Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2001.

NZZ, 21.07.2001

Aram Lintzel glaubt nicht, dass das Bundesverwaltungsgericht schuld daran ist, wenn heute die letzte Love Parade stattfindet: "Das 'Habt alle Spass!' wird der Techno-Community jetzt zum Verhängnis. Spätestens als Star-DJ Sven Väth seine diesjährige Absage mit dem kommerziellen Ausverkauf der Love Parade begründete, war der einstige Gemeinschaftsgeist gebrochen. 'Die falschen Leute haben sich ihr Mitspracherecht erkauft', erklärte Sven Väth mit Blick auf die Werbewagen von Medienunternehmen und Zigarettenfirmen. Auch andere DJs sind sauer und haben Protestaktionen für mehr Mitbestimmung angedroht."

Weitere Artikel: Ludger Lütkehaus erinnert an "eine der grossen Gestalten des Weltbuddhismus: der deutsche Buddhist jüdischer Herkunft Nyanaponika Mahathera" der vor 100 Jahren geboren wurde. Peter Kammerer schreibt über das Teatro delle Albe in Ravenna. Besprochen werden Puccinis "Boheme" bei den Bregenzer Festspielen und Bücher, darunter zwei Erinnerungsbände von tschechischen Zwangsarbeitern (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

Die Beilage Literatur und Kunst wagt "vorsichtige Expeditionen in wissenschaftliche Ateliers, in denen Weltbilder - so oder so - entworfen werden". Zwar sind Weltbilder eigentlich "Gemeinschaftsprojekte", schreibt Uwe Justus Wenzel im Editorial, "es wäre daher nicht ganz richtig, stets und nur von Vulgarisierungen oder Popularisierungen wissenschaftlichen Wissens zu sprechen, wo etwa naturalistische, materialistische, darwinistische oder deterministische Weltbilder ihr Wesen treiben. Dennoch besitzen Naturwissenschaft und Technik gewissermassen einen institutionellen Vorsprung in der Entwicklung 'weltbildgebender' Verfahren. Dies gilt vermehrt in der 'Wissensgesellschaft', in der politische Legitimität ohne wissenschaftlichen Beistand, ohne Expertise und Gegenexpertise (auch derjenigen von Ethikkommissionen), nicht mehr beschafft werden kann."

Artikel zum Thema: Hans-Jörg Rheinberger beschreibt die Welt aus Sicht der Biologie, Ulf von Rauchhaupt beschreibt die Suche nach der Weltformel in der Physik, Michael Hampe skizziert den Positivismus als wissenschaftliche Weltanschauung, Helmut Zander schreibt über Wissenschaft und Ethik im Monistenbund um 1900, Helmut Mayer erinnert an Weltbilder des Darwinismus, Michael Hagner blickt zurück auf die Forschung an "Elitegehirnen" und Michael Pauen denkt darüber nach, was es für das für das Selbstverständnis von Personen bedeutet, "wenn die Hirnforschung die Vorstellung zerstört, es gebe eine zentrale Ich-Instanz".

SZ, 21.07.2001

In einem Artikel der SZ erinnert Wolf Lepenies daran, dass die Schlacht um die Globalisierung durchaus auch an den Konferenztischen ausgefochten wird, wo sich Vertreter der Finanzwelt und der Zivilgesellschaft Auseinandersetzungen liefern, deren Härte und Unnachgiebigkeit, wie er meint, den Straßenschlachten von Seattle und Göteborg nicht nachstehen. Den Grund für die Heftigkeit der Diskussionen sieht Lepenies indes weniger in der Ideologie der verschiedenen Lager als in der Statistik: "Im Blick auf die Armut klaffen globale Statistik und lokale Hermeneutik weit auseinander. Die Statistiker belegen, dass sich das Ausmaß der Armut weltweit verringert ... Doch diese Statistiken können leicht in die Irre führen. In Ghana etwa sank laut offizieller Statistik das Ausmaß der Armut von 1987 bis 1991 jährlich um ein Prozent, eine für Afrika unglaublich positive Entwicklung. Nur hatten die Statistiker vergessen, dass im gleichen Zeitraum die Bevölkerung Ghanas doppelt so schnell gewachsen war. Der Armutsindex war gefallen, die Zahl der Armen hatte sich erhöht!"

