Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2001. Auch in der FAZ antwortet Salman Rushdie auf Arundhati Roy. In seinem Artikel fordert der Schriftsteller eine Trennung von Religion und Politik auch in den moslemischen Ländern. Die NZZ interviewt Stewart O'Nan zur Zukunft der westlichen Gesellschaft. Und die SZ gibt einen Einblick in die Zukunft des Wohnens.

NZZ, 05.11.2001

Der Schriftsteller Stewart O'Nan, gerade auf Lesereise für sein neues Buch, äußert im Interview seine Zweifel, dass die westliche Welt nach den Anschlägen am 11. September ihre Werte längerfristig überdenken wird: "Wenn man so etwas Schreckliches sieht, fragt man sich natürlich, was wirklich wichtig ist im Leben und wie man miteinander umgehen sollte. Aber Menschen sind Gewohnheitstiere. Das gilt auch für Regierungen."

Weitere Artikel: Peter L. Bollag beschreibt die Feiern zum hundertsten Geburtstag Ödön von Horvaths in Murnau. Rahel Hartmann berichtet über Roms Umgang mit der wenig geliebten Architektur des Razionalismo. Und Martin Krumbholz schreibt zum Tod des Dichters Thomas Brasch.

Besprochen werden die Uraufführung von Klaus Hubers Oper "Schwarzerde" in Basel und Peter Greenaways "Gold. 92 bars in a crashed car" am Schauspiel Frankfurt ("klägliches Kopfrechnen-Theater").

SZ, 05.11.2001

Konrad Lischka gibt Einblick in das Wohnen der Zukunft. Schöner wohnt man morgen "organisch" - glaubt jedenfalls der Industriedesigner Kai Utrecht und schlägt vor, "wie das Leben in grünen, fleischigen Pflanzen aussehen könnte. Nebenbei reflektieren seine Entwürfe all das, was heute als Biomorphismus diskutiert wird", schreibt Lischka. Wie sieht das also aus? "Die Wohnung scheint sich an ihre Besitzer zu schmiegen, doch zugleich wippt und schwenkt sie ihre Gliedmaßen, lange Halme, die jedoch nicht in Blütenkelchen, sondern Lampenschirmen münden. Die floralen Mutationen fallen zunächst nicht auf, denn von Pflanzen ist man es gewohnt, dass sie im Wind schaukeln. Nur: Wie kommt Wind in geschlossene Räume?"
Weitere Artikel: Jost Kaiser hat sich ein Symposium zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas angehört, bei dem neben Wolfgang Thierse und Peter Eisenman quasi das gesamte Top-Personal der deutschen NS-Forschung vertreten war. Der Grundkonflikt ist leicht ausgemacht : "Neutralität und Sachlichkeit" gegen "Sakralität und Liturgisierung". Lothar Bisky war auch bei einer Tagung über den Wandervogel, die nicht ganz so gut besetzt war, aber auch einiges über deutsche Verfasstheit erklären konnte. Ijoma Mangold hadert mit dem neuen Urhebervertragsrecht. Raphael Honigstein porträtiert die Sängerin Natacha Atlas (mehr hier), die jetzt auf Europatournee kommt. Und Thomas Steinfeld schreibt einen Nachruf auf den Schriftsteller Thomas Brasch, der gestern gestorben ist. Besprochen werden das Verdi-Requiem in Berlin, Roland Schimmelpfennigs dramaturgische Fingerübung "Vor langer Zeit im Mai" in München, Peter Greenaways "Gold - 92 bars in a crashed car" in der Inszenierung von Saskia Boddeke am Schauspiel Frankfurt ("Ständig diese Angst, dass es jetzt bitte hoffentlich nicht peinlich wird!"), das erste Kommerz-Musical "Ost -West" in Moskau, eine Retrospektive des amerikanischen Künstlers Paul McCarthy in der Tate Liverpool und Bücher: unter anderem ein Gedichtband von John Berger (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 05.11.2001

Ulrich Speck berichtet von den 28. Römerberg-Gesprächen in der Frankfurter Paulskirche, bei denen es um Krieg und Terror ging. Das Podium war illuster besetzt mit Wolfgang Sofky, Daniel Cohn-Bendit, Udo Steinbach, Bassam Tibi, Peter Scholl-Latour. Am bemerkenswertesten erscheint Wolfgang Sofkys Vortrag gewesen zu sein: Auf den Einwand, dass die Anschläge vom 11. September auch als Rache der Verelendeten und Ausgegrenzten zu verstehen sein könnte, soll er klar gestellt haben, dass historisch gesehen, noch nie die Verelendeten aufbegehrt haben, sondern stets Gruppen, die im Namen der Verelendeten agieren, schreibt Speck. Besprochen werden die Baseler Uraufführung von "Schwarzerde", Klaus Hubers Oper über Ossip Mandelstam, Peter Greenaways Stück "Gold - 92 bars in a crashed car" im Frankfurter Schauspiel ("Alchimie klappt nie"), eine Aufführung von Hofmannsthals "Elektra" im Frankfurter Kammerspiel und politische Bücher, darunter ein Band über den Kosovo und die deutsche Politik (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 05.11.2001

