Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.08.2001.

NZZ, 09.08.2001

Einen "Wettbewerbsdruck" unter deutschen und internationalen Holocaust-Gedenkstätten konstatieren die Politologen Claus Leggewie und Erik Meyer: "Es entsteht auch ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit, der sich in Besucherzahlen, Seitenaufrufen im Internet, Umsätzen des Museumsshops und dergleichen messen lässt. Dass er daran gemessen wird, zeigt die konzeptionelle und finanzielle Entwicklung der deutschen Gedenkstättenpolitik, die Fördermittel künftig wohl 'erfolgsorientiert' verteilen wird." Unter diesem Aspekt sehen die Autoren auch die "plakatierte Dummheit" von Lea Rosh' Kampagne für das Berliner Holocaust-Mahnmal.

Weitere Artikel widmen sich neuen CDs des New Yorker Musikerkollektivs "Fischerspooner" sowie des finnischen Musikers Jimi Tenor (mehr hier) und einigen Büchern, darunter einer nur in italienisch erschienen Studie über die Laokoon-Gruppe und Thomas Lehrs Novelle "Frühling".

SZ, 09.08.2001

Petra Steinberger fürchtet eine Wiederkehr des Antizionismus nach dem Muster der siebziger Jahre. In einem Text der arabischen Länder zur Vorbereitung der "World Conference Against Racism, Racial Discrimination, Xenophobie and Related Intolerance" (was für ein Titel), die demnächst im südafrikanischen Durham stattfinden soll, fand sie den Beweis: "'Der Holocaust und die ethnischen Säuberungen in der arabischen Bevölkerung im historischen Palästina dürfen nie vergessen werden'", heißt es da.

Der serbische Schriftsteller Bora Cosic denkt an die Krajna, wo einst die deutschen "Winnetou"-Filme gedreht wurden: "Es ist jenes Gebiet, das durch viele Regime sich selbst überlassen wurde... Denn all jene Regierungen haben der Krajina den Rücken gekehrt, und wenn jemand so verrückt ist, in jener Steinöde zu leben, ist er selbst schuld. So dass eine ganz andere Regierung, die der Fimindustrie, für eine bestimmte Zeit ein eigenes freies Territorium bekam, geeignet für wilde Jagden von Cowboys und Indianern. Es scheint mir verständlich, dass gerade in diesen Gebieten, die nackt und schön sind, der Konflikt zwischen Serben und Kroaten begann."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld schreibt zum 50. Geburtstag des Goethe-Instituts. Jost Kaiser wundert sich, mit welcher Gleichgültigkeit die deutsche Gesellschaft ihre dauerhaft hohen Arbeitslosenzahlen hinnimmt (weiß am Ende seines Artikels aber selbst nicht mehr, ob der das nun schlimm findet). Sonja Zekri verteidigt den Rabbiner Leo Baeck gegen Vorwürfe, er habe ein Buch im Auftrag der Gestapo verfasst und fragt, wie Baeck dem Druck der Nazis im Jahr 1942 eigentlich hätte ausweichen sollen. Fritz Göttler weist in seiner Zeitschriftenschau auf einen Artikel im Times Literary Supplement hin, der sich offensichtlich äußerst kritisch mit den Afrika-Büchern von Ryszard Kapuscinski auseinandersetzt. Ingo Niermann erinnert sich in der Reihe "Das war die BRD" an Westberlin.

Besprechungen widmen sich dem Salzburger "Zeitfluss"-Fesitval, einem Symposion über Volksmusik in Krems und einer Ausstellung der "Queen of Shopping" Sylvie Fleury im Museum für Neue Kunst in Karlsruhe.

