Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2001.

NZZ, 29.05.2001

Susanne Ostwald erklärt die Hintergründe für Geoge W. Bushs Programm des "Mitfühlenden Konservativismus". Zwei Bücher haben ihn hier besonders beeinflusst, Marvin Olaskys Buch "Compassionate Conservatisms" und Myron Magnets "The Dream an The Nightmare - The Sixties' Legacy to the Underclass": " Magnet schreibt in sehr schriller Tonlage, dass es die amerikanische Unterschicht überhaupt nur deshalb gebe, weil die Sechziger-Jahre-Bewegung sie geschaffen habe. Sie sei somit kein ökonomisches, sondern ein kulturelles Phänomen. Die kulturelle Revolution der damaligen Zeit habe fundamentale amerikanische Werte wie persönliche Verantwortung und Selbstkontrolle ausgehebelt und durch eine Kultur der Nachgiebigkeit und des Egoismus ersetzt, die von dem Gedanken 'If it feels good, do it' beherrscht werde. Aus falschem Mitgefühl seien Sozialprogramme entwickelt worden, die die Bereitschaft zur Eigeninitiative Bedürftiger unterminiert und diese in staatliche Abhängigkeit getrieben hätten. Anders, so behauptet er, sei nicht zu erklären, warum der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre an den Ärmsten vorübergegangen sei." Wahrscheinlich ist dann auch die Bürgerrechtsbewegung am Elend in den schwarzen Ghettos schuld!

Thomas David hat den Schriftsteller Ian McEwan in Oxford besucht. Der Autor erzählt auch einiges über den Roman, den er gerade schreibt: "Sein Anspruch gilt einer vollendeten sprachlichen Präzision, der größtmöglichen visuellen Klarheit. Seine Absicht, sagt er, sei das feine Erzittern des Muskels im Gehirn seiner Leser. 'Der neue Roman', verrät er, 'spielt in den Jahren 1935 und 1940, und eine der Figuren ist ein etwa dreizehnjähriges Mädchen, aus dem dann eine berühmte Schriftstellerin wird. Im Zusammenhang mit einer Vergewaltigung identifiziert sie jemand Falsches, und ihr wird erst später wirklich bewusst, was sie damit angerichtet hat. Teil ihrer Sühne - part of her atonement - ist es, den Roman zu schreiben, an dem ich jetzt arbeite. 'Atonement' ist zurzeit auch der Titel.'"

Beprochen werden eine "Walküre" in Zürich und einige Bücher, darunter Vonne van der Meers Roman "Inselgäste", russische Bücher über den Stalinismus und Christoph Bauers Debut "Jetzt stillen wir unseren Hunger". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 29.05.2001

Harald Eggebrecht berichtet vom legendärden Reine-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel, der in diesem Jahr fünfzig Jahre alt wird, und er hat eine Entdeckung gemacht: "Ein zartes Mädchen, diese gerade zwanzigjährige Baiba Skride aus Riga in Lettland, das ist der erste Eindruck. Und doch auch nicht, wie sie da hoch erhobenen Hauptes steht, eine Prinzessin, voll bestimmender Energie, die strahlend blauen Augen ruhig ins Publikum gerichtet. Als sie sich leicht und geschmeidig in den Blues aus Maurice Ravels Violinsonate G-Dur legt, sich in ihm wiegt, dreht und, süchtig machend, die slides und blue notes in dieser französischen Hommage an den Jazz auskostet, vorzüglich von ihrer Mutter Liga begleitet, breitet sich helles Entzücken aus im ausverkauften Henry-Le-Boeuf-Saal des Palais des Beaux-Arts. Man lauscht einer souveränen Künstlerin, die ein Konzert gibt, nicht einer Teilnehmerin an einem renommierten Wettbewerb."