Dass von München aus Salzburg nicht weit ist, bezeugt die SZ mit einem ganzen Bündel von Artikeln zu den Salzburger Festspielen. Warum das Festival für Gerard Mortier "die bereicherndste Erfahrung meines Lebens" war, lesen wir hier, aber auch, wie der scheidende Impresario künftig "Carmen" und Madonna verlinken will (hätten ihm die Salzburger sicher nicht verziehen). Ein anderer Beitrag blickt zurück auf Frank Baumbauers Zeit als Salzburger Schauspielchef und erklärt, wie der drei Jahre lang "Lebendigkeit provoziert" hat (Baumbauer wollte z.B. der Festivalpräsidentin kurzerhand den Hals umdrehen). Hilfreich für alle Salzburg-Fans dürften schließlich die "Tipps und Informationen zum diesjährigen Festival-Programm" sein.

Außerdem: Sonja Zekri erklärt, warum das vor zwei Tagen eingeleitete EU-Verfahren gegen die Buchhändler so gespenstisch ist. Gottfried Knapp besichtigt das Paul-Löbe-Haus des Architekten Stephan Braunfels in Berlin. Tim B. Müller besucht eine Elmauer Tagung zum Topos Juden als Kosmopoliten. Otto Kalkscheuer sieht die katholische Kirche als letzte Internationale im Kampf gegen die Globalisierung. Jost Kaiser trägt die Love Parade zu Grabe. Und: Abschied vom Comiczeichner Morris.

Besprochen werden "La Boeme" und "Of Mice and Men" bei den Bregenzer Festspielen. Und ein Klassiker der Sci-Fi-Literatur: Theodor Sturgeons "Die Ersten ihrer Art".


In der SZ am Wochenende lesen wir: wie Robert Lebeck die großen Fotoreporter vor dem Vergessen rettet (mit seiner Ausstellung "Kiosk" im Kölner Museum Ludwig nämlich), erfahren, was an einem Keith Jarrett-Konzert so magisch ist (zu prüfen bei den diesjährigen Münchner Opernfestspielen). Friedemann Bedürftig erinnert an Frankreichs umstrittenen Marschall Philippe Petain, der vor fünfzig Jahren starb. Und Helge Bendl folgt dem Farbgrammatiker Georg Kremer in die Welt der Pigmente Cranachs und Dürers: "Im Reich der verlorenenen Farben".

Buchkritiken auf den Literaturseiten schließlich u.a. zu Michael Hofmanns Gedichtband "Feineinstellungen" und Friedo Lampes Roman "Septembergewitter" aus dem Jahr '37 (s. auch unsere Bücherschau des Tages).

FR, 21.07.2001

Nicht grade aufregend das Feuilleton der FR an diesem Wochendende. Karin Ceballos Betancur liefert genuesische Impressionen, die doch eher an verregnete Ferienlagertage erinnern als an das Pulverfass eines Weltwirtschaftsgipfels: "In Chiasso an der Grenze filmen Kamerateams die letzten grenzüberschreitenden Aktivisten des Tages. Carabinieri streichen Kleidungsstücke glatt, die sie bei der Gepäckdurchsuchung verkrumpelt haben, helfen, die Rucksäcke wieder in den Kofferraum zu wuchten. Ein etwa fünfköpfiger Teil der Bevölkerung winkt am Straßenrand, als der Bus weiterfährt. Die Besatzung jubelt. Hinter Mailand fängt es an zu regnen ... Der Busfahrer schwitzt und sagt, er muss sich jetzt arg konzentrieren, wegen der vielen Kurven. Der andere Fahrer bietet einem Pärchen aus Dänemark an, in seinem Haus zu wohnen, wenn sie mal in Berlin sind. Später sagt das dänische Mädchen: Hast du vielleicht eine Extra-Zigarette für mich? Wie lieb das klingt. Auf ihrem T-Shirt steht 'Do not arrest this girl.'"

