Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.11.2001. Die FR warnt uns eindringlich vor der neuen Ernsthaftigkeit, während Franziska Augstein in der SZ die amerikanische Kriegsführung kritisiert. Die FAZ liefert dazu verzagte Stimmungsbilder aus den USA und die NZZ legt Maya-Ruinen frei.

NZZ, 06.11.2001

Dünn ist heute das Feuilleton der führenden Zürcher Zeitung.

Richard Bauer berichtet aus Guatemala über Ausgrabungen, die Maya-Ruinen schonend freilegen und für einen sanften Tourismus präparieren will. Leiter der Arbeiten ist der in Deutschland ausgebildete Oscar Quintana: "Quintana geht vom Stadtbild, nicht von der einzelnen Fundstätte aus. Was er dem Besucher vermitteln will, ist der urbanistische Eindruck einer Mayastadt, ohne aber die Waldlandschaft - sie ist Teil eines Biosphärenreservats - kahl zu schlagen. Wohl werden besonders attraktive Paläste und Pyramiden als Einzelwerke freigelegt für den verwöhnten Touristen, der etwas Imposantes sehen will. Daneben aber bleiben Hunderte von Ruinenhügeln unangetastet."

Weiteres: Gottfried Boehm schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Ernst H. Gombrich. Jürgen Ritte kommentiert die wichtigsten französischen Literaturpreise, den Prix Goncourt, der an Jean-Christophe Rufin vergeben wurde und den Prix Renaudot, der an Martine Le Coz ging. Joachim Güntner meldet, dass der Büchner-Preis ab jetzt mit 40.000 Euro dotiert ist. Thomas Binotto schreibt zum 70. Geburtstag des Regisseurs Mike Nichols. Besprochen werden Peter Konwitschnys Hamburger "Don Carlos"-Inszenierung, Mozarts "Don Giovanni" in Biel und einige Bücher, darunter Charles Simmons' Roman "Lebensfalten". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 06.11.2001

Der Text kommt daher im Gestus einer Polemik, ist aber (leider) keine. "Sie schaffen eine Wüstenei und nennen es Frieden": In diesem Tacitus-Zitat steckt für Franziska Augstein die Wahrheit der amerikanischen Kriegslogik ? so es denn überhaupt eine gibt. Augstein bezweifelt das (ganz wie ihr Vater im Spiegel). Möglicherweise sei "die amerikanische Politik in Wirklichkeit genauso improvisiert..., wie sie auf die uninformierte Welt wirkt". Wiewohl tatsächlich der allgemeinen (Des-)Informationspolitik von Rumsfeld, Scharping & Co. ausgeliefert, bescheinigt sie dem Westen und insbesondere uns Deutschen eine Angstlust, die sich der Ignoranz "unpassender" Wahrheiten ? siehe Anthrax - und der Akzeptanz eines "Horror-Cocktails von Gesetzen" ? siehe Schily - letztlich: schuldig macht.
 
Sonja Zekri hat derweil eine Tagung auf Schloss Elmau besucht, auf der eine "ebenso leidenschaftliche wie überflüssige Sekundärdebatte", in die sich Anti- und Anti-Anti-Amerikaner derzeit weltweit verheddern, anschaulich nachgestellt wurde. Trotz der konstatierten "Überflüssigkeit" sind die referierten Argumentationen ? unter anderem von Werner Schiffauer, Henryk M. Broder und Richard Herzinger - wie man Amerika kritisieren kann und ob überhaupt, durchaus lesenswert.

Weitere Artikel: Alexander Kissler berichtet über eine Debatte auf dem Römerberg. Es ging um den "Extremismus der Gefühle", den Kissler vor allem im Publikum ortete. Willibald Sauerländer würdigt den verstorbenen Kunsthistoriker Sir Ernst Gombrich, Andrian Kreye stellt die beiden Kandidaten für die heutige Bürgermeisterwahl in New York - Mike Bloomberg und Mark Green - vor, Fritz Göttler gratuliert dem Filmregisseur Mike Nichols zum Siebzigsten, und Tobias Kniebe meditiert über Computerspiele.

