Jazzpianisten Tommy Flanagan. Besprochen werden ein Tanzstück von Amanda Miller in Genf und einige Bücher, darunter Gerd Lüdemanns "Paulus, der Gründer des Christentums". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 21.11.2001

Jeremy Rifkin meldet sich wieder zu Wort. Und diesmal wagt sich der Präsident der Foundation on Economic Trends in Washington, D.C. weit vor, wie er selber zu verstehen gibt: "Auf die Gefahr hin, 'politisch unkorrekt' zu sein, frage ich: Gibt es Dinge, die der Islam und der Westen von einander lernen könnten?" Wenn wir weiter nur in den alten und engen politischen, militärischen und ökonomischen Kategorien denken, meint Rifkin, verkennen wir den Kern der Krise, vor der wir heute alle stehen (die zunehmende Entfremdung der westlichen Muslime, das Gefühl der Demütigung in der gesamten muslimischen Welt) ? "ein tiefreichendes kulturelles Schisma, das ehrlich als solches angesprochen werden muss." Dass dieser Aufruf zum kulturellen Dialog ein solches Wagnis darstellen sollte, dass Rifkin sich dafür eigens entschuldigen muss, stimmt ja nicht unbedingt hoffungsfroh.

Der Historiker Valentin Groebner zeichnet für uns die Geschichte des Identifizierens nach und untersucht das Wesen des Ausweises, das er schließlich darin erkennt, dass er dem Träger versichert, "dass er er selber sei, mit all den magischen Stempeln, Siegeln und blinkenden Kinegrammen: Beruhigende Beschwörungen der inneren Sicherheit des Trägers, der seine Person mit jenen Zeichen garantiert sieht, in denen der Staat sich selber spiegelt. Wie dagegen diese Fixierung des Eigenen im Ausweis zur Abwehr unsichtbarer Feinde taugen soll, die per Definition kein identifizierbares Aussehen haben, hat noch kein Innenminister recht erklären können."

Außerdem: Claus Heinrich Meyer liefert einen Nachruf ? nein es ist zu traurig ?, eine Liebeserklärung auf die Polaroid, Reinhard J. Brembeck porträtiert den Geiger und Vivaldi-Interpreten Giuliano Carmignola, Michael Ott besichtigt das "Museo Nazionale della Montagna Turin," das den alpinen Blick ausstellt, Franziska Augstein besieht sich die zwei Seiten des Nato-Krieges in Afghanistan. Und Veronika Schöne freut sich über das neue Stuttgarter Literaturhaus.

Vorgestellt werden: eine etwas verwirrende "Freischütz"-Fassung von Steffen Kopetzky und Bruno Weil, die radikalen Sinfonien des Armeniers Avet Terterian, Joe Ortons "Seid nett zu Mr. Sloane" in der Basler Komödie, des Pop-Art Vorläufers Henry Dargers Weltphantasien in den Kunst-Werken Berlin, Norbert Schindlers alpine Sozialgeschichte über "Wilderer im Zeitalter der Französischen Revolution", Doris Lessings Roman "Mara und Dann" sowie das "Liber de Causis" in einer deutsch-lateinischen, kommentierten Ausgabe (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 21.11.2001

Der Coup des Tages heute bei der FR: ein lesenswertes Gespräch mit Pierre Bourdieu. Gegen die Vorstellung vom Weltpolizisten USA und die "ökonomische Denkweise" empfiehlt der Soziologe sein Modell des "kollektiven Intellektuellen": "Eine Organisation, die Spezialisten zusammenbringt, Ökonomen, Soziologen, Ethnologen und Historiker, die dazu entschlossen sind, ihre Kompetenzen vereint zur Verfügung zu stellen, um den Bürgern sämtliche verfügbaren wissenschaftlichen Instrumente bereitzustellen, um die Probleme der Aktualität - sei es in Afghanistan, Israel oder im Irak - in ihrer Komplexität zu begreifen." Bourdieu rekurriert damit auf die Anfänge seiner Arbeit während des Algerienkonflikts: "Damals habe ich erkannt, dass die Dinge, die im Bereich der Politik diskutiert werden, nicht einfach nur Gegenstand persönlicher Stellungnahmen sein dürfen. Die Aufgabe besteht nicht einfach darin, Meinungen zu äußern, seien sie auch edel und progressiv, sondern darin, ein möglichst authentisches Bild der Realität zu liefern - und damit auch raisons d'agir, Gründe zum Handeln." Klingt ein bisschen vage.

Weitere Artikel: Judith Jammers freut sich, dass die reformierte Londoner Tate Britain bisheriges Stückwerk endlich in einen sinnfälligen (chronologischen) Zusammenhang bringt, und Stephan Hilpold informiert über das neue Thomas-Bernhard-Archiv in Gmunden und die geplante wissenschaftlich-kritische Werkausgabe im Suhrkamp-Verlag.

