Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.07.2001.

NZZ, 31.07.2001

Andreas Kuhlmann, Autor eines Buchs über Bioethik, wendet sich gegen Standpunkte, die Embryonen im frühesten Stadium bereits volle Menschenwürde zugestehen wollen: "Durch die Beschwörung des im menschlichen Embryo verkörperten 'menschlichen Lebens' wird .. verdeckt, dass wir es unter dem Einfluss der Biomedizin längst mit verschiedensten Lebensstadien zu tun haben, denen wir einen jeweils unterschiedlichen moralischen und rechtlichen Status zuerkennen: mit Embryonen und Föten, mit Neugeborenen - mit Patienten im Koma, 'Teilhirntoten', Hirntoten, Herzkreislauftoten. Es hat sich eine Sphäre zwischen Leben und Tod aufgetan, die Markierungen erzwingt, welche weder durch 'die Natur' noch durch moralisch-sittliche 'Tradition' abgesichert sind."

Weitere Artikel: Derek Weber schildert einen Streit zwischen dem Klagenfurter Stadttheater und dem Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider. Kerstin Stremmel schreibt zum 100. Geburtstag von Jean Dubuffet. Besprechungen gelten dem Popfestival von Nyon und einigen Büchern, darunter Jorge Sempruns "Die Ohnmacht" und Silvio Blatters Novelle "Die Glückszahl". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 31.07.2001

Der Tabakkonzern Philipp Morris finanziert eine Studie, um die tschechische Regierung zu überzeugen, die Tabaksteuer nicht anzuheben, erzählt Alex Rühle. Die Steuer, so die These, "wird viele Leute vom Rauchen abhalten. Die können dann nicht zügig sterben, sondern werden pensioniert, sitzen rum, beschneiden Rosen und tun all das übrige volkswirtschaftlich unnütze Zeug, womit alte Menschen ihr Lebensabendprogramm füllen. Wenn die Leute hingegen frühzeitig zu rauchen begännen, so die Analyse der von Philip Morris beauftragten PR-Firma Arthur D. Little International, dann führe Asche schnell zu Asche, und der Staat mache damit Kohle: Tote müssen nicht mehr medizinisch versorgt werden (spart 968 Millionen tschechische Kronen), der Staat kann ihre Renten sparen (196 Millionen) und muss ihnen keine Mietzuschüsse (28 Millionen) zukommen lassen." Darauf eine Marlboro!

Vertauschte Rollen zwischen West- und Ost-Berlin sieht Peter Richter: "Die Neubauten, die nun da vom Wedding herüberwinken, mit ihren Satellitenschüsseln auf den engen Balkonen, die stürzen zwar noch nicht ein, sehen aber plötzlich ziemlich alt aus. Derweil wirken die Ostberliner Altbauten auf bestürzende Weise immer neuer."

Holger Liebs hat ein Wohnhaus des Architekten Werner Sobek in Stuttgart besucht. Aber wie? "Man stelle sich vor, Tati besuchte, als Monsieur Hulot mit Schirm, Trench und Pfeife bewaffnet, in Stuttgart-Degerloch das Haus Sobek... Hulot würde schon bei der Suche nach dem Eingang scheitern. Denn am und im Wohnhaus des Stuttgarter Ingenieurs und Architekten Werner Sobek gibt es keine Türklinken, keine Lichtschalter, keine Drehknöpfe an den Wasserhähnen, ja nicht einmal Schubladengriffe."

Weitere Artikel: Johann C. Reidemeister porträtiert den amerikanischen Künstler Jason Rhoades, der gerade im Frankfurter Portikus ausstellt. Willi Winkler verteidigt die Bundeswehr ("Es ist, als wären sie die Aussätzigen unserer nur noch profitorientierten Gesellschaft, diese Männer (und Frauen), die nicht nach Geld streben oder nach schönen Posten, sondern nur einfach dienen wollen.") Herbert Knaup antwortet auf die Frage, was ihn zuletzt zum besseren Menschen gemacht hat (sein elfjähriger Sohn). C. Bernd Sucher stellt nach Christine Dössels gestriger Kritik die Frage: Ist Calixto Bieitos Salzburger Inszenierung von Shakespeares "Macbeth" ein Skandal? "Nein, sie ist kein Skandal und war auch nicht auf Skandalwirkung ausgerichtet", antwortet der Theatermann Frank Baumbauer im dazugehörigen Interview auf diese Frage, "aber wir mussten damit rechnen, dass der subjektive Zugriff und die Emotionalität von Calixto Bieito die Zuschauer polarisieren würden."