Jürgen Berger porträtiert die junge Theaterautorin Melanie Gieschen, die einen lukrativen Job bei einer PR-Agentur aufgab, um Stücke zu schreiben. "Gnadenlos" hieß ihr viel beachtetes Debüt. Nun kommt ihr neues Stück, "Die Abzocker": "Gieschens Edel-Drücker aus der Agentur des Herrn Kronauer platzieren PR-Artikel über Industrieunternehmen in Medien wie dem Spiegel. Product-Placement im Schafspelz journalistischer Seriosität ist ein hartes Geschäft und hat zur Folge, dass die Hauptfigur des Stückes, Dörte Lesker, mit den einzelnen Kundenberatern ihres Teams nicht gerade zimperlich 'verkehrt'. Catch as Catch can ist die Devise. Jeder verrät jeden, nur um einen Abschluss mehr zu machen oder Team-Leiter zu werden. 'Ich will zeigen, dass man sich in derartigen Jobs großer psychischer Gewalt aussetzt', sagt die Autorin und lässt ihre Geschichte am Ende mörderisch eskalieren. Das kann man als unausweichliche Konsequenz oder als aufgesetzte Pointe interpretieren. Auf jeden Fall darf man gespannt sein, wie die Regisseurin Katja Wolf das Stück auf die Bühne bringen wird."

Jakob Augstein wundert sich, warum die Forderungen der Lufthansa-Piloten in der Presse weithin als "maßlos" verschrien sind: "Die Vorwürfe sind bemerkenswert weil über die Produktionsbedingungen der Marktwirtschaft eigentlich nicht das 'rechte Maß' entscheiden sollte - sondern die Regeln des Marktes. Alles andere wäre Staatswirtschaft, öffentlicher Dienst. Die Lufthansa aber ist mittlerweile ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das nach den Regeln von Angebot und Nachfrage funktionieren muss. Die Piloten nutzen diese Regeln: Es herrscht Mangel an Fliegern im Land - Knappheit treibt die Preise."

Weitere Artikel: Thierry Chervel denkt über das Elend Berlins in kulturpolitischer Hinsicht nach. Martin Lindner hat einem Kongress über "Medizin und Gewissen" in Erlangen beigewohnt. In einem Interview spricht der griechische Sänger George Dalaras "über Rembetiko, Bauchweh und Grenzen". Der Filmregisseur Andreas Veiel ("Black Box BRD") antwortet auf die Frage, was ihn zuletzt zum besseren Menschen gemacht hat. Besprochen werden "Der Tod eines Handlungsreisenden" in Bochum, die Ausstellung "Raffael und die Folgen" in der Staatsgalerie Stuttgart, Händels Oper "Saul" in Bonn, Mayenburgs "Parasiten" im Burgtheater, eine Ausstellung des französischen Künstler Jean-Marc Bustamente in Hamburg, ein Spektakel des amerikanischen Komponistentrios "Bang on a Can" in Dredesn und Walter Braunfels' Oper "Der Traum ein Leben" in Regensburg.

FR, 29.05.2001

Andrea Gleininger denkt nach über Architektur im digitalen Zeitalter - das heißt wohl Architektur, die sich in ihrer Gesataltung von den Möglichkeiten des Computers beeinflussen läst: "Was immer den Entwurf bestimmen mag: Umwelteinflüsse, topografische Eigenschaften, funktionale Bestimmungen oder konstruktive Notwendigkeiten - durch die digitalen Werkzeuge hat die Idee generativer Entwurfsmodelle ihre ganze Faszination entfaltet. Anders als in der Moderne, wo die Perfektionierung des Entwurfs die typisierte Norm, den allgemeinverbindlichen Standard zum Ziel hatte, ermöglichen die digital eruierten Entwurfssequenzen nun die Perfektion des individuell optimierten Produkts." Auch ein "Blob" spielt dabei eine Rolle, das uns aber trotz eingehender Beschreibung ("Ein Blob ist ein Entwurfsmaterial, das nicht mehr nach den vertrauten Regeln der cartesianischen Geometrie bearbeitet werden kann") nicht recht anschaulich wurde. In einer Ausstellung im Deutschen Architektur-Museum lässt sich aber Näheres dazu in Erfahrung bringen.

Der Philosoph Norbert Bolz äußert Illusionsloses über die Funktion von Ethikräten: "Politikberatung entlastet die Politiker - und enttäuscht die Experten, die glauben, die Politik würde auf ihr Wissen warten. Wissenschaftlern fällt es naturgemäß schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass das Denken überschätzt wird. Es geht hier nicht nur um das philosophische Problem der Eule der Minerva, sondern um das prinzipiell Retrospektive des Denkens. Unter Soziologen ist es heute wohl unstrittig, dass Theorie in Organisationen vor allem als Postrationalisierung der Praxis entwickelt wird; d. h. der Praxis einer Organisation dient ihre Theorie als Technik der Selbstvergewisserung. Expertenwissen hilft nicht bei der Entscheidung, sondern bei deren nachträglicher Begründung. Das erhofft sich der Kanzler wohl auch vom Nationalen Ethikrat."