Auf der Filmseite schickt Tobias Kniebe einen Drehbericht über Thomas Vinterbergs nächsten Film "It's All About Love" ? Vinterbergs erster Film "Das Fest" war ja nach den strengen "Dogma"-Regeln gefertigt, hier nun scheint es sich um das Gegenteil eines "Dogma"-Films zu handeln, denn er wird ausschließlich im Studio gedreht. Fritz Göttler weist auf einen Artikel in der New York Times hin, in dem Woody Allen den Film "Shane" von George Stevens zu seinem amerikanischen Lieblingsfilm erklärt. In der Rubrik "Was gibt's Neues" erfahren wir, dass, dass George Lucas' neue "Star Wars"-Folge "Attack of the Clones" heißen wird. Besprochen wird der Film "Dr. Dolittle 2".

FR, 09.08.2001

Christian Thomas hat sich das neue Schalke-Stadion in Gelsenkirchen angesehen. Die "blauen Stühle, die kommen richtig fett. Und weiß ist das Dach, es ist ein besonderes Weiß, es ist ein besonderer Himmel, der Neueste, der sich denken lässt, wer möchte ihn nicht immer mal wieder anrufen, um eine strahlende Zukunft zu beschwören." Man muss sich das offensichtlich mit dem entsprechenden Dialekt denken.

Martin Ebner stellt das Afghanistan-Museum in der Nähe von Basel vor, das versucht, afghanische Kulturschätze zu retten: "Die Unesco protestierte zuerst wütend, denn die Kulturorganisation der Vereinten Nationen kämpft dafür, dass Kulturschätze grundsätzlich in ihrem Ursprungsland verbleiben. Als aber diesen März die Taliban die Riesen-Buddhas von Bamian in die Luft jagten, kam die Unesco zu der Einsicht, dass in Afghanistan 'gerettet werden muss, was noch zu retten ist', und übernahm 'ausnahmsweise' die Schirmherrschaft für das Museum in Bubendorf. Das ist nun ein weltweit einzigartiges Pilotprojekt: Schutz von Kulturgütern außerhalb des Kriegsgebietes, mit dem Segen der UNO und der Zustimmung der Konfliktgegner."

Weitere Artikel: Helmut Höge erzählt die Geschichte der türkischen Prostituierten Izmir und Ankara (die wir bereits aus der taz kannten). Hans Wolfgang Hoffmann setzt die Serie über den "Neuen Traditionalismus" in der Architektur mit einem Artikel über Hans Kollhoffs Leibniz-Kolonnaden fort.

Besprochen werden asiatisch-amerikanische Filme beim Festival in Locarno, eine Ausstellung mit australischer Aborigenes-Kunst im Sprengel-Museum, eine Ausstellung über den Maler Anton Raphael Mengs im Dresdner Schloss und Bücher, darunter Ella Maillarts Reisebericht über eine Autofahrt nach Afghanistan mit der drogenabhängigen Annemarie Schwarzenbach im Jahr 1939 (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 09.08.2001

Anke Leweke setzt sich mit dem Bild der "Asian Americans" im Hollywood-Kino auseinander: "Von Anfang an behielt sich die amerikanische Populärkultur vor, ihr eigenes, von Stereotypen und Ressentiments bestimmtes Bild der asiatischen Kultur zu konstruieren. Es ging darum, die Deutungshoheit über eine als zugleich weise und undurchdringlich empfundene Welt zu bewahren, unter anderem indem man darauf achtete, dass Zeichen und Ikonografie die Vorurteile des Publikums bestätigten und die gängigen Bilder bedienten."

Besprochen werden die Filme "The Score", "Alles über Adam", eine CD des Blues-Veteranen Clarence Brown und ein Buch über Künstlerpaare, das ein weiteres Mal die Unterdrückung der Frau dokumentiert.