Besprochen werden: Klaus Metzgers Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" in Tübingen, der Film "Just Visiting", neue CDs des türkischen Pianisten Fazil Say und Mahler bei den Europäischen Wochen in Passau.

FR, 31.07.2001

Der Historiker Richard J. Evans beschreibt die Berufungsverhandlung in der Sache David Irving gegen Deborah Lipstadt. Irvings Beschwerde gegen die Ablehnung seines Antrags auf Eröffnung des Revisionsverfahrens wurde abgelehnt. "Fast hätte Adrian Davies (Irvings Anwalt, die Red.) einem leid tun können, als er dastand und den drei Richtern seinen hoffnungslosen Fall vortrug. Irving saß direkt hinter ihm und unterbrach seinen Anwalt in einem fort, um ihm weithin vernehmbare Argumente ins Ohr zu raunen, die er unbedingt zur Sprache bringen sollte - auch wenn sie herzlich wenig mit Grays Verhandlungsführung zu tun hatten. Zugleich fiel auch Richter Buxton, der direkt vor dem Anwalt in der Richterbank saß, Davies immer wieder ins Wort, um ihm ebenso unüberhörbar zuzuflüstern, dass er sich mit seinen Einwänden auf dem Holzweg befinde." Irving hat gegen die Ablehnung seiner Beschwerde keine Rechtsmittel mehr. Er muss jetzt zweieinhalb bis drei Millionen Pfund für Auslagen und Honorare zahlen. Die Richter haben bereits das Insolvenzverfahren eingeleitet.

Weitere Artikel: Martin Altmeyer berichtet über den 42. Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Nizza, den Jorge Semprun mit einer Hommage an Sigmund Freud eröffnete. Adam Olschewski macht sich Gedanken, was ein Sommerhit ist. Und Thorsten Jantschek gratuliert dem amerikanischen Philosophen und Logiker Hilary Putnam zum 75. Geburtstag.

Besprochen wird die Ausstellung "Ich bin mein Auto" in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.
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TAZ, 31.07.2001

Klaus Kreimeier macht sich nach dem G8-Gipfel Gedanken über Allegorien. Seiner Ansicht nach trugen Macht und Gegenmacht in Genua die falschen Kostüme. Schlecht ausgesehen haben "jene acht politischen Beamten, Korruptionsverdächtige unter ihnen und Mafiafreunde, die im politischen Alltagsgeschäft längst zu Marionetten der Yellow Press und der Talkshows herabgesunken sind. Nun mussten sie bei Fahnen und Wappen, heraldischer Symmetrie und historisierendem Gepränge Anleihe nehmen, um den Gipfel als Weihestunde kollektiver Verantwortung erscheinen zu lassen. Bei einer Feudalästhetik, der ein pompös renovierter Palazzo Ducale das Renaissance-Ambiente und Silvio Berlusconi sein digitalisiertes Lächeln lieh." Aber auch die "Ritualgestik der unmittelbaren Gewalt" der Globalisierungsgegner fand Kreimeier realitätsfern. "Längst wird sie aufgezehrt von der Struktur des Seriellen, der Wiederkehr des Immergleichen, aus der die Medienindustrie ihr Kapital saugt, um es in neue Serienstaffeln zu investieren."

Weitere Artikel: Christiane Kühl ringt mit dem Sommerblues. Besprochen werden heute Calixto Bieitos Inszenierung des "Macbeth" in Salzburg, politische Bücher und David Lodges Campusroman "Denkt" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

FAZ, 31.07.2001

Christian Geyer greift in die Bioethikdebatte ein: "Der Bundeskanzler bezichtigt seinen früheren Staatsminister Naumann öffentlich der Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit im Zeichen des Christlich-Numinosen, weil dieser sich erlaubt hatte, Schröder daran zu erinnern, dass die Idee eines Fortschritts ohne ethische Kostenanalyse den gedanklichen Plot der siebziger Jahre wiedergibt, aber nicht mehr auf der Höhe einer Zeit ist, die die Ambivalenz von Optimierungsstrategien zu reflektieren gelernt hat. Die Leerstelle der Transzendenz müsse daher unter säkularen Prämissen neu besetzt werden." Verstanden?

