Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.08.2001.

NZZ, 11.08.2001

Claudia Schwartz hat in Berlin nach Resten der Mauer gesucht und kaum welche gefunden: "Heute herrscht in der Stadt weitgehend Bedauern darüber, dass nicht mehr Mauerreste vorhanden sind. Das Klagen über das Fehlen der Mauer kennzeichnet freilich den Außenstehenden. In der Stadt, die im Jahr zwölf nach dem Mauerfall immer noch unter den Folgen der Teilung leidet, ist die Mauer lange nicht vergessen. Gedenkstätten sind etwas für Touristen und offizielle Kranzniederlegungen. Die Berliner selbst - mit Gewissheit noch diese Generation und die darauf folgende - tragen die Erinnerung mit sich."

Ulrich M. Schmid hat Solschenizyns Buch über das Verhältnis von Russen und Juden gelesen, attestiert ihm durchaus einige Verdienste, fürchtet aber die Fortsetzung: "Im Herbst soll der zweite und brisantere Band erscheinen, der das russisch-jüdische Verhältnis während der Sowjetzeit untersucht. Besonders heikel ist die Frage der Beteiligung jüdischer Intellektueller an der Etablierung des Bolschewismus und am stalinistischen Terror." Auch darf man "gespannt sein, wie Solschenizyn im zweiten Band seines Werks solch zwiespältige Phänomene wie die Verbindung von Dissidenz und Antisemitismus behandeln wird." Leser des Russischen weist die NZZ darauf hin, dass sowohl Solschenizyns Buch als auch Kritiken und Interviews über das Buch im Netz zu lesen sind.

Weitere Artikel: Die serbische Autorin Drinka Gojkovic beklagt den "moralischen Minimalismus" der jugoslawischen Regierung bei der Aufarbeitung der serbischen Kriegsverbrechen. Besprochen werden eine Norman-Foster-Ausstellung im British Museum, eine Isamu-Noguchi-Ausstellung, ebenfalls in London und eine Erich-Weiss-Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein. Außerdem bespricht Joachim Schlör Etgar Kerets Erzählband "Der Busfahrer, der Gott sein wollte" (Siehe unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

Lieteratur und Kunst bringt Nachrichten aus der internationalen Geisteswelt: Georg Sütterlin hat Arrowhead, die Farm von Herman Melville in Massachusetts besucht, und Lutz Walther stellt den "Moby Dick"-Zyklus von Frank Stella vor. Matthias Messmer unterhält sich mit Lung Ying-tai, einer der meistgelesenen Autorinnen Taiwans, die zur Zeit Kulturdirektorin der Stadt Taipeh ist. Hoo Nam Seelmann berichtet von einer Aufbruchstimmung unter den Koreanern in Japan - das Tauwetter zwischen Nord- und Südkorea hat auch in Japan zu einer Annäherung der verfeindeten Bevölkerungsgruppen geführt. Außerdem bespricht Uwe Pralle den Roman "Genua" von Paul Metcalf.

SZ, 11.08.2001

In der SZ fragt sich Petra Steinberger anlässlich des Attentats in Jerusalem, was eigentlich einen Suizidmörder antreibt: "Eine solche Tat, und das macht sie um so unvorstellbarer, erfolgt niemals spontan, nicht aus hoffnungsloser Verzweiflung, wird selten getrieben von persönlichen Emotionen. Sie erscheint im Gegenteil wie ein kalter letzter Schritt eines Berauschten ... Und alle fühlen sich als Märtyrer. Oft gehirngewaschen, gedrillt in Stunden und Tagen der Ideologisierung, verspricht man ihnen entweder das muslimische Paradies oder aber die Aussicht, später einmal einen ehrenvollen Platz im nationalen Heldenkreis zu erhalten." Ein Gewinn, der sicher schwerer einzulösen ist als derjenige der beteiligten Organisationen: Sicherheit und Effizienz zum äußerst günstigen Preis.