Auf der Internetseite stellt Angelika Hoffmann das Spiel dol2day vorgestellt, das "ein Experiment am politisch interessierten Netzbürger" sein will.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Veteranen, Künstlerpaare

FAZ, 09.08.2001

Mario Vargas Llosa erzählt den Fall des Hauptmanns Vladimiro Montesinos, der rechten Hand des ehemaligen peruanischen Diktators Fujimori. Er hockt jetzt im selben Gefängnis wie die Guerillaführer des "Leuchtenden Pfads". Und er freut sich auf seinen Prozess, denn er hat auf Tausenden von Videos festgehalten, wie er die Spitzen der peruanischen Gesellschaft durch Geldübergaben korrumpierte. Das diente wohl der Erpressung, vermutet Vargas Llosa. "Natürlich verwandelte die Tatsache, dass er Filmaufnahmen jener Minister Fujimoris besaß, denen er unter dem geheimen Kameraauge das Gehalt aufbesserte und jeden Monat 30 000 Dollar schenkte, die armen Söldnerteufel in eilfertige Diener des Geheimdienstchefs, wenn es um das Unterzeichnen von Dekreten ging. Es ist kein Wunder, dass die Chefredakteure von Zeitungen oder Besitzer von Fernsehsendern, die Tausende oder gar Millionen Dollar erhielten und Schein für Schein, von der heimlichen Kamera beobachtet, zählen mussten, anschließend fügsame Propagandisten der Regierungspolitik und unerbittliche Verleumder derjenigen wurden, die Kritik wagten."

Joachim Müller-Jung schickt eine Reportage vom Auftritt der drei klonwilligen Ärzte Antinori, Zavos und Boisselier vor der National Academy of Sciences in Washington: "Das eigentlich Traurige an dieser Geschichte, die hier zu erzählen ist, ist aber gar nicht so sehr die unverblümte Weltfremdheit dreier selbstgerechter Akademiebesucher. Das Bestürzende daran ist vielmehr, zu welcher Berühmtheit sie es damit gebracht haben. Ich will klonen: Diese drei Worte haben ihnen das Tor zum Ruhm geöffnet, doch es ist der zweifelhafte, flüchtige Ruhm, den die Medien heute jedem halbwegs charismatischen Schaumschläger für kurze Zeit zu schenken bereit sind."

Von Dirk Schümer lesen wir eine weitere Folge seiner empfehlenswerten Kolumne "Leben in Venedig". Diesmal geht's um die "Afa", die venezianische Sommerschwüle: "An solchen Tagen, wenn kein Lüftchen sich regt oder von der Adria her ein stetiger Schirokko mit der Wirkung eines Föns auf die Stadt einbläst, genügt zur vollkommenen Erschöpfung der morgendliche Gang zum Briefkasten." Ist das Heldentum der Kulturkorrespondenz je angemessen gewürdigt worden?

Weitere Artikel: Siegfried Thielbeer, offensichtlich Sinologe, erklärt, warum die Chinesen die westliche Begrifflichkeit der Menschenrechte auf Teufel komm raus nicht verstehen wollen ("Wenn die Chinesen von Rechtsstaatlichkeit reden, sagen sie Fa Zhi, das heißt Gesetz-Regieren."). Bischof Wolfgang Huber aus der Ethikkommission versucht in einem ganzseitigen Essay zu beweisen, dass es kein Widersinn ist, den Embryo in der Petrischale stärker zu schützen als im Mutterleib. In der Leitglosse kommentiert Verena Lueken den Umstand, dass Bertelsmann über zehn Millionen Dollar für die Rechte an Bill Clintons Memoiren bezahlte. Heinrich Wefing erzählt das "Wunder von Volkenroda" ? ein thüringisches Dorf, das in DDR-Zeiten fast verfallen war, ließ eine Zisterzienser-Abtei architektonisch vorbildlich wiederaufbauen.

Ferner gibt Andreas Platthaus erste Informationen zur nächsten geplanten "Star Wars"-Folge "Angriff der Klone". Josef Oehrlein erzählt, wie Brasilien seines Nationalschriftstellers Jorge Amado gedachte. Eberhard Rathgeb resümiert Bestrebungen der Oldenburger Linken, dem nazifreundlichen Heimatdichter August Hinrichs posthum die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen. Hans-Martin Gauger gratuliert dem Linguisten Mario Wandruszka zum Neunzigsten. Gerhard Stadelmaier gratuliert dem Dramaturgen Herrmann Beil zum Sechzigsten. Gerhard R. Koch schreibt zum Tod des schwedischen Komponisten Lars Johan Werle. Und Ulrich Olshausen schreibt zum Tod des Mundharmonika-Virtuosen Larry Adler.