Im Streit um das Urhebervertragsrecht hatte der Justitiar des Börsenvereins Christian Sprang neulich in der FAZ einen Ausbau des bereits existierenden "Bestsellerparagraphen" angeregt, um Autoren zu ermöglichen, im Nachhinein gegen zu niedrige Honorare zu klagen. Heute antwortet Fred Breinersdorfer vom Verband der Schriftsteller. Aber er will nicht mitmachen. "Der Bestsellerparagraph, den die Verleger jetzt gern wieder aus der Mottenkiste holen würden, ist verbrannt. Keiner hat mehr Vertrauen dazu. Die Verlagsseite darf dies nicht der Rechtsprechung anlasten. Denn die Richter kamen erst zum Zuge, nachdem Verleger einige Bestsellerautoren oder -übersetzer noch nicht einmal geringfügig an exorbitanten Gewinnen beteiligt haben." (Nähere Informationen zum Streit bieten wir in unserer Kolumne Die Buchmacher.)

Hans C. Löhr hat das Schicksal des verschollen Archivs des Fotografen Hans Schönbach recherchiert: Er hatte die Kunstwerke für Hitlers Linzer Museumsprojekt fotografiert. Die Stasi hat das Archiv, das Auskunft über den Verbleib von Beutekunst geben könnte, nach dem Krieg in Dresden gelagert, aber seinen Verbleib verschleiert: "Für eine solche Verdunklung des Ursprungs der Fotoplatten bestand genügend Anlass. Denn die Aufnahmen, die die Stasi einsammelte, belegten, dass die Dresdner Gemäldegalerie ein Zentrum des nationalsozialistischen Kunstraubs war. Dieser Umstand konnte den stets antifaschistischen Machthabern in der DDR ein Dorn im Auge und dem Museum durchaus peinlich sein."

Weitere Artikel: Martin Kämpchen schreibt zum Tod der legendären indischen Bandit Queen Phoolan Devi, die offensichtlich ermordet worden ist (leider sagt Kämpchen nichts über die nähern Umstände, aber wir widmen der Geschichte einen Link des Tages). Eduard Beaucamp kritisiert den Umstand, dass die "Waldseemüllerkarte", die erste Karte, die den Kontinent Amerika verzeichnet, so mir nichts dir nichts aus deutschem Besitz in die Bestände der Library of Congress übergehen konnte. Gerhard R. Koch gratuliert Iwan Rebroff zum Siebzigsten. Gislind Nabakowski stellt das "Museum für bescheidene Künste" in Sete vor, das sich unter anderem dem Devotionalienkitsch zu widmen scheint. Florian Rötzer beschreibt das Projekt der Bibliotheque nationale, französische Internetadressen dauerhaft zu archivieren. Matthias Grünzig befasst sich mit dem Schicksal leerstehender Industriebauten in Chemnitz. Andreas Platthaus schreibt zum Achtzigsten des Amnesty-Gründers Peter Benenson. Hochaktuell schließlich ein Artikel von Nikolaus Gussone, der den kulturhistorischen Hintergrund der Zeremonien bei der Umbettung des Papstes Johannes XXIII. schildert - welche bekanntlich zu Pfingsten stattfand.

Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld den Aufstieg des Senders Vox. Jörg Thomann setzt sich mit dem Föderalismusproblem beim "Tatort" auseinander. Und Gina Thomas beschreibt, wie der Sunday Telegraph den konservativen britischen Politiker Michael Portillo demontiert.

Besprechungen widmen sich dem Fotofestival von Arles, einem Tanzstück von Augusti Fernandez und Andres Corchero in Barcelona und der Baustellen-Aussstellung in der Kunsthalle Nürnberg.