Besprochen werden Dominic Senas Kino-Thriller "Passwort: Swordfish" mit John Travolta, Susanne Schneiders Theaterstück "Sonnenfinsternis" in Oberhausen, Hugo von Hofmannsthals Drama "Elektra" am Schauspiel Frankfurt, der dritte Eröffnungsabend des dortigen neuen Schauspiels sowie Peter Konwitschnys Hamburger "Skandal"-Inszenierung von Verdis "Don Carlos" und eine Ausstellung über die künstlerischen Anfänge Rembrandts in Kassel.

FR, 06.11.2001

Norbert Bolz ermahnt uns, den "Pathosformeln der Neuen Ernsthaftigkeit" zu widerstehen. Ihre drei "prominenten" Begriffe ? der Krieg, der Feind, das Böse ? seien anachronistisch, ihre derzeitige Verwendung tauge aber immerhin dazu, eine "wunderbare manichäische Klarheit ins Chaos der Gewalt" zu bringen: Der Krieg gegen einen Feind, der als das "inkarnierte Böse" gilt, ist gerecht ? und wir seien damit "ganz automatisch auf der Seite des Guten". Nach einem noch immer notwendigen Exkurs über das Missverständnis "Spaßgesellschaft", weist Bolz dem Feuilleton seine Funktion und Reichweite im Umgang mit diesem neuen "Jargon der Eigentlichkeit" zu: Statt damit "Tabuisierung und Selbstzensur" zu betreiben, sollte das Feuilleton dort, "worüber man nicht lachen kann, ... schweigen". Schließlich sei "die Negation des Ernstfalls die Bedingung von Kultur". Und im Ernstfall, vermutet Bolz und das vermutlich zu Recht, "liest niemand mehr das Feuilleton".

Die FR liefert darüber hinaus die ausführlichste Würdigung zum Tode von Thomas Brasch: mit einem Auszug aus seinem Roman "Vor den Vätern sterben die Söhne", einem Porträt des Verstorbenen von Peter Iden und Erinnerungen des Dramaturgen Hermann Beil.

Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung von Guiseppe Verdis "Don Carlos" in Hamburg, die Gaunerkomödie "Banditen!" von Barry Levinson und der Actionthriller "Passwort: Swordfish" von Dominic Sena. Außerdem gibt es einen Nachklapp zum JazzFest Berlin sowie einen weiteren zum dritten Eröffnungsabend des neuen Frankfurter Schauspiels.

Last not least: Die Hochhaus-Serie geht mit dem Thema "Das Turmhaus als Schwebefigur" in die zehnte Runde.
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TAZ, 06.11.2001

Helmut Höge nimmt uns mit auf seine Exkursionen ins "Leseland DDR": Sie beginnen 1990 mit "Sibirienska, russischen Klassikern und Partisanenliteratur", Stückpreis eine Mark, und enden heute bei erheblich teurerer "Nazi-Literatur".

Außerdem: als Aufmacher eine Rezension von Henning Mankells neuem Wallander-Krimi "Die Brandmauer", des weiteren ein Bericht vom Saisonstart des neuen Frankfurter Schauspiels, ein Porträt des verstorbenen Schriftstellers und Filmemachers Thomas Brasch und ein verdienstvoller Hinweis auf diverse Taschenbuchausgaben von Werken Herman Melvilles.

Und natürlich: hier unser heutiger TOM.

FAZ, 06.11.2001

Der Schriftsteller Richard Ford (mehr hier) beschreibt die Stimmung in den gepflegten Suburbs Amerikas, nachdem auch hier die Anthrax-Warnungen angekommen sind: "Im Schatten des Chaos und in der Angst vor einem schleichenden Gifttod, der einen auf dem Rückweg vom Briefkasten ereilen könnte, erscheinen plötzlich all unsere Wahlmöglichkeiten und Verlässlichkeiten in einem unangenehmen grellen Licht. Dies ist das Licht, das von Katastrophen verbreitet wird. Was wir vor kurzem noch als die Qualität und Freiheit unseres Vorortlebens empfanden, wirkt nun wie Schutzlosigkeit, die Eintönigkeit unseres hypothekenbelasteten Lebens wie Gesichtslosigkeit: Wir beginnen, den ungeborgenen Opfern in Ground Zero zu gleichen." Ohne ganz so tot zu sein, hoffen wir.