Weitere Artikel: Helmut Höge sieht die " Künstlersozialkasse als Sammelbecken der sozial Deklassierten". Manfred Braun liefert Eindrücke von den Solothurner Literaturtagen. Doris Kumpf bespricht Videoarbeiten des Briten Steve McQueen in der Kunsthalle Wien. Ferner geht es um Christian Ofenbauers "SzenePenthesileaEinTraum" in Wien, "Die Arabische Nacht" von Schimmelpfennig in der Schaubühne Berlin und Eduard Gaertners Werk im Berliner Ephraim-Palais.
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TAZ, 29.05.2001

Zwei Artikel resümieren das Berliner Theatertreffen. Esther Slevogt hat sich am Stückemarkt umgesehen und einen schlechten Eindruck von der deutschen Gegenwartsdramatik mitgebracht: "Das Gegenwartstheater fängt an ältlich auszusehen. Das könnte an der Hybris liegen, mit der Regisseure und Autoren oft auf diese Gegenwart schauen, der sie sich oft annehmen wie der Sozialarbeiter seiner Klientel. Der Stückemarkt, der jedes Jahr im Rahmen des Theatertreffens stattfindet, gab ein gutes Bild von der Misere. In allen Stücken ging es um die berühmten kleinen Leute, auf die von höchster Schriftstellerwarte herabgeblickt wurde. Doch wenn man von oben so weit nach unten blickt, dann sieht man nur wenig."

Und Christiane Kühl erschien das Theatertreffen als Veteranenversammlung: "Das Theatertreffen 2001, das letzte unter der Ägide von Torsten Maß, bevor Markus Luchsinger den Theaterbereich der Berliner Festspiele leiten wird und eine neue Jury Entscheidungen trifft, war eine Feier des alten Westberlins. Im Haus der ehemaligen Freien Volksbühne, die jahrelang leer stand bzw. als Musicaltheater geführt wurde, versammelten sich Abend für Abend all jene leicht ergrauten, freundlich distinguierten Kulturbürger, denen in den vergangenen Jahren ihr Theater abhanden gekommen war. Dass sie vor allem der Verlust der alten Schaubühne schmerzt, zeigte sich beim Schlussapplaus: Jutta Lampe, Angelika Winkler, Gert Voss, Luc Bondy und Peter Zadek wurden mit Ovationen überschüttet, als seien verlorene Kinder endlich heimgekehrt."

Jan Brandt porträtiert den jungen Schriftsteller Michael Ebmeyer, der gerade mit einem Erzählungsband debütiert: "Mit 'Henry Silber geht zu Ende', diesen kurzen satirischen und absurden Geschichten, seinen originellen Figuren und einer einfachen, präzisen Sprache steht Michael Ebmeyer unter den deutschen Debütanten ziemlich alleine da, weil sie so wenig mit ihm selbst zu tun haben und es ihm gelingt, Kitsch und Klamauk mit den großen Themen der Literatur zu verbinden, ohne trivial oder belanglos zu wirken."

Besprochen werden Bücher und Hörbücher, darunter Max Aubs Romane über den Spanischen Bürgerkrieg auf CD.

Und der arme Schriftsteller Falko Hennig erzählt, wie er eine Woche auf Sri Lanka verbrachte, um in Ruhe zu schreiben. Statt schreiben zu können, bekam er Durchfall: "Ich hatte die Vorstellung, ein CD-Spieler zu sein, der für russische Frauen spielen musste, und die CDs schmerzten im Bauch." Ein Alptraum!

Schließlich Tom.