Ansonsten Aufgewärmtes: Ein Textauszug aus Antonia Grunenbergs dieser Tage erscheinendem Buch "Die Lust an der Schuld", der verdeutlicht, dass das Geschichtsbild der Deutschen von einem Determinismus geprägt ist, "der die deutsche Geschichte seit dem Mittelalter wie eine außer Kontrolle geratene Maschine auf das Inferno des Holocaust zurasen sieht". Und, aus gegebenem Anlass, Georg Kleins Hommage an Beate Uhse: "Die Glückliche" aus dem Erzähband "Anrufung des blinden Fisches". Ferner gibt es einen Geburtstagsgruß zum 80. des Regisseur Chris. Marker. Und einen Nachruf auf den Zeichner Maurice de Bevere alias Morris.

Besprochen schließlich werden Rudolf Thomes Film "Paradiso - sieben Tage mit sieben Frauen", "Von Mäusen und Menschen" und "La Boheme" in Bregenz. Und Bücher: Ein Bildband der Fotokünstlerin Nikki S. Lee., ein Band mit Gedichten von Eva Corino ("Keine Zeit für Tragödien"), Richard Millets Roman "Der Stolz der Familie Pythre" und "Geist, Sprache und Gesellschaft" des Sprachphilosophen John R. Searle.
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TAZ, 21.07.2001

Dirk Knipphals hat sich die neue Ausgabe der Literaturzeitschrift Akzente angesehen, in der Schriftsteller nach Antworten suchen auf die Frage: "Das Politische wollen ? aber wie?", die Nobert Niemann am 6. September 2000 im Internet-Forum der 13 stellte. "Eine Zeit lang wurde eine Podiumsveranstaltung rund um das Thema Rechtsradikalismus erwogen, was Georg M. Oswald, der zweite Herausgeber, damals aber blöde fand". Statt dessen kam man auf die Idee, "politische Texte zu verfassen - Essays, Prosa, Lyrik, was auch immer - und sie zu einem Band zusammenzustellen." Im Ergebnis, meint Knipphals nach Durchsicht des Heftes, besteht "das überzeugendste Modell, politisch zu werden (...), in einem eher schlichten Rezept: Sich nicht allzu sehr von den großen Erzählungen auf dem Feld zwischen Ästhetik und Politik irritieren zu lassen und daneben sorgfältig seiner intellektuellen Arbeit nachzugehen nämlich."

Weitere Artikel: Daniel Bax berichtet vom Francofolie-Festival in La Rochelle, Kirsten Küpper stellt den Love Burger vor und Detlef Kuhlbrodt hat das Gefühl, "der letzte Fan der Love Parade zu sein. Wer aus meinem Bekanntenkreis noch hingeht, macht es distanziert. 'Jetzt gehen wir mal Deppen gucken', so in dem Stil. Als seien sie nicht selber auch Deppen, nur eben mit einem ausgeprägten Distinktionsbedürfnis, das sich in der Masse nicht so entfalten kann."

Die deutschen Feuilletons wissen es wahrscheinlich noch nicht. Aber sie leben in einem "großartigen Irrtum", über den sie heute im tazmag vom Kulturwissenschaftler Kaspar Maase aufgeklärt werden. Der Irrtum liegt für Maase darin, dass nun auch die "Premiumfeuilletons" die Popkultur ernstnehmen. Aber Maases Theorie über den Irrtum finden wir nicht so witzig wie seine Beschreibung der Autorenhaltungen beim Schreiben über Pop. Zum beispiel die "Kür der Distinktion". "Je platter (aus Hochkultursicht) der Anlass, desto eindrucksvoller die Sprünge und Pirouetten, die der Rezensent aufs Eis des Populären zaubert: den dreifachen Luhmann zu Folge 436 der 'Lindenstraße', den eingesprungenen Adorno zu 'House of Love' oder den Balanchine rückwärts für Henry Maske. Das ist - wer Kritiken verfasst, kann es nachfühlen - purer Selbstgenuss der eigenen Brillanz; und ganz nebenbei verdammt es den normalen Liebhaber der Populärkunst, der zum Ausdruck seiner Gefühle keine gewählten Worte braucht, in den Orkus dumpfer Sprachlosigkeit."