Und noch ein verzagtes Stimmungsbild aus der gedemütigten Nation. In New York, fast hätte es die Stadt selbst vergessen, ist Wahlkampf. Verena Lueken stellt die beiden Kandidaten Mark Green und Mike Bloomberg vor. Die Probleme, die sie bewältigen müssen, werden die Stimmung nicht verbessern. " Die Finanzkrise, die mit einem Haushaltsdefizit von vier bis sechs Milliarden Dollar kaum Raum zum Navigieren lässt, wird von beiden Kandidaten dasselbe fordern, Kosteneinsparung nämlich, und die ist nur möglich durch einen Einstellungsstopp und auch Entlassungen im öffentlichen Dienst. Das wird zunächst jene Abteilungen treffen, deren Arbeit für den äußeren Eindruck New Yorks und die Lebensqualität in den vergangenen Jahren so wertvoll geworden war: die Müllabfuhr und die Parkpflege, die Bibliotheken und den sozialen Wohnungsbau, nicht zuletzt die städtische Universität."

Weiteres: Heinrich Wefing resümiert ein Symposion zur Ausgestaltung des Ortes der Information beim Berliner Holocaust Mahnmal ("In der Tendenz überwogen die Stimmen gegen eine Purifizierung des Ortes, die, so der vielfach formulierte Vorwurf, zu einer Überhöhung und Sakralisierung der Informationsstätte, zu ihrer fast zwangsläufigen Verwandlung in eine 'Gruft der darüberliegenden Friedhofsinszenierung' (Hanno Loewy) führen müsse."). Andreas Obst erzählt, wie die Mädchenband No Angels vom Privatfernsehen aus der Retorte geschaffen wurde und nun, süß, etwas unbeholfen tanzend, aber von den Fans begeistert begrüßt, durch die Städte tourt. Kerstin Holm sieht Nowgorod auf dem Weg zu einer russischen Museums- und Kunstmetropole. Wolfgang Sandner schildert den Streit zwischen Claudio Abbado und seinem Biografen Christian Försch (Abbado klagt, weil ihn Försch bei einem seiner frühen Karriereschritte nicht als Musikdirektor, sondern als "leitenden Dirigenten" der Scala bezeichnet). Lorenz Jäger hörte der Tagung "Geheimes Wissen ? Verrat und Aufklärung" in Wiepersdorf zu. Alexander Honold resümiert die Berner Literaturtagung "Odyssee 2001".

Ferner meldet Joseph Haniman, dass die Unesco jetzt auch Unterwasserdenkmäler schützen will. Heike Huberts berichtet von der Verleihung der Emmy-Preise in Hollywood. Thomas Eder denkt auf der Bücher-und-Themen-Seite anhand neuerer und älterer Bücher über Caravaggio nach. Eberhard Rathgeb schreibt eine Bilanz des Autorentheaterfestivals "Dramatik 01" in Hannover. Hannes Hintermeier gratuliert dem britischen Autor James Hamilton-Peterson zum Sechzigsten. Michael Althen schreibt zum siebzigsten Geburtstag des Regisseurs Mike Nichols.

Besprechungen gelten einem "Don Carlos" unter Peter Konwitschny und Ingo Metzmacher an der Hamburgischen Staatsoper, Hannes Stöhrs Kinodebüt "Berlin is in Germany", einem Bruckner-Konzert unter Günter Wand, Sebastian Nüblings Stück "I furiosi" in Stuttgart und Susanne Schneiders Stück "Sonnenfinsternis" in Oberhausen.

Kaufen müssen Sie die FAZ sowieso: Heute ist die zweite Literaturbeilage des Herbstes erschienen, 28 Seiten. Aufmacher ist ein Artikel von Martin Walser über den Briefwechsel von Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder.

Und noch eins: Sind wir blind, oder hat die sonst so gedenkselige FAZ tatsächlich nichts zum Tod von Ernst Gombrich gebracht? (dafür hatte faz.net allerdings gestern schon die Meldung, wie wir gerade gesehen haben.)