Zu sagen, Willi Winkler sei skeptisch, was Gore Vidals Versuche angeht, Timothy McVeigh von der alleinigen Schuld freizusprechen, wäre deutlich untertrieben: "Leider ist Gore Vidals Beweisführung ungefähr so überzeugend wie jene Party-Spiele, bei denen man in fünf Schritten den Papst mit der Blauen Mauritius verbinden soll: Es ist absurd, aber es geht notfalls alles ... Wenn im Innersten Amerikas ein Anschlag auf dieses Amerika verübt wird, fordert diese nationale Kränkung solche literarischen Erklärungsmuster reflexhaft heraus. Es kann nicht sein, dass ein einzelner, vielleicht nicht einmal verrückter Attentäter, dieses Verbrechen begangen hat." Am Ende war's sogar das FBI?

Weitere Artikel: Dorothee Müller im Gespräch mit Anselm Kiefer über neue Projekte. Der Schriftsteller David Grossmann zeichnet ein düsteres Bild von Israel nach dem Attentat. Der Kunsthistoriker Michael Thimann erklärt, wie die Caesar-Sammlung Friedrich Gundolfs in der Duke University in Durham landete. Sonja Zekri fragt sich, ob Putin jetzt die russische Gnadenkommission entmachtet. Konrad Lischka gratuliert dem PC zum 20. Geburtstag und stellt fest: Das Gerät ist antimodern.

Besprochen werden: Garry Dishers Roman "Drachenmann", Verdis "Don Carlo" bei den Salzburger Festspielen, Michel Herbigs Winnetou-Persiflage "Der Schuh des Manitu". Und unter Literatur: Elisabeth Bowens nach 70 Jahren nun auch auf Deutsch vorliegender Roman "Der letzte September" sowie ein "großartiger Debütroman": "Ich und mein Bruder" von Valerio Aiollis (siehe auch unsere Bücherschau am Sonntag ab 11 Uhr).


In der SZ am Wochenende staunt Christian Schütze, dass es durch internationale Proteste gelang, den kanadischen Regenwald zu retten. Timo Fehrensen erzählt die Geschichte des bayrischen Schauspielers Tonio Selwart, der in den USA Karriere machte, ohne dass es hier jemand merkte. Klaus Polak erinnert an den Mediziner, Volksaufklärer und Naturphilosophen Lorenz Oken, der vor 222 Jahren geboren wurde. Und Guido Eckert berichtet, wie eine Familie erst vor den Nazis und dann vor der Diktatur in Argentinien geflohen ist.

Patricia Görg schließlich fantasiert über den Plastinator Prof. Dr. med. Gunther von Hagens und seine Körperwelten: "Dann hält er triumphierend eine frei präparierte Raucherlunge in die Höhe. Teerschwarz umgreifen die Lungenflügel das nicht mehr schlagende Herz ... In den Rängen des anatomischen Theaters macht sich eine gewisse Betroffenheit breit; glühende Stumpen werden verstohlen auf dem Bretterboden ausgetreten." Nichts für zarte Gemüter.

FR, 11.08.2001

Apropos Mauer. In der FR erklärt Ina Hartwig, wieso es sich im West-Berlin der 80er mit der Mauer so gut leben ließ: "Wer ... Anfang der achtziger Jahre nach West-Berlin kam, hat keine echte Kalte-Kriegs-Erfahrung mehr gemacht. Er (oder sie) empfand die Mauer als selbstverständlich; nicht unbedingt angenehm, aber auch nicht unangenehm, eher schon kurios. Die DDR zeigte sich an der Grenze, und die meisten kamen nur dort mit ihr in Berührung, von einer drolligen Seite. Nicht selten brachen die jungen Westler in Lachen aus, wenn sie, am Übergang Heerstraße in der Autoschlange stehend, den Grenzkontrolleuren dabei zusahen, wie sie mit ihren Plastikkörbchen hin- und herhuschten, wie Eichhörnchen, die eine Nuss in Sicherheit bringen." Oder im Mauerpark, beim Schäferstündchen unterm Wachturm, "in dem zwei neugierige Grenzer mit Fernglas saßen", da konnte es vorkommen, dass sich die Blicke kreuzten: "Man war, mit anderen Worten, ganz und gar ungestört - und doch unter Beobachtung. Ein kleines Triumphgefühl war dabei schwer zu unterdrücken." Und die Plastikkörbchen beim Grenzverkehr? "Reisepässe wurden hineingelegt, dann das Körbchen auf ein Fließband gestellt, die Körbe verschwanden in einer Baracke, und irgendwann wurden einem die Pässe wieder ausgehändigt." Wirklich pittoresk.