Besprochen werden: Ed Ruschas Retrospektive im MoMA Oxford, das erste "Solo für Video" in der Kunstsammlung NRW sowie Händels "Giulio Cesare" in Amsterdam.
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TAZ, 21.11.2001

Petra Kohse hat sich Harry Potter im Kino angesehen und zeigt sich durchaus zufrieden mit einer Verfilmung, für deren Erfolg, wie sie erklärt, nicht die Qualität das Entscheidende ist, sondern "dass der Objektzauber nicht gebrochen wird." Dieser besteht für Kohse in der Selbstverständlichkeit, mit der das Außerordentliche vermittelt wird. So, wenn sich die Zaubererwelt "gleichsam reell und kultiviert als höhere Wirklichkeit von der Muggelwelt ab(hebt). Durch kalte, blasse Winterfarben tuckert der Bilderbuch-Dampfzug nach Hogwarts, vornehm erhebt sich das illuminierte Schloss-Internat aus der Nacht, und drinnen sorgt Harrys rotwollener Zopfpullover für eine rührende Handfestigkeit zwischen all den Rauschebärten, Zaubererhüten und fliegenden Eulen."

Ferner zu lesen: Aufzeichnungen aus Pflegehäusern Folge 4: Über Kosten- und Nutzenfaktoren und Luxux beim Pflegebedarf. Kirsten Küppers hat notiert, was einer Schauspielerin bei der Schulung und Weiterbildung durch das Arbeitsamt widerfuhr. Und Klaus Modick befragt den Autor Frank Schulz ("Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien") zu seinem Verhältnis zum Haffmans-Verleger und den Sprung in der Schüssel seiner Hauptfigur.

Schließlich Tom.

FAZ, 21.11.2001

Frank Schirrmacher bespricht den Harry-Potter-Film und lässt sich in seiner Kritik auch nicht von der Begeisterung der Kinder irritieren. Ihm ist der Film zu billig: "Kinder mögen den Film? Das ist kein Argument. Erstens gehen Kinder gerne ins Kino, zweitens gefällt ihnen die Szene mit dem Schachspiel, wo den Figuren die Köpfe abgehackt werden, und drittens finden sie gut, wie das schreiende Gesicht des Bösen am Ende in Flammen aufgeht und zu Asche verkohlt. Der schleimig auf die Kinder tropfende Sabber des vierköpfigen Hundes wird von den Kindern im Zuschauerraum oft positiv erwähnt, die Ermordung von Harry Potters Mutter gilt als realistisch, wenn auch als zu lang - Sechsjährige erwarten diese Szenen, denn sie stehen ja auch so im Buch. Damit hat es sich aber auch. Das sind die besten Szenen." Ein Artikel von Felicitas von Lovenberg klärt uns überdies auf, dass der fünfte Band von "Harry Potter" im nächsten Frühjahr erscheinen soll und dass wie bei Proust das Ende des Zyklus', das letzte Kapitel des siebten Bandes bereits geschrieben ist und in einem Banktresor lagert.

Weiteres: Stefanie Peter begleitet Blixa Bargeld von ehemals Einstürzenden Neubauten bei den Vorbereitungen für eine Performance in Krakau. Renate Schostak schildert Wirren an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Gerhard Rohde befasst sich mit Wirren in der Frankfurter Kulturpolitik Gary Schwartz beklagt, dass die internationalen Richtlinien zum Schutz der Kunst im Kriegsfall unzulänglich sind. Anja-Rosa hält uns in einem hübschen Artikel die Popularität der Cronica, einer bestimmten Form von Zeitungsglossen, beim brasilianischen Publikum vor Augen. Martin Kämpchen schildert indische Reaktionen auf den Afghanistankrieg ? man fürchtet eine einseitige Untersützung Pakistans durch die USA und beklagt die mangelnde internationale Wahrnehmung des Terrorismus in Kaschmir. Auf der Medienseite schildert Souad Mekhennet die Propagandaarbeit des sogenannten Kalifatstaats in Köln: Das Fernsehprogramm "Hakk TV" des Kalifen von Köln wurde inzwischen eingestellt, auf der Internetadresse aber weht nach wie vor die Flagge Saudi Arabiens.

Ferner resümiert Siegfried Stadler ein Magdeburger Kolloquium zum Literaturunterricht der DDR. Michael Kohler berichtet vom fünfzigsten Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Josef Oehrlein sieht die Deutschen Siftungen in Lateinamerika auf dem Rückzug "pünktlich zur Unzeit". Mathias Rene Hofter verfolgte ein Freiburger Symposion über Universitätssammlungen. Michael Hanfeld erzählt die neuesten Episoden aus dem Epos der Intendantenkür beim ZDF. Auf der Stilseite geht es um Nivea und eine Gefangenschaft im Fahrstuhl. Und Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Jazzpianisten Tommy Flanagan.

Besprochen werden ein Tanzabend von Meg Stuart in Zürich, eine Max-Liebermnann-Ausstellung der Berliner Nationalgalerie, und eine Ausstellung des Malers Alfred Ahner in Apolda.