Isabelle Graw schreibt in der Serie Dedicated Followers of Warhol über Andy Warhol als den Buchhalter der amerikanischen Kunstszene. "Mit ihm kündigt sich jene Professionalisierung der Kunstwelt an, die in den 90er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Zu den wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass Künstler/innen einen Buchhalter benötigen, gehört, dass sie mit ihrer Arbeit Geld verdienen. Erst in den 60er-Jahren war dies in New York zu einer wirklichen Option geworden." Philipp Gessler hat den französischen Autor Marek Halter gesprochen, dessen Bestseller "Le judaïsme raconte a mes filleuls" nun in deutscher Übersetzung erschienen ist ("Alles beginnt mit Abraham. Das Judentum mit einfachen Worten erzählt"). Kleine Kostprobe aus dem Interview: "Weil ich Jude bin, bin ich ein freier Mensch. Weil ich ein freier Mensch bin, bin ich Jude. Das ist der erste Satz der Zehn Gebote: Ich bin der Gott, der dich befreit hat von der Sklaverei. Wir gehen in die Geschichte als freie Menschen. Das ist sehr wichtig." Besprochen wird außerdem ein Band des Schweizer Polizeifotografen Arnold Odermatt. Schließlich Tom.

FAZ, 05.11.2001

Salman Rushdie antwortet heute indirekt auf die viel gefeierten Essays (hier und hier) seiner indischen Kollegin Arundhati Roy, indem er nicht nur den Amerikanern die Hauptverantwortung an den Zuständen in der Welt geben will. "Als ich vor zwanzig Jahren an einem Roman über die Machtkämpfe in einem fiktionalisierten Pakistan schrieb, war es in der muslimischen Welt bereits zur Regel geworden, für alle Probleme den Westen und vor allem die Vereinigten Staaten verantwortlich zu machen." Diese Kritik sei zwar zum Teil berechtigt. "Ich wollte aber damals schon eine Frage stellen, die heute wichtiger ist denn je: Nehmen wir einmal an, für die Übel unserer Gesellschaften seien nicht die Amerikaner, sondern zuerst einmal wir selbst verantwortlich. Wie wären diese Probleme dann zu verstehen? Könnten wir nicht, indem wir diese Verantwortung anerkennen, auch lernen, unsere Probleme selbst zu lösen? Diese Fragen werden zur Zeit von vielen Muslimen wie auch von säkularen Kommentatoren mit Beziehungen zur muslimischen Welt gestellt." Rusdhie fordert eine Trennung von Religion und Politik auch im Islam.

Weitere Artikel: Christoph Albrecht resümiert einen Römerberggespräch über den 11. September und schildert in harten Worten den angeblichen Antiamerikanismus des Publikums. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod von Thomas Brasch. Gina Thomas schildert die Tate Britain "in neuem Glanz". Michael Adrian gratuliert dem Philosophen Charles Taylor zum Siebzigsten. Michael Jeismann wohnte der Eröffnung der Ausstellung "Faszination und Gewalt" in Nürnberg bei. Auf der Medienseite erfahren wir, dass der französische Fotojournalist Michel Peyrard, der von den Taliban als Spion festgenommen wurde, wieder frei gekommen ist. Und auf der letzten Seite beschreibt Wolfgang Sandner die Arbeit der Fondation Hindemith am Genfer See.

Besprochen werden Achim Freyers Inszenierung von Verdis Requiem an der Deutschen Oper in Berlin, Klaus Hubers Mandelstam-Oper "Schwarzerde", die in Basel uraufgeführt wurde, Peter Greenaways "Gold" und Hofmannsthals "Elektra" am Frankfurter Schauspiel, Roland Schimmelpfennigs Stück "Vor langer Zeit im Mai" in München, das Tanzspektakel "Songs", mit dem das Stuttgarter Ballett einen vierzigsten Geburtstag feiert und einige Sachbücher, darunter Gilles Kepels "Jihad", eine bisher nur in französisch erschienene Geschichte des Islamismus.