FAZ, 21.07.2001

Paul Ingendaay beschreibt den letzten Stierkampf des Torreros Antonete, und wie er zum allerletzten Mal zusticht: "Was wir in Antonetes Zügen lesen, während seine Augen sich weiten und die Degenspitze einen Augenblick in der Luft zittert, bevor sie sich senkt, ist nicht ermutigend: es ist Erschöpfung, Bedrängnis, der unabweisbare Eindruck von körperlicher Qual. Wie ernst es wirklich um ihn steht, ahnen wir nicht einmal, denn nun schwebt der erhobene Degen voran, Antoñete geht zum Angriff auf den Stier über - und..." Aber die Fortsetzung sollten Sie selbst lesen!

Mark Siemons sieht Liebe in Berlin und Hass in Genua und fragt: "Was ist politischer?" Wer von Genua reden will, darf von der Love Parade nicht schweigen - mag es mittlerweile auch noch so degoutant sein, nur das Wort in den Mund zu nehmen. Die Love Parade ist die Nemesis der Globalisierungsgegner." Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, das der Love Parade den Status einer politischen Demonstration nicht zuerkennen wollte, findet Siemons allerdings fragwürdig.

Weitere Artikel: Jenny Erpenbeck legt eine Erzählung unter dem Titel "Sibirien" vor, die von Nina Simon künstlerisch illustriert wurde. Gina Thomas porträtiert Jeffrey Archer, der es bis zum Stellvertretenden Vorsitzenden der Konservativen in Großbritannien brachte, sich seine Biografie aber mehr oder weniger erstunken und erlogen hat und jetzt wegen Meineids zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Andreas Rosenfelder vergleicht die Proteste gegen die Klimakonferenz in Bonn und die Proteste in Genua, findet Bonn wesentlich harmloser und "als Schnittmenge fast nur jene Dollarzeichen, die in den Augen der karnavalesk zur Schau getragenen Bush-Pappkameraden leuchten". Jürgen Kaube beruhigt Bildungsministerin Bulmahn: Wenn weniger Arbeiterkinder studieren als Kinder höherer Schichten, so sei das noch lange keine Ungerechtigkeit (wenn die Rüpel nicht studieren wollen!) Eberhard Rathgeb teilt mit, dass in Hamburg eine riesige neue Innenstadtpassage entstehen soll: die Europapassage.

Ferner liest Verena Lueken amerikanische Zeitschriften - es geht unter anderem um die Kandidatur des Börsentickerkönigs Michael Bloomberg für den New Yorker Bürgermeisterposten. Und Christoph Albrecht schreibt zum 90. Geburtstag von Marshall MacLuhan.

Besprochen werden der Film "The Dish", Gigi Dall'Aglios Inszenierung von "Wie es euch gefällt" im Teatro Farnese, die neue Präsentation der berühmten Porzellansammlung von Schloss Favorite, eine Kafka-Oper von Phillip Glass beim Lincoln Center Festival in New York, der Film "Ressources humaines", eine Ausstellung mit Werken von Francisco Toledo nach Firguren von Jose Luis Borges in Künzelsau und ein Festival schwedischer Stimmen, organisiert von der Opernakademie Vadstena.


In der Samstagsbeilage Bilder und Zeiten schreibt Paul Scheffer über Ein- und Zuwanderung in die Niederlande und protestiert gegen einen "bequemen Multikulturalismus", der Schule macht, "weil wir nicht deutlich genug formulieren können, was unsere Gesellschaft zusammenhält". Jörg Bremer analysiert den Konflikt in Israel. Walter Haubrich schildert die Lage der Indios in den Andenstaaten nach der Wahl des neuen peruanischen Präsidenten Toledo. Birgit Sack erzählt, wie ein Jurist, der im Krieg eine Ärztin zum Tode verurteilte, in der Nachkriegszeit unbehelligt weiterleben konnte. Und Gerhard R. Koch schreibt über den Neubeginn in Bayreuth von 50 Jahren. In der Frankfurter Anthologie stellt Rüdiger Görner ein Gedicht von Clemens Brentano vor:

"Unbeglückt muss ich durchs Leben gehen,
Meine Rechte sind nicht anerkannt..."