Anders die 60er. Was Rolf-Bernhard Essig in seiner kleinen Geschichte des Offenen Briefs im geteilten Deutschland anmerkt, verdeutlicht vor allem das Unverständnis, die Wut, aber auch den Erfolg des Engagements von West-Berliner Autoren wie Wolfdietrich Schnurre und Günther Grass: "Ihre Berufung auf die westliche Tradition des Intellektuellen, ihr linker, nichtnationaler Patriotismus und die unerhört breite Reaktion auf ihre Offenen Briefe initiierte weitere intensive Diskussionen um die Rolle des Schriftstellers. Immer mehr Autoren, die nach der Grenzschließung unwiderruflich auf die Realität der Bundesrepublik zurückgeworfen waren, erkannten im politischen Engagement eine wichtige Aufgabe und erprobten ihre neue Position, egal, ob sie rechts oder links standen, in der Spiegel-Affäre 1962, als sie gemeinsam gegen die Gefährdung der Pressefreiheit protestierten. Insofern könnte man dem Offenen Brief dann doch einen, wenn auch nicht den erstrebten Erfolg zubilligen: wirkungsvoller Katalysator gewesen zu sein für eine neue Rolle der Intellektuellen in der Bundesrepublik."

Außerdem: Fünf Jahre nach der Affäre Dutroux sieht Klaus Bachmann nach Belgien, wo sich eine Mischung aus Ernüchterung, Katerstimmung und leichter Zukunftsangst breitgemacht hat. Frauke Hartmann gratuliert Hamburgs Kampnagel zu seiner neuen Leiterin Gordana Vnuk. Und Karin Ceballos Betancur gedenkt des vor 25 Jahren verstorbenen kubanischen Autors Jose Lezama Lima.

Kritisch bedacht werden Ilja und Emilia Kabakovs "Palast der Projekte" ? Entwürfe einer besseren Welt im Essener Zollverein und Bücher, darunter ein Band mit und über Fotografien Thomas Demands und Theaterstücke von Vladimir Sorokin (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr)
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TAZ, 11.08.2001

Auf Seite 1 dokumentiert die taz folgenden Text von Klaus Schlesinger unter dem Titel "Mauerbau":

"Ich weiß nicht, ob ich die Stadt jemals wieder so gesehen habe wie an diesem Tag. Dabei hätte ich nicht sagen können, woran es lag; es war alles unverändert, diese graue, lange Straße, die stummen, mächtigen Häuser mit ihren bröckligen Fassaden - alles unverändert und doch auf eine schwer fassbare Weise anders, nicht nur weil ich, außer an Staatsfeiertagen, noch nie so viele Menschen auf den Straßen gesehen habe, die eilig und meist in Gruppen in Richtung der Grenze liefen: Ehepaare, fest untergehakt, als könnten sie sich verlieren, ganze Familien, Großeltern, Eltern, Kinder, in den Gesichtern etwas Einendes, allen Gemeinsames, ja es war die gleiche Unabhängigkeit in den Gesichtern der Menschen, die an mir vorbei zur Grenze zogen."

Man fragt sich, ob Schlesinger hier nicht eher vom Mauerfall spricht?

