Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.05.2001.

NZZ, 28.05.2001

Eine kleine Kulturgeschichte der "Black Box" in Form der Camera Obscura und der Laterna magica liefert Ralf Beil anlässlich Ausstellung Black Box im Kunstmuseum Bern: "Die multimediale Kunst unserer Tage hat ihre spektakulärsten Auftritte in verdunkelten Räumen. Längst haben sich diese Black Boxes in einer 'stillen Revolution' als machtvolle Gegenparadigmata zum sogenannten 'White Cube' etabliert. Der Schwarzraum ist jedoch keine Erfindung des 20. Jahrhunderts: Er begleitet die Kulturgeschichte der Menschheit seit Höhlenzeiten - und was heutzutage unter dem Label 'neue Medien' figuriert, ist im Grunde die Weiterentwicklung einer jahrhundertealten Kulturtechnik", heißt es im Vorspann des Artikels.

Weitere Artikel: Roman Bucheli teilt Eindrücke von den Solothurner Literaturtagen mit. Besprochen werden Thomas Langhoffs "Lear"-Inszenierung in Berlin, eine Ausstellung des Bildhauers Rodo de Niederhäusern in Genf, zwei Einakter von Alexander von Zemlinsky in Karlsruhe und einige Bücher, darunter eine Cavour-Biografie von Peter Stadler. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 28.05.2001

Der Technologie-Kritiker Jeremy Rifkin (der Mann hat eine homepage) stellt anlässlich neuer Entdeckungern, die die Kapazität der Computer weiter potenzieren, fällige Fragen zur Stress-Gesellschaft: "Könnte es sein, dass die Informations- und Telekommunikationsrevolution das menschliche Leben in einem so bedrohlichen Maße beschleunigt, dass wir Gefahr laufen, unserer Gesellschaft und uns selbst schweren Schaden zuzufügen?" Unter anderem lernt man bei Rifkin, dass wir zu wenig schlafen: "1910 schlief der durchschnittliche Erwachsene jede Nacht noch neun bis zehn Stunden. Heute findet er in hochindustrialisierten Ländern kaum mehr sieben Stunden Nachtruhe."

Die Messestadt München-Riem wird leider nicht zu dem architektonischen Mekka, das sich Niklas Maak erträumt hätte: "Riem droht eine weitere, notdürftig dekorierte Schlafburg mit einer zweifelhaften ökologischen Gesamtbilanz zu werden, und es wird Zeit, dass sich die Stadtplaner nicht andauernd damit beruhigen, sie hätten genug bezahlbaren Wohnraum geschaffen, dem das Etikett familienfreundlich und ökologisch aufgeklebt werden kann."

Hans-Peter Kunisch hat Francis Bacons berühmt-chaotisches Atelier besucht, das seit seinem Tod der Hugh Lane Gallery in Dublin gehört, die es jetzt rekonstruiert hat und hinter Glas ausstellt: "Je genauer man den Chaos-Malplatz Bacons betrachtet, der dazu sagte, ?das Chaos erzeugt Bilder in mir?, desto mehr fällt einem auch die Ordnung auf, die das Studio bestimmt. Ein Dokumentarfilm, der am Samstag abend im irischen Fernsehen Network 2 zu sehen war, zeigte, wie Bacon, der noch nach den ausgelassensten Nächten auf die Jagd nach dem klaren Frühlicht ging, die Stellung der großen Staffelei nach diesem ausgerichtet hatte. Wie auch in seinem Pinsel-Gewimmel eine Ordnung nach Gebrauch existierte, die jetzt von Zeichenlesern spekulativ entziffert werden kann."

Weitere Artikel: Henning Klüver berichtet, dass die Hertziana in Rom eine neue Bibliothek baut und sich mit dem Kunsthistorischen Institut in Florenz arrangieren muss. In einer Meldung erfährt man, dass einer von Schlingensiefs "Hamlet"-Nazis verhaftet wurde. Besprochen werden Langhoffs "Lear"-Inszenierung und Gerd Koenens Buch "Das rote Jahrzehnt" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

FR, 28.05.2001

Martin Altmeyer greift in die Bioethik-Debatte ein: "Die deutsche Verfassung und den Embryonenschutz, den sie gewährt, zum Schutzwall für die Menschenwürde zu machen, ist eine verständliche, aber kurzsichtige Strategie, die dem Ansturm des biotechnologischen Zugriffs nicht lange standhalten wird. Sie greift zu kurz, nicht nur weil sie auf den Spuren einer deutschen 'Sondermoral' den weltrevolutionären Anspruch der Biotechnologie übersieht. Sie verkennt auch die Dimension: Indem der Mensch als Gegenstand behandelt, zum formbaren Produkt eines Herstellungsprozesses verdinglicht wird, dringt man in eine Zone der Unverfügbarkeit ein, wo das Menschsein selbst berührt ist."