Mal wieder eine Menge Holz heute!

Die seltenen Besprechungen gelten dem Film "The Score" mit Robert De Niro und Marlon Brando, der Biennale von Lyon, einer Paul-Klee-Ausstellung der Kunstsammlung von Nordrhein-Westfalen und den Kölner "Stolpersteinen", mit denen deportierter Nachbarn gedacht werden soll.

Das ist nicht alles.

Auf der Sachbuchseite werden wie immer spannende Novitäten aus der akademischen Welt ausführlich gewürdigt (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr). Und auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Andreas W. Daum über (alte) Bücher, welche amerikanische Reaktionen auf den Mauerbau schildern.

Zeit, 09.08.2001

Günter Kunert erinnert sich in einem schönen, aber schrecklich traurigen kleinen Essay an den Tag, an dem die Mauer gebaut wurde. Als die Nachricht sich herumgesprochen hatte, "hockte man mit Freunden zusammen, endlos Spekulationen und Hypothesen produzierend. Am idiotischsten schien mir die laut geäußerte Meinung einiger Schriftsteller und anderer Antiintellektueller, endlich seien wir unter uns, vom Feinde unbehelligt, das brächte uns mehr Freiheit für unser künstlerisches Schaffen. Darüber konnte man nicht einmal mehr höhnen. Es war vorhersehbar, dass man ab heute mit unliebsamen Zeitgenossen nach Bedarf und Lust und Laune umspringen konnte und würde, wie man wollte. Daher lautete die unausgesprochene Parole: sich arrangieren."

Marc Jongen, ein Jung-Philosoph aus der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, greift in die Bioethik-Debatte ein: "Die Frage muss gestellt werden, ob die anstehenden Herausforderungen überhaupt noch im Modus der Ethik prozessiert werden können, insofern damit nämlich die altehrwürdigen Phantasmen der Freiheit sittlichen Handelns und der Subjektautonomie aufs innigste verbunden sind." Also, wer von der Subjektautonomie als einem Phantasma spricht ? der hat die Erfahrung der Mauer sicher nicht gemacht.

Thomas E. Schmidt denkt über europäische Sprachenpolitik nach: "Weil Englisch mit Nationen wenig zu tun hat, sondern eine Art frei schwebender Universalsprache geworden ist, müssen Sprachvermittler ihre Angebote viel stärker als Chance zum Erwerb sozialer Kompetenz in einer anderen Lebenswelt markieren, also Spracharbeit tatsächlich als Kulturarbeit anbieten."

Weitere Artikel: Jens Jessen wundert sich in der Leitglosse über den Lesestoff der Schröders ? ein Buch über Bismarck und seinen Bankier bei Gerhard, Krimis bei Doris. (Seiner Meinung müsste es umgekehrt sein.) Thomas Groß denkt über Peter Licht und seinen Hit "Die Popkultur ist nicht gut für uns" nach. Birgit Galle porträtiert den Filmemacher Thomas Schadt, der eine Neufassung von Walter Ruttmanns Film "Berlin - Sinfonie einer Großstadt" dreht. Peter Kümmel schreibt zum Tod von Einar Schleef ("Als Sprecher war er ein Berserker, als Schreiber war er ein traumwandlerischer Stilist."). Außerdem ist ein kurzer Text von Elfriede Jelinek zu Einar Schleef abgedruckt, den sie kurz vor seinem Tod geschrieben hat.

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung über die Geschichte des Fotojournalismus im Museum Ludwig und dem Salzburger "Zeitfluss"-Festival.

Aufmacher des Literaturteils ist Evelyn Fingers Besprechung von Thomas Hürlimanns Erzählung "Fräulein Stark" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).