Christian Semler geht in einem kleinen Text auf die bis heute nicht verkrafteten Folgen des Mauerbaus für West-Berlin ein: "Kaum war die Fluchtwelle aus der DDR durch den Mauerbau gestoppt, setzte ein zweiter Flüchtlingsstrom ein - diesmal aus Westberlin. Es flohen: ganze Chefetagen von Großunternehmen, Ingenieure und Ärzte, Heerscharen qualifizierter Facharbeiter, Geistesgrößen und jede Menge intellektuelles wie künstlerisches Fußvolk. Der Schock des Mauerbaus beschleunigte den Abbau der traditionellen Industriezweige. Und die Förderpolitik des Bundes wie des Senats begünstigte die Ansiedlung von Industrien mit einem hohen Anteil an unqualifizierten Arbeitskräften."

Im Kulturteil liest Harald Fricke eine Essaysammlung des linken Kulturkritikers Hans Christian Dany: "Dany ist ein aufmerksamer Leser von Alltagskultur: In der überinszenierten Kollektion von Dolce & Gabbana erkennt er bereits 1997 das aufkommende Achtzigerjahre-Revival - als Rückkehr zu Zeichen, die nur auf sich selbst verweisen."

Ferner resümiert Nicole L. Immler ein Symposion zum fünfzigsten Todestag von Wittgenstein. Und Andreas Hartmann stellt die Gruppe Fischerspooner vor, die "Grenzen zwischen Clubszene und Kunstbetrieb" auflösen will ? gewiss ein verdienstvolles Unterfangen.

Schließlich Tom.

FAZ, 11.08.2001

Der größte Teil des Feuilletons widmet sich der Erklärung des amerikanischen Präsidenten zur Nutzung von menschlichen Embryonen für Forschung und Medizin, die in voller Länge dokumentiert wird. In dazugehörigen Kommentaren erkennt Christian Schwägerl in dieser Erklärung ein "Votum für das deutsche Embryonenschutzgesetz", während Patrick Bahners bei der Staatsphilosphie des Augustinus ansetzt, um uns zu erklären, was der Präsident seinen Landsleuten gesagt hat.Andreas Platthaus denkt nach der deutschen Goldmedaille bei den Weltmeisterschaften über die Schönheit des Stabhochsprungs nach. Sandra Kegel gratuliert dem PC zum Zwanzigsten. Michael Gassmann plädiert in einem ganzseitigen Essay für die Erhaltung der "eigenwilligen Orgeln der Nachkriegszeit". Stphan Berg geht näher auf die Arbeiten von Harald Szeemann und Gregor Schneider bei der Biennale in Venedig ein. Joseph Croitoru blickt in osteuropäische Zeitschriften. Dietmar Polaczek berichtet vom Fund dreier neolithischer Steinstelen in der Lunigiana.

Besprechungen widmen sich Thomas Imbachs Film "Happiness is a Warm Gun" über Petra Kelly und Gert Bastian, den Michael Allmaier in Locarno gesehen hat (überzeugt hat er ihn allerdings nicht), der Bach-Woche in Ansbach, einem Auftritt der Gruppe Foula aus Haiti in Berlin und einigen Sachbüchern (darunter einem nur in englisch erschienen Buch des Kurators Ivan Gaskell über Vermeer.)

In Bilder und Zeiten erzählt Regina Mönch, "wie die Berliner Mauer Familien, Straßen und Biografien teilte". Burkhard Müller-Ulrich porträtiert Terry Anderson, der sechseinhalb Jahre lang, länger als irgendjemand sonst, in der Hand islamistischer Terroristen war, 1991 freikam und nun seine Geschichte erzählt. Heinz-Joachim Fischer schreibt über die Stadterneuerung in Genua und Eleonore Büning zum fünfzigsten Todestag des Pianisten Arthur Schnabel. Dokumentiert wird Patrick Bahners' Preisrede auf die Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs, die jüngst den Roswitha-Preis der Stadt Bad Gandersheim erhielt.

In der Frankfurter Anthologie stellt Walter Hinderer das Gedicht "An einem Wintermorgen..." von Eduard Mörike vor:

"O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist's, dass ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe..."

Es ist entschieden einer der sinnlichsten Texte im heutigen FAZ-Feuilleton!