Weitere Artikel: Christian Thomas schreibt zum Tod des kubanischen Fotografen Alberto Korda, der ein berühmtes Che-Guevara-Porträt schuf. Besprochen werden Langhoffs "Lear"-Inszenierung in Berlin und politische Bücher (siehe auch unsere Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 28.05.2001

Der letzte Montag im Monat ist Gabriele-Goettle-Tag. Die begnadete Reporterin stattet in ihrer Reihe von Wissenschaftler-Porträts einem Experten für Antimaterie einen Besuch ab. Rolf Landua heißt er und ist Physiker am Kernforschungszentrum (dem CERN) in Genf. Sie treffen sich in der Kantine des CERN: "Mir fällt das Gerücht ein vom CERN-Wissenschaftler, der vor seinem Computermonitor an Skorbut erkrankt oder gar gestorben sein soll. Dr. Landua lacht, er weiß nichts davon, hält ein außergewöhnliches Maß an Besessenheit aber durchaus für möglich."
Stichwörter: Gabriele Goettle

FAZ, 28.05.2001

Der Film "Pearl Harbor", der am Wochenende in den USA anlief ist nach Verena Lueken das "Kinodesaster des Jahres". Erst kommt in dem dreistündigen Film eine umständliche Exposition, und "da ist der Film längst im Eimer, aber kaum zur Hälfte vorbei. Es bleiben noch mehr als weitere eineinhalb Stunden durchzustehen, in denen immerhin erstaunlich blutlos der fatale Angriff auf Pearl Harbor inszeniert wird, bevor endlich der Abspann rollt, was noch einmal gut zehn Minuten Lebenszeit verzehrt. Es gibt nicht viele Filme, bei denen man so deutlich spürt, was Adorno meinte, als er sagte, Kino mache dumm. 'Pearl Harbor', mit seiner unverschämten Länge von mehr als drei Stunden, macht auch noch alt."

Ganz schlimme Finger, jedenfalls nach den Kriterien der FAZ-Ethiker, müssen die Franzosen sein. Ihr Ethikrat ist für das therapeutische Klonen, wie sich in Christian Schwägerls Interview mit dem Vorsitzenden des Rats, Didier Sicard herausstellt. Sicard erklärt: "Es gab bei der Abstimmung eine knappe Mehrheit für das britische Modell, alles zuzulassen - drei bis vier Stimmen nur, aber dennoch eine Mehrheit. Diese Mehrheit argumentiert einfach und klar: Wenn es weltweit Fortschritte gibt bei der Entwicklung von Ersatzgewebe aus Stammzellen, dann sollten wir dabeisein und nicht zusehen... Die meisten Mitglieder des Komitees sagen.., es gibt auch gegen das therapeutische Klonen, also die Erzeugung von Embryonen rein zu Forschungs- und Heilzwecken, keine ethischen Einwände. Sie argumentieren, die Behandlung von bisher unheilbaren Krankheiten mache diese Forschung unbedingt nötig." Schlimm, hier wird die Ethik einfach den Kranken geopfert!

Unterdessen ruft Christian Geyer die CDU zu moralischer Festigkeit in bioethischen Fragen auf: "Wie groß ist die Zahl derjenigen in der CDU, die wie Friedrich Merz willens und in der Lage sind, den Unterschied von ethischer Urteilsfähigkeit und politischem Geschacher zur Geltung zu bringen?"

Robert Jütte schreibt zum Thema Aids in Afrika. Unter anderem lernt man da: " Es ist nicht alles Aids, was in den Statistiken so genannt wird... Wer glaubt, dass die offiziellen Statistiken nur die Fälle erfassen, bei denen eine HIV-Infektion durch die einschlägigen Labortests einwandfrei nachgewiesen ist, der wird beim näheren Hinschauen feststellen, dass in den meisten Entwicklungsländern die Diagnose Aids aufgrund der sogenannten Bangui-Definition gestellt wird. Nach dieser Festlegung der Weltgesundheitsorganisation WHO wird jemand als Aids-krank eingestuft, wenn er länger als einen Monat an Durchfall, allgemeinem Juckreiz oder Husten leidet und sich mit den vorhandenen diagnostischen Möglichkeiten keine andere Ursache dafür nachweisen lässt." Jütte macht auch darauf aufmerksamn, dass andere Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose genau so viele Opfer fordern, ohne die selbe Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Weitere Artikel: Harald Hartung gratuliert dem Dichter Guntram Vesper zum Sechzigsten. Der Soziologe Uwe Schimank plädiert für eine Reform der Universitäten. In der Reihe "System Builders" stellt Vladimir Bugaj Doug Engelbart, der Erfinder der Maus, vor. Daniel Kletke befasst sich mit den Felsengräbern von Mada'in Saleh in Saudi-Arabien.

Besprochen werden eine Chagall-Ausstellung in Lugano, eine Ausstellung über den hisorischen Streit der Architekten J .J. P. Oud und Philip Johnson in Rotterdam, ein "Turandot" in Graz und "Freischütz" in Linz, Thomas Langhoffs "Lear"-Inszenierung am Deutschen Theater, David Kirchners "Ahasver"-Oper in Bielefeld, eine Ausstellung mit süßen Barockputten der Sammlung Dessauer im Germanischen Nationalmuseum, Henrietta Horns Tanzstück "Lakenhal" in Essen und "Die arabische Nacht" an der Berliner Schaubühne.