FAZ, 29.05.2001

Was wird aus Berlin? fragt Heinrich Wefing. "Die Hauptstadt ist verarmt und deindustrialisiert", während die "Berliner Granden" das einzige tun, das sie "gründlich gelernt haben: sie betteln beim Bund, machen neue Schulden und reden die Lage rosig." Wefing plädiert für einen nüchternen Blick der Stadt auf sich selbst: "fort vom staunenden Starren auf Paris, London oder New York, das zu nichts führt, hin zur Nahsicht auf den Wedding und auf Neukölln." Berlin müsse endlich akzeptierten, dass es "eine bitterarme Stadt" sei.

Josef Hanimann meldet aus Paris das endgültige Versiegen der erotischen Literatur. Behauptet hat das Jean-Jacques Pauvert, der gerade den fünften und letzten Band seiner monumentalen "Anthologie historique des lectures erotiques" herausgegeben hat. Schuld sind nach Pauvert die 68-er und die Frauen. Sie haben dem Sex die Leidenschaft und die Subversion genommen. Alles ist nur noch "Spaß" oder "ein in allen Details geschildertes Machenlassen am eigenen Körper" wie es Catherine Millet in ihrem außerordentlich erfolgreichen Buch "La vie sexuelle de Catherine M." beschreibe.

Der Jurist Rüdiger Wolfrum erklärt, warum seiner Ansicht nach die Herstellung embryonaler Stammzellen zu Forschungszwecken verfassungsrechtlich vertretbar ist. Zuvor macht er jedoch noch darauf aufmerksam, dass seiner Ansicht nach die gegenwärtige Debatte über Möglichkeiten und Grenzen der Biomedizin in die falsche Richtung läuft. "Die Ängste in diesem Zusammenhang haben dazu geführt, dass sich die Debatte auf die ethischen Grenzen der Biomedizin insgesamt und damit zwangsläufig auf fundamentale Grundsätze, wie die Frage nach dem Beginn des Lebens oder der Reichweite des Schutzes der Menschenwürde, konzentriert. So überaus wichtig diese Grundsatzdebatte in bezug auf die biomedizinische Forschung generell ist und so wünschenswert sie hinsichtlich weiterer Bereiche wäre, sie birgt eine wesentliche Gefahr. Sie verstellt inzwischen den Blick dafür, dass in Deutschland zu zentralen Fragen in der Biomedizin ein weitgehender Konsens besteht. Veränderungen des menschlichen Erbguts, Babys nach Maß oder reproduktives Klonen werden weder in der Gesellschaft noch in der Wissenschaft befürwortet."

Weitere Artikel: Jochen Rahe beschreibt die Schwierigkeiten in Darmstadt, ein neues Kongress- und Wissenschaftszentrum zu bauen, dass sich städtebaulich einfügt, Jürg Altwegg berichtet von einem Skandal an der Sorbonne: die Soziologen dort haben Elisabeth Teissier einen Doktortitel verliehen. Rosemarie Stein berichtet vom Erlanger Medizinerkongress, Jürgen Kesting hat dem Bertelsmann-Gesangswettbewerb gelauscht und war nicht zufrieden. Hubert Spiegel war bei der Beisetzung Hans Mayers in Berlin, und Wolfgang Schneider berichtet über eine Tagung in Potsdam, die sich dem "Wilkomirski-Syndrom" widmete: "Die ungewöhnlich interessante Tagung führte noch andere Fälle von Doppelidentitäten und Rollenwechseln vor. Am bizarrsten war der des jüdischen SS-Offiziers Fritz Schweritz. Die Autorin Anita Kugler las Passagen aus ihrer entstehenden Biografie. Bei aller Kenntnis kann auch Kugler nicht mit letzter Sicherheit die Frage beantworten, ob Schwerwitz wirklich ein Jude war, der zur Tarnung in die SS ging - dort würde man ja wohl keinen Juden vermuten - oder ob der SS-Mann nach Kriegsende eine jüdische Identität vortäuschte."

Besprochen werden Robert Wilsons Inszenierung der "Walküre" in Zürich, eine Aufführung von Janaceks "Das schlaue Füchslein" in Gent, "Der Tod eines Handlungsreisenden" in den Kammerspielen Bochum, Werke des Künstlers Thomas Schütte in der Münchner Sammlung Goetz.

Auf der Medienseite berichtet Sonja Zekri über die Pläne Otto Schilys, die Bundestagswahlen 2010 online durchführen zu lassen.